Bistümer brauchen finanzielle Unabhängigkeit (09.08.2013)

Finanz- und Wirtschaftskrise trifft Slowenische Kirche

Die katholische Kirche Sloweniens steht vor dem schlimmsten Finanzskandal ihrer Geschichte. Mehrere Unternehmen, deren Haupteigentümer die katholischen Bistümer Sloweniens sind, stehen wegen der Wirtschaftskrise vor dem Aus und hinterlassen der Kirche Millionenschäden. Allein das Erzbistum Maribor soll mit 800 Millionen Euro bei seinen Gläubigern in der Kreide stehen. Die waghalsigen Träume, einmal durch die Renditen der Investitionen die pastorale Arbeit der slowenischen Pfarrer finanzieren zu können, sind geplatzt.

Bischöfe wollten vom Wirtschaftswachstum profitieren

Im Zentrum des Skandals stehen drei Holding-Gesellschaften. Durch die Rückgabe des Kirchenbesitzes, der in der Sowjetzeit verstaatlicht worden war, verfügten die slowenischen Kirchenführer auf einen Schlag über ein großes Kapital. Unter den Namen „Glocke eins“ und „Glocke zwei“ sowie „Wirtschaftswachstum“ gründeten die Bistümer daher Anfang der 90er Jahre Holding-Gesellschaften. Um am Wirtschaftswachstum teilzuhaben, investierten die slowenischen Bistümer über die Holdings in den darauf folgenden Jahrzehnten Millionenbeträge in beinahe alle slowenischen Wirtschaftszweige und ließen die Kirche zu einem der größten Finanzakteure des Landes aufsteigen. Mit zusätzlichen Krediten der staatlichen NLB-Bank investierten die Holdings unter anderem in Immobilien, Verlage, Bauunternehmen, in die Telekommunikationsbranche, den Tourismus, den Finanzsektor und in die größte Brauerei des Landes, Lasko.

Durch die 2007 beginnende Finanzkrise und die darauf folgende slowenische Wirtschaftskrise verloren die Holding-Gesellschaften schlagartig an Wert und rissen die Haushalte der Bistümer mit in die Wirtschaftskrise hinein. Alle Versuche der überforderten Bischöfe, die Investitionen zu retten, schlugen fehl. Von Schulden in Höhe von 800 Millionen oder gar 1,7 Milliarden Euro ist die Rede. Neben den Bistümern sind die NLB-Bank und über 70.000 Kleinaktionäre betroffen. Der finanzielle Profit offenbarte sich für die Bischöfe als gesellschaftlicher Kollateralschaden. Die Bistumshaushalte brachen zusammen.

Moralische Integrität in Gefahr

Die Fehlinvestitionen haben das moralische Ansehen der katholischen Kirche in Slowenien tief erschüttert. Die slowenische Zeitung „Delo“ sprach Ende Juli von einem “moralischen Zusammenbruch der Kirche von historischer Dimension”. Eine Institution, die den geistlichen Wert von Armut und soziale Verantwortung predigt und gleichzeitig selbst Millionenbeträge auf dem Finanzmarkt verspielt, ist unglaubwürdig.

Um das Ausmaß der Misswirtschaft zu erfassen, setzte der Vatikan eine Untersuchungskommission ein, deren Abschlussbericht allerdings geheim gehalten wird. Auch wenn bis heute viele Fakten weiterhin unbekannt bleiben, sind die ersten Folgen bereits sichtbar. In der vergangenen Woche zogen die beiden mitverantwortlichen Erzbischöfe Anton Stres und Marjan Turnsek die Konsequenzen und boten dem Papst ihren Rücktritt an. Papst Franziskus setzte die 70- und 58-jährigen Erzbischöfe am 31. Juli ab. Den verbleibenden vier Bischöfen Sloweniens kommt jetzt die schwere Aufgabe zu, nicht nur die Kirchenfinanzen zu sanieren, sondern auch den moralischen Bankrott von der Kirche abzuwenden. Dafür wird die Absetzung der beiden obersten Kirchenführer des Landes aber nicht ausreichen. Die slowenische Kirche muss ihr finanzielles Scheitern gesellschaftlich aufarbeiten, um das Vertrauen der zwei Millionen Slowenen zurückzugewinnen. Die katastrophalen Folgen dieser engen Verstrickung der Kirche in Wirtschaftsunternehmen stellt die Frage nach Entweltlichung.

Zu viel finanzielles Engagement ist riskant

Der Grat zwischen Verweltlichung und Entweltlichung, zwischen einer armen Kirche und einer mittellosen Kirche ohne Handlungsmöglichkeiten ist schmal. Wenn wir auf die deutschen Verhältnisse blicken, lässt sich eine ähnliche Verstrickung der Kirche in die deutsche Wirtschaft erkennen. Auch hierzulande haben die Bistümer in Wirtschaftsunternehmen Millionenbeträge investiert. Der Weltbildverlag und die Caritasverbände sind Beispiele dafür. Aber auch im Immobilienmarkt wirtschaften die Bistümer mit Millionenbeträgen. Viele Schulen und  Beratungsstellen etc. sind in kirchlicher Hand und werden meist zu über 90% vom Staat mitfinanziert. Alle diese Betätigungsfelder der Kirche in Deutschland müssen wirtschaftlich tragbar sein. Als zweitgrößter Arbeitgeber des Landes hängt von der Wirtschaftskompetenz kirchlicher Träger die Zukunft mehrerer Millionen Arbeitnehmer ab. Brächen die Kirchensteuereinnahmen im Rahmen einer Wirtschaftskrise kurzfristig ein, oder würde der Staat seine Ko-Finanzierung kirchlicher Einrichtungen aussetzten, würden die meisten kirchlichen Einrichtungen in kurzer Zeit Insolvenz anmelden oder Schulden in Millionenhöhe aufnehmen müssen.

Forderung nach Entweltlichung der deutschen Kirche

Angesichts dieser engen finanziellen und politischen Verflechtung von Kirche und Staat in Deutschland forderte Papst Benedikt XVI. 2011 bei seiner Pastoralreise eine Entweltlichung der deutschen Kirche.  “Die von ihrer materiellen und politischen Last befreite Kirche kann sich besser und auf wahrhaft christliche Weise der ganzen Welt zuwenden, wirklich weltoffen sein”, erklärte Benedikt XVI. Diese Forderung seines Vorgängers brachte Papst Franziskus dieses Jahr noch einmal auf den Punkt, indem er sagte, dass die Kirche keine NGO sein dürfe. Nicht die Leistungsorientierung, sondern die Ausrichtung an inneren Werten sei entscheidend für kirchliches Handeln. Beide wollen die Kirche zu „mehr“ Mission bewegen.

Wenn die Kirche die Gesellschaft auf diese Art positiv prägen will, braucht sie als Institution finanziellen Handlungsspielraum und moralische Integrität. Ein zu starkes und – schlimmer noch – dilettantisches Engagement in Wirtschaftsunternehmen oder sozialen staatlichen Einrichtungen birgt die Gefahr, beides zu verlieren. Die Frage ist, warum in Deutschland und Slowenien sich die Bistümer in diesen Handlungsfeldern engagieren? Wäre es nicht konsequent, diese Aufgabe an katholische Laien oder Ordensgemeinschaften abzugeben, um sich die eigene Unabhängigkeit zu sichern? Kurzfristig würden die Bischöfe dadurch zwar sozialpolitischen Einfluss einbüßen, langfristig aber ihre Unabhängigkeit und moralische Integrität sichern. Vielleicht nehmen die Menschen die Institution Kirche dann wieder mehr wegen ihrer Glaubensinhalte und weniger wegen ihrer sozialpolitischen Leistungen wahr – ein Perspektivwechsel, der angesichts der gegenwärtigen Glaubenskrise dringend angebracht ist.

Dario Rafael Hülsmann

kath.de-Redaktion

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