Journalisten und Whistleblower sind keine Terroristen (23.08.2013)

Zerstörte Laptops und Festplatten bei „The guardian“ 

Früher war nicht alles besser. Gäbe es in Großbritannien heute zum Beispiel noch die Strafverfolgung vergangener Jahrhunderte, so wäre die Zeitung „The Guardian“ schlecht beraten gewesen, die Informationen, die ihnen Whistleblower Edwards Snowden gegeben hat, aufzubewahren, geschweige denn zu veröffentlichen. Vor ein paar Tagen hatte der britische Nachrichten- und Sicherheitsdienst „Government Communications Headquarters (GCHQ)“ in den Redaktionsräumen des Guardian Laptops und Festplatten zerstört. In früheren Zeiten wäre Chefredakteur Alan Rusbridger vermutlich wegen Hochverrats verurteilt worden. Edward Snowden oder Bradley Manning wäre es nicht anders ergangen. Die Strafe für Hochverrat im britischen Königreich lautete bis ins 19. Jahrhundert „hanged, drawn and quartered“. Der Verurteilte wurde dabei bis zur Bewusstlosigkeit gehängt, dann bei lebendigem Leibe ausgeweidet, kastriert und schließlich gevierteilt.

Der Gunpowder Plot

Beim sogenannten „Gunpowder Plot“, der Pulververschwörung im Jahr 1605, versuchte eine Gruppe britischer Katholiken, den Monarchen zu töten. Seit der Herrschaft König Heinrichs VIII. (1492 – 1547) wurde die katholische Bevölkerung in England nämlich unterdrückt und verfolgt. Der Racheplan flog jedoch auf und die Verschwörer wurden als Hochverräter hingerichtet. Dem Sprengstoffexperten der Gruppe, Guy Fawkes, gelang es, bereits am Galgen zu sterben, indem er vom Podest sprang und sich das Genick brach. So ersparte er sich die anschließende Folter. Fawkes hatte geplant, mit einem Sprengstoffanschlag am Tag der Parlamentseröffnung im House of Lords König James samt Familie, alle Parlamentsmitglieder, alle Bischöfe des Landes und den Großteil des Hochadels zu töten.

Kontrolle der Medien

Der im Jahr 2006 erschiene Kinofilm „V wie Vendetta“ greift das Rachemotiv von Guy Fawkes wieder auf. Er zeichnet die dunkle Welt eines totalitär geführten Großbritanniens im 21. Jahrhundert. Unterdrückung von Dissidenten und eine komplette Kontrolle der Medien sind an der Tagesordnung. Eine faschistische Regierung ist an die Macht gelangt, weil sie den Bürgern Sicherheit versprochen hat. Ein einzelner Mann namens „V“, versteckt sich hinter einer Guy Fawkes-Maske und tötet Mitglieder des Regimes. Er plant, den seinerzeit gescheiterten „Gunpowder Plot“ zum Erfolg zu führen und die Houses of Parliament in die Luft zu sprengen. Wie nah an den gegenwärtigen Entwicklungen ist diese Dystopie, diese pessimistische Vision, heute?

Guy Fawkes – ein katholischer Terrorist?

Demonstranten und Protestler auf der ganzen Welt tragen heutzutage immer wieder die charakteristische Guy Fawkes-Maske. Das Internetkollektiv „Anonymous“ und die „Occupy-Wall-Street“-Bewegung hatten damit begonnen. Wer diese Maske trägt, will aus Furcht vor Verfolgung unerkannt bleiben und dabei auf Missstände, Unterdrückung und Verfolgung aufmerksam machen. Doch Guy Fawkes tat mehr als das. Er war ein – wenn auch katholischer – Terrorist. Stellen diese Demonstranten sich also in die Tradition eines Terroristen, der mit Tonnen von Schießpulver mehrere hundert Menschen töten wollte? Sind damit Leute wie Edward Snowden und die Journalisten des Guardian Terroristen und Hochverräter, die entsprechend verurteilt werden sollten? Die Briten jedenfalls haben das versuchte Attentat von 1605 bis heute nicht vergessen. Sie feiern jährlich das Scheitern des Guy Fawkes-Komplotts. Es gibt ein großes Feuerwerk und eine Guy Fawkes-Puppe wird angezündet. Außerdem werden bis heute jedes Jahr vor der Parlamentseröffnung die Kellerräume unter dem House of Parliament durchsucht.

Der Fall Manning

Der US-amerikanische IT-Spezialist und ehemalige Angehörige der US-Streitkräfte, Bradley Manning, der außerdem die britische Staatsbürgerschaft besitzt, ist jüngst wegen Diebstahls und Spionage in den USA zu 35 Jahren Haft und einer Geldstrafe von 100.000 US-Dollar verurteilt worden. Er hatte militärische Videos und Dokumente an die Enthüllungsplattform „WikiLeaks“ weitergegeben. Unter anderem handelte es sich um Videoaufnahmen des Beschusses und Todes irakischer Zivilisten und Journalisten, die von der scherzenden und lachenden Besatzung eines amerikanischen Kampfhubschraubers anscheinend für Terroristen gehalten wurden. Außerdem sind mehrere hundert Fälle von Folter und Berichte aus dem Gefangenenlager Guantanamo dokumentiert. Manning war bereits 2010 verhaftet worden. Die Bedingungen seiner Einzelhaft waren verschiedenen Berichten zufolge unmenschlich, demütigend und grausam. Auch der „Guardian“-Journalist Glenn Greenwald hatte seinerzeit darüber berichtet. Greenwalds Lebenspartner, David Miranda war in der vergangenen Woche ohne Begründung neun Stunden lang von den britischen Behörden am Londoner Flughafen Heathrow festgehalten und an der Weiterreise in sein Heimatland Brasilien gehindert worden.

Nicht der, für den sie gehalten wird

Bradley Manning hat nach seiner Verurteilung mitgeteilt, dass er sich als Frau fühle, fortan Chelsea genannt werden möchte und eine Hormontherapie beginnen werde. Während Politik und Geheimdienste den Eindruck forcieren wollen, WikiLeaks-Gründer Julian Assange, NSA-Whistleblower Edward Snowden, Manning und ihre Unterstützer seien Terroristen, macht Manning deutlich, dass sie nicht sind, was die Gerichte, die Geheimdienste und die Politik denken oder die Öffentlichkeit glauben machen wollen. Es ist, als ob Manning sagte: ‚Ich bin nicht, was ihr denkt. Ich bin nämlich kein Terrorist. Ich bin nicht einmal ein Mann. Aber meine Männlichkeit lasse ich mir nicht von euch wegnehmen.‘ Schon Guy Fawkes hat sich nicht von seinen Henkern kastrieren lassen, sondern sich vorher am Galgen selbst getötet. Fawkes aber war ein rachsüchtiger Terrorist, der einen Sprengstoffanschlag geplant hatte. Das ist Chelsea Manning nicht. Die saloppen „Eier in der Hose“, also den Mut, gegen ein ungerechtes, unmenschliches System vorzugehen, hatte sie aber trotzdem.

Journalisten oder Terroristen

Indem Manning, Snowden und Assange das tun, was sie tun, vermeiden sie solche gewalttätigen Anschläge wie die eines Guy Fawkes oder eines „V“. Sie handeln in friedlicher Absicht. Die eigentliche Gewalt geht von denen aus, die Presse- und Meinungsfreiheit zu unterdrücken versuchen, verdachtsunabhängig Kommunikationsdaten überwachen und speichern, Freiheitsrechte einschränken, menschenunwürdige Haftbedingungen und Folter zulassen. Wenn sie alle Bürger und besonders diejenigen, die sich dagegen wehren, als Terroristen und Verräter brandmarken, sehen sie überall Terroristen – genau wie die US-Helikopter-Schützen. Sie verwechseln Journalisten und Zivilisten mit Terroristen und schießen deshalb voreilig auf die Falschen. Damit geraten alle ins Visier. Journalisten und Whistleblower wollen die Wahrheit ans Licht bringen und setzen sich mit ihrem Handeln daher für Freiheitsrechte und Menschenrechte ein. Ihre Worte können zwar Sprengkraft besitzen, jedoch sind sie kein tatsächlicher Sprengstoff, der Menschen tötet.

Radikaler Perspektivwechsel

Guy Fawkes ist für seinen misslungenen Anschlag in den Tod gegangen. Die Aufdeckung des beabsichtigten Attentats verhinderte eine Re-Emanzipation des katholischen Glaubens in England für weitere 200 Jahre. Solange kann heute niemand mehr warten. Die USA haben Edward Snowden versichert, man werde für ihn im Falle seiner Rückkehr in die USA keine Todesstrafe beantragen noch würde man ihn foltern. Paradoxerweise hatten im Fall Bradley Manning mehrere US-amerikanische Politiker die Todesstrafe gefordert. Dass Manning zumindest folterähnliche Bedingungen erlitten hat, scheint festzustehen. Stigmatisierung, Folter und Tod ist offenbar das Los derjenigen, die sich gegen Unterdrückung, Freiheitsberaubung und Verfolgung wehren.

Am Ende von „V wie Vendetta“ stirbt der Maskenmann, der Anschlag samt einem großen Volksaufstand findet aber trotzdem statt. Bei der Revolution tragen dann alle Leute eine Guy Fawkes-Maske. Wenn man aber alle Maskenträger für den echten Guy Fawkes hält, dann sind alle potentiell Terroristen. In Wahrheit stecken hinter der Maske jedoch die gewöhnlichen Bürger des Landes: diejenigen, die ihrer Freiheitsrechte beraubt wurden und ihre Freiheit zurückerkämpfen wollen. Es braucht daher einen radikalen Perspektivwechsel. Anderenfalls bleiben die Laptops und Festplatten des „Guardian“ im Schredder der Geheimdienste nicht lange allein.

Matthias Alexander Schmidt
kath.de-Redaktion

3 thoughts on “Journalisten und Whistleblower sind keine Terroristen (23.08.2013)

  1. Je intensiver und gewaltbereiter die Geheimdienste “arbeiten “,desto mehr beschleunigt sich der Untergang des Systems, dem sie “dienen”…
    “Habt keine Angst…!” (Papst Joh.Paul II,1978)

  2. Es ist schön, dass sich der kath.de-Kommentar so deutlich hinter die “Whistleblower” stellt – insbesondere wenn klar ist, wo die Grenze zwischen Information und Aufklärung einerseits und Terrorismus andererseits verläuft. Leider scheinen Whistleblower in der katholischen Kirche nicht ganz so gern gesehen zu sein, gibt es doch Bischöfe, die offensichtlich der Meinung sind, dass Loyalität in jedem Fall vor Öffentlichmachung von Missständen geht…

    • Ich warte seit Beginn der NSA-Affäre auf eine dezidierte Stellungnahme irgendeines kirchlichen Vertreters, auch aus der christlichen Gesellschaftsethik, Medienethik. Vielleicht habe ich eine solche bisher überlesen.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *


*