Unentschiedenheit und Elternfürsorge (18.10.2013)

Die Studentengeneration der Zögernden

Das Wintersemester hat begonnen. Noch mehr Studenten kommen an die Universität. Mit etwa 500.000 Neuanfängern kann man rechnen. Da in den meisten Bundesländern die Abiturprüfungen zeitlich so liegen, dass die Abiturienten nicht mehr den Einstieg in das Sommersemester schaffen, gibt es im Herbst sehr viel mehr Erstsemester. Welche Generation kommt zum Studium, welche Erwartungen können an die künftigen Lehrer, Ärzte, Geschäftsführer, Pfarrer gestellt werden? Das hier aus vielen Beobachtungen zusammengestellte Mosaik zeigt wenige Konturen.

Die Trendfächer: optimieren was da ist

Betriebswirtschaft, Maschinenbau und Jura sind die meist gewählten Fächer. Da der Zugang zur Medizin beschränkt ist, rangiert sie nicht auf vorderen Plätzen. Wer diese Fächer wählt, will seinen beruflichen Erfolg in der Organisation von Abläufen machen: Als Betriebswirt Prozesse optimieren, als Jurist beraten, Verträge ausarbeiten, Rechte seiner Klienten durchsetzen. Maschinenbau zielt auf die deutschen Vorzeigeindustrien. Für diese Fächergruppe ist die intensive Werbung um Nachwuchs wirksam geworden. Die Zahlen deuten darauf hin, dass die nachwachsende Studentengeneration bei dem bisherigen System bleiben will und Berufe wählt, um dieses System zu optimieren. Die Nachkommen der Achtundsechziger zeigen wenig Bereitschaft, grundlegende Änderungen herbeizuführen. Sie verstehen bereits das Studium anders:

Studieren als Fortsetzung der Schule

Wer ein Abiturzeugnis mit nach Hause bringt, für den heißt der nächste logische Schritt “Studium”. So erwarten es die Eltern, die ihren Kindern die Arbeitslosigkeit ersparen wollen, die ihnen selbst in den Achtziger und Neunziger Jahren gedroht hatte. Studium wird von den Eltern als Basis für einen auskömmlichen Verdienst gesehen, es muss verwertbar sein, kein “Orchideenfach”. Diese Ausgangsbasis lässt nicht erkennen, wo die neuen Impulse für die Gesellschaft herkommen sollen, wenn die Energiewende bewältigt, genügend Kindergartenplätze mit Ganztagsbetreuung, auch für die Zwei- und Dreijährigen, zur Verfügung stehen, die Brücken saniert und China mit deutschen Werkzeugmaschinen und Premiumautos ausgestattet ist.

Eine weitere Beobachtung kommt hinzu: Studierende richten sich im Lebensraum der Universität, der Hochschule ein. Sie bleiben eigentlich Schüler, indem sie das lernen, was ihnen vorgegeben wird. Das wird durch die stark reglementierten Bachelor-Studiengänge verstärkt. Zugleich berichten Hochschullehrer, dass die straffere Studienordnung das fehlende inhaltliche Interesse kompensieren muss. Ergänzende Lektüre zu einem Fach, Interesse für eine Fragestellung bringen die Studierenden immer seltener mit. Es ist nur folgerichtig, dass die Bachelorisierung einem Studententyp entspricht, der vorgesetzt bekommen will, was er zu lernen hat. Bildung, einstmals das lockende Ziel, sich mit Inhalten aus Interesse und nicht prüfungsbezogen auseinanderzusetzen, taucht weder bei Facebook noch im Gespräch der Studierenden auf.

Das erklärt sich zumindest teilweise durch das Erziehungshandeln der Eltern:

Nicht Anforderungen bewältigen, sondern Steine aus dem Weg geräumt bekommen

Hört man sich bei den Erziehungsinstitutionen um, berichten alle einhellig, dass die Eltern ihre Aufgabe sehr anders sehen als die Eltern der Achtundsechziger. Sie fühlen sich nicht nur verantwortlich, den Ausbildungsweg der eigenen Kinder zu lenken, sondern ihnen auch möglichst alle Schwierigkeiten aus dem Weg zu räumen.

Die Studienberatungen deutscher Universitäten erhalten immer mehr Anfragen von Eltern. Ebenso schalten sich Eltern ein, wenn ihre Kinder in der Schule Schwierigkeiten haben. Sie stehen prinzipiell auf Seiten ihrer Kinder, die Lehrer sind “Schuld”. Wenn ihre Kinder auf dem Schulhof gewalttätig werden, Inventar beschädigen, sich Frechheiten herausnehmen, werden sie von den Eltern in Schutz genommen. Eine Erziehungspartnerschaft mit den Erzieherinnen im Kindergarten oder den Lehrern in der Grundschule werden nicht mehr angestrebt. Die Erziehungseinrichtungen sollen die Kinder fit für den Beruf machen. Ein Beispiel dazu: Eine Schulklasse kommt von einer längeren Busfahrt zurück. Die Eltern stehen bereit, ihre Kinder abzuholen. Als der Klassenlehrer von den Schülern und Schülerinnen verlangt, dass sie den Abfall aus dem Bus mitnehmen, protestieren einige Eltern energisch: Das sei doch Aufgabe des Busunternehmens, ihren Kindern sei das nach einer so langen Fahrt nicht mehr zuzumuten.

Die Anforderungen werden unter der Hand heruntergeschraubt

Weil die Eltern den Kindern zu viele Steine aus dem Weg räumen, delegieren diese die schwierigen Aufgaben an die Eltern. Die Eltern beauftragen dann Kindergarten und Schule mit der Umsetzung. Was früher den teuren Internaten aufgegeben war, den Kindern zu einem ordentlichen Schulabschluss zu verhelfen, gilt aus der Sicht der Eltern für die normale Schule. Unter der Hand kommt die Schule diesem Auftrag nach, indem sie die Anforderungen langsam, aber kontinuierlich senkt.

Fit für den Beruf, Bildung ist nicht mehr wichtig

Insgesamt zielt der Wunsch der Eltern auf den Erfolg nach Noten. Der Schriftsteller Heinrich Peuckmann, der auf eine lange Berufserfahrung als Deutschlehrer an einem Gymnasium zurückblickt, stellt für seine Generation fest: Viele haben ihren beruflichen Aufstieg den Bildungsreformen der späten Sechziger und Siebziger Jahre zu verdanken. Weitergeben haben sie aber nicht das Bildungsideal ihrer Generation, sondern die Teilhabe am wirtschaftlichen Aufschwung, Auto, Eigenheim, Reise. Aus den siebziger Jahren ist ein weiteres Erbe entstanden, das zu Lasten vor allem der Geisteswissenschaften geht.

Mit der Abschaffung des bürgerlichen Gymnasiums wurde auch der Kanon der literarischen und philosophischen Texte über Bord geworfen. Es mussten nicht mehr Werke der Literatur, ob Klassik oder Moderne, gelesen werden. Um die Kinder der Arbeiter mit ihren Medienpräferenzen zu erreichen, zielt der Literaturunterricht nicht mehr auf die Kenntnis der Werke, sondern der Formate. Werbung, Fernsehserien und jetzt Interneteinträge stehen neben den großen Texten der Literatur und Philosophie. Nicht mehr die Inhalte werden rezipiert, sondern nur noch die literarischen Genera, also ob Gedicht, Novelle oder Roman. Das erklärt dann, warum die Inhalte nicht mehr so wichtig erscheinen. Da die Internetplattformen, so das stark genutzte Facebook, mit ihren Begrenzungen des Textumfangs das Kommunikationsverhalten der Jüngeren mehr prägen als Reclamhefte oder Romane, werden auch nur noch Kurzeinträge, Flashs und allenfalls Abstracts für notwendig empfunden, um sich zu informieren. Damit sind auch die Schul- und Studienfächer nicht mehr so relevant, die größere Zusammenhänge darstellen, wie ein Roman oder ein religiöser Text, die das Ganze des Lebens in den Blick nehmen.

Es gibt dann keine Räume mehr, in denen Anderes als Aktuelles zur Sprache kommt. Wenn die großen Texte nicht mehr gelesen werden, bleibt der jungen Generation nur die Reaktion auf Informationen und kurze Posts in Facebook. Aber die ständig anschwemmenden Informationen, die wenigen Zeilen unter Fotos erschließen nicht die Dimension, in der es um das Gelingen eines ganzen Lebens geht. Die Reformen der Achtundsechziger, die noch selbst aus der Buchlektüre ihre Ideen entwickeln konnten, haben mit der Abschaffung der “bürgerlichen Literatur” zugleich auch den Zugang zur Bildung verbaut. Die Social Media, so die ständig aktualisierten Nachrichtenleisten, die Timeline von Facebook, die eingehenden Emails können damit leicht ein Informationsverhalten prägen, das auf die schnelle Wahrnehmung und das dann möglichst schnelle Vergessen von Informationshäppchen ausgerichtet ist.

Größere Erzählbögen, der gesamte Lebenslauf eines Menschen, die Übersicht über eine Epoche, die Sicht eines Philosophen, eines Soziologen oder Politologen überschreiten die Wahrnehmungskapazität der Jahrgänge, die nach Abschaffung des “bürgerlichen” Bildungsideals das Abitur erreicht haben. Menschen, die dieses Defizit spüren, schaffen erst meist nach der Pensionierung den Ausstieg aus dem bloß Aktuellen und holen nach, was ihnen als Jugendliche an Bildung verwehrt wurde.

Es liegt wohl an den fehlenden Perspektiven, die Bildung einmal eröffnet hat, dass Jugendliche für ihren Lebensentwurf keinen großen Bogen entwickeln können.

Die Geisteswissenschaften trocknen aus
Ein weiterer Faktor, auch Erbe der Achtundsechziger-Reformen mit der Abkehr von den Bildungsinhalten hat dazu geführt, dass Texte nicht mehr gelesen werden und auch gar nicht mehr gelesen werden können. Wenn dann noch das Interesse fehlt, den Dingen auf den Grund zu gehen, Zusammenhänge zu verstehen, aus der Geschichte zu lernen oder gar, wie in den Literatur- und Bibelwissenschaften gefordert, Texte zu interpretieren, fragt sich, woher der Nachwuchs kommen soll, der nicht nur funktioniert, sondern sich mit dem Ganzen auseinandersetzt.

Bisher haben die Geistwissenschaften die Ressourcen gepflegt, mit denen die Zeitläufe überhaupt verstanden, der Zeitgeist entziffert werden konnte, Beiträge für das kulturelle Leben erstellt und für die Gesellschaft neue Ziele entworfen. Das hat auch mittelfristig für die Politik fatale Folgen. Was die kommunistischen Systeme und Diktaturen der islamischen Länder durch ihre Gleichschaltungspolitik und die immer mehr verfeinerte staatliche Kontrolle hervorgebracht haben, nämlich stagnierende Gesellschaften, betreiben die Demokratien mit der Abschaffung des Bildungsideals, den Kommunikationsmustern der Social Media und der Datensammelei von Apple, Facebook und Google. Die Konsequenz ist:

Eine unentschlossene Generation

Die Bildungsreformen der Achtundsechziger fußten auf einer intensiven Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Fragen, die in Philosophie, Soziologie und Literatur thematisiert wurden. Zur Vergewisserung für die eigenen Reformprojekte wurde gelesen. Diese Leseerfahrungen wurden jedoch nicht an die nächste Generation weitergegeben. Verkürzt könnte man sagen, es wurden Computer und dann Smartphones verschenkt, die Auswahl der Inhalte stellte man den Jugendlichen anheim. Das hat nicht nur das Lesen in den Hintergrund gerückt.

Es liegt wohl an den fehlenden Perspektiven, die Bildung einmal eröffnet hat, dass Jugendliche für ihren Lebensentwurf keinen großen Bogen entwickeln können. Ein Symptom ist folgende Beobachtung:

Viele Abiturienten, die früher ein Soziales Jahr absolvierten oder Wehrdienst leisteten, treten eine Weltreise an oder fliegen nach Australien oder Neuseeland. Eine Schulseelsorgerin hat in diesem Jahr Abiturienten nach ihrer Studienwahl befragt. Ihr schlug Ratlosigkeit entgegen. Wenn es keine große Vorstellung vom Leben mehr gibt, dann ist es tatsächlich nicht mehr möglich, sich mit dem Studium eine Basis für einen Lebensentwurf zu erarbeiten. Dann gibt es immer weniger studierende, die sich den Geisteswissenschaften zuwenden. Philosophie und Theologie wählen weniger als 1% der Studienanfänger. Einpassung in das System ist dann das, was aus Sicht der Studenten wie ihrer Eltern die Universität zu leisten hat.

Eckhard Bieger S.J.
kath.de
-Redaktion

2 thoughts on “Unentschiedenheit und Elternfürsorge (18.10.2013)

  1. Der Kommentar von Herrn Bieger klingt recht deprimiert, vielleicht sogar resigniert. War früher nicht doch alles besser? Sicher, eine ganze Reihe der aufgeführten Punkte sind problematisch, aber sie spiegeln das gesellschaftliche Großklima wieder, das Klima einer Gesellschaft, bei der die Achtundsechtziger doch ihren Marsch durch die Instanzen der Bürokratie weitgehend erfolgreich abgeschlossen hatten.

    Ich wehre mich ein bisschen dagegen, die Universität und das aktuelle Bologna-System für die Schlechtigkeit der Welt voll verantwortlich zu machen. Hier gibt es sicher handwerklich Schwierigkeiten, aber ein gut entwickelter Bachelor- (und Master!)-Studiengang steht dem Diplom nicht nach. Was mich als an der Hochschule Lehrenden eher wundert ist, dass Erstsemester bereits genau im Blick haben, dass das Studium in Regelstudienzeit zu absolvieren ist. Dass das, was nichts im System zählt (keine ECTS-Punkte), auch im übertragenen Sinn nichts bringt und nicht belegt werden muss.

    Es stimmt, dass viele Erstsemester nicht genau wissen, was sie wollen – und insbesondere nicht, warum sie es wirklich wollen (außer einen gut bezahlten Job zu bekommen); und so reagieren Universitäten z.B. darauf, indem sie die Studierenden der unteren Jahrgänge mehr an die Hand nehmen. Wir streiten immer wieder darüber, wie notwendig eine solche Vorgehensweise ist: Verlieren wir durch mangelnde Unterstützung in der AUS-Bildung Fachkräfte für die Zukunft – oder bieten wir durch ein Rundum-Sorglos-Paket den Studentinnen und Studenten zu wenig Herausforderungen zur selbstbestimmten (Persönlichkeits-)Bildung?

    Warum studieren jetzt alle BWL und Ingenieurwissenschaften? Bei den Ingenieuren mag es so sein, dass das seit Jahren wiederholte Matra des Fachkräftemangels mittlerweile in den Köpfen der Schülerinnen und Schüler angekommen ist. BWL ist etwas Generisches, was “mit Wirtschaft zu tun hat”. Ich spekuliere: In einer Gesellschaft, in der es weniger strukturelle Rahmen gibt – durch gemeinsame Wert- oder Glaubensvorstellungen, Vereine, Familie usw. – ist da nicht das Festhalten an einer monetären Sicherheit, die eine gute Zukunft verspricht, das, was nahe liegt? Andererseits habe ich vor einigen Minuten durch eine Fotoserie von SPIEGEL Online geklickt: Da waren ein Jurist und ein oder zwei BWLer. Dazu Soziologen, Ethnologen, Grundschullehrerinnen, Germanisten, Amerikanistinnen, Lehramtsstudierende (vor allem Sprachen). Die klassischen Geisteswissenschaften mögen zurückgehen, aber die -geisteswissenschaftlich untermauerten- Gesellschafts- und Humanwissenschaften sind nach wie vor frequentiert.

    Aus eigener Erfahrung muss ich einen Zuwachs an “Helikopter-Eltern” konstatieren. Auch hier herrscht die Denke, dass schon der falsche Kindergarten, fehlende Englischkenntnisse bei der Einschulung usw. sich fatal auf die Lebensläufe der Kleinen auswirken muss. Wer so viel Zeit in den Nachwuchs steckt, möchte sich selbst ein gutes Zeugnis ausstellen, da die Kindererziehung Teil des eigenen Lebenssinns ist. Und wenn da ein Lehrer daherkommt und kritisiert, dann werden damit eben auch immer mehr die Eltern selbst kritisiert. Die Elterngeneration von heute sind aber die Kinder der Achtundsechtziger. Wenn die Bieger’sche Vermutung richtig liegt, dann müssten diese doch den Überblick haben. Vielleicht haben sie dabei verlernt, loszulassen?!

    Wenn ich das mediale Angebot meiner Jugend und Schulzeit vor ca. 25-30 Jahren vergleiche mit heute, dann leben wir in einer ganz anderen Welt. In meiner Jugend fing das ZDF um 16 Uhr mit Biene Maja an. Heute gibt es Information im 24/7-Takt. Wer will noch auf die Wochenzeitung warten, die einen Vorgang analysiert und recherchiert? Wenn das Internet nicht dreimal täglich ein Update zum Fall Tebartz-van Elst bringt, dann sind wir nicht richtig informiert. So entsteht der Eindruck, dass nur das Aktuelle das Wichtige ist. Wer die Grundlagen – Literatur, Philosopie, Theologie – lesen und verstehen will, wird in der medialen Welt schnell zum Außenseiter. Das heißt nicht, dass wir auf diese Außenseiter verzichten sollten. Nur während in den 1970ern Ingenieure “Nerds” waren und Philosophen “cool” – ist es heute vielleicht umgekehrt…

  2. Leider wird all zu oft in deutschen Schulen und Universitäten von einer Forderung des Grundgesetzes schon auf deren Realisierung geschlossen. Die Realität wird nicht auf den Prüfstand gehoben, im Gegenteil. Wer in Deutschland nach der Verfassungswirklichkeit gefragt wird, pflegt oftmals nur das Grundgesetz aufzuschlagen, um dann zu behaupten, dass das Wirklichkeit ist, was nach der Zielvorstellung des Grundgesetzes Wirklichkeit sein soll, allein weil es dort so geschrieben steht. Das ist irreführend…. Die Organisationsstrukturen des kaiserlichen Obrigkeitsstaates blieben bis heute erhalten (vgl. http://gewaltenteilung.de.preview.web01.linux.cnsmr.serviceprovider.de/idee#19). Welcher Menschentyp soll sich entwickeln, wenn Kinder schon vom Staat irregeführt werden? Schwindler?

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