Müssen Bischöfe mediale Vorbilder sein? (01.11.2013)

Nach dem Missbrauchsskandal 2010 und dem aktuellen Hype um die mangelhafte Transparenz der Bauvorhaben des Bistums Limburg steht die katholische Kirche in der Kritik. Jahrzehntelang wurden der Öffentlichkeit sexuelle Übergriffe und die Höhe kirchlicher Vermögen vorenthalten. Wenn Bistümer, wie das Erzbistum München oder das Erzbistum Köln, die Höhe ihrer Rücklagen nicht beziffern können, verfestigt sich der Eindruck, die Bischöfe wollten sich der öffentlichen Kontrolle entziehen. Sie drohen ihr Ansehen als Vorbilder für die Gesellschaft zu verlieren.

Besonders Bischof Tebartz van Elst bekam die mediale Kritik in den letzten Wochen am eigenen Leib zu spüren. Zeitungen aller Couleur brachten Negativschlagzeilen, mit teilweise realitätsfernen Vorwürfen, der Bischof besitze wertvolle Koi-Karpfen, sei geistig krank oder lasse seine Mitarbeiter abhören. Die unübersichtliche Gemengelage rund um die Baukosten trug ihr Übriges dazu bei, den verantwortlichen Bischof an den Pranger stellen zu können. Wer neben dem Bischof für die getroffenen Entscheidungen Verantwortung trägt, ist unklar. Der anstehende Untersuchungsbericht der Deutschen Bischofskonferenz soll Fakten auf den Tisch bringen. Viele Journalisten verbinden damit die Erwartung, dass der Limburger Oberhirte seinen Rücktritt erklären wird. Die mediale Berichterstattung über die Person Tebartz van Elst’ würde damit ihren traurigen Höhepunkt erreichen.

Die Kirchen haben ihre herausragende Stellung verloren

An dem Verlauf der Ereignisse in Limburg ist klar geworden, dass von der Gesellschaft Bischöfe nicht mehr einfachhin als Vorbilder gesehen werden. Das war einmal anders. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und dem Widerstand gegen über die Nazi-Diktatur waren die katholischen Bischöfe die Personen, denen die Gesellschaft weite Teile der sozialstaatlichen und bildungspolitischen Einrichtungen anvertraute. Mit ihrer hohen moralischen Integrität leitet die katholische Kirche in Deutschland staatlich bezuschusste Schulen, Krankenhäuser, Altersheime, Bildungseinrichtungen oder Sozialprojekte. Jahrzehntelang wurde den Bischöfen diese Leitungsverantwortung zugetraut und anvertraut. In dem Maß, in dem die katholische Kirche in die Negativschlagzeilen gerät und die Kirchenbänke leerer werden, wird die Forderung lauter, der Kirche diese Verantwortung wieder zu entziehen. Dass die Politik in absehbarer Zeit darauf eingehen wird, ist eher unwahrscheinlich.

Der Staat profitiert von den Kirchen

Schon allein historisch bedingt müssen die Bundesländer die Bistümer finanziell unterstützen. Staatsrechtlich ging die BRD bei ihrer Gründung die Verpflichtung ein, die Kirchen für die Enteignung ihres Vermögens zu entschädigen, das 1803 nach dem napoleonischen Krieg in Staatshand überging. Jährlich wechseln seitdem allein für Gehälter kirchlicher Bediensteter und Bischöfe rund 460 Millionen von staatlichen kirchliche Konten. Hinzu kommen Überweisungen und Sachleistungen. Die Bundesländer könnten sich dieser finanziellen Verpflichtung nur durch eine einmalige Ablöseregelung entziehen, woran kirchliche Vertreter wiederholt ihr Interesse bekundeten. Die Milliardenschwere Abfindungssumme erschien der Politik allerdings bisher immer zu hoch. Ein Ende der Zahlungen ist nicht in Sicht.

Und auch die finanzpolitischen Interessen des Bundes und der Länder sprechen gegen ein Ende der engen Einbindung der katholischen Bistümer in staatliche Aufgabenbereiche. Die Kirchen zahlen jährlich über 280 Millionen für die staatlich organisierte Erhebung der Kirchensteuer an den Staat. Rund 3% der Einnahmen verbleiben direkt in den Staatskassen. Durch die starke Beteiligung kirchlicher Sozialwerke, wie etwa der Diakonie oder der Caritas, an sozialstaatlichen Aufgaben, spart der deutsche Staat außerdem indirekt Kosten in Milliardenhöhe! Auch hier profitieren alle Bürger von den Kirchensteuermitteln, die von einem kleinen Teil der Bevölkerung gezahlt werden, jedoch in sozialstaatlichen Einrichtungen allen Bürgern zugute kommen. Finanziell wird die Politik daher auch in Zukunft den Schulterschuss mit den Kirchen suchen – selbst wenn der Druck durch die Öffentlichkeit weiter wachsen sollte.

Kirche – Staat – mediale Öffentlichkeit

Die Kirche tut folglich auch weiterhin Gutes in Deutschland – mit der Unterstützung und dem Vertrauen des Staates. Anders als im 19. und 20. Jahrhundert ist heute jedoch nicht mehr das Verhältnis der Kirche zum Staat so entscheidend. Papst Benedikt XVI. verwies darauf, als er 2010 bei seiner Deutschlandreise eine stärkere Trennung von Kirche und Staat forderte. Entscheidend ist heute die Beziehung zwischen Kirche und (medialer) Öffentlichkeit. Hier gilt es, die Voraussetzungen zu schaffen, um den Auftrag der Verkündigung des Evangeliums in der Gesellschaft nachfolgen zu können.

Eine Gesellschaft, in der selbst Bundespräsidenten wegen des Verdachts auf finanzielle Ungereimtheiten und medialer Kontrolle zum Rücktritt gedrängt werden, beäugt die kirchliche Intransparenz kritisch. Der gute Wille und guten Taten reichen für die Kirche nicht mehr, um sich bei den Menschen Ansehen zu verschaffen und Vertrauen aufzubauen. Auch ihr Bild in sowie ihre Beziehung zur Öffentlichkeit sind entscheidend geworden. Die Bischöfe stehen medial für die Fehler der Kirche gerade. Sie repräsentieren die Ziele und die Arbeit der Kirche persönlich. Dadurch ist auch zu erklären, weshalb sich an Bischof Tebartz van Elst so viel allgemeine Kirchenkritik entladen konnte.

Ohne Transparenz kein Vertrauen

Die Bischöfe müssen sich an den hohen moralischen Anforderungen messen lassen, welche die Gesellschaft von ihnen erwartet. Dafür reicht es nicht, ein guter Seelsorger zu sein. Zuerst muss öffentlich gemacht werden, was die Kirche macht und besitzt. Die Mehrheit der Bistümer hat bereits das Vermögen des Bischöflichen  Stuhls veröffentlicht. Die Bistumshaushalte und Rücklagen sollen zeitnah folgen. Damit einhergehend müssen aber auch die Oberhirten zu authentischen Vorbildern in den Medien werden. Es reicht nicht, ein guter Bischof zu sein. Ein Bischof muss auch als guter Bischof wahrgenommen werden.

Durch den Papst sind die Anforderungen an die Bischöfe gewachsen

Unter dem Pontifikat von Papst Franziskus ist das aber besonders schwer geworden. Wenn der Bischof von Rom Gebrauchtwagen fährt und ein Kreuz aus den Trümmern gekenterter Flüchtlingsboote benutzt, löst das Begeisterung aus. Gleichzeitig gehört die Größe des Autos in Deutschland für viele Bischöfe zum guten Stil. Auch wenn die Neuanschaffung von S-Klasse-Wagen im Erzbistum Köln angesichts eines Haushaltes von jährlich 758 Millionen Euro nur ein kleiner Posten sein mag, stehen teure Autos und First-Class-Flüge im Kontrast zu dem betont einfachen Lebensstil des Papstes. Die Maßstäbe, an denen sich die deutschen Bischöfe jetzt messen lassen müssen, haben sich durch die symbolischen Handlungen des Papstes verschoben. Die deutschen Bischöfe sind also gut beraten, wenn sie für die Zukunft ihr Auftreten und ihr Handeln kritisch darauf reflektieren, welche Wirkung es in den Medien haben wird. Denn nur als mediale Vorbilder können sie den Blick der Menschen darauf lenken, was die Kirche ist, macht und hofft.

Dario Rafael Hülsmann
kath.de-Redaktion

One thought on “Müssen Bischöfe mediale Vorbilder sein? (01.11.2013)

  1. Der Kapitalismus sagte noch vor ein paar Jahren: ” Gib jedem Kommunisten ein Auto- und der Kommunismus ist tot !”.

    Der gut bezahlte Klerus hat (in Deutschland ?) den Spagat zwischen Mammon und Gott nicht geschafft – mit fatalen Folgen (s.o)… !

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