Reue, Schmerz, Umkehr (27.09.2013)

Volkes Stimme verlangt es

Die Bundestagswahl hat wie eine Weltmeisterschaft Sieger und Besiegte hinterlassen. Vor den Augen aller führen die Partien ihre Freudentänze wie auch ihre Selbstreinigungsprozesse vor. Ehe man mit Häme über die FDP herfällt, sollte man sich abschauen, wie die Protagonisten es machen. Denn wie die Spitzenpolitiker muss jeder Bürger mit Fehlern, versäumten Entwicklungen, falschen Koalitionen und Vergleichbarem umgehen. Auch hat jeder von uns wie die Parteien Zuschauer, die beobachten, wie wir mit Niederlagen fertig werden. Anders als die Fußballklubs können wir nicht einfach die Trainer auswechseln oder meist auch nicht Geld aus der Schatulle holen, um neue Spieler einzukaufen.

Selbstreinigung

Eine Wahl erzwingt, wie der Abstiegskampf in den diversen Ligen oder dem Verlust des Exzellenzstatus einer Universität, eine Selbstreinigung. Das folgt eigentlich der Dramaturgie von Karneval und Fastenzeit. Im Karneval werden die Fehler, ob in Büttenreden oder auf den Karnevalswagen, dargestellt. Der Wahlkampf ließ diesmal besonders deutlich die Fehler der Akteure aufscheinen. Die Meinungsforscher, die die Wählerströme erforschen und die Wähler repräsentativ befragen, legten schon in der Wahlnacht den Finger auf die Wunden. Dann folgt der Aschermittwoch.

Schuld eingestehen

Der FDP ist es besser gelungen als den Grünen, nicht die Verantwortung anderen zuzuschieben, sondern sich selbst als die Verursacher des Verlusts zu präsentieren. Die Chance für den Neuanfang ist damit gewonnen. Es bleibt allerdings noch der Makel, von der CDU Leihstimmen eingefordert zu haben. Stattdessen hat die FDP in der Wählerwanderung 2,2 Millionen Stimmen an die CDU verloren, die SPD hat sogar mehr bekommen als die AfD, nämlich 530 Tsd. gegenüber 430 Tsd. Die Grünen haben die meisten Stimmen an die SPD verloren, 550. Tsd., 420 Tsd. an die CDU.  Die Zahlen sind jeweils der Saldo aus Zu-und Abwanderung.
Hätten die Wähler der FDP Stimmen geschenkt, wäre alles beim Alten geblieben, als Verlierer neben einem strahlenden Sieger. Die FDP als Anhängsel der größeren Partei und ohne neuen Aufbruch. Wahrscheinlich hätte die Partei in vier Jahren die Kraft für einen Neuanfang verloren.

Dann ist Umkehr gefragt, man muss Asche über sein Haupt streuen und dann eine Zeit der Besserung durchlaufen.
Nach dem Aschermittwoch geht es um eine Neubesinnung. Die hat nicht nur die FDP nötig, viele andere werden auf ihrem Lebensweg in diesem Herbst in eine Neubesinnung gezwungen. Es bleibt die schwelende Frage, die sich den Deutschen stellt: Müssen sich eigentlich nur die Griechen, die Spanier und Portugiesen ändern und nicht wir auch? Haben wir in den letzten Jahren in Europa alles richtig gemacht?

Zeit der Neuausrichtung

In der Fastenzeit geht die Besinnung auf den richtigen Lebensweg von den Texten der Bibel aus. Das dürfte auch für die Parteien gelten, sich auf ihre Gründungsidee und ihr Wertprofil zu besinnen und aus dieser Besinnung heraus die Fragen der Gegenwart und Zukunft anzugehen. Was der FDP bevorsteht, kann jeder auch für sich nachvollziehen. Die gleiche Aufgabe liegt auch vor den Kirchen, ihren Leitungen oder ihren Gemeinden, nämlich nicht in der Vergangenheit stehen zu bleiben, sondern das eigene Hoffnungs- und Wertprofil auf die Fragen der Zeit hin zu aktivieren. Deklinieren wir es für die FDP erst einmal durch.

Wir sind dagegen

Die Liberalen stehen an der Wiege der Demokratie, sie waren früher parlamentarisch orientiert als die SPD oder gar die katholischen Parteien. Als Staatskirchen hatten die evangelischen Landeskirchen keinen Einstiegspunkt, als politische Kraft mitzugestalten.

Das war eigentlich das Programm der FDP, wir sind gegen Steuererhöhungen, gegen Vorratsdatenspeicherung, gegen staatliche Eingliederungshilfen für die Schlecker-Mitarbeiterinnen. Ist es nicht das gleiche Bild, das sich die katholische Kirche in Deutschland zugelegt hat? In den Anfängen der Bundesrepublik wurden viele Grundsätze der katholischen Soziallehre umgesetzt, ob Förderung des Wohneigentums, weniger Staatsfirmen, dafür staatliche Aufträge an den Mittelstand, z.B. im Telefonsektor, Stärkung der Elternrechte gegen ein staatliches Ausbildungsmonopol, Stärkung der Familie, dynamische Rente, für die europäische Integration. Seit der Achtundsechziger Bewegung agiert die katholische Kirche fast nur noch aus der Defensive.

Die Grünen haben bisher aus einer Position der Veränderung heraus agiert, Abschaffung der Atomkraft, Umweltauflagen, Integration der Immigranten, Rolle der Frau. Offensichtlich sind die Themen nicht mehr aktuell bzw. von der CDU aufgegriffen. Es gibt neue Themen, die eigentlich von der FDP besetzt werden könnten:

Finanzindustrie, Individualverkehr, Bildung

  1. Die von der FDP vor allem vertretene Freie Marktwirtschaft funktioniert offensichtlich für die Finanzindustrie genauso wenig wie für den Arbeitsmarkt. Denn anders als bei Autos oder Tomaten, führt ein Überangebot an Geld in der Form von Krediten nicht dazu, dass die Preise, z.B. für Immobilien sinken. Ob in Irland oder den USA, jeder wollte am Immobilienboom mitverdienen, je mehr gebaut wurde, desto mehr wollten auch noch bauen. In der Erwartung, dass die Häuserpreise weiter steigen, legten sich viele Iren eine Zweitwohnung zu, nicht um sie zu nutzen, sondern später mit einem erheblichen Aufschlag zu verkaufen. Es entstand die Blase, die eigentlich nach den Gesetzen der Marktwirtschaft nicht hätte entstehen dürfen. Man kann mit verstärkten Kontrollen darauf reagieren, von einer liberalen Partei hätte man aber eine Lösung erwarten können, wie die Marktwirtschaft so fortgeschrieben werden kann, dass die Marktgesetze auch in der Finanzbranche so wirken, dass nicht nur keine Auto- oder, wie früher in der EU, Butterberge entstehen, sondern auch keine leerstehenden Bauten herumstehen.
  2. Ein anderes Feld, zu dem man von der FDP nichts gehört hat, ist die Verkehrspolitik. Das Auto ist Symbol der Freiheit, ich kann einsteigen und losfahren, wohin ich will. So schön das ist und so sehr Deutschland von seiner Autoindustrie profitiert, das Symbol zerbricht an dem Staus und den enormen Kosten für den Straßenbau. Heißt die liberale Lösung aber, dass man durch entsprechende Erhöhung der Benzinpreise die Menschen in die S-Bahn oder den Bus zwingt?
  3. In der Bildungspolitik geht es um Chancengleichheit. Damit diejenigen, die von zu Hause einen geringeren Wortschatz mitbringen, die ihre Eltern immer vor dem Fernsehapparat und ohne Buch erlebt haben, das nachholen können, was andere an Vorsprung mitbringen, sollen die Kinder möglichst lange in der gleichen Klasse gemeinsam unterrichtet werden. Wie ist das aber mit dem Anspruch der Schüler und Schülerinnen vereinbar, die mehr lernen können und auch wollen? Die Gesellschaft braucht zudem Menschen mit Spitzenbegabungen, die später mehr leisten können, was ja dann allen wieder zugute käme. Es wäre also für alle von Vorteil, wenn die Begabten mehr gefördert würden. Wie sähe ein liberaler Ausgleich zwischen diesen Gegensätzen aus?

Datenschutz

Als endlich der breiten Öffentlichkeit bewusst wurde, dass die Daten der meisten Deutschen auf Servern in den USA liegen und nicht nur von den dortigen Geheimdiensten, sondern von der Konsumgüterindustrie weidlich genutzt werden, blieb die FDP stumm. Obwohl das Problem im Wahlkampf keine Rolle gespielt hat, würde man doch gerade von der FDP erwarten, dass sie die Frage angeht. Denn wenn es den Menschen einmal bewusst wird, was Google und Facebook alles wissen, dann wird das das Freiheitgefühl sehr viel mehr beeinträchtigen als Staus auf der Autobahn. Vielleicht geben die Menschen dann den Gedanken an Liberalität auf, weil sie diesen Gedanken gar nicht mehr zu denken wagen. Wenn Google sowieso schon weiß, was ich wählen werde, warum soll ich dann auch diese Daten noch freigeben. Wenn die Daten an andere ausländische Geheimdienste oder Firmen irgendwo auf der Welt verkauft wurden, fahren die Menschen dann noch in ein anderes Land, wenn sie damit rechnen müssen, dass die Hotelketten und der Geheimdienst dort schon alles über sie weiß?

Wenn die FDP sich dieser Frage nicht gründlich widmet, dann ist sie tatsächlich überflüssig.

Eckhard Bieger S.J.
kath.de-Redaktion

Der Papst, der Revolutionär (20.09.2013)

Weniger das „was“, sondern das „wie“ ist entscheidend

Papst Franziskus hat nicht die erste Frauenpriesterweihe oder Schwulenhochzeit im Vatikan angekündigt, nicht einmal die Aufhebung des Zölibats hat er in Aussicht gestellt. Und dennoch: Der Bericht über ein Gespräch mit dem Papst schafft es, zum Gesprächsthema zu werden. Nicht nur in Diözesanblättern, auch in großen nationalen Medientiteln. Seit Franziskus Papst ist, ist Kirche wieder Thema: In kleinen Zirkeln, in Freundeskreisen, in der Öffentlichkeit. Sie liefert wieder Inhalte, die relevant erscheinen, die das Gefühl des Staunens,  der Befreiung und Erhebung erzeugen. Auch zuvor war sie dies, aber lange Zeit nur als Lieferant von bad-News. „Only bad news are good news“ – seit einem halben Jahr gelingt es Papst Franziskus, ein Mediendogma regelmäßig auf den Kopf zu stellen.

Ein individueller Stil

Seine erste individuelle Note gab der Papst seinem Pontifikat damit, dass er, bevor er die Menschen auf dem Petersplatz segnete, um ihr Gebet bat. Die Vermutung, dass es ein Ausrutscher in seine Vergangenheit gewesen sein könnte, als er persönlich in der Via della Scrofa erschien, um an der Rezeption seine Rechnung zu begleichen, erwies sich als Irrtum. Eine originelle und menschliche Geste folgte der nächsten: Er lobte und dankte den Journalisten für ihre Arbeit beim Konklave, vermied es, das päpstliche Apartment als seine Wohnung anzunehmen, weil er Gemeinschaft brauche, er sortierte den vatikanischen Fuhrpark um, griff zum Telefon, wenn seine Leidenschaft als Seelsorger es ihm gebot, macht mit Jugendlichen fotographische Schnellschüsse und bietet das Du an – und lässt sich viel Zeit, die römische Kurie und ihre Behördenleiter zu verstehen. Die erwarteten Personalrochaden fanden nicht statt. Einzeln, Schritt für Schritt und mit Bedacht erfolgen die personellen Veränderungen.

Seinem Interviewpartner gibt er zu verstehen, dass er nicht gerne Interviews gibt. Nachdenken, so der Papst, sei ihm lieber, als vorgefertigte Antworten vorzulegen. Die richtige Antwort komme immer erst, wenn er die erste Antwort gegeben habe. Antonio Spadaro, Jesuit und Chefredakteur der Jesuitenzeitschrift „La Civiltà Cattolica“ hat zusammen mit dem Papst in einem Gespräch einen journalistischen Stil entwickelt, der mehr Dialog als Interview ist.

Und dieses  Nachdenken über Themen, die Redakteure jesuitischer Zeitschriften vorbereitet hatten, brachte Gedanken zutage, die als revolutionär (The Guardian), als Kurswechsel (Ökumenische Arbeitsgruppe Homosexuelle und Kirche), Tabuthemen ansprechend (Wir sind Kirche), als die ganze Vitalität des katholischen Glaubens atmend (Kardinal Meisner),  als Aufbruch von oben (Spiegel online), als beeindruckendes Zeugnis (Erzbischof Zollitsch) bezeichnet werden.

Raus aus den Drehorgelthemen

Wie gelingt es Papst Franziskus, aus den alten Themen herauszukommen und neue Themen zu setzen, die Menschen interessieren – ohne Skandale zu provozieren? Ein aufschlussreicher Satz aus dem Interview könnte der sein, wo er darüber spricht, wie man die Jesuiten verstehen könne. Der Papst gibt zu: „Wenn man zu viel erklärt, besteht die Gefahr von Missverständnissen. Die Gesellschaft Jesu kann  man nur in erzählerischer Form darstellen.“ Das analytische Denken und die Diskussion sind wichtig für die Kommunikation innerhalb von Gemeinschaften und um Entscheidungsprozesse zu gestalten. Aber sie leisten nicht viel, wenn es darum geht, Menschen zu verstehen und innere Regungen transparent zu machen. Und Glaube hat in erster Linie mit Menschen und ihren inneren Bewegungen zu tun, die man nur erzählen kann. Erzählung setzt Erfahrung und Erlebnis voraus. Wer das Erlebnis nicht wagt, dem bleibt nur das Auftischen alter Wahrheiten. Das Gespräch, das Menschen anspricht, ist nicht der Streit über dogmatische Wahrheiten. Aller Glanz, Prunk und Glimmer, alle Betonung bischöflich-päpstlich-hierarchischer Autorität vermag dem Verstehen und Durchdringen nicht zu dienen. Papst Franziskus lässt die Menschen an seinem inneren Glaubenserleben teilhaben: An der Freude darüber, dass ihm ein junger Mann sein inneres Erleben um das Finden seiner Lebensaufgabe berichtet, dass er Sorge hat, alleine in der päpstlichen Wohnung zu verkümmern, dass er den Menschen gegenüber als nahbar erscheinen will.

Ein neuer Kommunikationsstil

Es ist dem Papst gelungen, durch alle Lager hindurch  zumindest Aufmerksamkeit, in vielen Fällen Erstaunen, oft auch Bewunderung zu wecken. Es gelingt ihm dadurch, dass er die Erfahrungen der Menschen ernst nimmt. Erst die Erfahrung ermöglicht das Erzählen. Und erst das Erzählen ermöglicht das Verstehen. Und erst dann kann ein moralisches Urteil folgen.

Papst Franziskus lebt vor, wie dies geht. Er liefert die Theorie, die nichts anderes ist als das Evangelium. Und er zeigt, wie ein solches Leben aussieht. Es erscheint ein „Papst mit menschlichem Antlitz, einer, der die Menschen kennt, sich um die Menschen bemüht, der eigene Fehler eingesteht und auf Veränderungen im Leben setzt. Einer, der die Ausgrenzung von Schwulen, Frauen und Andersdenkenden in der Kirche nicht länger hinnehmen will.“

Das Neue an Papst Franziskus ist, dass er aufzeigt und aufweist, dass die Diskussion um die Themen der Sexualmoral und die innerkirchlichen Reformprobleme nicht im Stande ist, neue Kraft zu wecken. Neue Impulse entstehen, wenn Menschen und Christen einander erzählen, wie sie zu ihren Positionen und Haltungen kommen, warum sie für die eine oder andere Position votieren, was sie im Inneren bewegt.

Liberaler Frühling?

Damit ein solches Gespräch entstehen kann, braucht es einen respektvollen Blick auf jeden Menschen. Es darf nicht gelten, was in Kirche und Gesellschaft leider normalerweise gilt: Was nicht sein darf, das darf auch nicht erzählt werden. Aber die Gesprächsregel der Aufrichtigkeit markiert noch lange keine liberale Position. Vielmehr setzt sie Bescheidenheit, Demut und Interesse am Menschen voraus – und die Bereitschaft, sich selbst in Frage stellen zu lassen und seine Meinung und sein Verhalten zu korrigieren. Dies aber ist originärer Inhalt der bleibenden Wahrheit der christlichen Botschaft. Irgendwann wird auch Papst Franziskus polarisieren und Trennlinien ziehen. Wenn diese quer durch die alten Blöcke der Konservativen und Liberalen verliefen, und die Beweglichen von den Unbeweglichen, die Umkehrbereiten von den Selbstgerechten schieden, dann wäre er wirklich ein Revolutionär.

Theo Hipp

kath.de-Redaktion

Die Macht der Bilder (13.09.2013)

Peer Steinbrück liefert das Bild zu seinen Negativschlagzeilen

Der deutsche Wahlkampf hat ein neues Thema: Der „Stinkefinger“ von Peer Steinbrück. Er ist auf dem Titelbild der neuen Ausgabe des Süddeutsche-Zeitung-Magazins zu sehen ist und wird bereits eifrig diskutiert: SPD-Anhänger verteidigen die Pose, Mitglieder der Noch-Regierung verurteilen sie als unerträglich für einen zukünftigen Bundeskanzler. Kurz:  Die Politik streitet sich, die Medien freuen sich.

Die Geste: eine Beleidigung

Mir kommt spontan eine Szene in den Sinn, die ich gemeinsam mit meinem Kollegen in der Schülerseelsorge im Bistum Fulda nach einem Schulbesuch erlebte. Wir verließen das Gebäude über den Hof und oben am Fenster klopften Schüler. Einer zeigte uns den „Stinkefinger“. Mein Kollege und ich gingen hinauf und trafen Jannik, der sich sofort mit Tränen in den Augen bei uns entschuldigte und uns „hoch und heilig“ versprach, es nie wieder zu tun. Er wusste ohne ein Wort von uns, dass diese Geste falsch war und eine Beleidigung darstellte. Er sagte selbst, dass „man so was nicht macht.“ Er hatte also ein inneres ethisches Empfinden, eine Gewissenserfahrung. Jene, die wohl auch den Sprecher von Peer Steinbrück bewegt hat, gegen eine Veröffentlichung der Bilder zu votieren, wenngleich sein Chef das anders sah.

Juristisch betrachtet stellt der „Stinkefinger“ den Tatbestand der Beleidigung nach § 185 Strafgesetzbuch dar, der sogar mit bis zu einem Jahr Freiheitsstrafe geahndet werden kann. Im Straßenverkehr werden zumeist Geldbußen ausgesprochen, wenn Autofahrer Polizisten als Vertreter des Staates so beleidigen. Laut ADAC liegen die Strafen zwischen 600 und 4000 Euro. Das ethische Grundempfinden für diese Geste hat sich also in der Rechtssprechung niedergeschlagen. Somit kann diese Geste dem normalen Bürger eine beträchtliche Strafe einbringen, was auch ein SPD-Kanzlerkandidat durch ein Foto nicht ändern kann, wenngleich er solches nicht damit beabsichtigte.

Es bleibt festzuhalten: Das Gewissen gibt Signale, was richtig und falsch ist. Diese können wir wahrnehmen und danach handeln oder uns dagegen entscheiden. Eines können wir aber nicht: Das Gewissen als Instanz ganz ignorieren. So werden auch viele Wähler, ähnlich wie der Junge in der Schule, innerlich merken, dass diese Geste nicht richtig ist. Es gilt die biblische Goldene Regel (Mt 7,12), die sich im Sprichwort niederschlägt: „Was du nicht willst, das man dir tut, das füg auch keinem anderen zu.“ (oder zeige es groß auf dem Titelbild eines Magazins).

Ein Bild: eine starke Aussage

Das Foto hat neben einer ethischen, auch eine mediale Dimension. Wenn man es nicht schon als „normaler Leser“ weiß, so lernt man es spätestens am ersten Tag eines Praktikums in einer Lokalzeitung: Die Macht der Bilder bestimmt das Kauf- und Leseverhalten ganz entscheidend. Ob in der Werbung, im Internet, in bewegten Bildern im Fernsehen: Überall erzeugen Bilder Erwartungen beim Gegenüber. Sie wollen Interesse und Aufmerksamkeit hervorrufen und zur Entscheidung führen, den Text zu lesen oder aufgrund der Werbung die Hose zu bestellen. Wenn überfüllte Dixitoiletten einen Text von Weltjugendtag in Rio de Janeiro bebildern, hat der Leser noch lange bevor er die Bildunterschrift liest eine Ahnung, dass es wohl im Text um die katastrophalen Umstände des Ereignisses geht. Anders werden lächelnde Jugendliche an der Copacabana bewirken, dass der Leser wohl einen Bericht über ein fröhliches Ereignis am längsten Stadtstrand der Welt erwartet.

So werden viele Leser kaum die Bildunterschrift auf dem SZ-Magazin mit Steinbrücks Fingerkunst lesen, sie werden kaum das ironische Format des Mediums erfassen. Der Grund: Sie bleiben bei ihren Erwartungen hängen und machen sich ein Bild über Peer Steinbrück, was er wohl für ein Typ ist. Dieses Bild ist, wie bereits ethisch gezeigt, bei vielen kein positives. Somit wird das Wählervolk auch die Intention der Geste als Kritik an der medialen Berichterstattung über Steinbrücks Fehltritte wenig erfassen. Die Macht des Bildes ist einfach zu groß und auch zu undifferenziert. Jedes Bild ist bereits eine starke Aussage und diese kann nur schwer durch eine erklärende Bildunterschrift oder gar eine rechtfertigende Stellungsnahme der SPD verändert werden. Diese Wirkung konnte man eindeutig bei den Mohammed-Karikaturen oder dem Urinfleck von Papst Benedikt XVI. auf der Titelseite eines Satiremagazins nachvollziehen. Da halfen auch keine Worte oder Verweise auf künstlerische Formate. Die Bilder wurden als Beleidigung verstanden, weil sie in sich eine starke Aussage waren, wenngleich die Intention eine andere war.

Die Wirkung: ein mediales Eigentor

So wird auch Steinbrücks neues Wahlbild ein mediales Eigentor sein. Er wollte die Medien kritisieren, doch er lieferte ihnen das, was noch fehlte: Ein Bild zu den Negativschlagzeilen. Damit half er ihnen und schadet sich selbst. Was die Medien bisher nur in der Wiederholung von Steinbrücks „Fettnäpfchen“ in Worten ausdrücken konnten, werden sie nun passend bebildern können. Schon ist zu lesen, dass man das Bild den Schweizern schicken könne, weil Steinbrück einst in punkto Steuerabkommen mit der Kavallerie drohte. Bald werden neue Bildunterschriften auftauchen, die mit dem geringen Kanzlergehalt oder den gut honorierten Nebenverdiensten des SPD-Politikers verbunden werden. Die Aufmerksamkeit erhalten die Medien, nicht der Kanzlerkandidat.

Ein Vorbild für den medialen Umgang hätte er sich an der Kanzlerin selbst nehmen können: Angela Merkel hat über Jahre hinweg die Berichte über ihre Frisur und Ausdrucksweise, ihre Handhaltung und Kleidung ertragen und meist unkommentiert stehen lassen, bis die mediale Aufmerksamkeit abebbte und Kommentare dazu als alt und bekannt abgestempelt wurden. Sie stand dazu und macht aktuell ihre Handhaltung zum Wahlzeichen. Was wäre wenn Peer Steinbrück auf die Frage des SZ-Magazins einfach nur mit Daumen hoch in die Kamera geblickt hätte? – Die bildliche Wirkung:  „Ich stehe zu meinen Aussagen“ oder „Ich problematisiere eingefahrene politische Strukturen und bin bereit fürs Kanzleramt“ wäre gewiss eine bessere gewesen.

Sebastian Pilz
kath.de-Redaktion