Heilsame Enttäuschungen (14.03.2014)

Ein Jahr Papst Franziskus

Wer erinnert sich nicht daran, wie Jorge Mario Bergoglio am 13. Mai 2013 auf die Loggia von Sankt Peter trat und als neuer Papst mit dem Namen Franziskus vorgestellt wurde! Ein bewegender Tag, der sich am gestrigen Donnerstag zum ersten Mal gejährt hat. Kaum einer der Journalisten hatte den argentinischen Jesuiten auf der Liste für die Nachfolge Benedikts. Aus dem unbekannten Papst ist ein populärer Pontifex geworden. Franziskus wurde im letzten Jahr vom us-amerikanischen Time-Magazin zum „Mann des Jahres“ gewählt. Er erfreut sich weltweit größter Beliebtheit – sogar bei Deutschlands Katholiken. Denen werden oft Vorbehalte gegen den Bischof von Rom nachgesagt.  Eine Umfrage aus jüngster Zeit ergab, dass Franziskus bei den Deutschen beliebter ist, als sein deutscher Vorgänger Benedikt.

Begeisterung für den Bischof von Rom

Diese Begeisterung für den „Neuen“ in Rom rührt zu einem Großteil vom neuen Stil her, den Franziskus in den Vatikan gebracht hat. Schon seine erste Amtshandlung als Papst vollzog er auf andere Art und Weise als üblich. Vor seinem ersten apostolischen Segen für die auf dem Petersplatz versammelten Gläubigen bat er diese um ihr  Gebet für ihn, den Bischof von Rom. Sein einfaches, demütiges und freundliches Auftreten haben ihn zu einem Publikumsliebling gemacht, der nicht nur bei katholischen Christen Beliebtheit genießt. Doch die Faszination von Franziskus liegt bei vielen Menschen wesentlich tiefer. Sie wünschen sich eine Erneuerung der Kirche im Geist des Evangeliums und eine Annäherung der kirchlichen Lehre an die heutige Gesellschaft. Besonders die Sexuallehre und der Umgang der Kirche mit standesamtlich wiederverheirateten Geschiedenen werden dabei als veränderungswürdig angesehen. Auch Papst Franziskus scheint hier wenigstens Redebedarf zu sehen, weshalb er für Oktober 2014 die Bischöfe nach Rom zu einer Synode über Familien zusammenruft.

Wird Franziskus enttäuschen müssen?

Die Erwartungen an den Papst sind also hoch. Deshalb wird von mehreren Seiten immer wieder betont, dass der Papst früher oder später die Gläubigen enttäuschen wird. Zuletzt warnte Dresdens Bischof Heiner Koch im Februar vor Enttäuschungen durch den Papst bei der Frage der wiederverheiratet Geschiedenen. Natürlich kann es Franziskus nicht allen Recht machen. Progressive und traditionelle Katholiken haben nun einmal unterschiedliche Ansichten und Wünsche an ihn und die Kirche. Es geht dem Pontifex  auch nicht darum, es allen Recht zu machen. Er ist ein Heiliger Vater, der sich in keine Schublade stecken lässt. Weder in die linke noch die rechte, um es einfach auszudrücken. Aber dies bedeutet noch lange nicht, dass dieser Papst auch die reformbestrebten Katholiken enttäuschen wird.

„Eine arme Kirche für die Armen“

Auch wenn nach einem Jahr Pontifikat von Franziskus nicht alle Hoffnungen, die in den Bischof von Rom gesetzt werden, erfüllt sind und nicht klar ist, ob dies jemals geschehen wird, kann jedoch davon ausgegangen werden, dass auch seine Botschaft noch nicht bei allen Glaubenden angekommen ist. Franziskus will „eine arme Kirche für die Armen“. Dies ruft jedoch nicht nur die Bischöfe und Priester zu einem einfachen Leben auf, sondern alle Glieder der Kirche. Jede Katholikin und jeder Katholik muss sich fragen, was er zu diesem Wunsch und Ziel des Papstes beitragen kann. Franziskus setzt sich stark für die Laien in der Kirche ein, deren Bedeutung in diesem Jahrhundert enorm zunehmen wird. Daher wird der Auftrag einer „armen Kirche für die Armen“ besonders ihnen gelten. Jeder ist dazu aufgerufen sich zu fragen, worauf verzichtet werden kann und was mehr getan werden muss um „arm“ zu werden und sich „den Armen“ zuzuwenden. Dabei wird es viele Enttäuschungen geben, die heilsam sein werden. Denn Christsein bedeutet eine stetige Veränderung weg von den eigenen Zielen hin zu denen Gottes. Franziskus wird seine Kirche auch im kommenden Jahr seines Pontifikates bei diesen Fragen begleiten.

Roland Müller
kath.de-Redaktion

6 thoughts on “Heilsame Enttäuschungen (14.03.2014)

  1. Franziskus wurde im letzten Jahr vom us-amerikanischen Time-Magazin zum „Mann des Jahres“ gewählt. So weit, so gut. Er wurde aber auch von der US-Homo-Zeitschrift „The Advocate“ zum Mann des Jahres gekürt. Wie sagt schon Goethe: „Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen; und jeder geht zufrieden aus dem Haus.“ Gebote ade, Zeitgeist olé!

  2. Bitte den Tippfehler in der ersten Zeile – Mai statt März – “ausmerzen”. Sonst ist es ja ein interessanter Artikel.

  3. Wie schnell ein jahr vergeht. Gerade noch sagte meine Mutter zu mir, der Papst lebt so bescheiden. Und ich sagte, er lebt im reichsten Staat der Welt.
    Die Frage ist, lässt die Kirche Veränderungen zu und kann ein Papst diese revolutionieren?
    Vermutlich nein, denn die Kirche hat sich selbst festgefahren und ist vel zu groß und finanziell auch zu stark, um Änderungen selbst herbeiführen zu wollen.

  4. Sehr informativer Artikel!
    Wie auch Peter Freitag sagt, glaube ich nicht, dass ein einziger Papst den Weg der Kirche neu definieren kann, aber ich glaube schon, dass er ein Umdenken einleiten kann – wer wenn nicht der Papst. Allerdings glaube ich, dass Franziskus dies gar nicht will und er gar nicht so aufgeschlossen ist wie er anfangs dargestellt wurde. Aber warten wir mal ab!

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *


*