Der Papst in Brasilien (26.07.2013)

Menschen und Strukturen können sich ändern

Der Regen hat das Gelände in Guaratiba, das für den Abschlussgottesdienst des Weltjugendtages vorgesehen war, in einen Sumpf verwandelt. Es wird eine Programmänderung notwendig. Das Wetter scheint sich mit dem Papst in Sachen Unberechenbarkeit zu verbünden. Er selbst schiebt zusätzliche Programmpunkte ein wie die Begegnung mit seinen Landsleuten oder eine Morgenmesse. Der Stimmung tut dies keinen Abbruch. Die Copacabana füllt sich mit hundertausenden von Jugendlichen, am Sonntag werden dort anderthalb Millionen erwartet. Papst Franziskus scheint den Ton, den die katholische Weltjugend braucht, zu treffen.

Politische Akzente: Mitgefühl statt Polizeigewalt

Aber nicht nur die Jugend kommt auf ihre Kosten. Auch wer auf politische Botschaften des Papstes gewartet hat, wird zusehends fündig. Es ist nicht nur der Besuch in einer Favela, einem Armenviertel, der gleich zu Beginn des offiziellen Programms einen starken inhaltlichen Akzent setzt. Es ist bereits bekannt, dass der Papst in der Zuwendung zu den Armen nicht nur eine ethische Pflicht, sondern vor allem ein grundsätzliches und heilsames Prinzip christlichen und vor allem kirchlichen Handelns sieht. Es gebe weder Harmonie noch Glück, wenn die Gesellschaft Teile ausgrenze und sie an ihrem Rand im Stich lasse. Auch genüge es nicht, durch polizeiliche Gewalt den Frieden erzwingen zu wollen. Es bedürfe der Solidarität und des Mitgefühls.

Keine Legalisierung der Drogen

Bereits am Vortag hatte der Papst der Legalisierung oder der Teillegalisierung der Drogen eine Absage erteilt. Er tat dies auch gegen jene, die durch eine Teillegalisierung die Marktmacht und Monopolstellung der Drogenclans brechen wollen. Es ist der Schwarzhandel, der den Drogenkartellen Milliarden zuspielt und sie damit stark macht. Doch für den Papst bringt jeder Drogenhandel Leid und Tod, gleich wie legal oder illegal er ist. Dealer sind „Todeshändler“, was sie treibt, ist die blinde Logik der Macht und des Geldes. Diese Position bezog er beim Besuch einer Entzugsanstalt.

Sich die Hoffnung nicht stehlen lassen

Auf aktuelle politische Proteste in Brasilien, die sich gegen die Korruption der Politik und der führenden Klasse richten, ging der Papst nicht ein. Aber den Jugendlichen in der Favela sagte er: Lasst euch nicht entmutigen, wenn Korruption und Ungerechtigkeit um sich greifen. Die Kirche steht an eurer Seite. Der Papst scheint auf die Jugend zu setzen um seine Art, Politik zu machen, zu realisieren. Man mag dieser Art politischen Agierens Idealismus oder Naivität vorwerfen, doch davon scheint sich Papst Franziskus nicht beeindrucken zu lassen. Mit dieser Haltung traut er sich unter das Volk, er verzichtet auf außerordentliche Sicherheitsmaßnahmen.

Die Realität kann sich ändern. Menschen können sich ändern.

Für den Papst scheint klar zu sein: Probleme verlangen nicht zuerst nach Strukturwandel, sondern zuerst ein Umdenken. Die Wahrheit liegt nicht in den Strukturen, sondern in den Menschen, die Freiheit, Verantwortung und Gestaltungsmacht besitzen, Strukturen zu gestalten. Auch in diesem Punkt liegt der Papst nicht im Trend der Zeit. Gesellschaftlichen Problemen begegnet die Politik hierzulande vor allem mit Gesetzesforderungen und strukturellen Veränderungen. Der einzelne Bürger scheint zunehmend von seiner persönlichen Verantwortung befreit zu werden. Der Papst dagegen setzt auf Bewusstseinswandel, motiviert aus dem Glauben.

Starke Persönlichkeiten statt chronischem Strukturwandel

Der Papst macht es vor: Eine starke Persönlichkeit braucht kein dickes Auto. Dafür eher eine schwache, die sich durch Statussymbole Autorität verschaffen muss. Diese Botschaft, die vom Papst ausgeht, wird die Jugendlichen faszinieren. Sie ist stark geprägt von der Kirche Lateinamerikas und wird für die Weltkirche nicht ohne Folgen bleiben. Papst Franziskus setzt darauf, dass sich die Impulse  der Befreiungstheologie weniger durch den Gelehrtenstreit als vielmehr durch die Überzeugungskraft in der menschlichen Begegnung und die Veränderbarkeit der Menschen vermitteln. Was davon hierzulande ankommt, darauf darf man gespannt sein.

Theo Hipp

kath.de-Redaktion

Wahlen sind noch keine Demokratie (19.07.2013)

Ägypten, Tunesien, Türkei

In Ägypten gab es 29 Millionen unterschriebene Bögen, die die Absetzung des gewählten Präsidenten forderten, in der Türkei wurde gegen den mit großer Mehrheit gewählten Ministerpräsidenten demonstriert. Wir schauen etwas verwundert, wieso gewählte Politiker nicht einfach so handeln, wie es Wahlen erfordern: Die Minderheit nicht unterdrücken, sondern für das ganze Volk sein Amt ausüben. Was ist das Amtsverständnis dieser Politiker und was lehrt uns die europäische Geschichte?

Mursi und Erdogan sind gewählt worden, weil sie auf der Basis des Islam weniger Korruption und eine Rechtstaatlichkeit versprachen, die sich ebenfalls auf den Islam beruft. Sie haben die Wahlen gewonnen und sind rechtmäßig ins Amt gekommen. Jedoch haben sie den Wählerauftrag missverstanden. Es wurde nicht die Vorherrschaft ihrer Partei gewählt, sondern sie haben ein Regierungsmandat erhalten. Erdogan kann nicht verstehen, wieso viele Türken sich seinem Willen wiedersetzen. Mursi hat sich kurz nach der Wahl über das Recht und die Gerichte gestellt. Soviel Macht wollten die Bürger aber beiden nicht geben. In beiden Ländern befürchtet man, dass die Gewählten mit ihrer Partei den zeitlich begrenzten Regierungsauftrag als einen dauerhaften erklären würden. Ehe wir aus Europa missbilligend auf dieses Verständnis demokratischer Wahlen blicken, sollten wir in die eigene Geschichte schauen.

Nationalsozialismus, Kommunismus und die Französische Revolution

Hitler ist in Deutschland durch Wahlen an die Macht gekommen. Sein Führungsanspruch wurde deshalb angenommen, weil er versprach, mit der Unfähigkeit der Parteien in der Weimarer Republik, mit der Wirtschaftskrise fertig zu werden, aufzuräumen. Hitler war am 30. Januar zum Reichkanzler ernannt worden, am 5. März gab es die letzten Wahlen, aus denen die NSDAP mit 44% als stärkste Partei hervorging. Bereits am 24. März schafften die Parteien mit der Zustimmung zum Ermächtigungsgesetz das Parlament faktisch ab.

Der Kommunismus kam in Russland durch revolutionäre Vorgänge an die Macht, Lenin schaltete den sog. Menschewiki aus und begründete damit die Dauerherrschaft seiner Partei. Diese musst er aber in einem Bürgerkrieg gegen zaristische und konservative Gruppen durchsetzen.

Die Französische Revolution, auf die sich die meisten Demokratien auf dem Kontinent berufen, war bereits nach vier Jahren, nämlich 1793, in eine Schreckensherrschaft der Jakobiner umgeschlagen. Napoleon gelang es als Erstem Konsul 1799-1804 Ordnung und ein Rechtssystem wiederherzustellen, ehe er dann Europa mit Kriegen überzog. Die Reaktion auf die Französische Revolution und die Kriege war die sog. Restauration, d.h. die Wiederherstellung der alten Fürstenherrschaft.

Auch die USA haben ihre Einheit und die Geltung der Verfassung in allen ihren Staaten nicht einfach erreicht, über die Sklavenfrage kam es sogar zu einem Bürgerkrieg.

Demokratie geht nicht von selbst: Nicht gegen die Minderheit regieren

Die etwas naive Erwartung, aus der Arabellion würden belastbare Demokratien hervorgehen, die in der Lage sind, die wirtschaftlichen Problem anzugehen, trifft nicht zu und gilt auch nicht für alle europäische Länder. Offensichtlich können aus Wahlen hervorgegangene Regierungen nicht das durchsetzen, was dem Wohle des Landes dient.

Wer durch Wahlen in die Regierungsverantwortung eingesetzt ist, rechnet damit, dass er wiedergewählt wird. Aber er muss auch damit rechnen, dass die Wechselwähler sich sobald als möglich der Opposition zuwenden. Wer das im Auge hat, wird die Minderheit nicht gegen sich aufbringen. Oder er macht gleich wie Bill Clinton die Positionen der Opposition zu seiner Politik. Die Machthaber in Ägypten und der Türkei sehen die Unzufriedenheit der Gegner als Unbotmäßigkeit, die nicht hingenommen werden kann. Deshalb sind weder Erdogan noch Mursi als Staatsmänner zu bezeichnen. Sie können die Widerstände nicht integrieren, sondern bekämpfen diese.

Allerdings gibt es in breiten Teilen der ägyptischen wie der türkischen Gesellschaft ein Gespür, dass politische Herrschaft begrenzt sein muss und einem Rechtssystem unterliegen muss. So schnell hat Europa das nicht gelernt. Dieses Bewusstsein braucht unsere Unterstützung. Die Entwicklungen in Tunesien verlangen ebenfalls unsere Aufmerksamkeit.

Nicht nur von Europa aus besserwisserisch zusehen

Europa hat im Rückblick auf seine eigene Geschichte keinen Grund, sich überheblich zu geben. Demokratie ist offensichtlich kein Exportartikel, den man wie die Mobile Telefonie oder ein Eisenbahnnetz einfach implementieren kann. Die Europäer sollten Präsenz zeigen, mit den politischen Gruppierungen dort sprechen und auf keinen Fall die Türen schließen, weil die Länder auf Anhieb keine Demokratie auf die Beine bekommen.

Aufgabe der Kirchen

Erstaunlicherweise sind die Kirchen gefragt, denn sowohl die Muslimbrüder wie die Partei Erdogans wollen ihr Land auf der Basis der Religion aufbauen und lehnen daher die westliche Prämisse ab, Religion habe in der Politik nichts verloren. Diese Vorstellung ist in Europa auch nur deshalb entwickelt worden, weil mehrere Länder Europas von Konfessionskriegen ruiniert worden sind.  Erstaunlich ist, dass die Muslimbrüder offiziell beim Vatikan angefragt haben, ob es eine Beratung auf der Basis der katholischen Soziallehre geben kann. In Rom war man auf so eine Anfrage nicht vorbereitet, hat sich aber dann offen gezeigt.

Eckhard Bieger S.J.
kath.de-Redaktion

Zwei Päpste – eine Enzyklika (12.07.2013)

Mit Spannung wurde die erste Enzyklika von Papst Franziskus erwartet, denn noch nie hat ein amtierender Papst zusammen mit einem Pontifex Emeritus ein kirchliches Lehrdokument herausgegeben. Oft wurde in den vergangenen Wochen und Monaten darüber diskutiert, ob der Argentinier Jorge Mario Bergoglio in Kontinuität zu seinem Vorgänger steht oder ob sich mit dem Papst aus Lateinamerika, der so ganz anders auftritt als sein Vorgänger, ein radikaler Wandel in Rom vollzieht.

Wer mit der Veröffentlichung der Enzyklika den Beginn eines neuen Kapitels der Kirchengeschichte erwartete, wird den Text enttäuscht zur Seite legen. Unkonventionelles, gar reformerisches Gedankengut oder neue theologische Ansätze bietet der Text nicht. Er verdient dennoch Beachtung. Denn mag die neue Enzyklika sprachlich und gedanklich ein ausgesprochen meditativ geprägter Text sein – inhaltlich ist das Schreiben vor allem eine politische Botschaft christlicher Ausprägung. Mit der Aussage, dass der Glaube keine Privatsache ist, verweist Papst Franziskus auf einen unmittelbaren Handlungsauftrag der Christen in der Gesellschaft.

Glaube und gesellschaftliche Verantwortung

Im Mittelpunkt des 90-seitigen Papiers steht der Verweis, dass der Mensch nur im Licht des Glaubens an Gott eine letztgültige und auch erfüllende Antwort auf die Fragen seiner Existenz finden kann. Hierzu muss sich der Mensch nach Ansicht der beiden Päpste von der Illusion befreien, er könne sich selbst tragen. Der Ort der Glaubenserkenntnis ist dabei das sehende Herz, nicht der analysierende Verstand.

Die langen Ausführungen über das Wirken Gottes in der Geschichte sowie das Licht des Glaubens erinnern an einen gleichnamigen Artikel, den Joseph Ratzinger in den 1960er-Jahren für das “Handbuch der theologischen Grundbegriffe”  verfasste. Von Papst Franziskus dürften indes die Verweise stammen, dass der christliche Glauben auch eine soziale Verpflichtung nach sich zieht.

Es geht darum, Zeugnis des Glaubens abzulegen und gleichzeitig Verantwortung im gesellschaftlichen Miteinander zu übernehmen. Der Kampf gegen Armut und Ungerechtigkeit und der Einsatz für den Frieden und die Bewahrung der Schöpfung sind untrennbar mit dem Glauben des einzelnen Christen verbunden. Derart schlägt das Lehrschreiben eine solide Brücke zwischen Glaube und Vernunft. Es verweist auf ein spirituelles Fundament und deutet auf die gesellschaftliche Verpflichtung hin, die damit verbunden ist. Papst Franziskus hat dabei ebenso geschickt wie überzeugend eine Brücke zu seinem Vorgänger geschlagen.

Die Enzyklika übt sowohl Kritik am Machbarkeitstrend der westlichen Gesellschaften, als auch am wachsenden Rationalismus. Da der Glaube an Gott kein Selbstzweck ist, findet er seine Verwirklichung in geschwisterlichem Handeln und in der Verantwortung für die Schöpfung.

Was hier formuliert wird, hat Jorge Mario Bergoglio als langjähriger Erzbischof von Buenos Aires vorgelebt. Dass der Glaube dazu führt, die Natur mehr zu achten und sich für die Armen, die Leidenden zu engagieren – dies sind Inhalte, für die Franziskus prominent steht und die er seiner Kirche nochmals ins Stammbuch schreibt, gleichwohl in Kontinuität zu den bisherigen Sozialenzykliken. So gesehen bietet auch dieser Aspekt keine wirkliche Über-raschung.

Die Enzyklika bietet keine Überraschungen

Diese sucht man in der Enzyklika ohnehin vergeblich, sie waren aber letztlich auch nicht zu erwarten. Gerade bei den Ausführungen über die Rolle der Kirche, die als einheitliche Trägerin des Glaubens dargestellt wird, hatte man sich neue Anstöße erhofft – quasi in Parallele und Fortführung des bisherigen unkonventionellen Auftretens von Franziskus. Der Fokus aber liegt im gesamten Text eher auf dem Bewahrenden.

Gleichwohl macht der Papst mit der Enzyklika auch deutlich, dass er seinen Kurs nicht vom Beifall des Publikums abhängig macht. Das zeigen ebenso die angekündigten Heiligsprechungen von Johannes XXIII. und Johannes Paul II. Geschickt hat Franziskus sehr zeitnah gleich drei seiner Vorgänger zu Zeugen genommen, um sich vorsichtig zu positionieren – und gleichzeitig gegen alle innerkirchlichen Strömungen hin abzusichern. Die Enzyklika trägt noch ganz die Handschrift Benedikts, auch wenn Franziskus betont, sie sei “vierhändig” entstanden. Der starke Akzent auf der Kontinuität soll wohl alle jene beruhigen, die nach den ersten – in ihren Augen vielleicht verstörenden – Gesten des neuen Papstes schon einen Sozialromantiker und Anwalt der Armen auf dem Stuhle Petri wähnten. Gleichzeitig steht Franziskus seinem Vorgänger theologisch sicher näher, als manchen, die ihn schon zum Revolutionär erklärten, möglicherweise recht ist.

Franziskus selbst gewinnt in diesen Tagen jedenfalls an Kontur. Vielleicht nicht so sehr auf dem kirchenpolitischen Parkett, wo er noch zwischen Traditionalisten und Reformern zu lavieren scheint. Vielmehr aber beim „Aufräumen“ in der Kurie: Sein hartes Durchgreifen bei der Vatikanbank sowie das neue Strafrecht im Vatikan  lassen durchaus den Willen zur Veränderung erkennen. Für Franziskus zählen die göttlichen Maßstäbe, die ihm sein Glauben zeigt. Das macht ihn in seinen Entschlüssen souverän, aber für viele – nicht nur an der Kurie – auch unberechenbar und unbequem.

Andrea Kronisch
kath.de-Redaktion