Zweimal 185 Seiten (29.11.2013)

Koalitionsvertrag und päpstliches Schreiben

In diesen Tagen haben besonders zwei Dokumente die Öffentlichkeit in Deutschland bewegt: Der Koalitionsvertrag von CDU, CSU und SPD sowie das Apostolische Lehrschreiben Evangelii Gaudium des Papstes. Zufällig haben beide Papiere 185 Seiten. Und dies ist nicht die einzige Gemeinsamkeit, die beide Texte aufweisen. Da sie wichtige Weichenstellungen für die Zukunft eines Staates bzw. der katholischen Kirche enthalten, wurden sie in den Medien intensiv behandelt und rezipiert. Dabei konnte man erstaunt sein, mit welcher Geschwindigkeit viele Journalisten sich durch die jeweils 185 Seiten gearbeitet hatten. Im Falle des Koalitionsvertrages überrascht das nicht – bereits etliche Wochen vor Veröffentlichung waren viele Inhalte durch die Koalitionsverhandlungen bekannt. Über die schnelle Einstufung des päpstlichen Lehrschreibens als „Revolution von oben“ oder als „katholische Kirchenreform“ kann geschmunzelt werden, denn welcher Journalist hat sich wirklich die 185 Seiten voll tiefer Gedanken und Wünsche von Franziskus komplett durchgelesen. Nichtsdestotrotz: Die beiden Dokumente haben eine intensive Beschäftigung verdient. Auch, da sie in einem Punkt ähnliche Dinge fordern: Die verstärkte Beteiligung der jeweiligen politischen bzw. kirchlichen Basis am Auftrag und an Entscheidungsprozessen. Damit werden die Zeichen der Zeit erkannt.

Mehr Beteiligung

Beim Koalitionsvertrag sorgt es bei großen Teilen von Union und Sozialdemokraten für Angst, dass die SPD-Mitglieder das letzte Wort in Sachen Annahme oder Ablehnung haben. Die viele Arbeit der letzten Wochen könnte durch ein Nein der mehr als 400.000 Genossen zunichte gemacht werden. Zahlreiche Politikwissenschaftler monieren, dass mehr Elemente der direkten Demokratie unser Staatssystem ins Wanken bringen könnten. Die Basisbefragung der Sozialdemokraten eben auch. Es würden nun nur einige hunderttausend Parteimitglieder bestimmen, was die große Mehrheit des Wahlvolkes bei der Bundestagswahl bestimmt hätte. Doch dies ist zu kurz gedacht. Denn es wird jetzt ja nicht darüber abgestimmt, welche Partei wie viele Sitze im Parlament bekommen soll, sondern es werden Konkretisierungen beschlossen. Inhaltlich passt es da gut zusammen, dass im Koalitionsvertrag eine stärkere Beteiligung und Teilhabe der einzelnen Bürger am gesellschaftlichen Leben, zu dem auch die Politik gehört, zugesichert wird. Ob dies so wirklich umgesetzt wird, ist eine andere Sache, aber wenigstens auf dem Papier wurde es festgehalten.

Die Impulse des Papstes

Das Lehrschreiben von Papst Franziskus wird von zahlreichen Journalisten als eine Art Regierungserklärung verstanden. In der Tat beschreibt der Pontifex in Evangelii Gaudium, wie er sich seine Kirche in Zukunft wünscht: Mit Freude an der Weitergabe des Glaubens, engagiert für die Menschen, neugierig auf innovative Formen des Christseins und weniger zentralistisch. Konservative Katholiken betonen eifrig, dass Franziskus nicht viel in der Kirche ändern möchten und es für ihn selbstverständlich weiterhin ausgeschlossen ist, Frauen zu Klerikerinnen zu weihen. Natürlich haben Kommentatoren dieser kirchenpolitischen Ecke mit dieser Analyse recht. Doch sie haben auch Angst, dass sich zu viel verändert und der Heilige Vater sich gleichsam selbst abschafft. Auch Franziskus will mehr Beteiligung der kirchlichen Basis am Auftrag der Kirche und Laien sowie besonders Frauen stärken. Er möchte sie auch an wichtigen Entscheidungen mit beteiligen.

Diese beim Koalitionsvertrag und in der katholischen Kirche erkennbare Tendenz, Beteiligung zu erleichtern, ist die richtige Richtung für die Institutionen Staat, Parteien und Kirche. Wenn sie an Bedeutung gewinnen und ihrem eigentlichen Auftrag nachkommen wollen, müssen sie eine stärkere Beteiligung für die Mitglieder möglich machen. Ganz gleich, ob sie nun Bürger, Genossen oder Gläubige heißen. Dieses Ansinnen muss jedoch ernst gemeint sein und darf nicht nur zu Publicity-Zwecken genutzt werden. Das Individuum soll und will beachtet werden. Ob die SPD-Führung dies wirklich bezweckt, wird sich zeigen. Die spürbare Furcht vor einer Ablehnung des Koalitionsvertrages durch die Mehrheit der Genossen ist jedenfalls groß, Spannungen zwischen Parteivorstand und Mitgliedern vorhanden. In der Kirche sieht das anders aus. Die Regierungserklärung von Franziskus kann als Ausdruck des großen Vertrauens in die einfachen Glaubenden und die Ortskirchen verstanden werden. Und dies wäre in der Tat eine kleine Revolution – auf 185 Seiten.

Roland Müller
kath.de-Redaktion

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