Akzeptanz sexueller Vielfalt – oder Respekt vor dem, der anders ist? (07.02.2014)

Eine Gesellschaft, die immer unterschiedlichere Menschen miteinander in Beziehung bringt, braucht ein Umfeld der Offenheit und des gegenseitigen Respekts. Menschen mit homosexueller Orientierung dürfen sich nicht verstecken müssen. Sie haben ein Recht darauf, in ihrer Würde geachtet zu werden. Es ist dem Kultusminister in Baden-Württemberg, Andreas Stoch, nicht zu verübeln, dass er aus dieser Einsicht ein Bildungsziel machen will, denn Schulen sollen bekanntlich junge Menschen auf das Leben vorbereiten und ihren Beitrag zu einer gedeihlichen und friedlichen Gesellschaft leisten.

Im Entwurf zum neuen Bildungsplan der Landesregierung  findet sich der Satz: „Die Schüler kennen Lebenssituationen von LSBTTI-Menschen (Gruppen der lesbischen, schwulen, bisexuellen, transsexuelle, transgender und intersexuellen Menschen) und setzen sich mit Menschenrechten und Diskriminierung auseinander.“ Schüler sollen über die „Vielfalt in der sexuellen Identität“ Bescheid wissen und zur Akzeptanz sexueller Vielfalt geführt werden. Es soll also plausibilisiert werden, dass Sexualität in einer Vielfalt von Möglichkeiten gelebt werden kann. Die Frage, was gut und richtig ist, scheint verschwinden zu müssen hinter der Tatsache, dass alles möglich ist. Die entstandene rege, emotionale und hitzige Debatte hat bereits gezeigt, dass sich „Akzeptanz sexueller Vielfalt“ wohl so, wie vom Bildungsminister geplant, nicht verwirklichen lassen wird. Das Thema „sexuelle Identität“ ist weit komplexer, als dass man jungen Menschen einfach durch Vermittlung von Information und Einreißen von Tabus wie auf Knopfdruck Offenheit und Toleranz verpassen könnte.

Am Ziel vorbei

Die heiligsten Tugenden einer liberalen Gesellschaftsform, Offenheit und Toleranz, entstehen eben gerade nicht dadurch, dass jede Manier, Lebensform und Eigenart zur Normalität erklärt wird. Auch eine liberale Gesellschaft muss das Problem bewältigen, wie Menschen, die nicht Mehrheitskonform sind, Respekt, Würde und Schutz erhalten können. Und es wird immer Menschen geben, die an sich selbst entdecken, dass sie anders sind als die meisten. Sie brauchen einfühlsame Hilfe, damit sie einen Weg finden, sich als „Andere“ zu begreifen und auch zu behaupten.

Was ist „sexuelle Vielfalt“?

Der Kanon der sexuellen Lebensformen „LSBTTI“ ist lang. Es bleibt jedoch die Frage: Ist er denn vollständig? Warum steht dort nicht Pädophilie und extremer Sadomasochismus? Formen gelebter sexueller Identitäten sind es auch und unter den Begriff der sexuellen Vielfalt ließen sie sich problemlos einordnen. Aber sie verstoßen gegen Gesetze, bzw. können lebensgefährlich werden.

Aber müsste es davon nicht auch eine softe und damit legale Version geben, die akzeptiert werden könnte? Gab es denn nicht das Bestreben in den 80ger Jahren, ein Recht auf Sex mit Kindern in Gesetzesvorlagen einzubringen und hat nicht erst der Skandal um die Vertuschung der Pädophilie eindeutig zu Tage gefördert, dass genau das, was man vor 30 Jahren einfordern wollte, heute als Tabu gelten muss, weil Pädophilie Kindern immer schweren Schaden zufügt? Es ist eben vieles nicht gut, was auf den ersten Blick gut scheinen mag.

Man braucht den Katechismus der katholischen Kirche nicht studieren  um festzustellen, dass auch liberale Gesellschaften nicht umhin kommen, die Frage nach dem guten und richtigen auch in der Sexualität zu stellen. Schließlich bedeutet die Ausbildung einer persönlichen sexuellen Identität nichts anderes, als diese Frage für sich zu beantworten.

Sexuelle Identität ist mehr

Die Debatte, die sich um den Entwurf des Bildungsplanes in Baden-Württemberg entzündet hat, könnte fruchtbar werden. Sie hat bereits jetzt viele Fragen zu Tage gefördert, die vom Bildungsminister ernst genommen werden müssen, wenn er seinem größeren Ziel entsprechen will, Schule so zu organisieren, dass sie die Schülerinnen und Schüler aufs Leben vorbereitet. Es genügt nicht, vor allem auf die sexuell gelebten Praktiken zu blicken, wenn man junge Menschen in der Entwicklung ihrer eigenen sexuellen Identität fördern will. Freilich müssen Kinder wissen, dass es Homosexualität auch im Tierreich gibt, dass es Menschen gibt, deren Geschlecht sich gar nicht so einfach angeben lässt. Aber sie müssen auch wissen, dass sexuelle Identität mit Kultur und Religion zu tun hat.

Dass Interessensverbände muslimischer Gemeinden auf die katholische Kirche zukommen, so zum Beispiel in Mannheim, weil sie spüren, dass am vorliegenden Entwurf des Bildungsplanes etwas nicht stimmt, werden manche als Kungelei unter Fundamentalisten abtun. Wer aber so denkt und Fakten derart übergeht, hat sich selbst bereits überführt.

Theo Hipp
kath.de-Redaktion

6 thoughts on “Akzeptanz sexueller Vielfalt – oder Respekt vor dem, der anders ist? (07.02.2014)

  1. Sehr geehrter Herr Hipp,
    mag der Bildungsplan in Baden-Württemberg auch nicht ganz glücklich sein in diesem Punkt, mag es tatsächlich auch viele und hilfreiche Nuancierungen geben, die noch notwendig sind – in einem Punkt halte ich Ihren Kommentar für eine ziemliche Entgleisung. Nein: in die Liste der Identitäten, die das Recht haben, in unserer Gesellschaft gelebt zu werden, gehört Pädophilie nicht. Und die verhängnisvolle Nähe zueinander, in die gesellschaftlich Pädophilie und Homosexualität immer wieder gerückt wurden, ist meiner Kenntnis nach wissenschaftlich nicht haltbar. Den Unterschied werden Sie selbst leicht erkennen können: Wo Menschen ihre vorgefundene Identität in der Partnerschaft mit einem Menschen leben und ihr eine lebenserfüllende Gestalt geben, findet sich nichts von dem, was sich im Verhalten pädophiler Menschen findet – vor allem nicht die Macht, die über ein Kind ausgeübt wird und an der dieses Kind zerbricht. So tun Sie eines von beidem: entweder verharmlosen Sie Pädophilie oder Sie kriminalisieren Homosexualität. Diese Entscheidung müssen Sie dann selbst treffen. Und keins von beidem ist gesellschaftlich und kirchlich akzeptabel. Katholisch ist weiter. Und kath.de hoffentlich auch!

  2. Sehr geehrter Herr Ruelius,

    es ist mir völlig schleierhaft, wie Sie dazu kommen, aus meinem Kommentar herauszulesen, Pädophilie gehöre zu den Formen von SExualität, die gelebt werden dürfen. Eben gerade nicht. Nur bei der Pädophilie wird es eben besonders deutlich, dass es nicht darum gehen kann, jede Abnormalität zur Norm zu erklären. Vielmehr geht es darum, die Frage nach gut und richtig aufzuwerfen.

    Homosexualität kommt vor, es gibt wohl eine genetische Prädisposition. Sie muss respektiert werden, sie darf nicht diskriminiert werden, aber sie ist nicht die Norm. Was es braucht ist der Mut, anders zu sein und Anders-Sein zu respektieren. Dazu braucht man Homosexualität nicht zu kriminalisieren und Padophilie nicht zu verharmlosen. Es geht draum festzustellen, dass der Bildungsplan sein Hauptaufgabe, Menschen fürs Leben auszustatten, nicht erfüllt.

    • Sie schreiben: “Der Kanon der sexuellen Lebensformen „LSBTTI“ ist lang. Es bleibt jedoch die Frage: Ist er denn vollständig? Warum steht dort nicht Pädophilie und extremer Sadomasochismus? Formen gelebter sexueller Identitäten sind es auch und unter den Begriff der sexuellen Vielfalt ließen sie sich problemlos einordnen. Aber sie verstoßen gegen Gesetze, bzw. können lebensgefährlich werden.”

      Was ist daran bitte schleierhaft? So wie Sie es geschrieben haben, nehme ich das als Totschlag-Argument wahr. Wenn wir die kriminellen Lebensformen in einem Bildungsplan nicht als “normal” darstellen, dann bitte auch nicht die zwar nicht kriminellen aber doch die eher am Rand stehen. Gegen diese Vermengung der Ebenen und der Argumente wehre ich mich. Homosexualität ist normal, Herr Hipp. Homosexualität ist nicht die Norm? Ist Heterosexualität die Norm? Auch für Homosexuelle? Und kommen Sie mir bitte nicht mit der Frage nach “gut und richtig”. Stellen sich Homosexuelle diese Frage nicht? Homosexualität kann gut und richtig gelebt werden ebenso wie Heterosexualität gut und richtig gelebt werden kann. Aber ein Homosexueller kann eben nicht Heterosexualität als das Normierende gut und richtig leben. Wie eben auch nicht umgekehrt.
      Wie gesagt: Am Bildungsplan Baden-Württemberg kann vieles misslungen sein. Aber Sie schütten das Kind mit dem Bade aus.
      Die Formulierungen “LSBTTI-Menschen” finde ich gruselig. Aber ich möchte andererseits hundertmal lieber in einem Land leben, in dem Kinder über die teilweise anspruchsvolle und schwierige Vielfalt unserer Gesellschaft informiert sind als in einem Land, in dem das Reden über Homosexualität in Hörweite von Kindern strafbar ist.
      Insofern: Über gut und richtig setze ich mich gerne auseinander – aber argumentativ sollten wir uns mit problematisch nach Naturrecht aussehenden Positionen nicht mehr aufhalten.
      Einen gesegneten Sonntag!

  3. Ebenfalls eine schönen Sonntag!

    Meine FRage ist: Wie kommt dieser LSBTTI-Kanon zustande? Wer bestimmt, das in diesen Kanon gehört und was nicht?
    Irgendwann entsteht doch die Frage zwingend: Was ist richtig und was ist falsch. Oder etwa nicht? Dass Pädophilie nicht geht, darüber brauchen wir nicht zu reden. Jedoch: Was heute klar ist, musste erst schmerzhaft klar werden. Vor 30 Jahren war das eben nicht klar, vielmehr sollte Pädophilie auch als eine der möglichen sexuellen Formen etabliert werden.
    Und ganz offensichtlich hat auch eine naturrechtlich informierte Ethik in der Praxis nicht zu einer konsequenten Vermeidung von Pädophilie geführt.

    Deshalb gilt es zu begründen, warum etwas falsch ist. Es reicht nicht aus, dass einige LEhrer hinter verschlossenen Türen die ethischen Standards setzen und die Begriffshoheit über “sexuelle Vielfalt” beanspruchen. Ich muss meine (implizit gestellte) Frage wiederholen: Wer bestimmt, was “sexuelle Vielfalt” bedeutet, die es zu tolerieren gilt? Der Begriff lädt dazu ein, dass alles, was faktisch geschieht und möglich ist, auch zuzulassen. Das aber, darüber besteht Konsens, geht nicht, ohne Schaden zu verursachen und menschliche Würde zu verletzen.

    Und hier entsteht wieder die Frage: Was ist ein Schaden?

    Hier scheint mir, bei aller Schwäche einer sogenannten naturrechtlichen (schon der Begriff ist problematisch) Normenbegründung, noch keine echte Alternative auf dem Tisch zu liegen. So, wie in dieser bisherigen Auseinandersetzung Normen begründet werden, scheint es ein reines Machtspiel zu sein: Richtig ist, was der für richtig hält, der am längeren Hebel sitzt. Das aber wäre Willkür.

    • Guten Abend, Herr Hipp,
      wer bestimmt, was falsch ist – hier gibt es schon den einen oder anderen Anhaltspunkt:
      Falsch ist im Bereich der sexuellen Identität auf jeden Fall das, was nicht aus Liebe und in Freiheit geschehen kann (klar, das ist kein ethisch ganz vollständig sauberes Argument, wenn man die Liebe in das Urteil einführt, ich meine aber doch, dass es weiterhilft): Also: ein Kind kann nicht adäquater Sexualpartner für einen Erwachsenen sein, weil es hierzu nicht frei in der Lage ist, sondern in einer asymmetrischen Beziehung zu etwas gezwungen wird. Das ist das Entscheidende.
      Ein Mann kann für einen Mann und eine Frau für eine Frau Partner und freies. liebendes Gegenüber sein.
      Und zu den sexuellen Identitäten (Transidentität): das wird ja in Deutschland ziemlich sauber gutachterlich gehandhabt, bevor zum Beispiel eine geschlechtsumwandelnde Operation zulässig wird.
      Und: stimmt – wahrscheinlich hat “man” (wahrscheinlich auch nur eine Minderheit) vor 30 Jahren im Kontext einer heute kaum noch verständlichen Befreiungsvorstellung von Zwängen auch Pädosexualität für in irgendeiner Weise normal gehalten: Dass unsere Gesellschaft hier relativ schnell gelernt hat und diese libertinäre Eskapade (wenn ich das so nennen darf) als das gekennzeichnet hat, was sie ist, nämlich ein Irrweg, das zeigt mir, dass eine Gesellschaft lernt.
      Anders im Bereich der Homosexualität: Hier begegnen zwei Menschen einander, weil sie einander in Freiheit wählen können. Und ohne auf Freiheitsdiskussionen hier zu sehr einzugehen: Freiheit geht ja nur im Rahmen der Verwirklichung des Gegebenen. Und hier wäre auf eine andere Lerngeschichte hinzuweisen – hier haben die europäischen Gesellschaften erkannt, dass daraus ken Schaden erwächst, sondern die Verwirklichung des privaten Lebens der Menschen in einer Gesellschaft in keiner Weise sanktionierbar ist, wenn es in Freiheit entscheidungsfähiger Individuen gewählt ist. (Und wenn man sich mal die Umfrageergebnisse der Vatikan-Vorumfrage anschaut, dann sehen das Katholiken heute auch so). Und Lerngeschichte III: Dass eben auch in heterosexuellen Beziehungen die Schutzwürdigkeit der so Verbundenen nicht einfach aufhört (also gelebte Identität Grenzen gezogen bekommt), zeigt, dass folgerichtig zu dem von mir Gesagten das Strafrecht mittlerweile auch den Tatbestand der Vergewaltigung in der Ehe kennt, der vermeintlich naturrechtlich (und kirchenrechtlich, Gott sei’s geklagt) ja aufgrund der ehelichen Rechte früher gar nicht vorkommen konnte.
      Also: behutsam hinschauen. Richtig und falsch: das kann nicht in einem stimmungsgeladenen Streit um den Bildungsplan entschieden werden.
      Und mit der Hörweite von Kindern meinte ich Russland. Die dortige Gesetzgebung macht im Hinblick auf Homosexualität so alles falsch, was man falsch machen kann. Und hier wäre (übrigens ähnlich wie bei einigen Vertretern des Islam) zu fragen, welches Bild von Mann und Männlichkeit, von Frau und Ehe staatlich und gesellschaftlich mit welchen Absichten verordnet wird.
      Eine gute Woche.

  4. Die Rede über Homosexualität in Hörweite von Kindern ist dann kein Problem, wenn wir einem Kind gut erklären können, warum das bei Homosexuellen eben ist, wie es ist, ohne zu sagen: Ich mache das auch. Denn das würde einen heterosexuellen Vater eindeutig überfordern, dass er mal eben seinen ebenfalls heterosexuellen Freund küsst, nur um seinem Kind zu erklären, dass das normal sei.

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