Konsequenzen aus der Causa Limburg (25.10.2013)

Ins Bistum Limburg soll nach päpstlichem Willen nun erst einmal Ruhe einkehren. Dass Bischof Tebartz-van Elst die Leitung seiner Diözese nicht mehr möglich ist, hat auch Franziskus erkannt und ihn daher auf unbestimmte Zeit von seiner Residenzpflicht im Bistum Limburg entbunden und ihm damit einen Erholungsurlaub verordnet. Die Rückkehr des Bischofs in die Kleinstadt an der Lahn gilt zurecht als eher unwahrscheinlich. Und doch ist es ein gutes Zeichen, dass der Pontifex sich von der öffentlichen Meinung der deutsche Medien nicht hat mitreißen lassen und den Untersuchungsbericht der Prüfungskommission zu den Vorgängen im Bistum Limburg abwarten möchte, bevor er eine endgültige Entscheidung in der Causa Tebartz-van Elst trifft. Es ist wichtig, dass auch einem gescheiterten Oberhirten Gerechtigkeit zuteil werden kann. So oder so wird in den nächsten Tagen und Wochen Ruhe bei den Diözesanen einkehren. Zeit sich zu fragen, was die Konsequenzen des Dramas um Bischof Franz-Peter sind.

Abgesehen von den persönlichen Folgen für den Bischof, die noch nicht ganz zu überblicken sind, und den Problemen innerhalb des Bistums Limburg, gibt es vor allem zwei wichtige Konsequenzen aus den Limburger Ereignissen: eine innerkirchliche und einer außerkirchliche.

Die große Herausforderung für die katholische Kirche in Deutschland, die sich aus dem Skandal um die bischöflichen Bauarbeiten ergibt, ist der Umgang mit Transparenz. Hätte Bischof Tebartz-van Elst einen offeneren Führungsstil in seiner Diözese gepflegt, in einem ständigen Gespräch mit den beratenden Gremien und den hauptamtlichen Mitarbeitern gestanden und speziell beim Anstieg der Baukosten diesen auch öffentlich gemacht, dann wäre er jetzt ein Oberhirte, für dessen Verbleib im Bistum sich sein Domkapitel auch einsetzen würde. In unseren postmodernen Zeiten können sich Bischöfe und andere Kirchenvertreter nicht mehr hinter den Mauern der Domfreiheiten verschanzen und auf ein eigenes Recht pochen, ohne die Zustimmung der Gläubigen zu haben. Fürstbischof konnte man ohne Gläubige vielleicht sein, Bischof jedoch nicht. Dass die Katholiken und alle anderen Bürger über die Finanzen eines Bistums oder einer Kirchengemeinde Bescheid wissen möchten ist verständlich und sollte in unserem Land, in dem die Kirchen wichtige Träger des sozialen und kulturellen Lebens sind, selbstverständlich sein.

Transparenz ist aber nicht nur für die Finanzen wichtig, sondern auch im Hinblick auf die Kommunikation. Es hat sich in den vergangenen Wochen gezeigt, dass es eine Verwirrung und ein Problem sein kann, dass die katholische Kirche in Deutschland nicht mit einer Stimme sprechen. Vielmehr zeigte sich in der öffentlichen Wahrnehmung, dass es 27 einzelne katholische Stimmen in Deutschland gibt. Der Medienethiker Alexander Filipović empfiehlt daher die Schaffung einer Stabsstelle für Krisenkommunikation, die für die Kirche mit einer Stimme sprechen kann. Doch wie dies möglich sein sollte angesichts der vielen Bischöfe, die sich theoretisch in ihrem Bistum in nichts hineinreden lassen müssten, weiß selbst der Professor nicht. Fest steht jedoch, dass die Kirche eine transparente Kommunikation einüben und praktizieren sollte, um mit ihren Gläubigen und der Gesellschaft in einem guten Kontakt zu bleiben.

Die weitere Konsequenz, die eher den außerkirchlichen Rahmen betrifft, ist die Frage nach der Kirchenfinanzierung. Die Berichterstattung rund um die Bauvorhaben an der Lahn haben die Vermögensverhältnisse der Bischöflichen Stühle und der Kirche insgesamt in den Mittelpunkt gestellt. Eine Frage, das schon seit Jahren auf der Agenda einiger Politiker steht, bekommt damit neue Relevanz: Warum erhalten die beiden großen Kirchen in Deutschland finanzielle Vorteile vom Staat? Die Entschädigungszahlungen für die enteigneten Gebäude und Gebiete von vor mehr als 200 Jahren scheinen vielen Menschen ein Relikt aus längst vergangener Zeit zu sein. Dass es sich dabei um Verluste von unermesslichem Wert handelt, wird meist ausgeblendet. Doch die katholische Kirche zeigt sich durchaus offen, auf ihre rechtmäßigen Zuwendungen gegen eine einmalige Zahlung, die mit Summen zwischen 10 und 25 Milliarden Euro beziffert wird, zu verzichten.

2010 gab es Verhandlungen zu diesem Thema, die jedoch zu keinem Ergebnis geführt haben. Den Vertretern der Länder, die beispielsweise für die Gehaltszahlungen der Bischöfe und anderer Geistlicher zuständig sind, wird die gerechtfertigte Summe der Einmalzahlung zu hoch gewesen sein. Es wäre jedoch für die Kirche von Vorteil, sich von einigen dieser staatlichen Zahlungen zu befreien. Sie sind kaum noch gesellschaftlich vermittelbar und werden von vielen Zeitgenossen als im krassen Gegensatz zur biblischen Botschaft stehend wahrgenommen. Und in der Tat wäre der Verzicht auf dieses Geld eine Entscheidung mit Signalwirkung. Die Kirche hat die Aufgabe, in den nächsten Monaten zu schauen, welche Konsequenzen sie zieht.

Roland Müller
kath.de-Redaktion

Unentschiedenheit und Elternfürsorge (18.10.2013)

Die Studentengeneration der Zögernden

Das Wintersemester hat begonnen. Noch mehr Studenten kommen an die Universität. Mit etwa 500.000 Neuanfängern kann man rechnen. Da in den meisten Bundesländern die Abiturprüfungen zeitlich so liegen, dass die Abiturienten nicht mehr den Einstieg in das Sommersemester schaffen, gibt es im Herbst sehr viel mehr Erstsemester. Welche Generation kommt zum Studium, welche Erwartungen können an die künftigen Lehrer, Ärzte, Geschäftsführer, Pfarrer gestellt werden? Das hier aus vielen Beobachtungen zusammengestellte Mosaik zeigt wenige Konturen.

Die Trendfächer: optimieren was da ist

Betriebswirtschaft, Maschinenbau und Jura sind die meist gewählten Fächer. Da der Zugang zur Medizin beschränkt ist, rangiert sie nicht auf vorderen Plätzen. Wer diese Fächer wählt, will seinen beruflichen Erfolg in der Organisation von Abläufen machen: Als Betriebswirt Prozesse optimieren, als Jurist beraten, Verträge ausarbeiten, Rechte seiner Klienten durchsetzen. Maschinenbau zielt auf die deutschen Vorzeigeindustrien. Für diese Fächergruppe ist die intensive Werbung um Nachwuchs wirksam geworden. Die Zahlen deuten darauf hin, dass die nachwachsende Studentengeneration bei dem bisherigen System bleiben will und Berufe wählt, um dieses System zu optimieren. Die Nachkommen der Achtundsechziger zeigen wenig Bereitschaft, grundlegende Änderungen herbeizuführen. Sie verstehen bereits das Studium anders:

Studieren als Fortsetzung der Schule

Wer ein Abiturzeugnis mit nach Hause bringt, für den heißt der nächste logische Schritt “Studium”. So erwarten es die Eltern, die ihren Kindern die Arbeitslosigkeit ersparen wollen, die ihnen selbst in den Achtziger und Neunziger Jahren gedroht hatte. Studium wird von den Eltern als Basis für einen auskömmlichen Verdienst gesehen, es muss verwertbar sein, kein “Orchideenfach”. Diese Ausgangsbasis lässt nicht erkennen, wo die neuen Impulse für die Gesellschaft herkommen sollen, wenn die Energiewende bewältigt, genügend Kindergartenplätze mit Ganztagsbetreuung, auch für die Zwei- und Dreijährigen, zur Verfügung stehen, die Brücken saniert und China mit deutschen Werkzeugmaschinen und Premiumautos ausgestattet ist.

Eine weitere Beobachtung kommt hinzu: Studierende richten sich im Lebensraum der Universität, der Hochschule ein. Sie bleiben eigentlich Schüler, indem sie das lernen, was ihnen vorgegeben wird. Das wird durch die stark reglementierten Bachelor-Studiengänge verstärkt. Zugleich berichten Hochschullehrer, dass die straffere Studienordnung das fehlende inhaltliche Interesse kompensieren muss. Ergänzende Lektüre zu einem Fach, Interesse für eine Fragestellung bringen die Studierenden immer seltener mit. Es ist nur folgerichtig, dass die Bachelorisierung einem Studententyp entspricht, der vorgesetzt bekommen will, was er zu lernen hat. Bildung, einstmals das lockende Ziel, sich mit Inhalten aus Interesse und nicht prüfungsbezogen auseinanderzusetzen, taucht weder bei Facebook noch im Gespräch der Studierenden auf.

Das erklärt sich zumindest teilweise durch das Erziehungshandeln der Eltern:

Nicht Anforderungen bewältigen, sondern Steine aus dem Weg geräumt bekommen

Hört man sich bei den Erziehungsinstitutionen um, berichten alle einhellig, dass die Eltern ihre Aufgabe sehr anders sehen als die Eltern der Achtundsechziger. Sie fühlen sich nicht nur verantwortlich, den Ausbildungsweg der eigenen Kinder zu lenken, sondern ihnen auch möglichst alle Schwierigkeiten aus dem Weg zu räumen.

Die Studienberatungen deutscher Universitäten erhalten immer mehr Anfragen von Eltern. Ebenso schalten sich Eltern ein, wenn ihre Kinder in der Schule Schwierigkeiten haben. Sie stehen prinzipiell auf Seiten ihrer Kinder, die Lehrer sind “Schuld”. Wenn ihre Kinder auf dem Schulhof gewalttätig werden, Inventar beschädigen, sich Frechheiten herausnehmen, werden sie von den Eltern in Schutz genommen. Eine Erziehungspartnerschaft mit den Erzieherinnen im Kindergarten oder den Lehrern in der Grundschule werden nicht mehr angestrebt. Die Erziehungseinrichtungen sollen die Kinder fit für den Beruf machen. Ein Beispiel dazu: Eine Schulklasse kommt von einer längeren Busfahrt zurück. Die Eltern stehen bereit, ihre Kinder abzuholen. Als der Klassenlehrer von den Schülern und Schülerinnen verlangt, dass sie den Abfall aus dem Bus mitnehmen, protestieren einige Eltern energisch: Das sei doch Aufgabe des Busunternehmens, ihren Kindern sei das nach einer so langen Fahrt nicht mehr zuzumuten.

Die Anforderungen werden unter der Hand heruntergeschraubt

Weil die Eltern den Kindern zu viele Steine aus dem Weg räumen, delegieren diese die schwierigen Aufgaben an die Eltern. Die Eltern beauftragen dann Kindergarten und Schule mit der Umsetzung. Was früher den teuren Internaten aufgegeben war, den Kindern zu einem ordentlichen Schulabschluss zu verhelfen, gilt aus der Sicht der Eltern für die normale Schule. Unter der Hand kommt die Schule diesem Auftrag nach, indem sie die Anforderungen langsam, aber kontinuierlich senkt.

Fit für den Beruf, Bildung ist nicht mehr wichtig

Insgesamt zielt der Wunsch der Eltern auf den Erfolg nach Noten. Der Schriftsteller Heinrich Peuckmann, der auf eine lange Berufserfahrung als Deutschlehrer an einem Gymnasium zurückblickt, stellt für seine Generation fest: Viele haben ihren beruflichen Aufstieg den Bildungsreformen der späten Sechziger und Siebziger Jahre zu verdanken. Weitergeben haben sie aber nicht das Bildungsideal ihrer Generation, sondern die Teilhabe am wirtschaftlichen Aufschwung, Auto, Eigenheim, Reise. Aus den siebziger Jahren ist ein weiteres Erbe entstanden, das zu Lasten vor allem der Geisteswissenschaften geht.

Mit der Abschaffung des bürgerlichen Gymnasiums wurde auch der Kanon der literarischen und philosophischen Texte über Bord geworfen. Es mussten nicht mehr Werke der Literatur, ob Klassik oder Moderne, gelesen werden. Um die Kinder der Arbeiter mit ihren Medienpräferenzen zu erreichen, zielt der Literaturunterricht nicht mehr auf die Kenntnis der Werke, sondern der Formate. Werbung, Fernsehserien und jetzt Interneteinträge stehen neben den großen Texten der Literatur und Philosophie. Nicht mehr die Inhalte werden rezipiert, sondern nur noch die literarischen Genera, also ob Gedicht, Novelle oder Roman. Das erklärt dann, warum die Inhalte nicht mehr so wichtig erscheinen. Da die Internetplattformen, so das stark genutzte Facebook, mit ihren Begrenzungen des Textumfangs das Kommunikationsverhalten der Jüngeren mehr prägen als Reclamhefte oder Romane, werden auch nur noch Kurzeinträge, Flashs und allenfalls Abstracts für notwendig empfunden, um sich zu informieren. Damit sind auch die Schul- und Studienfächer nicht mehr so relevant, die größere Zusammenhänge darstellen, wie ein Roman oder ein religiöser Text, die das Ganze des Lebens in den Blick nehmen.

Es gibt dann keine Räume mehr, in denen Anderes als Aktuelles zur Sprache kommt. Wenn die großen Texte nicht mehr gelesen werden, bleibt der jungen Generation nur die Reaktion auf Informationen und kurze Posts in Facebook. Aber die ständig anschwemmenden Informationen, die wenigen Zeilen unter Fotos erschließen nicht die Dimension, in der es um das Gelingen eines ganzen Lebens geht. Die Reformen der Achtundsechziger, die noch selbst aus der Buchlektüre ihre Ideen entwickeln konnten, haben mit der Abschaffung der “bürgerlichen Literatur” zugleich auch den Zugang zur Bildung verbaut. Die Social Media, so die ständig aktualisierten Nachrichtenleisten, die Timeline von Facebook, die eingehenden Emails können damit leicht ein Informationsverhalten prägen, das auf die schnelle Wahrnehmung und das dann möglichst schnelle Vergessen von Informationshäppchen ausgerichtet ist.

Größere Erzählbögen, der gesamte Lebenslauf eines Menschen, die Übersicht über eine Epoche, die Sicht eines Philosophen, eines Soziologen oder Politologen überschreiten die Wahrnehmungskapazität der Jahrgänge, die nach Abschaffung des “bürgerlichen” Bildungsideals das Abitur erreicht haben. Menschen, die dieses Defizit spüren, schaffen erst meist nach der Pensionierung den Ausstieg aus dem bloß Aktuellen und holen nach, was ihnen als Jugendliche an Bildung verwehrt wurde.

Es liegt wohl an den fehlenden Perspektiven, die Bildung einmal eröffnet hat, dass Jugendliche für ihren Lebensentwurf keinen großen Bogen entwickeln können.

Die Geisteswissenschaften trocknen aus
Ein weiterer Faktor, auch Erbe der Achtundsechziger-Reformen mit der Abkehr von den Bildungsinhalten hat dazu geführt, dass Texte nicht mehr gelesen werden und auch gar nicht mehr gelesen werden können. Wenn dann noch das Interesse fehlt, den Dingen auf den Grund zu gehen, Zusammenhänge zu verstehen, aus der Geschichte zu lernen oder gar, wie in den Literatur- und Bibelwissenschaften gefordert, Texte zu interpretieren, fragt sich, woher der Nachwuchs kommen soll, der nicht nur funktioniert, sondern sich mit dem Ganzen auseinandersetzt.

Bisher haben die Geistwissenschaften die Ressourcen gepflegt, mit denen die Zeitläufe überhaupt verstanden, der Zeitgeist entziffert werden konnte, Beiträge für das kulturelle Leben erstellt und für die Gesellschaft neue Ziele entworfen. Das hat auch mittelfristig für die Politik fatale Folgen. Was die kommunistischen Systeme und Diktaturen der islamischen Länder durch ihre Gleichschaltungspolitik und die immer mehr verfeinerte staatliche Kontrolle hervorgebracht haben, nämlich stagnierende Gesellschaften, betreiben die Demokratien mit der Abschaffung des Bildungsideals, den Kommunikationsmustern der Social Media und der Datensammelei von Apple, Facebook und Google. Die Konsequenz ist:

Eine unentschlossene Generation

Die Bildungsreformen der Achtundsechziger fußten auf einer intensiven Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Fragen, die in Philosophie, Soziologie und Literatur thematisiert wurden. Zur Vergewisserung für die eigenen Reformprojekte wurde gelesen. Diese Leseerfahrungen wurden jedoch nicht an die nächste Generation weitergegeben. Verkürzt könnte man sagen, es wurden Computer und dann Smartphones verschenkt, die Auswahl der Inhalte stellte man den Jugendlichen anheim. Das hat nicht nur das Lesen in den Hintergrund gerückt.

Es liegt wohl an den fehlenden Perspektiven, die Bildung einmal eröffnet hat, dass Jugendliche für ihren Lebensentwurf keinen großen Bogen entwickeln können. Ein Symptom ist folgende Beobachtung:

Viele Abiturienten, die früher ein Soziales Jahr absolvierten oder Wehrdienst leisteten, treten eine Weltreise an oder fliegen nach Australien oder Neuseeland. Eine Schulseelsorgerin hat in diesem Jahr Abiturienten nach ihrer Studienwahl befragt. Ihr schlug Ratlosigkeit entgegen. Wenn es keine große Vorstellung vom Leben mehr gibt, dann ist es tatsächlich nicht mehr möglich, sich mit dem Studium eine Basis für einen Lebensentwurf zu erarbeiten. Dann gibt es immer weniger studierende, die sich den Geisteswissenschaften zuwenden. Philosophie und Theologie wählen weniger als 1% der Studienanfänger. Einpassung in das System ist dann das, was aus Sicht der Studenten wie ihrer Eltern die Universität zu leisten hat.

Eckhard Bieger S.J.
kath.de
-Redaktion

Limburger Konfliktgemenge (11.10.2013)

Warum die Öffentlichkeit so großes Interesse entwickelt

Viel wurde und mehr wird noch geschrieben werden zu den Vorgängen im Bistum Limburg. Manch einer vermutet eine Medienkampagne oder gar eine Hetze. Ganz von der Hand zu weisen ist ein „Hype“ natürlich nicht, er reicht aber nicht zur Erklärung der öffentlichen Aufmerksamkeit aus. Aber woher kommt dieses enorme Interesse dann? Im Kern findet gerade eine Abrechnung mit einem innerkirchlich noch nicht abgeschlossenen Kapitel der Kirchengeschichte statt: Der Umgang der Kirche mit der Moderne – Eine medientheologische Analyse:

Die Kritik dieser Tage richtet sich oft gegen die Person und die Amtsführung des Bischofs von Limburg. Innerdiözesan macht dieser Umstand auch einen Großteil des Konfliktes aus, neben schon länger bestehenden strukturellen Problemen, die nie aufgearbeitet wurden. Darum geht es mir aber nicht: Für die Gesamtkirche erkenntnisreicher ist es, die Energie hinter diesem Konflikt einmal genauer anzuschauen. Die Kirche stand vom Beginn der Moderne an in einem zwiespältigen Verhältnis zur selbigen. So ganz traute man ihr nie. Die Medien, sozusagen das Kind von Aufklärung und Moderne, wurden und werden in weiten Kreisen noch immer skeptisch und mit Argwohn betrachtet. Natürlich finden sich auch im aktuellen Konflikt Auswüchse eines Medienhypes, der kritisch zu betrachten ist, weil er die Medien zu einem Pranger umformen kann. Eine Desavouierung der Person Tebartz-van Elst – oder jeder anderen Person – widerspricht fundamental einer christlichen Ethik. Das hat niemand verdient. Als Mitglied zweier großer katholischer Medienvereine sehe ich das sehr skeptisch und moralisch fragwürdig.

Das Kind des aufgeklärten Bürgertums begehrt auf

Und jetzt kommt wieder ein aber: Aber das ist nicht der Kern des Interesses. Der Kern ist sein Umgang mit den Medien. Hierin kristallisiert sich paradigmatisch das Kirchenbild. Wieso? Ein direktes juristisches Vorgehen und Unterlassungserklärungen sind in einer vom Geist der Aufklärung geprägten Gesellschaft genauso verdächtig wie jegliche als Vertuschungsversuch zu interpretierende Handlung – oder – Unterlassung derselben.  Krisenmanager sprechen in dem einen Fall von der „Salamitaktik“, in dem anderen Fall von der wohlbekannten „Vogel-Strauß-Politik“. Unangenehme Fakten werden in kleinen Häppchen gereicht, zeitlich verzögert, weil sie dann angeblich besser verdaulich seien, so die Salamitaktiker. Das Verhalten des Vogel Strauß dürfte weithin bekannt sein. Beides jedenfalls hat die strategisch äußerst ungünstige Konsequenz in die Rolle des Reagierenden zu geraten, anstatt zu agieren. Und dahinter liegt letzten Endes ein Umgang mit den Medien als Öffentlichkeit,

a) der darauf beruht die Medien (und damit die Öffentlichkeit) direktiv steuern zu können oder

b) es nicht nötig hat, sich auf den Umgang mit diesem nervenden Kind der Aufklärung einzulassen. Dies ist der Kern: Die Medien als vierter Stand, als Kind der aufgeklärten Bürgergesellschaft, werden in ihrem Wesen in Frage gestellt. Und dies ist mit einer der Hauptgründe, warum sich das mediale Interesse an diesem Konflikt so festbeißt: Es ist der nicht aufgearbeitete Umgang der Kirche mit dem Geist der Aufklärung, der sich vor allem im Mediensystem manifestiert.

Der Riss in der Kirche

Und dieser Riss zieht sich durch die gesamte Kirche in Deutschland, durch die Priesterräte, die PGR´s, durch die Gemeinschaft der Gläubigen. Am deutlichsten jedoch wurde er vernehmbar in den Reaktionen einiger Bischöfe: Sicher zu Recht bemängelten einige die Art und Weise der medialen Berichterstattung. Worin die berechtigte Kritik liegt, versuchte ich oben zu schildern. Dennoch geriet der Kern durch die totale Fixierung auf den „Hype“-Faktor aus dem Fokus: Dass es deshalb keine Medienkampagne ist, weil völlig unklar ist, worum es eigentlich ginge. Denn die Baukosten und der Flug als Auslöser der Krise wiegen beide an sich nicht schwer genug. Es ist der Umgang in der Kommunikation mit diesen Vorgängen, genauer: mit den Anfragen der medialen Öffentlichkeit. Andere Bischöfe wiederum sahen genau den Kern und machten darauf aufmerksam, dass es eben hier doch um ein ganz fundamentales Problem gehe, dass auch die Kirche in Deutschland nachhaltig beeinflusse. Dass diese Krise nun auftritt, während ein neuer Papst gerade ein Programm der Reformation der katholischen Kirche durchführt, das als Leitbilder den nach seiner Herde riechenden Priester und die als Feldlazarett zu verstehende Kirche setzt, ist gleichsam kein Zufall, sondern der große kirchenhistorische Rahmen dieses Dramas.

In den vielen Kommentaren in den Social Media und unter den Online-Artikeln und Blogbeiträgen, durch die Unterschriftenaktionen, Facebook-Gruppengründungen, Protest- und Solidaritätsbezeugungen zeigt sich eines: Gallia est omnis divisa… Es gibt diverse geistige Kirchenprovinzen, die jeweils anders reagieren. Das Thema, wie mit der Moderne und ihren Erscheinungen und ihrem Geist umzugehen sei, spaltet. Und es ist auch kein Zufall, dass sich 2015 das Ereignis zum 50ten Mal jährt, das von vielen als ein Ausgangspunkt zur konstruktiven Auseinandersetzung mit der Moderne gewertet wird: Das II. Vatikanische Konzil.

Die Erwartungen der Moderne

Im Limburger Konflikt ist der Verständnisschlüssel nicht das Bauprojekt, sondern der Umgang mit der Moderne und den Medien als deren Kind. Von daher lassen sich auch die meisten Punkte verstehen, die Kritiker in unterschiedlichen Bereichen vorbringen. Unter Rückgriff auf Can. 212 §3 des kirchlichen Gesetzbuches sehen sie bei einigen Punkten Änderungsbedarf und melden ihn an – ein Bedarf der eben aus den geänderten Werten in der Moderne entsteht: Transparenz und Beteiligung auf der Entscheidungsebene. Ein Bedarf, der sich theologisch aus einem reformierten Kirchenbild, wie Papst Franziskus es umsetzt, herleitet: Die Kirche als Feldlazarett, die als Mission immer den Menschen in Bedarfslagen sieht und weniger daran interessiert ist, ein paar noble Elitekliniken zu schaffen (um im Bild zu bleiben).

Führungsstil, Personalentscheidungen, Beteiligungsmodelle bis hin zu ekklesiologischen Fragestellungen des Verhältnisses von Laien und Geweihten – der Grundkonflikt kann in allen Bereichen durchdekliniert werden und kann für viele diskussionswürdige Umstände ein Verstehensraster liefern. Er erklärt auf jeden Fall zum Teil das enorme Interesse der Medien, das in der Öffentlichkeit auf so große Resonanz stößt. Er erklärt auch die Tragweite des Konfliktes für die Zukunft der Kirche. Die theologische Diskussion steht an: Kirche als Feldlazarett oder Eliteklinik?

Zwei ergänzende Hinweise:

Ich kann keine Solidaritätsaktion unterschreiben, da ich mich unter Berufung auf §212 CIC als kritisch-solidarisch sehe:

Can. 212 — § 1. Was die geistlichen Hirten in Stellvertretung Christi als Lehrer des Glaubens erklären oder als Leiter der Kirche bestimmen, haben die Gläubigen im Bewusstsein ihrer eigenen Verantwortung in christlichem Gehorsam zu befolgen.
§ 2. Den Gläubigen ist es unbenommen, ihre Anliegen, insbesondere die geistlichen, und ihre Wünsche den Hirten der Kirche zu eröffnen.
§ 3. Entsprechend ihrem Wissen, ihrer Zuständigkeit und ihrer hervorragenden Stellung haben sie das Recht und bisweilen sogar die Pflicht, ihre Meinung in dem, was das Wohl der Kirche angeht, den geistlichen Hirten mitzuteilen und sie unter Wahrung der Unversehrtheit des Glaubens und der Sitten und der Ehrfurcht gegenüber den Hirten und unter Beachtung des allgemeinen Nutzens und der Würde der Personen den übrigen Gläubigen kundzutun.

Nach dieser Bestimmung des Kirchenrechts gibt es Dinge, über die in einem freien Dialog gesprochen werden muss, sowohl für die deutsche Kirche – aber auch in Limburg. Erste Schritte sind gemacht und es wird zugehört. Dies ist eine Notwendigkeit für den zweiten Schritt, theologisch Umkehr genannt. Diese erfordert Handlungen, Kurskorrekturen. Diese wiederrum äußern sich auch außerhalb eines rein sprachlichen Rahmens – ich würde es mir wünschen. Als Christ jedenfalls stehe ich in einer Solidargemeinschaft mit allen Christen weltweit, mit jedem und jeder – vielleicht ist das gerade auch unser großes Kapital. Auch wenn es mir persönlich bei manchen blinden Solidaritätsbekundungen, die in jeder Kritik eine Majestätsbeleidigung sehen, die mir aus einer Zeit zu kommen scheinen, in denen eine Person qua Amt der Gemeinschaft und der gemeinschaftlichen Kritik enthoben war, noch mehr Kopfschütteln verursachen als manche plumpe Kritik oder Vereinfachung der Sachverhalte: Wenn es nicht gelingt, innerhalb der Kirche eine Konfliktkultur zu etablieren, die anders ist als die aus Politik und Co. bekannte, scheitert in gewisser Weise auch ein konstruktiver Anspruch der Kirche, Impulsgeber in der Moderne zu sein, ohne in ihr aufzugehen. Doch es gehören zwei Seiten dazu.

Dass die Kirche und Ihre Amtsvertreter in der Moderne unter besonderer Beobachtung der Öffentlichkeit stehen, erklärt Charles Taylor in dem Buch „Ein säkulares Zeitalter“ sehr gut. Er prägt das Stichwort des Zeitalters der Authentizität, in der das Kriterium zur öffentlichen Bewertung die Einhaltung der eigenen Forderungen ist.

Jürgen Pelzer