Verwirrung – oder die Suche nach einem neuen Stil in der Kirche? (22.11.2013)

Ein vatikanischer Fragebogen kursiert in der Welt, dessen gründliche Bearbeitung auch Theologieprofessoren nicht aus dem Ärmel schütteln. Die Fragen sind allesamt echte, offene Fragen. Währenddessen fordert der Präfekt der Glaubenskongregation, Erzbischof Müller, in einem Brief an die deutschen Bischöfe die Rücknahme einer Handreichung aus dem Seelsorgeamt der Erzdiözese Freiburg. Es geht um den möglichen Kommunionempfang Geschiedener, die eine neue Zivilehe geschlossen haben und um die Segnung solcher Lebensgemeinschaften. Der apostolische Administrator, Bischof Zollitsch, hat für das Schreiben  nicht viele öffentliche Worte übrig. Bei einer Versammlung des Diözesanrates bemerkte er sinngemäß, dass es nichts zurückzunehmen gäbe. Es bleibe, was es sei: Ein Beitrag zu einem laufenden Klärungsprozess.

Die Frage, die die Freiburger Handreichung bearbeitet, findet sich wortwörtlich in dem römischen Questionar, das in Vorbereitung der anstehenden Bischofsynode nicht nur, wie bisher üblich, an die Bischöfe, sondern an alle Gläubigen gerichtet ist: „Wie wird den getrennt Lebenden und den wiederverheirateten Geschiedenen die Barmherzigkeit Gottes verkündet und wie wird die Unterstützung ihres Glaubensweges durch die Kirche umgesetzt?“

Der Glaubenspräfekt

Der Präfekt der Glaubenskongregation hat schon mal verlauten lassen: So, wie der Freiburger Vorschlag lautet, nach allem, was die katholische Kirche bisher geregelt hat, geht es nicht! Die Begründung der Ablehnung lautet sowohl bei der Zulassung zur Kommunion als auch bei der Segnung neuer Lebensbünde nach einer geschiedenen Ehe, es bewirke eine Verwirrung bei den Gläubigen hinsichtlich der Unauflöslichkeit der Ehe. Verwirrung unter den Gläubigen hinsichtlich der Unauflöslichkeit der Ehe soll es also nicht geben. Das ist verständlich. Die Kirche darf sich von der Botschaft Jesu nicht entfernen und die ist klar: Was Gott verbunden hat, darf der Mensch nicht trennen.

Die Verwirrung

Aber wer stellt fest, ob tatsächlich Verwirrung unter den Gläubigen entsteht hinsichtlich der Unauflöslichkeit der Ehe und wie eine solche Verwirrung zustande kommt? Wer stellt fest, welches die entscheidenden Verwirrungsstifter sind in Sachen Familie und Lebensgemeinschaften? Es ist vielleicht nicht so gemeint, aber Betroffene können es nicht anders hören als mit arrogantem und gleichgültigem Unterton, angesichts der veränderten gesellschaftlichen Lebensbedingungen in Punkto Mobilität, Beschleunigung, wirtschaftlicher Liberalisierung, zunehmender interkultureller und interreligiöser Begegnungen, zu sagen: Die Geschiedenen sind objektiv widersprüchlich zu jenem Bund der Liebe zwischen Christus und der Kirche. Ist es seriös, angesichts derartiger gesellschaftlicher Veränderungen mit keiner differenzierteren Klärung aufzuwarten als vor 100 Jahren?

Was stiftet Verwirrung unter den Gläubigen? Dies ist tatsächlich eine entscheidende Frage. Aber es bleibt eine Frage, die nicht durch theologisches Spekulieren beantwortet werden kann – auch nicht von einem Bischof. Es ist vielmehr eine Frage, die zwar theologisch relevant ist, die aber nur empirisch, durch Erhebung der messbaren Fakten, zu klären ist.

Die Bischöfe

Deshalb es richtig, dass die Bischöfe in ihrer lehramtlichen und pastoralen Verantwortung den Raum für Diskussion und Erfahrung öffnen bei den Fragen, die im Bewußtsein der Gläubigen und der Bischöfe nachhaltig unklar bleiben – und damit Verwirrung stiften. Und die Frage nach dem Umgang mit wiederverheiratet Geschiedenen ist eine solche Frage. Die drei Bischöfe der Oberrheinischen Kirchenprovinz waren vor 20 Jahren nicht nur von billiger Widerstandslust geritten, als sie das Problem aufwarfen. Und seither hat sich nicht nur nichts geklärt, sondern das Problem hat sich verschärft.

Die Suche nach neuer Klarheit

Der Klärungsprozess ist spätestens seit dem Versand des Fragebogens eröffnet – vom Vatikan. Papst Franziskus hat die Methode vorgeben. Wenn keine Klarheit besteht, muss die Kirche sie suchen. Und Fragen, die empirisch geklärt werden können, müssen auch empirisch geklärt werden, da hilft auch das noch so gut gemeinte theologische Spekulieren nicht weiter. Und es hilft ebenso wenig weiter, dass theologische Positionen ausgeschlossen werden. Die Unauflösbarkeit der Ehe muß genauso vertreten sein in diesem Chor der Stimmen wie die Frage nach der Barmherzigkeit, der Möglichkeit zu Umkehr und Neubeginn und die Frage der umfassenden Integration in die Kirche für alle Menschen guten Willens. Dies aber wird nur gelingen, wenn alle gehört werden, die gehört werden wollen. Wer andere ausladen und ihnen das Wort verweigern will, der überführt sich als Kämpfer in einem Machtkampf. Auf diese Weise wird kein Frieden einkehren.

Die Methode

Es ist eine offensichtliche Erblast besonders der katholischen Kirche, dass sie in Machtkämpfen viel erfahrener ist als in offenen Konsultationsprozessen. Schon Papst Benedikt hat in dem ersten seiner Jesus-Bücher die Spielregeln für den neuen Stil formuliert: Es braucht Grundsympathie, um jemanden verstehen zu können. Papst Franziskus lebt es vor. Vor kurzem beehrte er einen seiner schärfsten Kritiker, den Italiener Mario Palmero, Bioethiker und Philosoph, mit einem Anruf. In der italienischen Zeitung „Il Foglio“ hatte der Wissenschaftler zusammen mit Alessandro Gnocchi den Artikel veröffentlicht: „Dieser Papst gefällt uns nicht“.  Papst Franziskus rief Palmero an und nahm Anteil an seiner Krebserkrankung. Als Palmero auf den Artikel zu sprechen kommen wollte, so berichtet er selbst, unterbrach ihn der Papst und sagte, er habe verstanden, dass die Kritik in Liebe vorgebracht wurde.

Die Lösung vieler offener, anstehender Fragen der Kirche wird in dem Maße gelingen, wie es den Teilnehmern an der Auseinandersetzung gelingt, so miteinander umzugehen, dass der Wille und die Bereitschaft, einander zu verstehen, ebenso gewichtet wird wie die Absicht, das eigene Anliegen zu vertreten.

Theo Hipp

kath.de-Redaktion

5 thoughts on “Verwirrung – oder die Suche nach einem neuen Stil in der Kirche? (22.11.2013)

  1. Dieser Artikel scheint mit ein Versuch zu sein, es allen recht zu machen. Den Begriff “Gläubige” kann man heute nicht mehr undifferenziert benutzen. Sind es die, welche zu 90% nicht mehr regelmäßig die Sonntagsmesse besuchen? Sind es die Anhänger von “Wir sind Kirche” und diverser Pfarrerinitiativen?
    Ist es “Deshalb … richtig, dass die Bischöfe in ihrer lehramtlichen und pastoralen Verantwortung den Raum für Diskussion und Erfahrung öffnen …”? Wenn alle Argumente bereits ausgetauscht sind, ist es sinnlos, noch weiter zu diskutieren. Dann sind Entscheidungen gefragt.

  2. @ Johannes Kubon, in der Tat, man könnte den Begriff “Gläubige” genauer anschauen.
    Hier sind die Kirchenmitglieder gemeint und ich maße mir nicht an, ihnen den Glauben abzusprechen.
    Ich würde Ihnen auch zustimmen, dass Glauben nicht gleich Glauben ist.
    Auch ist es richtig, dass zu entscheiden ist, wenn alle Argumente ausgetauscht sind. Falls Sie jedoch der Ansicht sein sollten, das dies bereits der Fall ist, teile ich diese Meinung nicht. Es genügt nicht, nur das gelten zu lassen, was bequem zu regeln ist und solche Erfahrungen, die sich nicht in ein vorgeprägtes Schema einordnen lassen, einfach zu übergehen.
    Allen Recht machen will es der Artikel nicht. Er sagt nur, dass alle einig werden könnten, wenn sie sich ernsthaft darum bemühen würden.
    Wenn es aber vor allem darum geht, Recht zu behalten, dann geht es nciht um die Wahrheit, sondern um Rechthaberei.

    • Ich würde mich freuen, wenn Sie mir ein Argument für die Zulassung wiederverheirateter Geschiedener zu den Sakramenten nennen, das noch nicht zur Sprache gekommen ist. Ihr Optimismus bzgl. der Einigung bei gutem Willen ist erstaunlich. Natürlich wollen alle die Einheit, aber zu ihren Bedingungen. Und wir hatten eine Einheit in der katholischen Kirche, die aber von gewissen Reformern aufgekündigt wurde, ohne auf die Gesamtkirche Rücksicht zu nehmen. Prüfen Sie doch bitte einmal, aus welchen Kreisen die sog. Diskussion, die laut der Aussage einiger Bischöfe nun nicht beendet werden kann, kommt. Sie kommt von Leuten, die nicht nur in dieser Frage, sondern generell das Lehramt der Kirche aushebeln wollen. Und die Bischöfe, die sich nun (von wem wohl?) als fortschrittlich loben lassen, sind doch nur Marionetten, die nach den Anweisungen der sog. Kirchenreformer tanzen. Es ist auch richtig, dass wir uns nicht anmaßen können, über den Glauben der Kirchenmitglieder ein Urteil zu fällen. Aber es gibt doch einige Hinweise, die zu denken geben. Ungefähr 90 % (ich will mich hier nicht auf eine exakte Prozentzahl festlegen) der „Kirchenmitglieder“ besuchen nicht regelmäßig den Sonntagsgottesdienst, wie viele davon manchmal, selten oder nie, weiß ich natürlich nicht. Aber dass diese Menschen ein reges privates Gebetsleben führen, in Glaubensfragen kompetent sind und den Mut haben, zu ihrer Kirche zu stehen, ist zumindest fraglich. Die von „Reformern“ immer wieder bemühte Sehnsucht nach der Eucharistie erscheint bei diesen Zahlen auch in einem anderen Licht. Der Vergleich zwischen Beichtzahlen und Kommunionempfang ist ebenfalls sehr aufschlussreich. Ich bin der Meinung, dass diese ganze Diskussion nur möglich wurde, weil der uneingeschränkte Glaube an die Gegenwart des Herrn in der Eucharistie weitgehend verschwunden ist, nicht nur, aber auch wegen des Versagens der Glaubensverkündiger.

  3. Immer wieder die gleichen katholischen Spitzfindigkeiten. Die Frage geht mMn nicht da los, ob eine vor Gott eingegangene Ehe vom Menschen geschieden werden darf, sondern warum wir noch immer davon ausgehen, dass Gott von uns eine lebenslange Bindung erwartet.
    Es ist nicht unerheblich zu lernen, verschiedene Lebenssituationen auch mal auszuhalten. Aber wird das Leben, welches mir Gott geschenkt hat in der Ehe zur Qual, dann ist weder Ehepartner, Kindern oder Gott höchst selbst damit geholfen, auf Gedeih und Verderb zusammen zu bleiben. Er schenkte uns schließlich auch ein Leben, dass wir auch zur Freude und zum Nutzen Anderer verbringen sollen.
    Lösen wir das Problem am Beginn der Eheschließung.

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