Die Willigen gegen die Vernünftigen (30.08.2013)

Philosophische Rhetorik verschleiert die großpolitischen Machtinteressen in Syrien

Der Krieg in Syrien hat mit dem möglichen Einsatz von Giftgas eine neue schreckliche Dimension erreicht. Nun steht der seit zwei Jahren tobende Bürgerkrieg in einem Land inmitten des Nahen Ostens im Zentrum der medialen und der politischen Aufmerksamkeit. Die Aufmerksamkeit ist gut. Dass erst zwei Jahre verstreichen müssen, Panzer, Bomben und Raketen nicht genügen, erst der vermutliche Einsatz von Giftgas alle aus dem Schlaf der Gleichgültigkeit weckt, ist ein Skandal.

Stets wurde der Krieg als ein innersyrisches Problem betrachtet und nur wenig unternommen, um die Krise diplomatisch zu entschärfen. Dabei liegt das Land an der Grenze zu Israel, zum Libanon und zum Irak. Jedes Land für sich genommen lebt schon seit Jahren in einer angespannten Sicherheitslage. Das enge Miteinander verstärkt die Gefahr noch. Zudem wird die Mischung noch explosiver durch die verschiedenen Volksgruppen in Syrien selbst. Da kämpfen die Kurden gegen die Islamisten, die Gemäßigten gegen das totalitäre Assad-Regime. Niemand scheint in der Lage, sich militärisch durchzusetzen oder politisch für Ruhe und Ordnung zu sorgen. Jeder greift zu härteren Mitteln und in dieser unübersichtlichen Lage ist es schwer herauszufinden, wer für den schrecklichen Angriff in der Nähe von Damaskus verantwortlich war.

Stellvertreterkrieg in Syrien

Viele Bebachter äußern sich derzeit zu den Risiken für den gesamten Nahen Osten, sollte es ein militärisches Eingreifen geben. Gewiss sind jene immens und drohen die Region ganz in den Abgrund eines menschlichen und wirtschaftlichen Scherbenhaufens zu stürzen. Doch größere Sorgen macht die derzeitige weltpolitische Rhetorik. Syrien droht zum Stellvertreterkrieg eines neuen Kalten Krieges zu werden. Da ist von einer „Koalition der Willigen“ die Rede, die aus den USA, aus England und Frankreich besteht und ihr Zentrum in Washington hat. Und man liest von einer „Koalition der Vernunft“, die mit Russland an der Führungsspitze ihr Zentrum in Moskau hat. Jene beiden „Koalitionen“ stehen sich in Syrien momentan noch nicht offen gegenüber. Dennoch werden sie in den vergangenen Jahren sich schon indirekt gegenübergestanden haben, indem sie die jeweilige gegnerische Partei über geheimdienstliche Wege mit Waffen und Material versorgt haben.

Willen und Vernunft brauchen sich gegenseitig

Greifen die „Willigen“ nun militärisch ein, wird das Verhältnis zwischen den Großmächten USA und Russland noch mehr erkalten. Zukünftig wird es noch schwieriger werden, eine gemeinsame Position in Fragen der Abrüstung und wirtschaftlicher Zusammenarbeit zu finden oder bei anderen internationalen Konfliktfällen gemeinsam zu intervenieren. Mit einem Angriff schadet man zudem den Vereinten Nationen, weil man dieser Organisation dann das Recht abspricht, eine fähige, unabhängige und respektierte Friedensmacht zu sein. Greifen die „Willigen“ nicht ein, wird Al-Kaida immer stärken und destabilisiert die Region noch weiter mit Terror und Krieg.

Die Lösung liegt im Wesen der rhetorisch verwendeten Wörter. Ein Wille, der blindwütig und ohne vernünftige Überlegung zum Handeln antreibt, ist unkontrolliert und wird kaum eine sinnvolle Lösung herbeiführen können. Ebenso aber ist eine vom Willen isolierte Vernunft „tot“, da sie zwar im Stillen gute Überlegungen anstellt, aber durch eine fehlende Entscheidung zum guten Handeln nicht vollzogen wird.

Abwarten und diplomatischer Druck sind das Gebot der Stunde

Übertragen auf die aktuelle Situation heißt das: Beide Koalitionen müssen zusammenarbeiten. Es ist ein Abwarten sinnvoll, bis die Inspektoren ein Urteil gefällt haben und eindeutig herausgefunden haben, von wem die möglichen Giftgaswaffen vergangene Woche eingesetzt wurden. Zugleich sollte aber mit einem in der Vernunft begründeten Willen ein diplomatischer Prozess anstoßen werden, der den Druck zum Frieden erhöht, und zwar nicht nur auf das Assad-Regime und die beteiligten Bürgerkriegsparteien, sondern auch auf die arabischen Länder, die mutmaßlich Al-Kaida unterstützen.

Zudem braucht es einen Krisenstab zwischen Washington und Moskau. Erst wenn dort eine gemeinsame Position gefunden ist, wird sich der Konflikt lösen lassen. Nur dann wird es eine Resolution der UN und wirkliche Friedensverhandlungen in Syrien geben. Die USA wären gut beraten, sich Zeit für politische Visionen zu nehmen, die im Irak und in Afghanistan offensichtlich fehlten. Es geht in Syrien darum, politisch zu gewinnen, nicht militärisch. Denn nur so wird auch deutlich, dass Willen und Vernunft zusammengehören.

Sebastian Pilz
kath.de-Redaktion

Journalisten und Whistleblower sind keine Terroristen (23.08.2013)

Zerstörte Laptops und Festplatten bei „The guardian“ 

Früher war nicht alles besser. Gäbe es in Großbritannien heute zum Beispiel noch die Strafverfolgung vergangener Jahrhunderte, so wäre die Zeitung „The Guardian“ schlecht beraten gewesen, die Informationen, die ihnen Whistleblower Edwards Snowden gegeben hat, aufzubewahren, geschweige denn zu veröffentlichen. Vor ein paar Tagen hatte der britische Nachrichten- und Sicherheitsdienst „Government Communications Headquarters (GCHQ)“ in den Redaktionsräumen des Guardian Laptops und Festplatten zerstört. In früheren Zeiten wäre Chefredakteur Alan Rusbridger vermutlich wegen Hochverrats verurteilt worden. Edward Snowden oder Bradley Manning wäre es nicht anders ergangen. Die Strafe für Hochverrat im britischen Königreich lautete bis ins 19. Jahrhundert „hanged, drawn and quartered“. Der Verurteilte wurde dabei bis zur Bewusstlosigkeit gehängt, dann bei lebendigem Leibe ausgeweidet, kastriert und schließlich gevierteilt.

Der Gunpowder Plot

Beim sogenannten „Gunpowder Plot“, der Pulververschwörung im Jahr 1605, versuchte eine Gruppe britischer Katholiken, den Monarchen zu töten. Seit der Herrschaft König Heinrichs VIII. (1492 – 1547) wurde die katholische Bevölkerung in England nämlich unterdrückt und verfolgt. Der Racheplan flog jedoch auf und die Verschwörer wurden als Hochverräter hingerichtet. Dem Sprengstoffexperten der Gruppe, Guy Fawkes, gelang es, bereits am Galgen zu sterben, indem er vom Podest sprang und sich das Genick brach. So ersparte er sich die anschließende Folter. Fawkes hatte geplant, mit einem Sprengstoffanschlag am Tag der Parlamentseröffnung im House of Lords König James samt Familie, alle Parlamentsmitglieder, alle Bischöfe des Landes und den Großteil des Hochadels zu töten.

Kontrolle der Medien

Der im Jahr 2006 erschiene Kinofilm „V wie Vendetta“ greift das Rachemotiv von Guy Fawkes wieder auf. Er zeichnet die dunkle Welt eines totalitär geführten Großbritanniens im 21. Jahrhundert. Unterdrückung von Dissidenten und eine komplette Kontrolle der Medien sind an der Tagesordnung. Eine faschistische Regierung ist an die Macht gelangt, weil sie den Bürgern Sicherheit versprochen hat. Ein einzelner Mann namens „V“, versteckt sich hinter einer Guy Fawkes-Maske und tötet Mitglieder des Regimes. Er plant, den seinerzeit gescheiterten „Gunpowder Plot“ zum Erfolg zu führen und die Houses of Parliament in die Luft zu sprengen. Wie nah an den gegenwärtigen Entwicklungen ist diese Dystopie, diese pessimistische Vision, heute?

Guy Fawkes – ein katholischer Terrorist?

Demonstranten und Protestler auf der ganzen Welt tragen heutzutage immer wieder die charakteristische Guy Fawkes-Maske. Das Internetkollektiv „Anonymous“ und die „Occupy-Wall-Street“-Bewegung hatten damit begonnen. Wer diese Maske trägt, will aus Furcht vor Verfolgung unerkannt bleiben und dabei auf Missstände, Unterdrückung und Verfolgung aufmerksam machen. Doch Guy Fawkes tat mehr als das. Er war ein – wenn auch katholischer – Terrorist. Stellen diese Demonstranten sich also in die Tradition eines Terroristen, der mit Tonnen von Schießpulver mehrere hundert Menschen töten wollte? Sind damit Leute wie Edward Snowden und die Journalisten des Guardian Terroristen und Hochverräter, die entsprechend verurteilt werden sollten? Die Briten jedenfalls haben das versuchte Attentat von 1605 bis heute nicht vergessen. Sie feiern jährlich das Scheitern des Guy Fawkes-Komplotts. Es gibt ein großes Feuerwerk und eine Guy Fawkes-Puppe wird angezündet. Außerdem werden bis heute jedes Jahr vor der Parlamentseröffnung die Kellerräume unter dem House of Parliament durchsucht.

Der Fall Manning

Der US-amerikanische IT-Spezialist und ehemalige Angehörige der US-Streitkräfte, Bradley Manning, der außerdem die britische Staatsbürgerschaft besitzt, ist jüngst wegen Diebstahls und Spionage in den USA zu 35 Jahren Haft und einer Geldstrafe von 100.000 US-Dollar verurteilt worden. Er hatte militärische Videos und Dokumente an die Enthüllungsplattform „WikiLeaks“ weitergegeben. Unter anderem handelte es sich um Videoaufnahmen des Beschusses und Todes irakischer Zivilisten und Journalisten, die von der scherzenden und lachenden Besatzung eines amerikanischen Kampfhubschraubers anscheinend für Terroristen gehalten wurden. Außerdem sind mehrere hundert Fälle von Folter und Berichte aus dem Gefangenenlager Guantanamo dokumentiert. Manning war bereits 2010 verhaftet worden. Die Bedingungen seiner Einzelhaft waren verschiedenen Berichten zufolge unmenschlich, demütigend und grausam. Auch der „Guardian“-Journalist Glenn Greenwald hatte seinerzeit darüber berichtet. Greenwalds Lebenspartner, David Miranda war in der vergangenen Woche ohne Begründung neun Stunden lang von den britischen Behörden am Londoner Flughafen Heathrow festgehalten und an der Weiterreise in sein Heimatland Brasilien gehindert worden.

Nicht der, für den sie gehalten wird

Bradley Manning hat nach seiner Verurteilung mitgeteilt, dass er sich als Frau fühle, fortan Chelsea genannt werden möchte und eine Hormontherapie beginnen werde. Während Politik und Geheimdienste den Eindruck forcieren wollen, WikiLeaks-Gründer Julian Assange, NSA-Whistleblower Edward Snowden, Manning und ihre Unterstützer seien Terroristen, macht Manning deutlich, dass sie nicht sind, was die Gerichte, die Geheimdienste und die Politik denken oder die Öffentlichkeit glauben machen wollen. Es ist, als ob Manning sagte: ‚Ich bin nicht, was ihr denkt. Ich bin nämlich kein Terrorist. Ich bin nicht einmal ein Mann. Aber meine Männlichkeit lasse ich mir nicht von euch wegnehmen.‘ Schon Guy Fawkes hat sich nicht von seinen Henkern kastrieren lassen, sondern sich vorher am Galgen selbst getötet. Fawkes aber war ein rachsüchtiger Terrorist, der einen Sprengstoffanschlag geplant hatte. Das ist Chelsea Manning nicht. Die saloppen „Eier in der Hose“, also den Mut, gegen ein ungerechtes, unmenschliches System vorzugehen, hatte sie aber trotzdem.

Journalisten oder Terroristen

Indem Manning, Snowden und Assange das tun, was sie tun, vermeiden sie solche gewalttätigen Anschläge wie die eines Guy Fawkes oder eines „V“. Sie handeln in friedlicher Absicht. Die eigentliche Gewalt geht von denen aus, die Presse- und Meinungsfreiheit zu unterdrücken versuchen, verdachtsunabhängig Kommunikationsdaten überwachen und speichern, Freiheitsrechte einschränken, menschenunwürdige Haftbedingungen und Folter zulassen. Wenn sie alle Bürger und besonders diejenigen, die sich dagegen wehren, als Terroristen und Verräter brandmarken, sehen sie überall Terroristen – genau wie die US-Helikopter-Schützen. Sie verwechseln Journalisten und Zivilisten mit Terroristen und schießen deshalb voreilig auf die Falschen. Damit geraten alle ins Visier. Journalisten und Whistleblower wollen die Wahrheit ans Licht bringen und setzen sich mit ihrem Handeln daher für Freiheitsrechte und Menschenrechte ein. Ihre Worte können zwar Sprengkraft besitzen, jedoch sind sie kein tatsächlicher Sprengstoff, der Menschen tötet.

Radikaler Perspektivwechsel

Guy Fawkes ist für seinen misslungenen Anschlag in den Tod gegangen. Die Aufdeckung des beabsichtigten Attentats verhinderte eine Re-Emanzipation des katholischen Glaubens in England für weitere 200 Jahre. Solange kann heute niemand mehr warten. Die USA haben Edward Snowden versichert, man werde für ihn im Falle seiner Rückkehr in die USA keine Todesstrafe beantragen noch würde man ihn foltern. Paradoxerweise hatten im Fall Bradley Manning mehrere US-amerikanische Politiker die Todesstrafe gefordert. Dass Manning zumindest folterähnliche Bedingungen erlitten hat, scheint festzustehen. Stigmatisierung, Folter und Tod ist offenbar das Los derjenigen, die sich gegen Unterdrückung, Freiheitsberaubung und Verfolgung wehren.

Am Ende von „V wie Vendetta“ stirbt der Maskenmann, der Anschlag samt einem großen Volksaufstand findet aber trotzdem statt. Bei der Revolution tragen dann alle Leute eine Guy Fawkes-Maske. Wenn man aber alle Maskenträger für den echten Guy Fawkes hält, dann sind alle potentiell Terroristen. In Wahrheit stecken hinter der Maske jedoch die gewöhnlichen Bürger des Landes: diejenigen, die ihrer Freiheitsrechte beraubt wurden und ihre Freiheit zurückerkämpfen wollen. Es braucht daher einen radikalen Perspektivwechsel. Anderenfalls bleiben die Laptops und Festplatten des „Guardian“ im Schredder der Geheimdienste nicht lange allein.

Matthias Alexander Schmidt
kath.de-Redaktion

Der Vatikan und das Geld (16.08.2013)

Erst pompös – dann klanglos

Was mit der Vatikanbank passieren würde, das sei noch nicht klar. Papst Franziskus äußerte sich vage über sein Sorgenkind IOR im Gespräch mit Journalisten auf dem Rückflug von Brasilien. Aber er hat die entscheidenden Schritte eingeleitet, damit das werden kann, was die Kirche braucht: Ein transparentes Institut, das Finanzdienstleister für kirchliche Einrichtungen weltweit ist.

Mit wenigen Worten wird in den deutschen Medien erläutert, dass mit dem neuen Motu Proprio Geldwäsche und Terror-Finanzierung durch die Vatikanbank nicht mehr möglich sein sollen. So pompös über dubiose Seilschaften, Kontakte zur Mafia bis hin zum Rücktritt Papst Benedikts XVI. im Vatikan-Bank-Skandal spekuliert wurde, so klanglos verhallte die Nachricht. Ist der Ruhe zu trauen?

Dunkle Machenschaften

Schon Ende der 1970er Jahre wurden der Vatikanbank undurchsichtige Geschäfte und Verwicklungen mit der Mafia nachgesagt. Nach dem unerwarteten  Tod von Johannes Paul I. nur 33 Tage nach seiner Wahl waren Spekulationen Tor und Tür geöffnet. Einige bezogen sich auch darauf, dass er korrupte Machenschaften der Vatikanbank aufdecken wollte. Der Mord an dem Bankier Roberto Calvi und seiner Sekretärin Graziella Corrocher am 17. Juni 1982 hinterließ viele Fragzeichen. Er hatte große Summen für die Mafia und den Drogenhandel gewaschen. Auch war er ein alter Freund von Papst Paul VI. und verschob über die Vatikanbank hohe Beträge an Scheinfirmen im Ausland. Sein Tod wurde nie zur Gänze aufgeklärt. Diese Umstände ergaben genug Stoff für Spekulationen und Verschwörungstheorien über die Vatikanbank und inspirierten selbst Filmemacher wie Francis Ford Coppola (Der Pate III).

Erste Schritte

Der junge Papst Johannes Paul II. setzte zur künftigen Überwachung der Vatikanbank eine Aufsichtskommission aus fünf Kardinälen ein, die bis heute arbeitet. Aber auch diese Kommission konnte nicht die nötige Transparenz schaffen, um den neuen Skandal zu verhindern. Der neue Chef der Vatikanbank (IOR), Ernst von Freyberg, erläutert in einem Interview, dass die neue Transparenz erst eine Entwicklung nach den Terroranschlägen des 11. September 2001 sei.

Weitere Verstrickungen tauchen auf

Neue dubiose Informationen um die Vatikanbank tauchten auf, als der Journalist Gianluigi Nuzzi 2003 von einem Monsignore aus dem Vatikan ein Geheimarchiv in der Schweiz erbte. Er staunte nicht schlecht, als er darin zahlreiche Materialien des vatikanischen Staatssekretariats und Papiere der Vatikanbank vorfand. Nach einiger Recherche veröffentliche Nuzzi 2009 ein Buch, in dem er der Vatikanbank Geldwäsche der Mafia, Schmiergeldaffären, Blockade von Korruptionsermittlungen und geheime Nummernkonten vorwarf.

Folgen

Auch wenn Vatikanbankchef von Freyberg erklärt, dass Nummernkonten seit 1996 technisch unmöglich seien und er keine Anzeichen für Nummernkonten in der Vergangenheit finden konnte, womit ein Punkt entkräftet scheint, musste der damalige Chef des IOR, Angelo Caloia, nach mehr als 20 Jahren den Hut nehmen. Inwieweit ein Zusammenhang mit den anderen Beschuldigungen besteht, ist unklar. Doch scheint einiges für einen Gesinnungswandel der Kirchenspitze hin zu einer transparenten und sauberen Arbeit in Finanzfragen zu sprechen.

Die Finanzpolizei schreitet ein – Der Papst zieht Konsequenzen

Als 2010 die italienische Finanzpolizei im Rahmen von Ermittlungen gegen den neu ernannten Chef des IOR,  Ettore Gotti Tedeschi, und gegen den Generalsekretär Paolo Cipriani wegen des Verdachts auf Geldwäsche 23 Millionen Euro einfror, griff Papst Benedikt XVI. durch und gründete die vatikanische Finanzaufsichtsbehörde AIF. Dazu engagierte er den international anerkannten Anti-Geldwäschespezialisten René Brülhart, Vizechef der weltweiten Zentralstelle für Verdachtsfälle von Korruption, Geldwäsche und Terrorismusfinanzierung, genannt „Egmont Group“. Daraufhin wurde das Geld wieder freigegeben.

Es ist noch nicht durchgestanden

Im Januar 2013 kam es zu einem weiteren Schock, als im Vatikan kein Kredit- und EC-Zahlungsverkehr mehr möglich war. Mangels Geldwäsche-Überwachungsbehörde im Vatikan wurde der italienischen Deutsche-Bank-Tochter, die bisher für die Finanzabwicklung der Vatikanbank zuständig war, jeder Geld- und Zahlungsverkehr mit der Vatikanbank untersagt. Zwar kann seit Mitte Februar der Geldverkehr über ein Schweizer Geldinstitut abgewickelt werden, doch hat diese Situation entgegen aller bisherigen Bemühungen die Unfähigkeit der zuständigen Behörden gezeigt. Dies hat  gut informierten Kreisen zufolge für erheblichen Ärger beim Welt-Episkopat gesorgt.

Ein Papst tritt zurück – Kardinäle wünschen Ordnung

Es mag ein Zufall gewesen sein, dass der Rücktritt von Papst Benedikt XVI. in die Nähe dieses Skandals mit langer historischer Vorgeschichte gefallen ist. Doch werden die Vorfälle sicher Hinweis für  Benedikt gewesen sein, dass auch beim Thema Finanzen, das eigentlich einen kirchlichen Nebenschauplatz darstellt, ein Mann mit frischer Kraft von Nöten ist.

Aus vatikanischen Kreisen ist zu hören, dass es ein massives Interesse der versammelten Kardinäle gab, dass der neue Papst für Ordnung sorgen solle. Wie, dazu gab es wohl die unterschiedlichsten Vorstellungen. So erzählte auch Papst Franziskus auf dem Rückflug vom Weltjugendtag, dass er selbst vieles verlangte und dachte, was der neue Papst umsetzen müsse.

Franziskus knüpft an die  Null-Toleranz-Politik Benedikts an

Die erneuten Ermittlungen der italienischen Behörden wegen Betrugs- und Korruptionsverdacht mit anschließenden Verhaftungen im Juni sorgten für neuen Wirbel. In der Folge bestellte Papst Franziskus Ernst von Freyberg zum Präsident des IOR, vorübergehend auch als IOR-Generaldirektor.

Papst Franziskus konnte sich des Rückhalts der Kardinäle für die Reformen sicher sein. In der Generalkongregation vor der Papstwahl wurde Reformbedarf signalisiert. Da offensichtlich die Kurienkardinäle das Vertrauen der Bischöfe in diesen Belangen verloren hatten, hat sich Franziskus eine Beratungskommission von acht Kardinälen aus aller Welt zusammengerufen. So sagte er dazu kürzlich, „dass es wichtig ist, … nicht die bereits bestehenden Beraterstäbe, sondern outsider“ damit zu betrauen.

Die eingesetzten Mittel beginnen zu wirken

Damit scheinen nun endlich in der Vatikanbank IOR, der Finanzaufsichtsbehörde AIF und der Beratungskommission kompetente und vertrauenswürdige Personen gefunden worden zu sein. Jetzt geht es Schlag auf Schlag.

Die vatikanische Finanzaufsicht stellt ihren ersten Jahresbericht vor. Es werden erste Verdachtsmomente aufgeführt, die eine funktionsfähige Behörde zeigen sollen. Tatsächlich erntet die Behörde auch internationales Lob. Mit der Aufnahme in die Egmont Group darf das Vertrauen in die Aufsichtsbehörde AIF als gesichert gelten. AIF-Chef Brülhart bestätigt die Fortschritte: „Wir haben den richtigen Weg gefunden, da sind aber noch einige Schritte zu gehen, da darf man keine falsche Erwartungshaltung haben. Entscheidend diesbezüglich ist, dass man entsprechende Instrumente geschaffen hat“, um solche Sachen zukünftig zu verhindern.

Auf Empfehlung der Kardinals-Kommission hat Papst Franziskus das neue Motu Proprio erlassen. Damit ist die Finanzaufsichtsbehörde mit entsprechenden Befugnissen ausgestattet und entspricht den internationalen Standards. Brühlhart ist stolz auf die erfolgten Maßnahmen: „Das ist eine relativ kurze Zeitspanne, über die wir hier sprechen, wo man doch in den letzten Monaten und Wochen sehr aktive Schritte hat einleiten können.“

Transparenz …

Bei den Organisationen ist der Kurswechsel angekommen. So sagt Brühlhart für das AIF: „Ich glaube, dass alle ein Bedürfnis nach Transparenz haben.“ Auch Ernst von Freyberg vom IOR berichtet, dass seine Hauptaufgabe in der Kommunikation liegt. Er informiert über die Tätigkeiten des IOR durch den Jahresbericht, aber auch innerhalb der Kirche und gegenüber den Medien. „Transparenz ist ein Schlüssel, aber das ist nicht alles, es zählt auch das, was man dann sieht, wenn man transparent ist: Dass wir so sauber sind, wie man es sein muss, um in der internationalen Finanzwelt akzeptiert zu sein.“ Zur besseren Information wurde nun auch eine Website eingerichtet.

Ernst von Freyberg arbeitet gerne im OIR, auch wenn er sich die Arbeit etwas anders vorgestellt hatte. „Als ich herkam, dachte ich, dass ich vor allem tun müsste, was man allgemein als ‚Aufräumen’ bezeichnet, … aber davon kann ich – bis jetzt – nichts entdecken.“ Ist also an all den Gerüchten über Geldwäsche & Co doch nichts dran?

… und Ehrlichkeit

Brühlhart sagt dazu treffend: „Ich glaube, dass wir ehrlich sein müssen. Überall dort, wo Finanzaktivitäten stattfinden, geschieht manchmal etwas, was nicht stattfinden sollte – wir sind halt Menschen. Nochmals: Entscheidend ist dann, dass man die entsprechenden Instrumente hat, um solche Vorfälle aufarbeiten zu können und die notwendigen Maßnahmen ergreifen zu können. Da sind wir auf einem sehr, sehr guten Weg. Entscheidend in diesem Zusammenhang ist auch, dass man viel Aufklärungsarbeit betreibt, dass wir einen sehr präventiven Ansatz fahren möchten, um dort im Sinn einer Sensibilisierung die notwendigen Maßnahmen ergreifen zu können, dass in der Zukunft solche Vorfälle nicht mehr geschehen.“

Papst Franziskus vertraut seinen Mitarbeitern, die einen Weg des IOR in die Zukunft suchen.  „Wir müssen die beste Lösung finden“, so der Papst, „doch eines ist klar: Die Merkmale des IOR – sei es nun eine Bank, ein Hilfsfonds oder was auch immer – müssen Transparenz und Ehrlichkeit sein.“

Dominique Humm

kath.de-Redaktion