Ukraine – ihre schwierige Geschichte (07.03.2014)

Auch konfessionelle Dynamiken stehen hinter dem Zerfall des jungen Staates

Als die Sowjetunion in ihre Teilrepubliken zerfiel und damit Gorbatschow ein Präsident ohne Land wurde, während Jelzin als Parlaments- und damit auch Ministerpräsident der russischen Republik die bestimmenden Person wurde, war für die Polen klar, dass sich die Zukunft Europas in der Ukraine entscheiden wird. Was jetzt zu beobachten ist, stand damals schon im Raum: Die Ukraine wird sich entweder westlich oder in Richtung Russland orientieren. Diese Entscheidungssituation hat sich über Jahrhunderte entwickelt:

1. Der Westen der Ukraine orientiert sich nach Europa
Die meisten Demonstranten auf dem Majdan kamen aus dem Westen der Ukraine. Sie demonstrierten sozusagen im Schichtbetrieb und bildeten mit ihrer Entschlossenheit das Rückgrat des Widerstandes. Hier waren auch die meisten Rathäuser besetzt worden.
Der Westen der Ukraine ist Polen nicht nur räumlich näher, sondern auch deshalb, weil Polen einmal Litauen und die Ukraine umfasste. Die Geschichte ist wechselvoll. Als die Mongolen Mitte des 13. Jahrhunderts bis vor die Tore Schlesiens kamen, wurden die Fürstentümer der Ostslawen tributpflichtig. Litauen konnte erstmals die Mongolen in der Schlacht am Irpen 1321 zurückdrängen, für den östlichen Teil der Ukraine und das Gebiet von Moskau war das erst 1408 möglich. Die heutige Zweiteilung hat also alte Wurzeln. Je nach der Stärke Polens kamen Teile der heutigen Ukraine unter polnische Herrschaft. Als dann Polen geteilt wurde, kam das ukrainische Galizien zu Österreich.

2. Die mit Rom verbundene Kirche
Der zu Polen gehörende Westen orientierte sich auch religiös nach Westen. Zwar weigerten sich die Ukrainer unter polnischer Herrschaft, den lateinischen Ritus zu übernehmen. Jedoch wollten einige orthodoxe Bischöfe mit den polnischen Bischöfen gleichgestellt werden. Im Jahr 1594 unterzeichneten 6 Bischöfe in der Kirchenunion von Brest einen Vertrag mit Rom, der ihre liturgische Eigenständigkeit respektierte. Diese Ukrainische Griechisch-Katholische Kirche wurde in sowjetischer Zeit besonders hart verfolgt. Damit wuchs die Bindung an Rom. Jedoch liegen die Wurzeln des ukrainischen Christentums in Byzanz, denn von dort gelangte das Christentum zu den meisten slawischen Stämmen.

3. Kiew gehört zur Identität Russlands
Ehe sich um den Großfürsten von Moskau ein russisches Reich entwickelte, war Kiew der zentrale Ort eines Großreiches, das auch das heutige Weißrussland wie das Moskauer Gebiet umfasste, die sogenannte Kiewer Rus. Deren Fürst Wladimir ließ sich 988 taufen. Damit ist Kiew auch die Wiege der russischen Orthodoxie. Dieses Reich bestand aus einem eher losen Zusammenhalt verschiedener Fürstentümer, die nach dem Tod des Großfürsten jeweils bewaffnete Kämpfe um die Nachfolge austrugen. Als 1224 die Mongoleneinfälle begannen, war das damalige Reich leicht zu erobern.
Nach der Mongolenzeit entwickelte sich Moskau zum neuen Machtzentrum. Moskau sieht sich als legitimer Nachfolger von Kiew. Die Zaren beanspruchen, die Nachfahren des Kiewer Großfürsten zu sein. Es geht aber nicht nur um die dynastische Herkunft, sondern um das, was heute wieder den politischen Anspruch Moskaus bestimmt, nämlich dass Moskau Hauptstadt für alle Ostslawen, also auch für Weißrussen und Ukrainer zu sein hat.

4. Der Anspruch des Moskauer Patriarchats
Es waren nicht nur die Zaren, die sich als legitime Nachfolger der Kiewer Großfürsten sahen, sondern auch das Kirchenoberhaupt. Für den Moskauer Patriarchen gehört die Ukraine zur russischen-orthodoxen Kirche. Das zeigt sich heute in einer der vier orthodoxen Kirchen der Ukraine:
Die Ukrainisch-Orthodoxe Kirche Moskauer Patriarchats bleibt in enger Verbindung mit Moskau. Von dieser Kirche abgespalten hat sich nach dem Zerfall der Sowjetunion 1991 die Ukrainisch-Orthodoxe Kirche – Kiewer Patriarchat, die sich nach Konstantinopel hin orientiert. Das erklärt die Spannung zwischen dem Patriarchen von Moskau und dem in Istanbul residierenden, der sich von den Patriarchen von Konstantinopel herleitet. Mit dieser Kirche, die sich nach dem Zerfall der Sowjetunion abspaltete, vereinigt sich eine ukrainisch Kirche, die die Bindung aber wieder löste. Diese Kirche wurde nach dem Sieg der Bolschewiken 1920 gegründet. Die Kommunisten unterstützten zuerst diese Gründung, um die russisch-orthodoxe Kirche zu schwächen. Da die Kommunisten ihre Unterstützung zurückzogen und die Geistlichen und Gläubigen verfolgten, hat diese Kirche vor allem im Ausland ihren Rückhalt, denn unter den Emigranten konnten viele Gemeinden gegründet werden. Als vierte Kirche ist auf die mit Rom unierte Ukrainische Griechisch-Katholische Kirche mit etwa 5,6 Mio. Mitgliedern zu verweisen. Während diese im Westen der Ukraine vertreten ist und die zum Moskauer Patriarchat gehörende Kirche im Osten, haben die Zerfallserscheinungen der Ukraine auch kirchliche Wurzeln.

5. Die Sprachen
Die Einheit der Ukraine ist auch deshalb gefährdet, weil im Osten des Landes vorwiegend russisch gesprochen wird, auch im Gottesdienst wird die russische Form der Liturgie zugrunde gelegt. Die Krim wird mehrheitlich von Russen bewohnt. Mit den Krim-Tataren gibt es eine blutige Vergangenheit.

Die Probleme, die jetzt durch die Nachrichten auch im Westen zum Thema werden, haben ihre Wurzeln in der Geschichte. Für die EU wird es entscheidend sein, wohin sich die Ukraine wendet bzw. ob sie sich spaltet.

Eckhard Bieger S.J.
kath.de-Redaktion

4 thoughts on “Ukraine – ihre schwierige Geschichte (07.03.2014)

  1. Visionen:
    Charles de Gaulle verkündete 1965 die Vision des “Europa -vom Atlantik bis zum Ural”.
    Mit dem Fall des Eisernen Vorhangs in 1989 wäre im Jahr 2014 eine eurasische Silberhochzeit fällig gewesen.
    Schade,das Fest ist gründlich vermasselt worden:
    Cui bono ?

  2. Ich bin froh über diesen Beitrag zur Ukraine.
    Ich vermisse jedoch einen Blick auf die Geschichte der Ukraine in der Zeit der Nazi-Herrschaft. Nazi-Schärgen verhalfen der Rassenüpolitik Adolf Hitlers hier brutal zum Durchbruch. Tausende der jüdischen Bevölkerung fielen diesem Staatsterror Nazi Deutschlands zum Opfer. Darüber hinaus gab es Verkleisterungen des Faschismus.
    Ich bin froh, dass auch über die Arbeit von Pax Christi und des Maximilian Kolbe Werkes wenigstens etwas für Frieden und Versöhnung getan worden ist und wird und Menschen Mut zur Hoffnung fassen konnten.
    Jetzt aber bin ich bestürzt darüber, wie schnell das alles wieder durch sog. politihes Kalkül der Regierenden und Herrschenden aufs Spiel gesetzt wird.

  3. In der Stabstelle WELTKIRCHE des Erzbistums kommen regelmäßig Bischöfe der UGKK (der Ukrainisch-Griechisch-Katholischen Kirche) vorbei, um persönlich für Projekte in ihren Diözesen um Unterstützung zu werben. So flossen in den letzten Wochen verständlicher Weise auch Informationen zur politischen Lage in der Ukraine. 1. Exarch Josafat Hovera berichtete bei seinem Besuch, dass die Namen der Toten des Maidan ihm zeigten, dass die Menschen, die dort protestierten, aus der GANZEN Ukraine kamen. Berichtet wurde auch, dass man von Lviv / Lemberg bis Kiew mit dem Auto fahren konnte, um auf dem Maidan präsent zu sein, ohne nur einem einzigen polizeilichen oder militärischen Kontrollposten zu begegnen. D.h. auch in der mittleren- und anfangs östlichen Ukraine sind die Sicherheitskräfte eher abgetaucht, stellten sich nicht in den Weg, sympathisierten bis unterstützten die “Revolution”. All dies spricht eher für einen Zusammenhalt der gesamten Ukraine. 2. Auf der anderen Seite ist die UGKK dabei, in Kiew ein eigenes Priesterseminar einzurichten für die Kandidaten u. späteren Priester, die mit ihren Ehefrauen bzw. Familien in der Ost-Ukraine leben werden. Eine gemeinsame Ausbildung mit Priesteramtskandidaten in einem der fünf in der West-Ukraine gelegenen Priesterseminare erwies sich als schwierig. Zugespitzt: kein West-Kandidat will später in den Osten. Und er findet auch kaum eine Frau, die mit dorthin geht. 3. Schließlich berichten Bischöfe aus der Ukraine, dass von Anfang an in den letzten Monaten der “Revolution” und der Auseinandersetzungen rund um den Maidan im ganzen Land die offiziellen Vertreter des Orthodoxen Kiewer Patriarchats, der Autokephalen Orthodoxie, der Armenischen Kirche, der UGKK, der Protestanten, der jüdischen Gemeinden und der muslimischen Gläubigen Schulter an Schulter auf der Seite des Volkes standen. Alle Glaubensrichtungen waren mit Zelten als provisorische Gotteshäuser auf dem Maidan vertreten. In der Tagesschau konnte man sehen, dass hinter den Interviewten die Religionsvertreter diesen Schulterschluß als Kulisse bildeten.

  4. Pingback: kath-kommentar.de

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *


*