Abwertung und Instrumentalisierung (31.01.2014)

Die Neokatechumenen müssten Kardinal Meisners Verhältnisbestimmung von sich weisen

Kardinal Joachim Meisner scheint dem Kirchenvolk seinen Abschied leicht machen zu wollen. Der noch amtierende Kölner Erzbischof hatte am vergangenen Freitag zu Angehörigen des „Neokatechumenalen Weges“ gesagt: „Eine Familie von euch ersetzt mir drei muslimische Familien.“ Am Mittwoch ließ er mitteilen, er bedauere seine Äußerung. Es sei nicht seine Absicht gewesen, Menschen anderen Glaubens damit zu nahe zu treten, heißt es aus Köln. Dass der Kardinal sich – nicht zum ersten Mal – im Nachhinein um Schadensbegrenzung bemüht, ist zwar nachvollziehbar, wirkt aber unehrlich und bewirkt eher das Gegenteil.

Sagen, was man wirklich meint

Es wäre nicht angemessen, einem im öffentlichen Auftritt Erfahrenen wie Meisner Naivität zu unterstellen. Warum sollte der Kardinal Dinge nicht so meinen, wie er sie sagt? Der promovierte Theologe Joachim Meisner ist seit über 50 Jahren im Verkündigungsdienst der Kirche tätig; 1962 wurde er zum Priester geweiht. Über 30 Jahre war er als Bischof in der Leitung zweier Bistümer und als Kardinal mit für die Leitung der Weltkirche und die Papstwahl mitverantwortlich – seit 1980 nämlich als Bischof von Berlin,  ab 1989 als Erzbischof von Köln. Die Kardinalserhebung durch Papst Johannes Paul II. erfolgte 1983. Am 25. Dezember 2013 hatte Meisner sein 80. Lebensjahr vollendet. In den kommenden Wochen wird der Papst daher vermutlich sein Rücktrittsgesuch annehmen.

Abwertung führt nicht zu Wertschätzung

Meisners nachträgliches Bemühen, die Empörung gering zu halten, wirkt unehrlich. Er sagt, seine Wortwahl sei „vielleicht unglücklich“ gewesen. Der Entschuldigungsversuch kam zudem erst, nachdem sich Vertreter muslimischer Gruppen beschwert hatten. Es geht aber gerade nicht um eine „vielleicht unglückliche Wortwahl“, sondern um die reale Geisteshaltung, die dahinter steht. Wenn der Kardinal seine Worte im Nachhinein als „Wertschätzung für Familien, in denen der Glaube lebt und fruchtbar wird“ zu beschönigen sucht, hat er nicht verstanden, dass die Abwertung der ‚anderen‘ überhaupt nicht dazu führt, dass die eigene Gruppe aufgewertet würde. Das Gegenteil ist der Fall. Wenn ich andere abwerte, werte ich mich selbst ab. Die Neokatechumenen selbst müssten sich daher durch die Worte des Kardinals nicht ermutigt, sondern vielmehr verletzt fühlen.

Familien werden instrumentalisiert

Die Verletzung ist nun geschehen. Und zwar nicht nur bei „den muslimischen Familien“. Die Pressemeldungen der vergangenen Tage wurden nicht müde zu behaupten, Vertreter muslimischer Verbände hätten sich über Meisners Aussage empört. Es geht aber gerade nicht darum, dass die Muslime sich empören. Das ist das Missverständnis, dem auch der Kardinal und seine Presseabteilung aufgesessen sind. Meisners Angriff geht unbemerkt auch in viele andere Richtungen. Eigentlich hätten sich nicht nur die muslimischen Verbände beschweren sollen, viel eher hätten die Mitglieder des neokatechumenalen Weges den instrumentalisierenden Vergleich von sich weisen müssen. Weder ihre, noch irgendwelche anderen Familien, ob katholisch, muslimisch, andersgläubig oder ohne ausdrückliches religiöses Bekenntnis sind dazu geeignet oder bestimmt, für eine derart grotesk anmutende Verhältnisbestimmung missbraucht zu werden.

Christen sind nicht besser als Muslime

Man kann nur vermuten, dass der Kardinal katholische, genauer neokatechumenale Familien wichtiger und besser findet als muslimische Familien. Warum aber sollte dies der Fall sein? Muslimische Familien kommen sonntags naturgemäß nicht in den Kölner Dom oder anderswo zum Gottesdienst, sie zahlen keine Kirchensteuer, weder in Köln, einem finanziell sehr gut gestellten Bistum, noch irgendwo anders. Das macht katholische Großfamilien aber nicht besser als muslimische. Die Auffassung, dass irgendwelche Menschen besser sein sollten als andere, gehört nämlich nicht zum christlichen Weltbild. Man fragt sich ohnehin, wer das unerhörte Klischee von der muslimischen oder katholischen Großfamilie denn erfüllen soll. Der Kardinal will offenbar nicht verstehen, dass er mit seiner Äußerung dem Vorurteil Vorschub leistet, alle in Deutschland lebenden muslimischen Familien hätten viele Kinder.

Klischees und Vorurteile sind für Stammtische

Wenn das Unwort des Jahres 2013 „Sozialtourismus“ heißt, ist das Klischee über die in Berlin-Wedding zuhause sitzenden oder bestenfalls vollverschleiert am Hermannplatz einkaufenden Klischee-Muslima mit den 10 Kindern und dem bärtigen Mann, der Tee trinkend auf dem Kottbusser Damm sitzt, schnell in den Köpfen. Die Neokatechumenen müssten dann im Umkehrschluss für die irreführende Vorstellung herhalten, sie seien diejenigen, die sich fromm an die katholische Sexualmoral halten, viele Kinder bekommen und hart arbeiten. Ihre Kinder würden dann katholisch getauft, im Glauben unterwiesen und füllten sonntags die leeren Kirchenbänke. Den Mangel an gut wertekonservativen Laien und Priestern könnten sie dann endlich abstellen. Beide Bilder sind nicht mehr als der Stoff, aus dem Stammtischparolen gemacht sind. Im kirchlichen Kontext haben sie nichts verloren.

3 zu 1

Papst Franziskus hat in der Gründonnerstagsliturgie 2013 auch einer muslimischen Frau im Gefängnis die Füße gewaschen. Die Empörung darüber war in manchen konservativen Kirchenkreisen groß. Der Papst hat mit seinem Handeln aber gezeigt, dass es im Miteinander der Religionen und gesellschaftlichen Gruppierungen um Wertschätzung und Demut gehen muss, nicht um gegenseitige Abwertung. Wenn Kardinal Meisner nun mitteilen lässt, er habe „schon verschiedentlich gesagt, dass muslimische Familien in unserer Gesellschaft in manchem ein Beispiel geben“ hat er seine eigene „Verhältnis“-Logik offenbar nicht durchdrungen: Denn diese eine negative Äußerung von jetzt ersetzt nun die drei positiven Äußerungen von früher.

Matthias Alexander Schmidt
kath.de-Redaktion

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