Ostern heute, so aktuell wie damals (18.04.2014)

Ereignisse von Leid, Ungerechtigkeit und Gewalt lassen nach Orientierung fragen

„Kaum Chancen auf Überlebende“ lautet die Schlagzeile einer Tageszeitung vom gestrigen Gründonnerstag. Die Nachricht nimmt Bezug auf die vor Südkorea gesunkene Fähre, von der noch immer 300 Menschen vermisst werden. Besonders tragisch wirkt die Nachricht auf die Leser, da viele Schüler an Bord waren. Solche Nachrichten bewegen, weil jetzt gerade die Osterferien beginnen und jeder daheim für seine kleinen oder großen Kinder in Familie oder Nachbarschaft noch etwas für „den Osterhasen“ kauft. Ostern ist zwar nicht ein so großes Fest der Geschenke wie Weihnachten, aber idyllisch und harmonisch soll es dennoch verlaufen. Wie geht das angesichts der aktuellen Lage?

Nachrichten des Leides: Feuer in Valparaíso, verschollener Flug MH 370

Zum Beginn der Karwoche erfuhr die Weltöffentlichkeit vom Feuer in Valparaíso, das über 1000 Häuser der zumeist armen Bevölkerung zerstörte. Unvorstellbar, wie die nun obdachlos gewordenen Menschen nun wieder eine Behausung finden sollen, wo es ihnen doch schon vor der Katastrophe am Nötigsten fehlte.

Entsetzen und Ohnmacht dominieren auch die Berichterstattungen vom verschollenen Flug MH 370. Eine Allianz verschiedener Länder sucht nunmehr seit über 40 Tagen ein Flugzeug in einer Welt, die technisch Handys auf wenige Meter genau orten oder in der man mittels Satellit und Google direkt in den Vorgarten eines Fremden schauen kann. Ein in dieser Woche eingesetztes Mini-U-Boot konnte aufgrund der großen Tiefe im Suchgebiet des Indischen Ozeans noch keinen Aufschluss über den Verbleib der Maschine geben.

Das Leid unschuldiger Menschen ist eine Herausforderung, der sich die Mediennutzer in dieser Woche stellen müssen.

Ungerechtigkeit: Urteile über Ex-Minister Ingolf Deubel und Ex-Ministerpräsident Silvio Berlusconi

Im Skandal um den Nürburgring-Ausbau ist der damalige rheinland-pfälzische Finanzminister Ingolf Deubel zu drei Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt wurden. Wegen eines dreistelligen Millionenschadens wurde er verurteilt, doch wann werden in der noch nicht aufgearbeiteten Bankenkrise Broker und Banker zur Rechenschaft gezogen werden? Da ist nichts von Urteilen zu lesen. Vielmehr gibt es durch Steuermittel gerettete Banken, Abfindungszahlungen an Manager und ein weiteres Geschäftsgebaren an den Börsen, das an die Zeit vor Krise erinnert.

Auch das lange Verfahren um den ehemaligen italienischen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi wegen Steuerhinterziehung ist mit einem Urteil zu Ende gegangen. Trotz der Schuld und möglichen vier Jahren Haft ist er um eine Gefängnisstrafe herumgekommen und muss nun einen Sozialdienst leisten. Für viele Bürger in und außerhalb Italiens klingt das zu milde. Ein „normaler Bürger“ hätte bei gleicher Anklage gewiss ins Gefängnis gemusst, so der Vorwurf an das Rechtssystem.

Diese beiden Beispiele zeigen, wie Gerechtigkeit und scheinbares oder tatsächliches Unrecht die Menschen noch heute erzürnen und bewegen. Auch in dieser Woche.

Gewalt: Was ist der Wille des Volkes in der Ukraine?

Besetzungen, bewaffnete Auseinandersetzungen, Panzer – das sind Schlagworte aus der derzeitigen Berichterstattung zur Ukraine. Es herrscht ein unklares Bild der Lage, inwiefern Russland im Konflikt aktiv oder passiv mitwirkt oder was eigentlich die Mehrheit in der ukrainischen Bevölkerung will. Die Regierung scheint handlungsunfähig, das Land  wirtschaftlich angeschlagen. Die NATO verstärkt die Präsenz an den Ostgrenzen und bekommt in Berichterstattung und Politik wieder neues Gewicht. Szenarien eines Kalten Krieges werden wach, eine Lösung scheint nicht in Sicht. Wie kann ein einfacher Mediennutzer mit dieser Nachricht umgehen?

Ostern – Haltepunkte in aller Ausweglosigkeit

Gewalt, Ungerechtigkeit und Leid – diese Themen fallen hinein in die nun beginnenden Heiligen Tage für die Christen – die Festtage von Gründonnerstag, Karfreitag, Karsamstag und Ostern. Sie kennen diese Themen aus dem Leiden, Sterben und Auferstehen Jesu. Da gibt es die Gewalt, die, angestachelt durch eine Volksmenge (fast wie in der Ukraine), die durch die weltliche Großmacht Rom in der Person von Pontius Pilatus auf Jesus niedergeht. Da gibt es die Ungerechtigkeit, indem jemand zum Tod verurteilt wird, der einst Kranke heilte, und zugleich ein Mörder freigelassen wird. Da gibt es unsägliches Leid, das eine der schlimmsten Foltermethoden der Welt – die Kreuzigung – Jesus und den Seinen, die am Wegesrand stehen, zumutet. Und schließlich stirbt Jesus.

Der mitfeiernde Glaubende erlebt jene Ohnmacht, die er auch spürt, wenn er die Nachrichten dieser Woche verfolgt. Das Tröstliche jedoch ist: Jesus war und ist für die Christen Gottes Sohn und er hat all das menschliche Leid, die Ungerechtigkeit und Gewalt durchlebt. Er ist nicht einfach im Bett gestorben, wie es einmal ein Theologe als Hypothese in den Raum stellte. Er konnte nicht im Bett sterben, weil er den Menschen ganz nahe sein wollte. Er hat seine Liebe aufs Kreuz nageln lassen. Das ist ein Haltepunkt in den Ausweglosigkeiten unserer Tage.

Als weiterer Haltepunkt ist das Grundverständnis der liturgischen Feierlichkeiten zu verstehen. Christen feiern zwar jedes Jahr die gleiche Osterliturgie, aber irgendwie auch nicht: Jedes Ostern ist anders. Sie erinnern sie sich an Jesus und so trifft in den Gottesdiensten die Geschichte von damals auf die Geschichte unserer Zeit und wird so ganz aktuell. Deshalb spricht der Priester, beispielsweise am Gründonnerstag, wie bei jeder Messe die Einsetzungsworte und sagt dann zusätzlich: „Das ist heute!“ – jenes Heute mit dem Konflikt in der Ukraine, jenes Heute mit dem Fährunglück und dem Flugzeugunglück in Asien. Im Feiern und Erinnern kann auch Erlösung durch Jesu Auferstehen heute Gegenwart werden.

Dabei bleibt das Ganze nicht abstrakt für „die Christen“, sondern es kann für jeden einzelnen persönlich erfahrbar werden. Der Apostel Paulus, der in seinen Briefen sonst immer häufig die Wir-Form verwendet, springt im Brief an die Galater 2,20 ins Du: „..lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt und sich für mich hingegeben hat“. Christus hatte die Fähigkeit, wie der Heilige Bernhard es sagt, den Einzelnen so zu lieben, als ob es die Allgemeinheit nicht gäbe und zugleich die Allgemeinheit zu lieben, als ob es den Einzelnen nicht gäbe. Somit kann für jeden persönlich Ostern werden.

Auch als gläubiger und österlicher Mensch bleiben die Ausweglosigkeiten unserer Zeit bestehen. Was kann ich tun, angesichts der Lage in der Ukraine oder dem Unglück in Asien? Jesus gibt beim Letzten Abendmahl eine Antwort darauf: Im Johannesevangelium  wird beschrieben, dass Jesus von Judas, einem seiner Jünger, verraten werden wird – jener Prozess, der die weltliche Gewalt über ihn kommen und ihn am Kreuz sterben lässt  (Joh 13,2). Nur einen Vers später beginnt Jesus als der Sohn Gottes seinen Freunden die Füße zu waschen (Joh 13,3ff.). Es kommen im Text keine Überlegungen, was man in den großen geopolitischen Machtstellungen ändern müsste, damit Jesus das Kreuz erspart geblieben wäre oder die Herrscher seine wahre Identität erkennen. Stattdessen blickt Jesus auf das Konkrete, auf die Menschen, die vor ihm sitzen und gibt ihnen ein Vorbild für seinen Liebesdienst. Dem kann jeder folgen: Die Welt verändern, indem ich bei mir und meiner Umgebung anfange.

In diesem Sinne wünsche ich ein frohes und gesegnetes Osterfest.

Sebastian Pilz
kath.de-Redaktion

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