Europas Stärken sind wieder zu entdecken (10.05.2014)

In diesen Tagen wird der Europatag begangen. Er soll an die Errungenschaften der Europäischen Union erinnern und das Bewusstsein für die Bedeutung der Freundschaft unter den Europäern schärfen.  Was ist den Europäern Europa wert?

In circa zwei Wochen stehen die Europawahlen an. Von Wahl zu Wahl sank die Wahlbeteiligung seit 1979, als die erste Wahl zum Europäischen Parlament stattfand, von 63 Prozent zu heute ungefähr 43 Prozent.  Politikverdrossenheit lässt sich auf europäischer Ebene beobachten. Europa wird von vielen Bürgern als unnötige und lästige Regulierungsinstitution wahrgenommen. Bananenkrümmungs-Normen lassen grüßen. Dass viele bedeutende und das Leben vereinfachende Regeln von der EU eingeführt wurden, wird dabei schnell vergessen.

Der Wahlkampf steht noch immer im Zeichen der Wirtschaftskrise in Europa. Während Deutschland als Musterschüler eher mit dem Problem zu kämpfen hat, wirtschaftlich zu gut dazustehen, leiden noch viele Menschen in den Mittelmeerländern unter dem Sparkurs ihrer jeweiligen Regierung. Die Arbeitslosenzahlen im südlichen Europa sind auch nach einigen Jahren der Konsolidierungen und EU-Finanzspritzen derart hoch, dass junge Leute, die Zukunft der Gesellschaft, keine Arbeit finden können. Beispielsweise in Spanien hat von den Unterzwanzigjährigen nur jeder Zweite einen Job. Verheerend, wenn eine ganze Generation ohne Perspektive dasteht.

Ebenso steht im Fokus des Wahlkampfes der Konflikt in der Ukraine. Neben allen lokalen Auseinandersetzungen geht es in der Ukraine auch besonders um die Entscheidung der Menschen, zu welchem System sie gehören möchten. Ohne die Zeiten des Kalten Krieges heraufbeschwören zu wollen, kann festgestellt werden, dass die Lage sehr ernst ist und sich aus den momentan noch regionalen Scharmützeln ein Bürgerkrieg oder sogar ein Krieg mit Beteiligung der EU und NATO entwickeln kann. Die westlichen Mächte ringen mit Russland um eine diplomatische Lösung der Lage. Doch bei allen Friedensbemühungen wird eine militärische Intervention nicht ausgeschlossen. Wäre die EU verantwortlich für einen Krieg in der Ukraine?

In diesen Tagen, in denen sich die Europäische Gemeinschaft vielen Problemen entgegenstellen muss und teilweise mit diesen assoziiert wird, begehen wir den Europatag. Um genau zu sein müsste man schreiben: Die Europatage. Denn zum Gedenken an die Europäische Einigung gibt es mehr als ein Datum. Am 05. Mai wird der Europatag des Europarates gefeiert, da an diesem Tag des Jahres 1949 dieses Gremium in London gegründet wurde. Der zweite Tag ist der 09. Mai. Am 09. Mai 1950 hatte der französische Außenminister Robert Schuman in einer Rede vorgeschlagen, die Kohle- und Stahlproduktion Deutschlands und Frankreichs zusammenzulegen. Diese Schuman-Erklärung führte schließlich zur Gründung der Montanunion, die zur Europäischen Gemeinschaft führte. Schuman wurde so zu einem der Gründerväter der EU.

Neben den wirtschaftlichen Gründen und der Möglichkeit einer Kontrolle der Kohle- und Stahlproduktion Deutschlands durch Frankreich sind es vor allem noch heute wichtige Werte, die zur Europäischen Einigung geführt haben. Zunächst ist die Freundschaft zu nennen. Ein Europa, wie wir es heute kennen, wäre wohl nicht möglich gewesen, wenn Robert Schuman und der erste deutsche Bundeskanzler Konrad Adenauer nicht befreundet gewesen wären. Sie kannten sich aus der Studienzeit Schumans im Rheinland, wo sich beide in den Kreisen der katholischen Studentenverbindungen und Intellektuellen begegneten. Diese Männerfreundschaft als grundlegendes Beispiel für die vielen, Grenzen überschreitenden Bekanntschaften, Freundschaften und Beziehungen in Europa zeigt, dass nur durch persönliche Kontakte ein Verstehen und damit eine Einigung gelingen kann. So hat Europa gut daran getan, vor kurzem das Erasmus-Programm zum europäischen Studienaustausch zu konsolidieren und zu erweitern. Persönliche Freundschaften erschaffen Europa.

Zudem ist der Frieden als europäischer Wert zu erkennen. Die Schrecken des I. und II. Weltkrieges hatten besonders Europa verheerend mitgenommen. Um nicht in einen dritten Krieg zu verfallen und den Frieden zu bewahren, wuchs Europa zusammen. Waren in den Jahrzehnten zuvor das Militärische und der Krieg als die eigentliche Aufgabe der Regierungen gesehen worden, hatten die beiden Weltkriege diese zerstörende Einstellung demaskiert. Der Frieden sollte um jeden Preis erhalten bleiben.

Schließlich kann auch die Religion als europäischer Wert erkannt werden. Robert Schuman war ein tief religiöser Mensch und wie Adenauer vom Katholizismus geprägt. Als Schuman überlegte Priester zu werden, rieten ihm Freunde davon ab. Heutzutage brauche man Heilige in Straßenanzügen und nicht nur heilige Kleriker, so ihre Argumentation. Schuman folgte ihrem Rat und wurde ein Politiker, der sein Amt aus einem christlichen Geist heraus ausfüllte. Momentan läuft im Bistum Metz ein Seligsprechungsverfahren für Robert Schuman. Damals sahen sich die Gründer der Europäischen Einigung im Konflikt mit dem Kommunismus und Sozialismus im Osten Europas. Diese religionsfeindliche Ideologie hat in Ländern wie Estland oder Tschechien dazu geführt, dass nur ein Bruchteil der Menschen den Gottesglauben teilen. Freie Religionsausübung und die Freiheit, sich für oder gegen eine Konfession zu entscheiden, sind im heutigen Europa ein Wert, hinter den nicht mehr zurückgefallen werden darf.

Zum Europatag lohnt es sich, sich auf diese Werte, Freundschaft, Frieden und Religion, zurückzubesinnen und sich darüber klar zu werden, welchen Schatz die Europäische Union darstellt. Trotz aller Probleme und Ungewissheiten ist ein Europa ohne Gemeinschaft der Staaten keine Alternative.

Roland Müller
Kath.de

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