„Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten“ (06.06.2014)

Politische Muskelspiele an der EU-Ostgrenze erinnern an den Kalten Krieg

Als Walter Ulbricht bei einer Pressekonferenz am 15. Juni 1961 diesen berühmten Satz aussprach, war er der erste, der – bewusst oder unbewusst – jenes Wort „Mauer“ in den Mund nahm, dass bis heute ein Synonym für Abschottung, Unfreiheit und den Kalten Krieg ist. Die Mauer zementierte die politische Welt in zwei Blöcke und war für 28 Jahre nicht nur das Symbol für die Teilung Deutschlands, sondern auch für ein Scheitern der  Verantwortlichen, verschiedene politische Systeme in der Welt in Frieden und Freiheit für die Menschen, die darin lebten, zu akzeptieren. Stattdessen motivierte „das Recht des Stärkeren“ zu einem Wettrüsten, dass – Gott sei Dank – aller Ironie nach den Frieden der Welt in einem Kalten Krieg sicherte.

Zirkelschluss: Nachgeben ist eine Schwäche und schwach ist der andere

Als Autor, der als Kind in der DDR geboren wurde, im Kindergarten Soldatenlieder lernte und schon jung vom „Atomschlag“ zu hören bekam, bei dem man sich, laut meiner Erzieherin im Kindergarten, hinter die Heizung werfen sollte, bewegen mich die Jahrestage und die aktuellen politischen Entwicklungen im Ukrainekonflikt besonders. Da lässt zunächst die Aufforderung von US-Präsident Obama aufhorchen, die westlichen EU-Nationen dürften ihren Rüstungshaushalt nicht weiter reduzieren. Die USA gehen mit Tatendrang voran und erhöhen die Truppenpräsenz in Polen. Eine Reaktion Moskaus ließ nicht lange auf sich warten: Ein Botschafter kritisiert, Wladimir Putin sagt selbstsicher: „Wenn Leute Grenzen überschreiten, machen sie das nicht, weil sie so stark sind, sondern weil sie so schwach sind“, meldet Focus online am vergangenen Mittwoch.

Es fällt auf, dass die Rhetorik jeweils den Anderen als „schwach“ und sich selbst als „stark“ kennzeichnet – jener Zirkelschluss, der auch schon im Kalten Krieg ins Wettrüsten führte, da ein Abrüsten als eigene Schwäche missverstanden wurde. Zweitens wird Stärke in diesem angespannten politischen Handeln schnell mit dem Militär verbunden, wie es US-Präsident Obama mit seiner Truppenaufstockung vormacht. Früher war der russische Aufmarsch an der Ostgrenze der Ukraine, davor die Ereignisse auf dem Maidan in Kiew und davor … – die Kette der Anschuldigungen, des politisch, rhetorisch und militärisch wohl verpackten „Hin und Her“, ist lang und niemand weiß eigentlich genau, wie alles begann.

Anstelle über Rüstung, Militäraufstockungen und möglicher russischer Unterstützung der Kämpfer in der Ukraine zu spekulieren, sollten alle Kräfte der Diplomatie auf den Frieden in der Region hinarbeiten. Die Ukraine sollte im Blickpunkt stehen, nicht ein Schlagabtausch politischer Großmächte. Es braucht dringend eine langfristige Verbesserung der ukrainischen Wirtschaft, um so das Land nachhaltig zu stärken. Denn jedes wirtschaftlich instabile Land zerbricht, mag es auch noch so totalitär regiert sein. Das zeigte die Geschichte der DDR wie auch der anderen ehemaligen Sowjetrepubliken.

25. Jahrestag der Niederschlagung der Demokratiebewegung in China

Eine Mahnung zu dieser Einsicht ist der 25. Jahrestag der Niederschlagung der Demorkatiebewegung in China. Am 4. Juni 1989 eröffnete die chinesische Armee nach wochenlangen Protesten das Feuer auf friedliche Demonstranten. Noch heute sind gerade um den Jahrestag herum, Festnahmen, Haftstrafen und Einschüchterungen an der Tagesordnung. Das Auffällige: Die Wirtschaft des Landes brummt und ist ein entscheidender Motor für die Weltwirtschaft. Das kritisiert auch der damalige Studentenführer Wuer Kaixi, der heute im Exil in Taiwan lebt. Er stellt fest: „Die Welt knickt gegenüber China ein“, so Kaixi laut DPA. Er befürchte, dass die Welt das Tian’anmen-Massaker gern vergessen würde. So deutet er zumindest die großen Wirtschaftsdelegationen, die aus verschiedenen Industrienationen anreisen, um in Peking Zugang zum lukrativen Markt des großen chinesischen Volkes zu bekommen. Auch hier braucht es die Stärke, schwach zu sein – Diplomatie, Vernunft und Klugheit einzusetzen, um ein Umdenken im eigenen Land und in China zu erreichen.

25. Jahrestag der historischen Wahlen in Polen

Wie ein solcher Wandel aussehen kann, zeigt der 25. Jahrestag der Befreiung vom Kommunismus in Polen. Am gleichen Tag des Massakers in Peking setzte sich bei den Parlamentswahlen in Polen die Gewerkschaft „Solidarnosc“ durch, wodurch ein Ende der Diktatur in Polen besiegelt war. Polens Ministerpräsident Komorowski dankte in diesem Zusammenhang besonders auch dem Wirken des heiligen Johannes Paul II., ohne dessen Beistand sich nicht so viele Polen der Gewerkschaftsbewegung angeschlossen hätten. Mut und Verstand sowie der Beistand im Heiligen Geist kann wahrhaft „politische“ Berge (Systeme) versetzen. So können die Ereignisse in Polen auch ein Hoffnungsschimmer für ein menschenwürdiges Leben in China mit Menschenrechten für jeden sein.

Feierlichkeiten zum 70. Jahrestag der Landung in der Normandie

Der heutige Jahrestag der Landung alliierter Truppen in der Normandie muss eine Mahnung zum Frieden sein: Dieser „Heiße Krieg“, der das Leben von Millionen Juden, Soldaten und Zivilisten forderte, sollte dazu führen, dass verfeindete Regierungschefs miteinander reden und gemeinsam eine Lösung suchen. Es darf keine Mauern in den Köpfen verantwortlich Regierender geben und womöglich noch eine neue zweite Mauer an der Grenze zwischen Russland und der Ukraine. Möge der Termin der Feierlichkeiten in der Woche vor dem Pfingstfest, dem Hochfest des Heiligen Geistes 50 Tage nach Ostern, den nötigen Beistand von oben herab senden, damit die anwesenden Staats- und Regierungschefs im Angesicht der einst blutgetränkten Strände in der Normandie Brücken des Friedens und der Hoffnung zueinander bauen. Hoffentlich erkennen sie in den Gräbern der vielen Friedhöfe in der Nähe der Strände nicht die Manifestation einer Stärke von bestimmten Nationen, sondern die Schwäche der Menschen, Konflikte nicht friedlich lösen zu können. Wirkliche Stärke ist, sich klein zu machen, einander in die Augen zu sehen und das Gespräch miteinander zu suchen.

Sebastian Pilz
kath.de
-Redaktion

One thought on “„Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten“ (06.06.2014)

  1. …Ulbrichts Mauer…

    E.Snowden hat – wahrhaft prophetisch – den “Starken” die Masken vom Gesicht gerissen:
    Der Internet-Krieg tobt- Rette sich,wer kann !

    “Die Geschichte lehrt die Menschen,dass die Geschichte die Menschen nichts lehrt !”
    (M.Gandhi).

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