Kirche als Vorreiter im Kampf gegen sexuellen Missbrauch (16.05.2014)

Die von Papst Franziskus gegründete Vatikanische Kinderschutz-Kommission drängt die katholische Kirche dazu, eine aktivere Rolle im Kampf gegen sexuellen Missbrauch einzunehmen. Nach dem Wunsch der Kommission sollen weitere Missbrauchsskandale aufgedeckt und in die Öffentlichkeit hineingetragen werden  – auch in den Teilen der Welt, wo das Thema gesellschaftlich totgeschwiegen wird. Sollten die Bischöfe dieser Linie folgen, würde sich die Rolle der Kirche radikal ändern. Vom 1. bis 3. Mai kamen die Kommissionsmitglieder zum ersten Mal im vatikanischen Gästehaus Santa Marta zusammen um die Arbeit aufzunehmen.

Eine der acht Berufenen ist die Irin Marie Collins. Sie wurde als Jugendliche selbst von einem katholischen Priester sexuell missbraucht und gilt heute in Irland als Fürsprecherinnen der Missbrauchsopfer. Gemeinsam mit weiteren Experten wie dem US-Bischof Patrick O’Malley und dem deutschen Jesuiten Hans Zollner steht ihr Hintergrund programmatisch für die Ausrichtung der Kommission. Papst Franziskus hat Experten versammelt, die sich in den Missbrauchsskandalen der letzten Jahre einen glaubwürdigen Ruf als Aufklärer und Anwälte der Opfer erarbeitet haben. Wenn diese während ihres Treffens fordern, dass auf der ganzen Welt “auf die tragischen Konsequenzen des sexuellen Missbrauchs” aufmerksam gemacht werden müsse und die “Ignoranz und Verdrängung”, die mit Blick auf solche Verbrechen in vielen Weltreligionen herrschten, scharf kritisieren, nimmt man ihnen diese Forderungen auch ab. Insbesondere wenn Marie Collins der Kirche zwar Fortschritte bescheinigt, diese aber gleichzeitig mit den Worten kommentiert: „Es gibt aber noch viel zu tun“.

Sexueller Missbrauch ist eines der großen Themen der Gegenwart

Mit der Berufung von Experten und Opfern drängt Papst Franziskus die Bischöfe, das Thema in allen Teilen der Weltkirche anzugehen. Wo einst Josef Ratzinger Missbrauchsfälle, für die eigentlich die Klerus-Kongregation zuständig war, in seinen Verantwortungsbereich zog und eine Aufarbeitung gegen Widerstände innerhalb der Kurie durchsetzte, geht Franziskus einen Schritt weiter und gründet für den Kampf gegen sexuellen Missbrauch direkt eine unabhängige Arbeitsgruppe. Alle Bischofskonferenzen der Welt mussten in den letzten Wochen Rechenschaftsberichte zu ihrem Umgang mit Fällen sexuellen Missbrauchs beim Heiligen Stuhl einreichen. Von dort wurden die Berichte direkt an die Kinderschutz-Kommission weitergeleitet. Um jegliche Debatte im Vorfeld zu vermeiden, betonte Papst Franziskus deren Unabhängigkeit. So ist die Kommission allein dem Papst rechenschaftspflichtig und soll der Kurie und den Bischofskonferenzen direkt beratend zuarbeiten. Franziskus macht dadurch den Kampf gegen sexuellen Missbrauch zur Chefsache und schafft neben dem Kardinalsrat zur Kurienreform mit der Kinderschutz-Kommission eine zweite „Reforminstitution“ innerhalb der Weltkirche.

Rom will weltweit gültige Verfahren durchsetzen

Einen besonderen Schwerpunkt hat die Gruppe auf die Transparenz und Rechenschaftspflicht der katholischen Kirche im Kampf gegen sexuellen Missbrauch gelegt. „Wir haben uns auf den Grundsatz verständigt, dass das Wohl eines Kindes oder eines verletzlichen Erwachsenen Vorrang hat, wenn eine Entscheidung getroffen werden muss“, beschloss das Gremium nach der ersten Sitzung. Um dies sicherzustellen, arbeiten die Experten an klaren Verfahrensordnungen, die sicherstellen sollen, dass die Täter zur Rechenschaft gezogen werden. „Viele sehen es immer noch als spezifische Angelegenheit einiger Ortskirchen, etwa der amerikanischen, der irischen oder der deutschen. Doch es ist ein menschliches Problem, das wir auf der ganzen Welt bekämpfen müssen“, sagte Erzbischof O’Malley während des Treffens im Vatikan. Die Kommission drängt damit die Bischöfe, in deren Ländern sexueller Missbrauch noch nicht öffentlich gemacht wurde, selbst aktiv zu werden.

Kirche muss zum Vorreiter der Aufklärung von Missbrauchsfällen werden

Bisher war die katholische Kirche in den Missbrauchs-Skandalen in der Defensive. Selbst gläubige Katholiken waren entsetzt darüber, wie jahrelang Fälle sexuellen Missbrauchs verschwiegen und Täter geschützt werden konnten. Während in den USA, Deutschland oder Irland Missbrauchsskandale in kirchlichen Einrichtungen die Gemeinden wie ein Erdbeben erschüttert haben, steht diese Auseinandersetzung in vielen anderen Ländern noch an. In großen katholischen Nationen wie Polen, Brasilien oder den Philippinen sind bislang nur Einzelfälle gesellschaftlich diskutiert worden. Die Erfahrung der zurückliegenden Jahre zeigt aber, dass sich die Vergangenheit nicht totschweigen lässt. Papst Franziskus hat die globale Bedeutung dieses Themas erkannt.

Die Missbrauchsprävention in Deutschland ist heute vorbildlich

Im Kampf gegen sexuellen Missbrauch hat das deutsche Episkopat Erfolge vorzuweisen. Die Präventionsmaßnahmen und Methoden zum Schutz aller Minderjährigen in kirchlichen Einrichtungen sind in Deutschland mittlerweile fest etabliert. Beinahe jeder große kirchliche Träger hat einen Missbrauchsbeauftragten und feste Verfahren, in denen geregelt ist wie auf Verdachtsfälle reagiert werden muss. Ohne eine erfolgreich absolvierte Präventionsschulung dürfen kirchliche Mitarbeiter nicht mehr in der Arbeit mit Jugendlichen eingesetzt werden.
Diese Fortschritte stehen in Kontrast zu dem Rest gesellschaftlicher Einrichtungen. Die Ausmaße, die sexueller Missbrauch in Sportvereinen und staatlichen Ganztagsschulen haben dürfte, können allenfalls geschätzt werden. Anders als es bei dem kirchlichen Raum der Fall war, hat hier eine Aufarbeitung zurückliegender Missbrauchsfälle kaum stattgefunden. In Folge dieser fehlenden Thematisierung gibt es bisher kaum erprobte Präventionskonzepte. An Präventionsmaßnahmen mangelt es noch an allen Enden und Ecken. Der institutionelle Reflex, sich selbst vor Skandalen und Kritik zu schützen, könnte ein Grund für diese zaghafte Auseinandersetzung mit sexuellem Missbrauch sein. Hier ist heute besonders die katholische Kirche gefragt. Der Aufruf kirchlicher Verantwortungsträger zum Kampf gegen sexuellen Missbrauch darf nicht auf die eigenen Einrichtungen beschränkt bleiben. Stattdessen ist es an der Zeit die Debatte aktiv über die katholische Kirche hinaus auf andere Einrichtungen und Verbände auszuweiten. Kirche muss zur Stimme für Opfer sexuellen Missbrauchs werden. Über Deutschland hinaus gilt es dabei die Beklommenheit im Umgang mit sexuellen Themen abzulegen. Die Impulse aus Rom drängen kirchliche Akteure förmlich dazu, sexuellen Missbrauch in die gesellschaftlichen Debatten hineinzutragen. Besonders in Weltregionen, in denen das bisher ein Tabu-Thema ist, dürfte die Präventionsarbeit der katholischen Kirche richtungsweisend sein. Die Verantwortungsträger vor Ort sind daher gut beraten, mutig voranzuschreiten. Sonst tun das früher oder später andere.

Dario Rafael Hülsmann
Kath.de

One thought on “Kirche als Vorreiter im Kampf gegen sexuellen Missbrauch (16.05.2014)

  1. ‘OFFENER BRIEF’ AN Die KATHOLISCHE KIRCHE UND DAS ERZBISTUM KÖLN!

    Ihr Schreiben vom 10.02.2014/Offener Brief/Erzbistum Köln

    Sehr geehrte Frau Pesch!

    Hier mein direkter persönlicher Vorwurf an das Erzbistum Köln:

    Sexueller Missbrauch in der römisch-katholischen Kirche ist ein Phänomen, das seit Mitte der 1990er Jahre weltweit größere öffentliche Aufmerksamkeit erhält. Die Sensibilisierung für das frühere Tabuthema hat viele Opfer ermutigt, selbst noch 30 oder 40 Jahre nach den Vorfällen ihre traumatischen Erlebnisse öffentlich zu machen. Sie berichten sowohl über Fälle sexuellen Missbrauchs, insbesondere durch Priester, Ordensleute und ANGESTELLTE ERZIEHER innerhalb der römisch-katholischen Kirche an ihren SCHUTZBEFOHLENEN und Untergebenen, als auch über den damaligen Umgang kirchlicher Stellen mit den Tätern und Opfern.
    Auch ich habe in diesem Zusammenhang den Mut gefasst und bin 2008 in die Öffentlichkeit gegangen. Dafür wurde ich, auch von Ihnen nur mit Lügen und Verachtung abgestraft. Ihr Umgang mit den Opfern ist eine Katastrophe. Mein Großvater war ein hauptberuflicher Küster von 1955-1985. Er durfte die Kommunion austeilen. Er hatte das Sorgerecht an mir, bedeutet er war erziehungsberechtigt. Er war somit ein angestellter Erzieher in der katholischen Kirche und ich bin ein Schutzbefohlener gewesen.
    Unter schwerem sexuellen Missbrauch von Kindern versteht das Gesetz, wenn der volljährige Täter in das Kind eindringt; wenn das Kind Gefahr läuft, eine schwere Gesundheitsschädigung oder Schädigung der körperlichen oder seelischen Entwicklung zu erleiden. So ist mir über die Dauer von drei Jahren zwischen meinem sechsten und neunten Lebensjahr geschehen. Diese traumatischen Erlebnisse haben seit 2005 zu einer totalen Arbeitsunfähigkeit geführt. Hierfür fordere ich 50.000 € Schmerzensgeld.
    Zu den Schutzbefohlenen zählen Kinder, die einer Person zur Erziehung, zur Ausbildung oder zur Betreuung in der Lebensführung anvertraut oder ihr im Rahmen eines Dienst- oder Arbeitsverhältnisses untergeordnet sind. Das legt § 174 des Strafgesetzbuches fest.
    Natürlich ist mir bewusst, dass ich nach mehr als 40 Jahren keinen rechtlichen Anspruch mehr habe, aber ich zählte damals zu diesen schutzbefohlenen Kinder und war einer Person zur Erziehung, zur Ausbildung und zur Betreuung in der Lebensführung anvertraut worden, die in einem hauptberuflichen Arbeitsverhältnis in der katholischen Kirche stand, nämlich meinem Großvater.
    Damit dürften meine persönlichen Vorwürfe gegenüber dem Erzbistum Köln ausreichend dargestellt sein. Ich fordere dafür einen fairen und gerechten Ausgleich in Höhe von 50.000 € oder sogar mehr.
    In meiner Familie herrscht seit mehr als 40 Jahren das ‘Schweigen der Quandts’. Ich kann Sie nur eindringlich davor warnen die Lügen und falschen Darstellungen meiner Familie zu glauben. Sollten Sie das dennoch tun, beschmutzen Sie Ihre ohnehin nicht ganz saubere Kirche mit zusätzlichem großen Unrecht und Unheil.

    gez.
    G. Erdmann

    Sehr geehrter Herr Bischof Dr. Ackermann!

    Im Frühjahr 2011 hat die katholische Kirche einem damalig 9-jährigen Opfer, dass mehrfach vergewaltigt worden ist, 50 000 € gezahlt. Hierzu ist am 25.05.2011 im Berliner Tagesspiegel ein Artikel erschienen. Obwohl es bestimmt grausam gewesen ist, was diesem Opfer angetan worden ist, so wurde es bestimmt nicht halb mal so oft sexuell missbraucht, wie ich in diesen 3 Jahren meiner Kindheit.
    Ihre Aufgabe kann erst als aufgearbeitet, erledigt und abgeschlossen bezeichnet werden, wenn die katholische Kirche mir eine Entschädigung von 50 000 € gezahlt hat.
    In einem Interview haben Sie vor kurzem gesagt, “Die zentrale Frage ist: Es geht um Anerkennung”. Nun machen Sie Ihren Einfluss bitte geltend damit ich ich anerkannt werde und mit 50 000 € angemessen entschädigt werde. Auf der Basis von 50 000 € bin ich durchaus bereit zu verhandeln.
    Inzwischen hat das Erzbistum Köln meinen Antrag auf Entschädigung abgelehnt. Mein Antrag wird nicht an die dt. Bischofskonferenz weitergeleitet. Ihrem schlimmsten aller Opfer sexuellen Missbrauchs im Kindesalter verweigert die katholische Kirche Ihre Anerkennung. Auch mein Großvater wird in der von mir geschilderten Position nicht anerkannt. Das ist der schlimmste Skandal, der diese saubere Kirche heimsucht. MEIN IST DIE RACHE SPRICHT DER HERR!.

    G. Erdmann

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