Der Papst, der Revolutionär (20.09.2013)

Weniger das „was“, sondern das „wie“ ist entscheidend

Papst Franziskus hat nicht die erste Frauenpriesterweihe oder Schwulenhochzeit im Vatikan angekündigt, nicht einmal die Aufhebung des Zölibats hat er in Aussicht gestellt. Und dennoch: Der Bericht über ein Gespräch mit dem Papst schafft es, zum Gesprächsthema zu werden. Nicht nur in Diözesanblättern, auch in großen nationalen Medientiteln. Seit Franziskus Papst ist, ist Kirche wieder Thema: In kleinen Zirkeln, in Freundeskreisen, in der Öffentlichkeit. Sie liefert wieder Inhalte, die relevant erscheinen, die das Gefühl des Staunens,  der Befreiung und Erhebung erzeugen. Auch zuvor war sie dies, aber lange Zeit nur als Lieferant von bad-News. „Only bad news are good news“ – seit einem halben Jahr gelingt es Papst Franziskus, ein Mediendogma regelmäßig auf den Kopf zu stellen.

Ein individueller Stil

Seine erste individuelle Note gab der Papst seinem Pontifikat damit, dass er, bevor er die Menschen auf dem Petersplatz segnete, um ihr Gebet bat. Die Vermutung, dass es ein Ausrutscher in seine Vergangenheit gewesen sein könnte, als er persönlich in der Via della Scrofa erschien, um an der Rezeption seine Rechnung zu begleichen, erwies sich als Irrtum. Eine originelle und menschliche Geste folgte der nächsten: Er lobte und dankte den Journalisten für ihre Arbeit beim Konklave, vermied es, das päpstliche Apartment als seine Wohnung anzunehmen, weil er Gemeinschaft brauche, er sortierte den vatikanischen Fuhrpark um, griff zum Telefon, wenn seine Leidenschaft als Seelsorger es ihm gebot, macht mit Jugendlichen fotographische Schnellschüsse und bietet das Du an – und lässt sich viel Zeit, die römische Kurie und ihre Behördenleiter zu verstehen. Die erwarteten Personalrochaden fanden nicht statt. Einzeln, Schritt für Schritt und mit Bedacht erfolgen die personellen Veränderungen.

Seinem Interviewpartner gibt er zu verstehen, dass er nicht gerne Interviews gibt. Nachdenken, so der Papst, sei ihm lieber, als vorgefertigte Antworten vorzulegen. Die richtige Antwort komme immer erst, wenn er die erste Antwort gegeben habe. Antonio Spadaro, Jesuit und Chefredakteur der Jesuitenzeitschrift „La Civiltà Cattolica“ hat zusammen mit dem Papst in einem Gespräch einen journalistischen Stil entwickelt, der mehr Dialog als Interview ist.

Und dieses  Nachdenken über Themen, die Redakteure jesuitischer Zeitschriften vorbereitet hatten, brachte Gedanken zutage, die als revolutionär (The Guardian), als Kurswechsel (Ökumenische Arbeitsgruppe Homosexuelle und Kirche), Tabuthemen ansprechend (Wir sind Kirche), als die ganze Vitalität des katholischen Glaubens atmend (Kardinal Meisner),  als Aufbruch von oben (Spiegel online), als beeindruckendes Zeugnis (Erzbischof Zollitsch) bezeichnet werden.

Raus aus den Drehorgelthemen

Wie gelingt es Papst Franziskus, aus den alten Themen herauszukommen und neue Themen zu setzen, die Menschen interessieren – ohne Skandale zu provozieren? Ein aufschlussreicher Satz aus dem Interview könnte der sein, wo er darüber spricht, wie man die Jesuiten verstehen könne. Der Papst gibt zu: „Wenn man zu viel erklärt, besteht die Gefahr von Missverständnissen. Die Gesellschaft Jesu kann  man nur in erzählerischer Form darstellen.“ Das analytische Denken und die Diskussion sind wichtig für die Kommunikation innerhalb von Gemeinschaften und um Entscheidungsprozesse zu gestalten. Aber sie leisten nicht viel, wenn es darum geht, Menschen zu verstehen und innere Regungen transparent zu machen. Und Glaube hat in erster Linie mit Menschen und ihren inneren Bewegungen zu tun, die man nur erzählen kann. Erzählung setzt Erfahrung und Erlebnis voraus. Wer das Erlebnis nicht wagt, dem bleibt nur das Auftischen alter Wahrheiten. Das Gespräch, das Menschen anspricht, ist nicht der Streit über dogmatische Wahrheiten. Aller Glanz, Prunk und Glimmer, alle Betonung bischöflich-päpstlich-hierarchischer Autorität vermag dem Verstehen und Durchdringen nicht zu dienen. Papst Franziskus lässt die Menschen an seinem inneren Glaubenserleben teilhaben: An der Freude darüber, dass ihm ein junger Mann sein inneres Erleben um das Finden seiner Lebensaufgabe berichtet, dass er Sorge hat, alleine in der päpstlichen Wohnung zu verkümmern, dass er den Menschen gegenüber als nahbar erscheinen will.

Ein neuer Kommunikationsstil

Es ist dem Papst gelungen, durch alle Lager hindurch  zumindest Aufmerksamkeit, in vielen Fällen Erstaunen, oft auch Bewunderung zu wecken. Es gelingt ihm dadurch, dass er die Erfahrungen der Menschen ernst nimmt. Erst die Erfahrung ermöglicht das Erzählen. Und erst das Erzählen ermöglicht das Verstehen. Und erst dann kann ein moralisches Urteil folgen.

Papst Franziskus lebt vor, wie dies geht. Er liefert die Theorie, die nichts anderes ist als das Evangelium. Und er zeigt, wie ein solches Leben aussieht. Es erscheint ein „Papst mit menschlichem Antlitz, einer, der die Menschen kennt, sich um die Menschen bemüht, der eigene Fehler eingesteht und auf Veränderungen im Leben setzt. Einer, der die Ausgrenzung von Schwulen, Frauen und Andersdenkenden in der Kirche nicht länger hinnehmen will.“

Das Neue an Papst Franziskus ist, dass er aufzeigt und aufweist, dass die Diskussion um die Themen der Sexualmoral und die innerkirchlichen Reformprobleme nicht im Stande ist, neue Kraft zu wecken. Neue Impulse entstehen, wenn Menschen und Christen einander erzählen, wie sie zu ihren Positionen und Haltungen kommen, warum sie für die eine oder andere Position votieren, was sie im Inneren bewegt.

Liberaler Frühling?

Damit ein solches Gespräch entstehen kann, braucht es einen respektvollen Blick auf jeden Menschen. Es darf nicht gelten, was in Kirche und Gesellschaft leider normalerweise gilt: Was nicht sein darf, das darf auch nicht erzählt werden. Aber die Gesprächsregel der Aufrichtigkeit markiert noch lange keine liberale Position. Vielmehr setzt sie Bescheidenheit, Demut und Interesse am Menschen voraus – und die Bereitschaft, sich selbst in Frage stellen zu lassen und seine Meinung und sein Verhalten zu korrigieren. Dies aber ist originärer Inhalt der bleibenden Wahrheit der christlichen Botschaft. Irgendwann wird auch Papst Franziskus polarisieren und Trennlinien ziehen. Wenn diese quer durch die alten Blöcke der Konservativen und Liberalen verliefen, und die Beweglichen von den Unbeweglichen, die Umkehrbereiten von den Selbstgerechten schieden, dann wäre er wirklich ein Revolutionär.

Theo Hipp

kath.de-Redaktion

2 thoughts on “Der Papst, der Revolutionär (20.09.2013)

  1. Den Respekt, der den Neuen zumindest als Gesprächspartner von Rang anderen entgegenbringt, bedarf noch der Klärung. Im Kreis haben sich Kirchenklerus und Gottes Volk nun lange genug gedreht – “an ihren Früchten/ Taten sollt ihr sie erkennen” (Mt. 7,16). Das warten wir mal ab.
    Dass zwar Hoffnung besteht, aber zugleich Anbiederei herrscht (dt. Episkopat), ist schon wieder ganz deutlich zu sehen:
    Meißner und Inquisitionschef Müller (zu Tebartz-van Elst), Marx (scheinheilige Lamentatio über Geldwäsche im Vatikan), nochmals Müller (“Die Reformgruppe, das sind wir selber!”), Lehmann (plötzlich gibt’s ganz viele Antizölibatäre), usw.
    Falsche “Fuffziger” nennen das die Hessen; etwas vornehmer, aber nicht weniger deutlich: “Seht euch vor vor den falschen Propheten, die in Schafskleidern zu euch kommen…” (Mt 7,15); oder: “Es werden viele zu mir sagen an jenem Tage: HERR, HERR! haben wir nicht in deinem Namen geweissagt, haben wir nicht in deinem Namen Teufel ausgetrieben, und haben wir nicht in deinem Namen viele Taten getan?…” (Mt 7,22).

    • So gesehen könnte man die 12 Apostel auch “falsche Fuffziger” nennen:
      Betonköpfe und “Revolutionäre ” -das passt wohl nicht zusammen, – oder doch ?( s.Pfingstereignis…!).

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *


*