Beten versetzt Berge (10.01.2014)

Prominente versichern öffentlich ihr Gebet für Michael Schumacher

Die Nachricht vom tragischen Skiunfall des siebenfachen Formel-1-Weltmeisters Michael Schumacher platzte in die nachweihnachtlich friedvolle Öffentlichkeit und schockte Fans wie auch Prominente gleichermaßen. Der zweifache Familienvater leidet an einem schweren Schädel-Hirn-Trauma und kämpft um sein Leben. Viele Prominente versichern ihr Gebet für den Rennsportler, so twittern z.B. Felipe Massa und Boris Becker, dass sie für ihn und seine Familie in dieser schweren Zeit beten.

Schock und Ohnmacht

Bei aller Kritik, die über Glauben, Kirche und Religion derzeit zu hören ist, reagieren in unseren Breiten viele Menschen ganz unbewusst mit einem „Oh Gott!“, wenn sie von einem schrecklichen Ereignis hören oder gar noch näher betroffen sind. Mit diesem Schock verbindet sich dann, zumeist bei schier ausweglos scheinenden Lagen oder Diagnosen, wie etwa Hirnverletzungen, die ohnmächtige Reaktion: „Da können wir nur noch beten.“ Diese beiden Wortmeldungen waren in den vergangenen Wochen in verschiedenen Variationen in den Medien wahrzunehmen. Ihre große Öffentlichkeit ergibt sich nicht nur daher, dass Michael Schumacher sehr bekannt ist, sondern aus der Tatsache, dass viele Zuschauer und Leser genauso wie ein Boris Becker oder ein Felipe Massa reagiert haben: geschockt, ohnmächtig, mit einem „Sprechen nach oben“.

Vernunftgesteuerte Ursachenforschung

Nach dieser ersten Reaktion folgt die klassische Frage nach dem „Warum“. Sie zielt in unserer Gesellschaft zunächst auf die Untersuchung der naturwissenschaftlich feststellbaren Ursachen ab. Nach den Mitgefühls- und Gebetsbekundungen dominieren in dieser Woche Helmkamera, Fahrtgeschwindigkeit, Beschaffenheit der Piste und der ausgeliehenen Skier die Berichterstattung. Offiziell sind Polizei und Staatsanwaltschaft dafür zuständig, die Unfallursachen festzustellen. Das spielt sich aber auch bei jedem Menschen ab, der mit einer ähnlichen Situation konfrontiert ist oder sich damit beschäftigt. Der Verstand versucht das Geschehene logisch zu ergründen oder gar ganz zu erklären. Das Ergebnis ist dabei zwar gewiss von Bedeutung, aber keineswegs befriedigend. Selbst wenn die Behörden den Unfall des Formel-1-Stars lückenlos rekonstruieren, bleibt eine Unruhe im menschlichen Geist bestehen, die durch Analysen und physikalische Untersuchungen nicht gestillt, höchstens in verschiedene Formen verdrängt werden kann.

Eine Chance für die Kirche

Diese Unruhe deuten Gläubige Menschen schnell auf Gott hin – mit dem Heiligen Augustinus gesprochen: Unruhig ist meine Seele, bis sie ruht in dir, Gott. Diese Vereinnahmung der Menschen wäre vorschnell. Besser ist es, die religiösen Aussagen erst einmal wahrzunehmen und aufzugreifen. Wenn Prominente öffentlich zu beten versichern, äußern sie unabhängig von einer konkreten Zugehörigkeit zu einer Religion, das Vertrauen darauf, dass es etwas Höheres oder einen Höheren gibt. Sie binden ihre Lebenswirklichkeit zurück an etwas und treffen damit eine religiöse Aussage (religere – Lateinisch zurückbinden an), die Titelseiten großer Tageszeitungen füllt und erste Plätze in der TV-Berichterstattung erhält. Durch einen schrecklichen Unfall, von denen es leider in jeder Skisaison viele gibt, wird Religion nicht mehr zur Privatsache, sondern zur res publica, weil viele Menschen die Gefühle der Prominenten teilen. Es gilt, auf diese Dynamik schnell zu reagieren. Eine Chance im zweifachen Sinn:

Die Frage des Leids und der Grenzen der modernen Medizin sind in der Öffentlichkeit präsent –  Fragen, die sich einerseits an die Moraltheologie und die medizinische Ethik richten, die andererseits schon viele Theologen unter dem Thema „Gott und das menschliche Leid“ (Theodizee) bedacht haben. Die Kirche kann von dieser Vorarbeit zehren und sie weiter vermitteln. Sie reagiert damit auf die vernünftige Ursachenforschung, die sich im menschlichen Geist vollzieht. Aber Vorsicht: Eine „Antwort“ zu formulieren, die der naturwissenschaftlichen Unfallforschung vergleichbar wäre, geht in der Theodizeefrage nicht. Es gibt eher nur ein vernünftiges Hinführen zum Geheimnis Gottes, der am Kreuz mitleidet mit den Menschen. Wie vielschichtig und sinnvoll jene theologischen Modelle auch sein mögen, sie müssen in die Situation den Menschen zugesprochen werden. Das ist eine schwierige Kunst in einer Zeit von Twitter und Videobotschaften, mit Kürze, Prägnanz, Attraktivität und logischer Richtigkeit etwas zu vermitteln, was ganze Bücher und mittelalterliche Traktate füllt. Ein Gesprächsabend in der Gemeinde oder in einem Bildungszentrum bietet eine erste Möglichkeit für Außenstehende, zu diesem Thema in Austausch und Diskussion zu kommen.

Vielversprechender und naheliegender ist aber, die öffentlichen Gebetsbekundungen aufzugreifen. Sie sind in dieser medialen Breitenwirkung nicht alltäglich. Ein Gebetstreffen für „Schumi“ und andere Kranke ist eine Option. Persönlich ist mir eine kurze Gebetswache am 11. September 2001 in Erinnerung, als ich Zivildienstleistender im Kloster Wechselburg war. Mit Bundeswehrsoldaten, die zu einem Lehrgang für einen Auslandseinsatz im Haus waren, gingen wir in die Kirche, stellten uns in einen Kreis, schwiegen, zündeten Kerzen an und sprachen das „Vater Unser“. Manche konnten es, viele nicht, aber allen tat es gut. Das sah ich in den Augen und spürte ich in den Reaktionen. Das Beten versetzte „Berge“, da wir uns untereinander näher kamen und zugleich Trost und Kraft zum Weitergehen verspürten.

Ähnliches geht auch heute. Jubelnde und betende Fans vor dem Krankenhaus in Grenoble machen es vor. Mit Mut und seelsorgerlichem Geschick kann die Kirche in Deutschland den Menschen zeigen, dass sie nicht nur finanzielle Schätze hat, sondern vielmehr eine Jahrtausende alte Schule des Gebets und der Wissenschaft vorweisen kann und daraus zu schöpfen vermag.

Sebastian Pilz
kath.de-Redaktion

One thought on “Beten versetzt Berge (10.01.2014)

  1. Lieber Sebastian,
    zu Ihrem bedenkenswerten Kommentar: Sie schreiben, ich zitiere Sie, “..ohnmächtig, mit “einem Sprechen nach oben”.”
    Ist dies nicht auch als einen Dialog nach innen zu deuten, als eine Aktivierung der uns innewohnenden Hoffnung, dass auch im Leid, im als ohnmächtig erfahrenen Leid, nicht das letzte Wort gesprochen sein mag?
    Eine solche Haltung wäre m.E. religiös und vernünftig, uns durchtragend und weist daraufhin, dass wir unserem wahren Wesen nach dies auch sind.
    Begleitend zu Ihren weiteren Ausführungen würde dies auch noch den Blick auf den ökumenischen, konfessionsübergreifenden freundschaftlichen Dialog ausrichten als einer lebendigen Quelle des solidarischen Miteinanderseins.

    Viele Grüße,
    Marie

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