Was vom Weltjugendtag bleibt (02.08.2013)

Die Jugendlichen aus aller Welt sind vom Weltjugendtag in Brasilien in ihre Heimatländer zurückgekehrt. Sie haben neben Souvenirs vor allem viele Erfahrungen und Begegnungen im Gepäck. Und diese nicht nur mit einer fremden Kultur und neuen Bekannten weltweit, sondern auch mit einer Weltkirche, die man lieben und an der man sich gelegentlich auch reiben muss. Doch was wird aus diesen Erfahrungen im alltäglichen Umfeld von Schule, Universität, Arbeit und Kirchengemeinde?

Was bleibt vom Weltjugendtag?

Nach einer Massenveranstaltung wie dem Weltjugendtag in Rio de Janeiro kann man sich die Frage stellen, was von diesem Ereignis eigentlich bleibt, was die Konsequenz eines solchen Treffens auf der persönlichen Ebene der Teilnehmer und für die Kirche als ganze sind. Hat es sich tatsächlich gelohnt, Zeit, Geld, Kraft und Schweiß in einen kirchlichen Event zu stecken, der hauptsächlich wohlhabende Jugendliche der ganzen Welt zusammenbringt? Und dazu noch in einem Land, in dem die ungerechte Schere zwischen arm und reich wohl mit am größten ist. In der Tat ist dies eine Anfrage an die Weltjugendtage, die schon seit ihrer Begründung durch Papst Johannes Paul II. besteht. Denn welchen Mehrwert sie haben, lässt sich nicht verallgemeinerbar messen, sondern nur persönlich. Zudem sind zahlreiche Jugendliche von der Teilnahme ausgeschlossen, da sie nicht die nötigen finanziellen Mittel zur Verfügung haben, um die oft kostspielige Reise und die Teilnahmegebühren zu bezahlen.

Ein Durcheinander

Vielleicht hat Papst Franziskus gerade an die Jugendlichen gedacht, die nicht nach Brasilien reisen konnten, sondern in ihren Heimatländern geblieben sind, als er seinen Wunsch geäußert hat, was seiner Meinung nach die Konsequenz des Treffens junger Katholiken in Rio de Janeiro sein sollte: Er erhofft sich einen Wirbel, ein Durcheinander in den Diözesen. Bei einem außerplanmäßigen Treffen mit jungen Landsleuten aus Argentinien sagte der Papst, was er sich von den Tagen an der Copacabana erwarte und was damit bewirkt werden solle. Franziskus wünscht sich von seiner Kirche, dass sie „auf die Straßen hinausgeht“ und dabei alle Menschen mitnimmt. Der Pontifex rief dazu auf, „die Pfarreien, die Schulen, die verschiedenen Einrichtungen“ der Kirche zu nutzen, um eben dieses zu tun, auf die Straße hinauszugehen und „gegen alle Weltlichkeit, Unbeweglichkeit, Bequemlichkeit, gegen den Klerikalismus und alles In-sich-verschlossen-sein“ zu widerstehen.

Kontinuität zwischen den Päpsten?

Von einer Kontinuität zwischen Papst Franziskus und seinem Vorgänger, dem emeritierten Benedikt XVI. zu sprechen scheint nach einer solchen Aufforderung zu einem Durcheinander in den Diözesen nur schwer möglich. Wäre der fast schon revolutionär scheinende Aufruf zu einem Wirbel in den Gemeinden vom nüchternen und intellektuellen Benedikt ausgegangen, hätten sich viele Gläubige Sorgen um die mentale Gesundheit des Papstes gemacht. Zu Franziskus, der eine neue Art der päpstlichen Amtsführung lebt und damit eine große Anziehung auf viele Menschen ausübt, passt die Forderung nach einem verstärkten Zugehen auf die Menschen am Rande der Gesellschaft. Wenn das vom argentinischen Papst erhoffte christliche Durcheinander jedoch recht verstanden wird, schließt es einen unredlichen Aktionismus aus, den der emeritierte deutsche Papst verurteilt hatte. Für Franziskus handelt es sich bei dem Wirbel um Handlungen aus dem Glauben an Christus heraus, die eine Erfahrung dieser Gewissheit als Grund haben, so wie sie beim Weltjugendtag gemacht werden konnte. Zu diesem Handeln aus der jugendlichen Kraft des Glaubens hätte auch Benedikt XVI. aufrufen können – allerdings wahrscheinlich dezenter und mit anderen Worten.

Energie für die Kirche

Wenn der päpstliche Wunsch nach einem Durcheinander in den Diözesen ernst genommen werden sollte, würde das eine Epoche voller Energie für die Kirche bedeuten. Und dies nicht nur für die argentinische Kirche, als Adressatin von Franziskus´ Predigt, sondern für die gesamte Weltkirche. Zu allen Menschen zu gehen, aber besonders zu den Marginalisierten, ist, ökonomisch gesprochen, das Kerngeschäft der Kirche. Eine Rückbesinnung hierauf, die vom Papst gleichsam verordnet wird, kann der Kirche neue Kraft geben. Dass es dabei nicht um eine perfekt geplante Mission auf Weltebene geht, sondern vielmehr auf das eigenständige Engagement jedes Glaubenden ankommt, hat Franziskus mit seiner Rede vom Durcheinander bekräftigt. Und zugleich die Bischöfe und Priester gebeten, ihm zu „verzeihen, wenn einige nachher Verwirrung stiften“ würden. Der christliche Glaube ist eben ein göttlich geordneter Wirbel aller Gläubigen und keine vom Klerus zentralistisch überwachte Ordnung. Wenn es zu solch einem Durcheinander, wie vom Papst angedacht, kommt, kann der Weltjugendtag in Rio eine kraftvolle Wirkung für den Alltag aller Christen haben.

Roland Müller
kath.de-Redaktion

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