Sankt Martin rüttelt am Stuhl (08.11.2013)

Das hätte sich Rüdiger Sagel, der Sprecher der Linkspartei in NRW, sicher nicht träumen lassen: Da sollte ihn der heilige Martin einmal fast seinen Posten kosten. Mit seinen Äußerungen hat der ansonsten eher unscheinbare Linke seine Partei ganz schön in die Bredouille gebracht. Vor einigen Tagen forderte er, die traditionellen Feiern zu Sankt Martin in „Sonne-Mond-und-Sterne-Feste“ umzubenennen. Es sei angeblich nicht für Muslime hinnehmbar, bei Umzügen, die an einen katholischen Heiligen erinnern, teilzunehmen. Politisch korrekt sowieso nicht. Für diese wahrscheinlich unbedachten Worte erntete Sagel viel Kritik und Spott. Nicht nur von christlicher Seite, sondern bemerkenswerter Weise auch von Muslimen, Politikern anderer Parteien und sogar von linken Parteifreunden. Alle setzten sich für Sankt Martin ein, getreu dem Titel eines bekannten Martinsliedes: „Sankt Martin war ein guter Mann“. Die Bemühungen der Linkspartei, sich für eine möglichst große Trennung von Kirche und Staat einzusetzen, scheinen durch die Forderung nach einer Umbenennung der Martinsfeiern in Kindergärten derart der Lächerlichkeit preisgegeben zu sein, dass die Parteispitze der Linken sogar überlegen soll, Sagel als Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen. Das könnte ihm dann letztlich seinen Job auf NRW-Ebene kosten.

Christliche Prägung der Kultur

Der deutschlandweite Einsatz für den Heiligen aus Tours und die Kritik an seiner Abschaffung waren groß. Beeindruckend sogar für ein Land in dem das Christentum eine immer weniger bedeutsame Rolle spielt. Der Münsteraner Religionssoziologe Detlef Pollack hatte erst Anfang der Woche die beiden großen Kirchen gewarnt, dass der Verlust von Gläubigen durch nichts, auch nicht durch Reformen, aufzuhalten sei. Die couragierte Verteidigung Martins mag da verwundern. Und gleichzeitig auch nicht. Denn obwohl die Relevanz der kirchlichen Dogmen, Moralauffassungen und Glaubensinhalte schwindet, behält doch die christliche Prägung volkstümlicher Kultur einen hohen Stellenwert. Sie wird als Grundlage unserer Bräuche und Kultur schlechthin angesehen. Deshalb forderten Kritiker Sagels auch, dass die Feste doch bitte die Namen behalten sollten, die sie immer gehabt hätten. Dies mag richtig sein, doch wenn der Name auch derselbe sein mag, der Gegenstand des Festes ist es nicht. Wäre es da nicht sogar besser, den Namen der Martinsfeiern zu ändern, so wie es Sagel vorgeschlagen hatte?

Was macht einen Heiligen heilig?

Was zahlreiche Kindergartenkinder und deren Eltern am Martinsfest begehen, hat mit der eigentlichen Botschaft des Heiligen nicht zwingend etwas gemein. Christliche Heiligenfeste wollen durch die Feier und das Gedenken des Verehrten den Blick zu Gott hin frei machen. Das Leben des oder natürlich auch der Heiligen wird als Wirkungsfeld Gottes in unserer Welt verstanden. Oder um es mit dem bekannten Bild der bunten Glasfenster auszudrücken: Heilige sind wie die Scheibe eines großen Glasfensters. Bei Nacht sind sie dunkel, undurchsichtig und wirken fast dreckig. Aber wenn das Tageslicht hindurch scheint, erscheinen sie in zahlreichen Farben und lassen Formen erkennen. Somit sind Heilige Beispiele dafür, was mit Menschen geschieht, die sich auf Gott einlassen: Sie beginnen zu leuchten und werden verwandelt. Dies gilt auch für den Heiligen des 11. Novembers. Bei Martinsfeiern mit Reiterumzug und Laternen kommt dieser christliche Hintergrund jedoch viel zu kurz. Dass der heilige Martin seinen Mantel mit einem Bettler am Stadttor von Amiens teilte, wird zu Recht gefeiert. Aber es besteht die Gefahr, dass unter dieser Geste das Wesentliche verschütt geht. Denn Martin ist sicherlich ein Heiliger, der exemplarisch für Nächstenliebe und Solidarität stehen kann und muss. Es sollte aber unter keinen Umständen vergessen werden, dass er kein Heiliger ist, weil er vielen Menschen geholfen hat, sondern weil er sich ganz auf Gott eingelassen hat. Das eine ist die Folge des anderen. Der christliche Hintergrund jedoch ist das Fundament. Dies ließe sich an vielen anderen ursprünglich christlichen Festen durchdeklinieren: Advent, Nikolaus, Weihnachten, Ostern etc. Sie alle sind in der populären Kultur fest verankert. Die Anlässe dieser Feste sind oft unbekannt.

Konsequenzen aus der Entfremdung

Was bedeutet dies nun für die christlichen Kirchen? Wie sollen Sie mit dieser Entfremdung vom Christlichen umgehen? Wenn Christen die Frohe Botschaft vermitteln wollen, müssen sie nach Anknüpfungspunkten in der jeweiligen Kultur suchen. Das haben die ersten Christen getan und werden auch noch die letzten machen. Da die Kultur in Deutschland zu einem großen Teil vom Christentum geprägt wurde, stehen die Kirchen damit vor der kuriosen Aufgabe, an die Reste der eigenen Traditionen anzuknüpfen. Das ist ein riesiger Vorteil. Wenn es wirklich gelingt, die verschüttete Bedeutung hinter einem christlichen Fest auf anschauliche und positive Weise deutlich zu machen, kann dies der Beginn für einen neuen Glaubensweg sein. In den meisten Fällen dürfte es funktionieren, denn die christliche Tradition versteht es, die Menschen anzusprechen und Sehnsüchte und Ängste auszudrücken. Wo dies aber nicht möglich sein sollte, müssen andere Schnittstellen gesucht werden. Dabei sollte die Möglichkeit durchaus erwogen werden, sich von einem ehemals christlichen Fest zu distanzieren und um klar zu machen, dass das, was heute gefeiert wird, nichts mehr mit der eigentlichen Aussage zu tun hat. Oft dürfte dies jedoch nicht passieren. Und auf Sankt Martin trifft es selbstverständlich nicht zu.

Roland Müller
kath.de-Redaktion

5 thoughts on “Sankt Martin rüttelt am Stuhl (08.11.2013)

  1. Ich möchte noch einen Aspeekt zum Hl. Martin hinzufügen:
    Martin war römischer Soldat. Er diente der römischen Kaiser, vermutlich auch in unserem heutigen Deutschland. Martin erkannte, dass er ener weltlichen Macht diente, die sich anschickte, sich auch als einzig legitime geistliche Macht verehren zu lassen (Deus Sol). Ein solcher Macht verweigerte er den Dienst als Soldat. Er bekehrte sich ganz und gar zur radikalen Nachfolge Jesu; er verweigerte den Diest an der Waffe; denn das Soldaternhandwerk widersprach dem Grundsatz seines Gewissens, vorrangig dem Ruf Gottes zu folgen!

  2. Ein dümmlicher, ein überflüssiger, letztlich auch (für einen Katholiken) ärgerlicher bis beschämender Kommentar!

    Hier die Stellungnahme des als “lächerlich” bezeichneten Beitrags zur Diskussion (eigentlich hat er sie erst einmal angestoßen) des zitierten Herrn Sagel, Landessprecher der Linken in NRW.

    Recht hat der Mann.
    Ich würde mir wünschen, dass “Kirche” und alle, die sich ihr in Amt und Würde zugehörig fühlen, einmal so schnell auf die gigantischen Konflikte in unserer Gesellschaft und weltweit reagierten:

    Arbeitslosigkeit, Minijobs, Leiharbeit, Werkverträge, Mindestlohn, Einsamkeit, Geschiedene und Wiederverheiratete, Frauen in Not, die bis hin zur Verschleppung und Zwangsprostitution reicht, die ganze Krise der Finanzmärkte, der große politische Betrug an Jugendlichen, Rentnern und Alleinstehenden, die Kaputtstrukturierung der öffentlichen Infrastruktur – zu all dem halten die “Kirchler” das Maul, richten sich’s ein, lassen sich feiern, bauen sich Residenzen, lassen sich von Nichtmitgliedern subventionieren. Nicht zu einen einzigen, nur lückenhaft aufgezählten Problemen trauen sich die Marxens und Co in deutschen Bischofshäusern ein ernstes Wort, vor allem aber eine sichtbare Tat zu leisten.

    In diesem Kommentar aber – es ist ja so einfach, unter Seinesgleichen die Bratpfanne zum Draufschlagen rauszuholen – macht sich ein Mitläufer nicht die Finger schmutzig, wenn er – der Mehrheit gewißlich – den Mann von der Linken einer konstruierten Lächerlichkeit preisgibt.

    Ah, Bäh, Katholisch? Oh Gott oh Gott. Jesus wußte genau, warum er die falschen Propheten aus dem Tempel gejagt hatte.

    Und Martin würde den selbsternannten Rittern der katholischen Überheblichkeit die Sporen in den denselbigen drücken. …

    6. NOVEMBER 2013 – Landessprecher “Die Linke” Rüdiger Sagel
    Sagel: Verbot des St.Martin Fest nicht meine Meinung

    St. Martin wäre heute ein Linker
    “Dass St. Martinsumzüge nicht mehr stattfinden sollen oder der katholische Heilige gar abgeschafft wird, ist nicht meine Meinung,” stellt LINKE-Sprecher Rüdiger Sagel klar. “Einige meiner Aussagen sind offensichtlich oder absichtlich missinterpretiert worden. Wenn sich davon jemand betroffen fühlen sollte tut mir das leid. Die Botschaft des katholischen Heiligen Martin, den Mantel zu teilen und den Armen zu helfen, ist auch ein zentraler Bestandteil unserer Politik. Kinder sollen auch weiterhin mit ihren Laternen bei den Martins-Umzügen ihre Freude haben. Die Frage, wie eine Trennung von Kirche und Staat, insbesondere auch in Einrichtungen, die aus öffentlichen Geldern finanziert werden, realisiert wird, bleibt für mich auf der Tagesordnung.”

  3. Ach ja, beinah hätt’ ich’s vergessen: was Martinsumzüge heute sind – gerade marschierten ca. 600 Leute am Haus vorbei – haben wir, Katholiken, Eltern, selbst daraus gemacht: wir haben uns einfangen lassen von Werbung und Kaufmärkten, haben den Sinn des Festes so lange hingedrechselt, bis er in Zuckerguß und Lampions aufging – und die Pfarrer’s haben nichts dagegen unternommen – so machen es Hoteliers auch: besser ein tumber Gast als gar keiner.

    Dass die Kinder heute St. Martin nicht mehr identifizieren können, kann man ihnen nicht vorhalten. Aber wir untergraben das Fundament unserer christlichen Mit-Heiligen auf “Deubel komm raus!” Das heißt nichts anderes als: “Kirche” entleibt sich selbst.

    Bezug zum vorherigen Kommentar:
    St. Martin würde man mit allen Mitteln (auch des Kommentierens) aus dem Land treiben, wenn man das, was der Mann tat, ins Heute übersetzt. Deshalb: lasst uns bescheiden werden, was unsere Ansprüche an die Welt betrifft, und unsere Ansprüche wachsen, was uns Katholiken betrifft. So gesehen hat Franziskus noch einen unendlich erscheinenden langen Weg vor sich, um Glaubwürdigkeit des “Katholischen” wiederherzustellen.

  4. @Respekt: Was hält Sie davon ab, mit IHrem Namen für das einzustehen, was Sie zu sagen haben? Sie nutzen ein freies Forum für abwertende Urteile. Allein schon durch die VErweigerung Ihrer Identität geben Sie zu: Es lohnt sich nicht, mich ernst zu nehmen. Und zur Sache: Sagen Sie doch einmal, was der Herr Sagel eigentlich sagen wollte, wenn er das nicht gesagt haben will, was viele von ihm sagen…… Wir setzen uns gerne mit ihm darüber auseinander, was er gesagt haben will zum Martinsfest und zu “Sonne, Monde und STerne”.

  5. “Bitte, bitte, lieber Gott, mach uns alle solidarisch, damit wir das von allen Erarbeitete brüderlich teilen können.” Damit hat der Moralverkäufer die vielen Armen, die sich nichts dabei denken, auf seiner Seite; in Wahrheit wird wieder nur das Folgende bewiesen:

    “Die größte Tragödie in der Geschichte der Menschheit ist wohl die, dass die Moral von der Religion mit Beschlag belegt wurde.”

    Arthur C. Clarke

    Der Moralverkäufer überträgt das Prinzip der Solidarität, das nur in der Familie oder in einer dörflichen Urgemeinschaft von bis zu 150 Mitmenschen funktioniert, auf eine Volkswirtschaft mit vielen Millionen Menschen, in der dieses Prinzip begreiflicherweise nicht funktioniert. Solange aber genügend Dumme glauben, eine “Moral” könne wichtiger sein als die Regeln der makroökonomischen Grundordnung, lässt sich das arbeitende Volk umso leichter ausbeuten! Die Tragödie ist umso tragischer, als dass sie schon seit Jesus von Nazareth, der kein Prediger, sondern ein Weiser war, zu beenden gewesen wäre:

    http://opium-des-volkes.blogspot.de/2013/11/macht-oder-konkurrenz.html

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