Der Vatikan und das Geld (16.08.2013)

Erst pompös – dann klanglos

Was mit der Vatikanbank passieren würde, das sei noch nicht klar. Papst Franziskus äußerte sich vage über sein Sorgenkind IOR im Gespräch mit Journalisten auf dem Rückflug von Brasilien. Aber er hat die entscheidenden Schritte eingeleitet, damit das werden kann, was die Kirche braucht: Ein transparentes Institut, das Finanzdienstleister für kirchliche Einrichtungen weltweit ist.

Mit wenigen Worten wird in den deutschen Medien erläutert, dass mit dem neuen Motu Proprio Geldwäsche und Terror-Finanzierung durch die Vatikanbank nicht mehr möglich sein sollen. So pompös über dubiose Seilschaften, Kontakte zur Mafia bis hin zum Rücktritt Papst Benedikts XVI. im Vatikan-Bank-Skandal spekuliert wurde, so klanglos verhallte die Nachricht. Ist der Ruhe zu trauen?

Dunkle Machenschaften

Schon Ende der 1970er Jahre wurden der Vatikanbank undurchsichtige Geschäfte und Verwicklungen mit der Mafia nachgesagt. Nach dem unerwarteten  Tod von Johannes Paul I. nur 33 Tage nach seiner Wahl waren Spekulationen Tor und Tür geöffnet. Einige bezogen sich auch darauf, dass er korrupte Machenschaften der Vatikanbank aufdecken wollte. Der Mord an dem Bankier Roberto Calvi und seiner Sekretärin Graziella Corrocher am 17. Juni 1982 hinterließ viele Fragzeichen. Er hatte große Summen für die Mafia und den Drogenhandel gewaschen. Auch war er ein alter Freund von Papst Paul VI. und verschob über die Vatikanbank hohe Beträge an Scheinfirmen im Ausland. Sein Tod wurde nie zur Gänze aufgeklärt. Diese Umstände ergaben genug Stoff für Spekulationen und Verschwörungstheorien über die Vatikanbank und inspirierten selbst Filmemacher wie Francis Ford Coppola (Der Pate III).

Erste Schritte

Der junge Papst Johannes Paul II. setzte zur künftigen Überwachung der Vatikanbank eine Aufsichtskommission aus fünf Kardinälen ein, die bis heute arbeitet. Aber auch diese Kommission konnte nicht die nötige Transparenz schaffen, um den neuen Skandal zu verhindern. Der neue Chef der Vatikanbank (IOR), Ernst von Freyberg, erläutert in einem Interview, dass die neue Transparenz erst eine Entwicklung nach den Terroranschlägen des 11. September 2001 sei.

Weitere Verstrickungen tauchen auf

Neue dubiose Informationen um die Vatikanbank tauchten auf, als der Journalist Gianluigi Nuzzi 2003 von einem Monsignore aus dem Vatikan ein Geheimarchiv in der Schweiz erbte. Er staunte nicht schlecht, als er darin zahlreiche Materialien des vatikanischen Staatssekretariats und Papiere der Vatikanbank vorfand. Nach einiger Recherche veröffentliche Nuzzi 2009 ein Buch, in dem er der Vatikanbank Geldwäsche der Mafia, Schmiergeldaffären, Blockade von Korruptionsermittlungen und geheime Nummernkonten vorwarf.

Folgen

Auch wenn Vatikanbankchef von Freyberg erklärt, dass Nummernkonten seit 1996 technisch unmöglich seien und er keine Anzeichen für Nummernkonten in der Vergangenheit finden konnte, womit ein Punkt entkräftet scheint, musste der damalige Chef des IOR, Angelo Caloia, nach mehr als 20 Jahren den Hut nehmen. Inwieweit ein Zusammenhang mit den anderen Beschuldigungen besteht, ist unklar. Doch scheint einiges für einen Gesinnungswandel der Kirchenspitze hin zu einer transparenten und sauberen Arbeit in Finanzfragen zu sprechen.

Die Finanzpolizei schreitet ein – Der Papst zieht Konsequenzen

Als 2010 die italienische Finanzpolizei im Rahmen von Ermittlungen gegen den neu ernannten Chef des IOR,  Ettore Gotti Tedeschi, und gegen den Generalsekretär Paolo Cipriani wegen des Verdachts auf Geldwäsche 23 Millionen Euro einfror, griff Papst Benedikt XVI. durch und gründete die vatikanische Finanzaufsichtsbehörde AIF. Dazu engagierte er den international anerkannten Anti-Geldwäschespezialisten René Brülhart, Vizechef der weltweiten Zentralstelle für Verdachtsfälle von Korruption, Geldwäsche und Terrorismusfinanzierung, genannt „Egmont Group“. Daraufhin wurde das Geld wieder freigegeben.

Es ist noch nicht durchgestanden

Im Januar 2013 kam es zu einem weiteren Schock, als im Vatikan kein Kredit- und EC-Zahlungsverkehr mehr möglich war. Mangels Geldwäsche-Überwachungsbehörde im Vatikan wurde der italienischen Deutsche-Bank-Tochter, die bisher für die Finanzabwicklung der Vatikanbank zuständig war, jeder Geld- und Zahlungsverkehr mit der Vatikanbank untersagt. Zwar kann seit Mitte Februar der Geldverkehr über ein Schweizer Geldinstitut abgewickelt werden, doch hat diese Situation entgegen aller bisherigen Bemühungen die Unfähigkeit der zuständigen Behörden gezeigt. Dies hat  gut informierten Kreisen zufolge für erheblichen Ärger beim Welt-Episkopat gesorgt.

Ein Papst tritt zurück – Kardinäle wünschen Ordnung

Es mag ein Zufall gewesen sein, dass der Rücktritt von Papst Benedikt XVI. in die Nähe dieses Skandals mit langer historischer Vorgeschichte gefallen ist. Doch werden die Vorfälle sicher Hinweis für  Benedikt gewesen sein, dass auch beim Thema Finanzen, das eigentlich einen kirchlichen Nebenschauplatz darstellt, ein Mann mit frischer Kraft von Nöten ist.

Aus vatikanischen Kreisen ist zu hören, dass es ein massives Interesse der versammelten Kardinäle gab, dass der neue Papst für Ordnung sorgen solle. Wie, dazu gab es wohl die unterschiedlichsten Vorstellungen. So erzählte auch Papst Franziskus auf dem Rückflug vom Weltjugendtag, dass er selbst vieles verlangte und dachte, was der neue Papst umsetzen müsse.

Franziskus knüpft an die  Null-Toleranz-Politik Benedikts an

Die erneuten Ermittlungen der italienischen Behörden wegen Betrugs- und Korruptionsverdacht mit anschließenden Verhaftungen im Juni sorgten für neuen Wirbel. In der Folge bestellte Papst Franziskus Ernst von Freyberg zum Präsident des IOR, vorübergehend auch als IOR-Generaldirektor.

Papst Franziskus konnte sich des Rückhalts der Kardinäle für die Reformen sicher sein. In der Generalkongregation vor der Papstwahl wurde Reformbedarf signalisiert. Da offensichtlich die Kurienkardinäle das Vertrauen der Bischöfe in diesen Belangen verloren hatten, hat sich Franziskus eine Beratungskommission von acht Kardinälen aus aller Welt zusammengerufen. So sagte er dazu kürzlich, „dass es wichtig ist, … nicht die bereits bestehenden Beraterstäbe, sondern outsider“ damit zu betrauen.

Die eingesetzten Mittel beginnen zu wirken

Damit scheinen nun endlich in der Vatikanbank IOR, der Finanzaufsichtsbehörde AIF und der Beratungskommission kompetente und vertrauenswürdige Personen gefunden worden zu sein. Jetzt geht es Schlag auf Schlag.

Die vatikanische Finanzaufsicht stellt ihren ersten Jahresbericht vor. Es werden erste Verdachtsmomente aufgeführt, die eine funktionsfähige Behörde zeigen sollen. Tatsächlich erntet die Behörde auch internationales Lob. Mit der Aufnahme in die Egmont Group darf das Vertrauen in die Aufsichtsbehörde AIF als gesichert gelten. AIF-Chef Brülhart bestätigt die Fortschritte: „Wir haben den richtigen Weg gefunden, da sind aber noch einige Schritte zu gehen, da darf man keine falsche Erwartungshaltung haben. Entscheidend diesbezüglich ist, dass man entsprechende Instrumente geschaffen hat“, um solche Sachen zukünftig zu verhindern.

Auf Empfehlung der Kardinals-Kommission hat Papst Franziskus das neue Motu Proprio erlassen. Damit ist die Finanzaufsichtsbehörde mit entsprechenden Befugnissen ausgestattet und entspricht den internationalen Standards. Brühlhart ist stolz auf die erfolgten Maßnahmen: „Das ist eine relativ kurze Zeitspanne, über die wir hier sprechen, wo man doch in den letzten Monaten und Wochen sehr aktive Schritte hat einleiten können.“

Transparenz …

Bei den Organisationen ist der Kurswechsel angekommen. So sagt Brühlhart für das AIF: „Ich glaube, dass alle ein Bedürfnis nach Transparenz haben.“ Auch Ernst von Freyberg vom IOR berichtet, dass seine Hauptaufgabe in der Kommunikation liegt. Er informiert über die Tätigkeiten des IOR durch den Jahresbericht, aber auch innerhalb der Kirche und gegenüber den Medien. „Transparenz ist ein Schlüssel, aber das ist nicht alles, es zählt auch das, was man dann sieht, wenn man transparent ist: Dass wir so sauber sind, wie man es sein muss, um in der internationalen Finanzwelt akzeptiert zu sein.“ Zur besseren Information wurde nun auch eine Website eingerichtet.

Ernst von Freyberg arbeitet gerne im OIR, auch wenn er sich die Arbeit etwas anders vorgestellt hatte. „Als ich herkam, dachte ich, dass ich vor allem tun müsste, was man allgemein als ‚Aufräumen’ bezeichnet, … aber davon kann ich – bis jetzt – nichts entdecken.“ Ist also an all den Gerüchten über Geldwäsche & Co doch nichts dran?

… und Ehrlichkeit

Brühlhart sagt dazu treffend: „Ich glaube, dass wir ehrlich sein müssen. Überall dort, wo Finanzaktivitäten stattfinden, geschieht manchmal etwas, was nicht stattfinden sollte – wir sind halt Menschen. Nochmals: Entscheidend ist dann, dass man die entsprechenden Instrumente hat, um solche Vorfälle aufarbeiten zu können und die notwendigen Maßnahmen ergreifen zu können. Da sind wir auf einem sehr, sehr guten Weg. Entscheidend in diesem Zusammenhang ist auch, dass man viel Aufklärungsarbeit betreibt, dass wir einen sehr präventiven Ansatz fahren möchten, um dort im Sinn einer Sensibilisierung die notwendigen Maßnahmen ergreifen zu können, dass in der Zukunft solche Vorfälle nicht mehr geschehen.“

Papst Franziskus vertraut seinen Mitarbeitern, die einen Weg des IOR in die Zukunft suchen.  „Wir müssen die beste Lösung finden“, so der Papst, „doch eines ist klar: Die Merkmale des IOR – sei es nun eine Bank, ein Hilfsfonds oder was auch immer – müssen Transparenz und Ehrlichkeit sein.“

Dominique Humm

kath.de-Redaktion

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