Es braucht mehr als Transparenz (27.12.2013)

Das Jahr 2013 wird sich als Jahr der Transparenz in die Erinnerung vieler Kirchenorganisatoren einprägen. Es ist der nicht beabsichtigte Verdienst von Bischof Tebartz-van Elst oder vielmehr die Konsequenz eines eigenartigen Geschäftsgebarens im Bistum Limburg, wo ein Bauprojekt des Bischöflichen Stuhls mit der Bausumme von 5 Millionen Euro veranschlagt und vermutlich mit nahezu 40 Millionen realisiert wurde: Kirchliche Vermögensverwaltung wird transparenter.

Gutachten wird erwartet

Mit der Transparenz allein ist die Kuh aber noch nicht vom Eis. Eine von der Deutschen Bischofskonferenz eingesetzte Kommission wird per Gutachten feststellen, ob jemand, und wenn ja, wer, sich der Verantwortung in Limburg nicht entziehen kann. Das Ergebnis wird in jedem Fall brisant sein. Vermutlich wird es so ausfallen, dass festgestellt werden wird, dass alle Beteiligten im Großen und Ganzen richtig gehandelt haben, im Einzelfall jedoch deutliche Mängel zeigten. Denn eine Rechtspflicht des Bischofs, die Finanzen offen zu legen, gibt es nicht und eine legislativ hieb- und stichfeste Geschäftsordnung des Aufsichtsgremiums wird auch schwerlich zu finden sein, da der Bischof selbst kirchenintern der oberste Gesetzgeber ist.

Welche staatlichen Gesetze der Aufsichtspflicht hier greifen könnten, wird nicht ohne schwierige und langwierige juristische Verfahren zu ermitteln sein. Aber auch ein solches, auf den ersten Anschein salomonisches Gutachten enthält Sprengstoff. Denn die kirchliche Öffentlichkeit wird sich damit nicht trösten lassen. Die biblische Frage, die einst Maria dem Engel stellte, „Wie kann das geschehen?“, sie bleibt bestehen: Wie kann es geschehen, dass aus 5 Millionen 40 werden? Auf des Engels Antwort ist in diesem Fall nicht zu hoffen.

Freiwillige Transparenz

Inzwischen weiß jeder einigermaßen Kircheninteressierte, dass Bischöfliche Stühle eigene Rechtspersonen mit gesonderter Vermögensverwaltung sind, für die es keine rechtlich festgelegte Rechenschaftspflicht des Bischofs gibt. Die Bilanzen dieser bischöflichen Güterverwaltung, die ihrem Umfang nach von Diözese zu Diözese höchst unterschiedlich sind, wurden bisher streng geheim gehalten. Um sich von dem Verdacht der Geheimniskrämerei zu befreien, haben einige Bischöfe die Bilanzen ihrer Vermögensverwaltung freiwillig offen gelegt. Manche bleiben in ihren Aussagen vage, so die Bischöfe von Mainz oder Berlin, die Südwestdeutschen Bistümer Freiburg und Rottenburg, wo das Sparen als Volkstugend geadelt ist, geben keine genauen Informationen. Dort aber bescheinigen die Sprecher der diözesanen Kontrollgremien der Diözesanverwaltung einen verantwortungsvollen Umgang mit dem kirchlichen Vermögen.

Verantwortung ist gefragt

Was für die Kirche auf dem Spiel steht, ist das Vertrauen in die Kirche im Blick auf den verantwortlichen Umgang mit Geld und Vermögen. Während bisher galt, dass in der Kirche hohe ethische Standards walten und mit Hab und Gut verantwortlich umgegangen wird, so erfährt die Kirche immer deutlicher, dass dieser Vertrauensvorschuß nicht mehr gilt. Er verschleift sich in einer sich rapide verändernden Gesellschaft ebenso wie viele andere Werte. Kirche muß zeigen, wie sie hält, was sie verspricht. Dafür wird Transparenz allein nicht genügen. Die zweite Tugend, die notwendig sein wird, ist die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. Das eigentliche Vertrauen-brechende im Fall Limburg ist nicht, dass ein Projekt mehr kostet, als geplant war. Was das Vertrauen zerstört ist die Tatsache, dass niemand auftritt und für die Sache, wie sie sich entwickelte, die Verantwortung übernimmt. Damit offenbart die Kirche eine tragische Schwäche, die ganz im Mainstream der gesellschaftlichen Entwicklung liegt: Erfolge zu personalisieren und Scheitern zu sozialisieren. Wenn es gelänge, die Tugend der Verantwortung wieder zu ergreifen und in den kirchlichen Strukturen besser zu verwurzeln, wäre dies ein echtes Zeichen mit prophetischer Kraft für die Gesellschaft und ein Sprung nach vorne bei der Wiedergewinnung von Vertrauen.

Theo Hipp
kath.de-Redaktion

(K)ein Recht auf aktive Sterbehilfe in Belgien (20.12.2013)

Das eigene Lebensende wird kontrollierbar

Der Belgische Senat hat diese Woche ein Gesetz auf den Weg gebracht, das auch Kindern ein Recht auf aktive Sterbehilfe garantieren soll. Bei einer schweren körperlichen oder seelischen Erkrankung sollen in Zukunft Minderjährige frei darüber entscheiden dürfen, ob sie weiter leben wollen oder ihrem Leben ein Ende setzen. Die Meinungen zu dieser radikalen Öffnung der Sterbehilfe gehen weit auseinander. Anders als die passive Sterbehilfe, bei der lediglich Maßnahmen wie Wiederbelebungsversuche oder Beatmungsmaschinen eingestellt werden, um den Patienten „sterben zu lassen“, ist aktive Sterbehilfe eine Tötung auf Verlangen. Nicht eine Krankheit, sondern Ärzte beenden dann ein Leben.

Diese Form der Selbsttötung mit Hilfe Außenstehender wurde in Deutschland und in Österreich per Verfassungszusatz verboten. Zu schwer wiegt bis heute in der Politik die Erinnerung an die Euthanasie in der Zeit der Nationalsozialisten, als das die Erkrankung eines Menschen zur Rechtfertigung für seine Tötung politisch in Frage käme. Die Öffnung hin zur aktiven Sterbehilfe wie in den Niederlanden und Belgien trägt die Politik im deutschsprachigen Raum daher nicht mit.

Klare Antworten in Fragen von Leben und Tod

Die lebhaft diskutierte Frage, ob der eigene Todeszeitpunkt individuell plan- und kontrollierbar sein darf, offenbart einen Wandel der Gesellschaft. Hinter den unterschiedlichen Gesetzen versteckt sich eine tiefgreifende Individualisierung der europäischen Kultur. Beruf, Wohnort, Lebensform, Livestyle und vieles mehr dürfen frei ausgesucht werden. Je stärker ein Mensch seine Identität und seinen Lebensalltag selbst bestimmt, desto größer wird der Wunsch danach, das eigene Schicksal nicht dem Zufall oder der Entscheidung Anderer zu überlassen.

Die Gesetze zur aktiven, bzw. passiven Sterbehilfe tragen dieser Individualisierung Rechnung. Dem Einzelnen eröffnet der Staat dadurch auch in gesundheitlichen Krisensituationen verschiedene Handlungsmöglichkeiten.

Wie weit diese Entscheidung gehen dürfen, kristallisiert sich im gesellschaftlichen Diskurs heraus. In Deutschland haben Patienten beispielsweise das Recht, sich in Form einer Patientenverfügung gegen lebensverlängernde Maßnahmen zu entscheiden. In Belgien tritt neben dieses „Sterbenlassen“ zukünftig auch die staatlich angeleitete Tötung auf Verlagen für schwer erkrankte Menschen. Unheilbar kranke Kinder erhielten somit ein Recht darauf, von ihren Ärzten getötet zu werden.

Der Freitod als radikalste Form der Selbstverwirklichung?

Wenn der Tod unausweichlich erscheint, mag er für schwerkranke Menschen womöglich seinen Schrecken verlieren. Für sie geht es dann nicht mehr um die Frage, ob, sondern vielmehr wie der Einzelne sterben muss. Wenn medizinische Gutachten qualvolle Schmerzen vorhersagen, bevor der Patient sterben wird, ist es nur menschlich, wenn die Betroffenen darüber nachdenken, wie sie ihrem Leiden angesichts der ausweglosen Situation entgehen könnten.

Der Wunsch nach einem schmerzfreien Tod allein rechtfertigt aber nicht die Tötung von Menschen. Nur weil der Einzelne sich für einen Freitod entscheiden mag, ist nicht entschieden, ob diese Entscheidung es auch wert ist, umgesetzt zu werden. Im Christentum ist der Wert jedes menschlichen Lebens nicht davon abhängig, ob die Lebensqualität durch Schmerzen beeinträchtigt wird. Ebenso gewinnt der Einzelne seine Autonomie nicht aus sich selbst heraus, sondern allein durch den Wunsch Gottes, dass er frei entscheiden möge. In diese Freiheit hinein stellt Gott schließlich die Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod.

Gesetze, die ein Recht auf den eigenen Freitod etablieren, laufen dieser Vorstellung des geschenkten Lebens entgegen. Der Mensch wendet sich durch seine eigene Tötung gegen die Hoffnung, dass sein Leben lebenswert ist und es auch bleibt, wenn er aufersteht. Diese Verneinung des Werts des eigenen Lebens ist mit dem christlichen Glauben nur schwer zu vereinen. Die christlichen Kirchen schließen die Entscheidung darüber, ob ein Mensch leben soll oder nicht, daher kategorisch aus und fordern ein gesetzliches Verbot der aktiven Sterbehilfe!

Ein Verbot aktiver Sterbehilfe verlangt nach einer starken Sterbebegleitung

Wenn der Freitod als Option ausgeschlossen ist, rückt die Begleitung des Sterbenden in den Mittelpunkt. Der letzte Lebensabschnitt wird stark durch Abhängigkeiten geprägt. Ähnlich wie in der Kindheit, sind schwer Kranke auf die Hilfe ihres Umfelds angewiesen. Innerhalb der Palliativmedizin werden die Sterben und deren Familien daher so gut wie möglich medizinisch und psychologisch begleitet. Durch die bestmögliche Betreuung soll den Patienten so ein Sterben in Würde ermöglicht werden.

Die behandelnden Ärzte brauchen für diese Arbeit klare gesetzliche Regelungen, in wie weit sie in den Sterbeprozess ihrer Patienten eingreifen dürfen, bzw. sogar müssen. Der Gesellschaft kommt die Verantwortung zu, für diese Arbeit klare Rahmenbedingungen zu schaffen, damit weder die Patienten, noch deren Familien die Last aufgetragen bekommen, in Extremsituationen Entscheidungen treffen zu müssen, deren Tragweite sie kaum abschätzen können.

Dario Rafael Hülsmann
kath.de-Redaktion

Der Papst ist keine PR-Kampagne (13.12.2013)

Papst Franziskus‘ Demut bringt ihn ins Time Magazine

Papst Franziskus ist vom Time Magazine zum Mann des Jahres 2013 gewählt worden. Dadurch wird deutlich, dass Jorge Mario Bergoglio, der Bischof vom „anderen Ende der Welt“ innerhalb weniger Monate das Paradigma von Berühmtheit, Öffentlichkeitsarbeit und Imagekampagnen radikal umgedreht hat. Franziskus wird gerade deswegen öffentlich geschätzt, anerkannt und respektiert, weil er bescheiden und demütig auftritt, unbequeme Dinge sagt und gerade nicht um die Aufmerksamkeit buhlt, die ihm geschenkt wird. Er bringt seine Themen ein und ist den Menschen nahe. Deshalb hat sich nach seiner Wahl im März dieses Jahres die mediale Berichterstattung über Vatikan und Kirche gewandelt, das Image des Papstamts hat eine Kehrtwende gemacht.

Das Image-Paradigma

Das Paradigma von Berühmtheit in der medialen Öffentlichkeit funktioniert wie folgt: Berühmte Personen sind oder werden deshalb berühmt und gegebenenfalls beliebt, weil sie berühmt oder beliebt werden wollen oder sollen. Sie selbst oder ihre Manager sorgen dafür, dass sie durch gezielte Medienkampagnen eine mehr oder weniger große mediale Aufmerksamkeit erreichen. Dahinter steht oftmals auch ein finanzielles Interesse. Nicht selten gehen diese gewollte Berühmtheit und das Buhlen um Aufmerksamkeit, um mehr Twitter-Follower, um Facebook-Fans und Fotos auf roten Teppichen einher mit relativ großer Aufmerksamkeit. Unvorteilhafte Fotos, schlechte Schlagezeilen und üble Nachrede sind dabei nicht selten an der Tagesordnung. Um einer größeren Aufmerksamkeit willen wird dies jedoch nicht selten in Kauf genommen, nach dem Motto: „Bad press is good press.“ Auch abseits der Stars- und Sternchenwelt und der sogenannten „Promis“ aller möglichen Kategorien, gibt es ein Interesse an positiver Öffentlichkeitsarbeit. Auch Politiker wie der US-Präsident haben PR-Berater. In der Politik geht es häufig darum, sein Gesicht zu wahren, das „Image“ nicht zu gefährden.

Papst Franziskus will nicht auffallen, deshalb fällt er auf

Darum geht es Papst Franziskus nicht. Wenn er das Image der Kirche in den vergangenen neun Monaten seit dem 13. März verändert hat, dann nicht, weil er es verändern wollte. Als er am Gründonnerstag Strafgefangenen die Füße wusch, salbte und küsste, tat er dies nicht, um damit Aufmerksamkeit zu erregen, sondern weil er es für richtig hielt, zu denen zu gehen, die gedemütigt sind, am Rand der Gesellschaft. Schnell wurde ihm vorgeworfen, er täte dies nur, um Aufmerksamkeit zu erheischen. Er breche mit der Tradition, Priestern in der Lateranbasilika in der traditionellen päpstlichen Gründonnerstagsliturgie die Füße zu waschen.

Diesen Vorwurf muss der Papst aushalten. Das Argument der absichtlichen, zur Schau gestellten Demut, lässt sich folgendermaßen entkräften: Ich möchte etwas tun, weil ich es für richtig halte. Ich handle mir mit dieser Tat eventuell den Vorwurf ein, es nur zu tun, um damit etwas anderes zu erreichen. Wenn ich es nun aber unterlasse, um diesem Vorwurf zu entgehen, dann unterlasse ich es nur, um dem Vorwurf zu entgehen und befinde mich in derselben Logik, als wenn ich es tue. Also kann ich es genauso gut tun. Diese Logik kann natürlich nicht verabsolutiert werden. Sie ist kein notwendiger Garant für die Korrektheit meiner Handlung. Ich kann damit aber meine Motivation überprüfen und solche Vorwürfe entkräften.

Demut zweier Päpste

Diese Demut beginnt aber nicht erst bei Papst Franziskus, vielmehr darf der Rücktritt von Papst Benedikt XVI. auch in diesem Licht gedeutet werden. Er hat seine eigene (Alters-) Schwäche erkannt und anerkannt und deshalb seine Person in den Hintergrund gerückt. Dadurch hat er das Papstamt gestärkt und sich persönlich Respekt und Anerkennung eingehandelt. Er hat diesen Schritt aber nicht getan, um respektiert und anerkannt zu werden, sondern weil er den Rücktritt an sich für richtig und angemessen hielt. Indem er bekanntgab, sich zurückzuziehen und sein Amt aufzugeben, muss ihm zwar klar gewesen sein, dass dieser Schritt nicht medial unkommentiert bleiben konnte. Der Grund für seinen Rücktritt war aber nicht, das Image des Papstamtes oder der Kirche zu verbessern.

Die Logik der Demut

So funktioniert nämlich nicht die Logik der Demut. Wenn die Welt Papst Benedikt wegen seines Rücktritts respektiert oder bewundert, dann tut sie es nicht, weil er respektiert oder bewundert werden will. Das Motto ist nicht: “Meine größte Tugend, was ich am meisten an mir bewundere, ist meine Bescheidenheit.” Papst Benedikt XVI. und Papst Franziskus begannen ihr Pontifikat auf der Mittelloggia des Petersdoms beide mit Worten und Gesten der Demut. Papst Benedikt sagte dort im Jahr 2005: „Ich bin nur ein einfacher demütiger Arbeiter im Weinberg des Herrn.“ Diese Demut hat er nicht nur mit seinem Rücktritt vom Papstamt bewiesen. Franziskus zeigte seine Demut, indem er sich zu Beginn seines Pontifikats vom Volk auf dem Platz segnen ließ bevor er selbst seinen ersten „Urbi et Orbi“-Segen sprach. Dies tat er nicht, um seine Demut zu zeigen, sondern um sich vom Volk segnen zu lassen, seinen Dienst unter den Segen des Volkes zu stellen. Kurz darauf sagte Papst Franziskus im Interview mit der Jesuiten-Zeitschrift „Civiltà Cattolica“ auf die Frage, wer er sei: „Ich bin ein Sünder.“

Das „Image“ der Armut

Der Papst hat – mit Christus – die Menschen in den Mittelpunkt gestellt; er geht zu denen, die am Rande stehen, die gerade nicht berühmt, anerkannt oder respektiert sind. Eine Kirche der Armen, die Papst Franziskus sich wünscht, ist gerade keine Kirche, die um jeden Preis ihr Image wahren will. Das kann sie auch gar nicht. Das Gesicht, also das „Image“ der Armut ist nämlich nicht schön anzusehen. Das geht nur mit den Augen Christi. Für diesen Blick, diese Öffentlichkeitsarbeit steht Papst Franziskus. An Weihnachten kann man diese Logik verstehen lernen: Gott kündigt die Geburt seines Sohnes nicht mit einer PR-Kampagne bei den ‚wichtigen‘ Leuten an, sondern er schickt seine Boten zu den Ausgestoßenen, den Outlaws der Zeit, den Hirten auf dem Feld. Sie sollen ihn empfangen, wenn er in ärmlichsten Verhältnissen in einem Stall geboren wird. Das gängige Paradigma von Imagekampagnen und PR ist damit durchbrochen.

Matthias Alexander Schmidt
kath.de-Redaktion