Die Macht der Bilder (13.09.2013)

Peer Steinbrück liefert das Bild zu seinen Negativschlagzeilen

Der deutsche Wahlkampf hat ein neues Thema: Der „Stinkefinger“ von Peer Steinbrück. Er ist auf dem Titelbild der neuen Ausgabe des Süddeutsche-Zeitung-Magazins zu sehen ist und wird bereits eifrig diskutiert: SPD-Anhänger verteidigen die Pose, Mitglieder der Noch-Regierung verurteilen sie als unerträglich für einen zukünftigen Bundeskanzler. Kurz:  Die Politik streitet sich, die Medien freuen sich.

Die Geste: eine Beleidigung

Mir kommt spontan eine Szene in den Sinn, die ich gemeinsam mit meinem Kollegen in der Schülerseelsorge im Bistum Fulda nach einem Schulbesuch erlebte. Wir verließen das Gebäude über den Hof und oben am Fenster klopften Schüler. Einer zeigte uns den „Stinkefinger“. Mein Kollege und ich gingen hinauf und trafen Jannik, der sich sofort mit Tränen in den Augen bei uns entschuldigte und uns „hoch und heilig“ versprach, es nie wieder zu tun. Er wusste ohne ein Wort von uns, dass diese Geste falsch war und eine Beleidigung darstellte. Er sagte selbst, dass „man so was nicht macht.“ Er hatte also ein inneres ethisches Empfinden, eine Gewissenserfahrung. Jene, die wohl auch den Sprecher von Peer Steinbrück bewegt hat, gegen eine Veröffentlichung der Bilder zu votieren, wenngleich sein Chef das anders sah.

Juristisch betrachtet stellt der „Stinkefinger“ den Tatbestand der Beleidigung nach § 185 Strafgesetzbuch dar, der sogar mit bis zu einem Jahr Freiheitsstrafe geahndet werden kann. Im Straßenverkehr werden zumeist Geldbußen ausgesprochen, wenn Autofahrer Polizisten als Vertreter des Staates so beleidigen. Laut ADAC liegen die Strafen zwischen 600 und 4000 Euro. Das ethische Grundempfinden für diese Geste hat sich also in der Rechtssprechung niedergeschlagen. Somit kann diese Geste dem normalen Bürger eine beträchtliche Strafe einbringen, was auch ein SPD-Kanzlerkandidat durch ein Foto nicht ändern kann, wenngleich er solches nicht damit beabsichtigte.

Es bleibt festzuhalten: Das Gewissen gibt Signale, was richtig und falsch ist. Diese können wir wahrnehmen und danach handeln oder uns dagegen entscheiden. Eines können wir aber nicht: Das Gewissen als Instanz ganz ignorieren. So werden auch viele Wähler, ähnlich wie der Junge in der Schule, innerlich merken, dass diese Geste nicht richtig ist. Es gilt die biblische Goldene Regel (Mt 7,12), die sich im Sprichwort niederschlägt: „Was du nicht willst, das man dir tut, das füg auch keinem anderen zu.“ (oder zeige es groß auf dem Titelbild eines Magazins).

Ein Bild: eine starke Aussage

Das Foto hat neben einer ethischen, auch eine mediale Dimension. Wenn man es nicht schon als „normaler Leser“ weiß, so lernt man es spätestens am ersten Tag eines Praktikums in einer Lokalzeitung: Die Macht der Bilder bestimmt das Kauf- und Leseverhalten ganz entscheidend. Ob in der Werbung, im Internet, in bewegten Bildern im Fernsehen: Überall erzeugen Bilder Erwartungen beim Gegenüber. Sie wollen Interesse und Aufmerksamkeit hervorrufen und zur Entscheidung führen, den Text zu lesen oder aufgrund der Werbung die Hose zu bestellen. Wenn überfüllte Dixitoiletten einen Text von Weltjugendtag in Rio de Janeiro bebildern, hat der Leser noch lange bevor er die Bildunterschrift liest eine Ahnung, dass es wohl im Text um die katastrophalen Umstände des Ereignisses geht. Anders werden lächelnde Jugendliche an der Copacabana bewirken, dass der Leser wohl einen Bericht über ein fröhliches Ereignis am längsten Stadtstrand der Welt erwartet.

So werden viele Leser kaum die Bildunterschrift auf dem SZ-Magazin mit Steinbrücks Fingerkunst lesen, sie werden kaum das ironische Format des Mediums erfassen. Der Grund: Sie bleiben bei ihren Erwartungen hängen und machen sich ein Bild über Peer Steinbrück, was er wohl für ein Typ ist. Dieses Bild ist, wie bereits ethisch gezeigt, bei vielen kein positives. Somit wird das Wählervolk auch die Intention der Geste als Kritik an der medialen Berichterstattung über Steinbrücks Fehltritte wenig erfassen. Die Macht des Bildes ist einfach zu groß und auch zu undifferenziert. Jedes Bild ist bereits eine starke Aussage und diese kann nur schwer durch eine erklärende Bildunterschrift oder gar eine rechtfertigende Stellungsnahme der SPD verändert werden. Diese Wirkung konnte man eindeutig bei den Mohammed-Karikaturen oder dem Urinfleck von Papst Benedikt XVI. auf der Titelseite eines Satiremagazins nachvollziehen. Da halfen auch keine Worte oder Verweise auf künstlerische Formate. Die Bilder wurden als Beleidigung verstanden, weil sie in sich eine starke Aussage waren, wenngleich die Intention eine andere war.

Die Wirkung: ein mediales Eigentor

So wird auch Steinbrücks neues Wahlbild ein mediales Eigentor sein. Er wollte die Medien kritisieren, doch er lieferte ihnen das, was noch fehlte: Ein Bild zu den Negativschlagzeilen. Damit half er ihnen und schadet sich selbst. Was die Medien bisher nur in der Wiederholung von Steinbrücks „Fettnäpfchen“ in Worten ausdrücken konnten, werden sie nun passend bebildern können. Schon ist zu lesen, dass man das Bild den Schweizern schicken könne, weil Steinbrück einst in punkto Steuerabkommen mit der Kavallerie drohte. Bald werden neue Bildunterschriften auftauchen, die mit dem geringen Kanzlergehalt oder den gut honorierten Nebenverdiensten des SPD-Politikers verbunden werden. Die Aufmerksamkeit erhalten die Medien, nicht der Kanzlerkandidat.

Ein Vorbild für den medialen Umgang hätte er sich an der Kanzlerin selbst nehmen können: Angela Merkel hat über Jahre hinweg die Berichte über ihre Frisur und Ausdrucksweise, ihre Handhaltung und Kleidung ertragen und meist unkommentiert stehen lassen, bis die mediale Aufmerksamkeit abebbte und Kommentare dazu als alt und bekannt abgestempelt wurden. Sie stand dazu und macht aktuell ihre Handhaltung zum Wahlzeichen. Was wäre wenn Peer Steinbrück auf die Frage des SZ-Magazins einfach nur mit Daumen hoch in die Kamera geblickt hätte? – Die bildliche Wirkung:  „Ich stehe zu meinen Aussagen“ oder „Ich problematisiere eingefahrene politische Strukturen und bin bereit fürs Kanzleramt“ wäre gewiss eine bessere gewesen.

Sebastian Pilz
kath.de-Redaktion

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