Papst Franziskus – Hoffnungsträger und Seelsorger (21.06.2013)

Bilanz der ersten 100 Tage

100 Tage sind seit der Wahl von Papst Franziskus vergangen. Journalisten und Kirchenvertreter ziehen „Bilanz“ – und vor allem Emotionen bestimmen den Ton. Gebetsmühlenartig werden dafür Anekdoten aus seiner Zeit als Erzbischof von Buenos Aires und Beobachtungen über seine Haltung zu Ökumene, Kurienreformen und dem Wirken von Benedikt XVI. als Bewertungskriterien ins Feld geführt. Drei Monate sind aber zu kurz, um den Kurs und die Wirkung eines Pontifikats zusammenfassen zu können. Die Medien zeichnen daher ein emotionales Bild vom 266. Nachfolger des heiligen Petrus. Inhaltlich wird Franziskus dabei an den deutschen Erwartungen gemessen, dass er mit Reformen die innerdeutschen Konflikthemen wie Frauenbeteiligung, Ökumene und Zölibat bearbeiten möge. Ein Blick auf die lateinamerikanische Kirche zeigt, wie unwahrscheinlich das ist.

Franziskus denkt die Veränderung von den lateinamerikanischen Ortskirchen her

Die lateinamerikanischen Länder haben sich in den letzten Jahrzehnten rasant verändert und sind wirtschaftlich aufgestiegen. Vom starken Wirtschaftswachstum haben in fast allen Ländern des Kontinents vor allem die Eliten profitiert. Die Schere zwischen Arm und Reich, zwischen Luxus und Armut, ist dramatisch. Wiederholt hat sich Franziskus mit den Armen Lateinamerikas solidarisiert und schreckte bei seinem Einsatz für katholische Werte auch nicht vor dem offenen Konflikt mit der linksliberalen argentinischen Regierung zurück. Der argentinische Jesuit ist aus der durch wirtschaftliche Ungleichheit geprägten Großstadtpastoral Lateinamerikas neu in die Kurie hineingekommen und musste sich zunächst orientieren. Er hat nicht, wie Benedikt XVI., im Herzen der römischen Kurie wichtige Posten eingenommen und lehrte auch nie als Theologieprofessor an der Universität. Papst Franziskus hat nie promoviert. Nicht die Verbindung von Vernunft und Glaube, sondern die Option für die Armen zeichnen ihn aus. Das stellt er bei seinen öffentlichen Auftritten, wie beispielsweise der Fußwaschung in einem Jugendgefängnis am Gründonnerstag, unter Beweis. Sein Profil ist das eines Seelsorgers, der zu den Armen in die Welt hinausgeht.
Er spricht oft von sich selbst als Bischof von Rom, was eine stärkere Betonung des Bischofskollegiums anzeigt. Die Kurienreform erarbeitet er nicht selbst. Stattdessen suchte er aus dem Kardinalskollegium acht Repräsentanten aller Teile der Weltkirche aus und legte die Ausarbeitung der Reform auch in ihre Hände. Der Name des heiligen Franziskus von Assisi ist Programm, wenn der Pontifex seine Kirche auffordert, in die Welt hinaus zu gehen, sich für die Armen einzusetzen und diesen Einsatz nicht von Rom aus vorgeben lässt. Für die Ortskirchen Lateinamerikas, die stark durch Ordensleute und ausländische Bischöfe geprägt wurden, ist dieser neue Ton aus Rom eine Ermutigung zu mehr Eigenständigkeit.

Ästhetik der Bescheidenheit

Bisher hat Franziskus vor allem mit Zeichen Aufmerksamkeit erregt. Seine schlichten Schuhe, sein altes Bischofskreuz aus Metall, sein Leben in der Gemeinschaft des vatikanischen Gästehauses oder seine Kritik an Karrieresucht in der Kirche dürfen hier genannt werden. Die Ansprache des Lateinamerikaners im Vorkonklave, in welcher der damalige Kardinal Jorge Luis Bergoglio die Selbstbezogenheit und Egozentrik der Kirche scharf kritisierte und Reformen einforderte, befeuerte seitdem die Erwartungen an sein Pontifikat. Der „Bischof der Armen“ ist beinahe über Nacht zum Hoffnungsträger aller Reformbegeisterten avanciert. Unvergessen ist seine erste Ansprache nach seiner Wahl, in der er um das Gebet für „den Bischof von Rom“ bat. Wie steht es aber neben diesem emotionalen Bild des neuen Papstes mit den erwartetenReformen?

Die Reformprojekte stammen (noch) aus der Feder Benedikt XVI.

Wenn man von dem Symbolischen absieht, stieß der Argentinier bislang keine eigenen Reformen an. Papst Benedikt XVI. hatte vor seinem Rücktritt einen Geheimbericht über die Situation in der Kurie anfertigen lassen und die aktuelle Kurienreform initiiert. Für die ungelöste Frage des Verhältnisses der katholischen Kirche zur Piusbrüderschaft beauftragte er Kardinal Müller als neuen Chef der Glaubenskongregation. Für das „Institut für die religiösen Werke“ (oft„Vatikanbank“ genannt), das durch mangelnde Transparenz und Geldwäschevorwürfe in die öffentliche Kritik geraten war, ernannte er in einer seiner letzten Amtshandlungen den deutschen Juristen Franz von Freyberg zum neuen Leiter. Der Malteser reformiert seitdem das kirchliche Kreditinstitut. Und beinahe alle wichtigen Positionen in der Kurie belässt der aktuelle Papst bisher mit den gleichen Personen besetzt, die Benedikt XVI. auswählte. Bei den Fragen nach Ökumene, Kurienreform, Finanzen und Glaubenskrise führt Franziskus also die vor ihm begonnenen Projekte weiter. Wie stark die Arbeit des emeritierten Papstes noch immer nachwirkt, zeigt die bald erscheinende Enzyklika. Die erste Enzyklika des neuen Papstes, die sich mit dem Glauben beschäftigen wird, stammt zum größten Teil aus der Feder seines Vorgängers. Eigene, strukturelle Initiativen des neuen Papstes, sind nach 100 Tagen noch nicht zu erkennen.

Was dürfen wir von Franziskus überhaupt erwarten?

Die Berichte zum 100. Amtstag von Papst Franziskus vermitteln ein emotionales Bild des Argentiniers und blickten auf die von Benedikt XVI. angestoßenen Reformen. Anders als der Kontinental-Europäer Josef Ratzinger hat Papst Franziskus den lateinamerikanischen Blick auf die Weltkirche verinnerlicht.
Aus diesem Perspektivwechsel wird den Ortskirchen mehr Gewicht zufallen, ihre jeweiligen Herausforderungen selbst anzugehen. Die Ökumene und der Religionsdialog haben im katholischen Lateinamerika einen anderen Stellenwert. Die Pfingstkirchen polarisieren dort sehr stark und suchen keine ökumenische Annährung. Auch die Rolle der Frauen in der Kirche ist eine andere als in den Ortskirchen Europas. Franziskus hat diese Unterschiedlichkeit und Pluralität innerhalb der Weltkirche verinnerlicht. Realistisch darf man daher missionarische und pastorale Impulse erwarten, welche die Kompetenz, Probleme und Aufgaben anzugehen, weniger der Kurie in Rom und mehr den Bischöfen vor Ort zuspricht. Die deutschen Reformwünsche sollten sich daher weniger auf den Papst und mehr auf die pastorale Situation der deutschen Bistümer richten.

Dario Hülsmann
kath.de-Redaktion

2 thoughts on “Papst Franziskus – Hoffnungsträger und Seelsorger (21.06.2013)

  1. Zeichen sagen oft mehr als Worte. Durch sie prägt Franziskus die Kirche. Aber er kann die längst überfälligen Reformen nicht allein durchführen. Dazu braucht er die Mitarbeit der Bischöfe. Noch mehr aber gilt: Alle Getauften sind TrägerInnen der Geistkraft Gottes, das “gemeinsame Priestertum” des Volkes Gottes ist die Grundlage dafür, dass die Gemeinden ihre Belange selbst in die Hand nehmen. Papst und Bischöfe sind Diener der Kirche, nicht ihre Herren. Machen wir uns auf den Weg, die befreiende Botschaft Jesu vom Reich Gottes zu verstehen, in die heutige Zeit umzusetzen und vorbildhaft für die Welt zu leben.

  2. Papst Franziskus geht es um einen glaubwürdigen Lebensstil und seine Solidarität mit den Armen ist auch jesuitisches Programm. D.h. im Klartext Auseinandersetzung mit den Armen in unserer Welt, anders gesagt wie Armut, Elend und Hunger in unserer Globalisierung gemacht wird und mein eigener Beitrag dazu. Spätestens unsere Enkelkinder werden uns einmal fragen: wie konntet ihr das zulassen, was hast du getan gegen die Nahrungsmittelspekulanten, das Landgrabbing, die Patente auf das Saatgut und die Tiere, die Freihandelsabkommen?
    Was sag ich dann? Ich hab brav gespendet, auf Staatskirchenbasis meine Steuern abführen lassen, war barmherzig und hab für gute Bischöfe gebetet. Ich war halt Schaf. Und zudem weiblich.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *


*