Zwei Päpste – eine Enzyklika (12.07.2013)

Mit Spannung wurde die erste Enzyklika von Papst Franziskus erwartet, denn noch nie hat ein amtierender Papst zusammen mit einem Pontifex Emeritus ein kirchliches Lehrdokument herausgegeben. Oft wurde in den vergangenen Wochen und Monaten darüber diskutiert, ob der Argentinier Jorge Mario Bergoglio in Kontinuität zu seinem Vorgänger steht oder ob sich mit dem Papst aus Lateinamerika, der so ganz anders auftritt als sein Vorgänger, ein radikaler Wandel in Rom vollzieht.

Wer mit der Veröffentlichung der Enzyklika den Beginn eines neuen Kapitels der Kirchengeschichte erwartete, wird den Text enttäuscht zur Seite legen. Unkonventionelles, gar reformerisches Gedankengut oder neue theologische Ansätze bietet der Text nicht. Er verdient dennoch Beachtung. Denn mag die neue Enzyklika sprachlich und gedanklich ein ausgesprochen meditativ geprägter Text sein – inhaltlich ist das Schreiben vor allem eine politische Botschaft christlicher Ausprägung. Mit der Aussage, dass der Glaube keine Privatsache ist, verweist Papst Franziskus auf einen unmittelbaren Handlungsauftrag der Christen in der Gesellschaft.

Glaube und gesellschaftliche Verantwortung

Im Mittelpunkt des 90-seitigen Papiers steht der Verweis, dass der Mensch nur im Licht des Glaubens an Gott eine letztgültige und auch erfüllende Antwort auf die Fragen seiner Existenz finden kann. Hierzu muss sich der Mensch nach Ansicht der beiden Päpste von der Illusion befreien, er könne sich selbst tragen. Der Ort der Glaubenserkenntnis ist dabei das sehende Herz, nicht der analysierende Verstand.

Die langen Ausführungen über das Wirken Gottes in der Geschichte sowie das Licht des Glaubens erinnern an einen gleichnamigen Artikel, den Joseph Ratzinger in den 1960er-Jahren für das “Handbuch der theologischen Grundbegriffe”  verfasste. Von Papst Franziskus dürften indes die Verweise stammen, dass der christliche Glauben auch eine soziale Verpflichtung nach sich zieht.

Es geht darum, Zeugnis des Glaubens abzulegen und gleichzeitig Verantwortung im gesellschaftlichen Miteinander zu übernehmen. Der Kampf gegen Armut und Ungerechtigkeit und der Einsatz für den Frieden und die Bewahrung der Schöpfung sind untrennbar mit dem Glauben des einzelnen Christen verbunden. Derart schlägt das Lehrschreiben eine solide Brücke zwischen Glaube und Vernunft. Es verweist auf ein spirituelles Fundament und deutet auf die gesellschaftliche Verpflichtung hin, die damit verbunden ist. Papst Franziskus hat dabei ebenso geschickt wie überzeugend eine Brücke zu seinem Vorgänger geschlagen.

Die Enzyklika übt sowohl Kritik am Machbarkeitstrend der westlichen Gesellschaften, als auch am wachsenden Rationalismus. Da der Glaube an Gott kein Selbstzweck ist, findet er seine Verwirklichung in geschwisterlichem Handeln und in der Verantwortung für die Schöpfung.

Was hier formuliert wird, hat Jorge Mario Bergoglio als langjähriger Erzbischof von Buenos Aires vorgelebt. Dass der Glaube dazu führt, die Natur mehr zu achten und sich für die Armen, die Leidenden zu engagieren – dies sind Inhalte, für die Franziskus prominent steht und die er seiner Kirche nochmals ins Stammbuch schreibt, gleichwohl in Kontinuität zu den bisherigen Sozialenzykliken. So gesehen bietet auch dieser Aspekt keine wirkliche Über-raschung.

Die Enzyklika bietet keine Überraschungen

Diese sucht man in der Enzyklika ohnehin vergeblich, sie waren aber letztlich auch nicht zu erwarten. Gerade bei den Ausführungen über die Rolle der Kirche, die als einheitliche Trägerin des Glaubens dargestellt wird, hatte man sich neue Anstöße erhofft – quasi in Parallele und Fortführung des bisherigen unkonventionellen Auftretens von Franziskus. Der Fokus aber liegt im gesamten Text eher auf dem Bewahrenden.

Gleichwohl macht der Papst mit der Enzyklika auch deutlich, dass er seinen Kurs nicht vom Beifall des Publikums abhängig macht. Das zeigen ebenso die angekündigten Heiligsprechungen von Johannes XXIII. und Johannes Paul II. Geschickt hat Franziskus sehr zeitnah gleich drei seiner Vorgänger zu Zeugen genommen, um sich vorsichtig zu positionieren – und gleichzeitig gegen alle innerkirchlichen Strömungen hin abzusichern. Die Enzyklika trägt noch ganz die Handschrift Benedikts, auch wenn Franziskus betont, sie sei “vierhändig” entstanden. Der starke Akzent auf der Kontinuität soll wohl alle jene beruhigen, die nach den ersten – in ihren Augen vielleicht verstörenden – Gesten des neuen Papstes schon einen Sozialromantiker und Anwalt der Armen auf dem Stuhle Petri wähnten. Gleichzeitig steht Franziskus seinem Vorgänger theologisch sicher näher, als manchen, die ihn schon zum Revolutionär erklärten, möglicherweise recht ist.

Franziskus selbst gewinnt in diesen Tagen jedenfalls an Kontur. Vielleicht nicht so sehr auf dem kirchenpolitischen Parkett, wo er noch zwischen Traditionalisten und Reformern zu lavieren scheint. Vielmehr aber beim „Aufräumen“ in der Kurie: Sein hartes Durchgreifen bei der Vatikanbank sowie das neue Strafrecht im Vatikan  lassen durchaus den Willen zur Veränderung erkennen. Für Franziskus zählen die göttlichen Maßstäbe, die ihm sein Glauben zeigt. Das macht ihn in seinen Entschlüssen souverän, aber für viele – nicht nur an der Kurie – auch unberechenbar und unbequem.

Andrea Kronisch
kath.de-Redaktion

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