Hilfe zur Orientierung oder Beliebigkeit? (28.06.2013)

Die Diskussion um das Familienpapier der EKD

Seitdem die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) am 19. Juni ihr Diskussionspapier zum neuen Familienbild vorgestellt hat, wird neben mancher Zustimmung auch viel Kritik laut – innerhalb wie außerhalb der evangelischen Kirche. Alternative Familienformen erfahren in der sogenannten Orientierungshilfe, die eher für Irritation und Unmut als für Klarheit und Orientierung sorgt, neben der lebenslangen Ehe von Mann und Frau eine deutliche Aufwertung. Tatsächlich kann das ganze Programm so verstanden werden, als wolle die EKD von der traditionellen Ehe als Norm abrücken und zur Unterstützung und gleichwertigen Anerkennung auch anderer Lebensformen aufrufen. Mehrere Landes- und Regionalbischöfe, Bischöfe der katholischen Kirche, Vertreter des Koordinationsrates der Muslime, aber auch Vertreter aus Politik und Gesellschaft haben in den vergangenen Tagen kritisch zum Papier Stellung bezogen. Und ein Ende der Diskussion ist noch lange nicht in Sicht.

Forderung der Anerkennung aller Familienformen

Das Dokument der EKD nimmt eine sehr weite Lebenswirklichkeit in den Blick: Nicht nur die traditionellen Familien, sondern auch gleichgeschlechtliche Partnerschaften, Patchwork- oder Ein-Eltern-Familien sollen anerkannt und kirchlicherseits gestärkt werden. Ohne Frage darf dieses Ansinnen auch als eine Abkehr von einer Verurteilung homosexueller Partnerschaften sowie als Zuwendung zu Menschen gelesen werden, die am Ideal einer lebenslangen Ehe gescheitert sind. Mit ihrem erhobenen moralischen Zeigefinger hatten sich konservative Strömungen der evangelischen Kirche in der Vergangenheit oft auch von ihrer unbarmherzigen Seite gezeigt. Und ohne Frage erleben Menschen in allen Familienkonstellationen Geborgenheit, Liebe und Zusammenhalt.

Kritik an mangelnder theologischer Präzision

Aber auch wenn die Aufwertung eher ausgegrenzter Lebensformen nicht als Abwertung tradierter Lebensbünde verstanden werden soll, haftet der vermeintlichen Orientierungshilfe Oberflächlichkeit und mangelnde theologische Präzision an. Dass sich die EKD durch das Papier dem Verdacht aussetzt, die auf lebenslange Dauer ausgerichtete Ehe von Mann und Frau nicht ausreichend zu würdigen und zu relativieren, zeigt die theologischen Defizite des Dokuments auf. Die Tatsache, dass die Ehe von Luther als „weltlich Ding“ und nicht als Sakrament verstanden wird, macht dieses Defizit nicht wett. Keineswegs ist die Orientierungshilfe aus diesem Grund „ganz auf Luthers Linie“, wie der Vatikanberater Wilhelm Imkamp am Donnerstag dieser Woche in Berlin urteilte.

Ökumenische Beratungen und Ergebnisse finden keine Beachtung

Eindeutige Aussagen der Bibel zur Ehe sind in dem Papier in nicht ausreichender Weise berücksichtigt, ebenso wenig die Ergebnisse ökumenischer Diskussionen. Weitere Gespräche allerdings müssen zwingend folgen, wenn das missverständliche Papier die Ökumene mit der katholischen Kirche nicht weiter erschweren soll. Ein Auseinanderdriften von katholischer und evangelischer Kirche in gesellschaftlichen (und ebenso ethischen) Fragen ist auch deshalb zu befürchten, weil Vertreter anderer christlicher Kirchen von Ergebnissen wie dem jüngsten EKD-Papier überrascht werden, ohne am Prozess und den Diskussionen selber beteiligt zu sein.

Kritik am Dokument wird ebenfalls darüber laut, wie weit der Text beim Thema Homosexualität geht und Verständnis für die Adoptionswünsche gleichgeschlechtlicher Paare äußert. Die jüngsten Gesetzesentscheidungen und ihre Reaktionen in der Bevölkerung in Frankreich,  Russland und in den Vereinigten Staaten von Amerika zeigen, dass diese Position weltweit – und keineswegs nur innerevangelisch und innerkirchlich – heftig umstritten ist. Ein sensiblerer Umgang gerade auch mit diesem Thema wäre wünschenswert gewesen, um unnötige Polarisierungen zu vermeiden.

Die Orientierungshilfe entfremdet derzeit nicht nur die christlichen Kirchen voneinander, das Papier spaltet auch die Protestanten untereinander. Der deutliche Widerspruch nicht nur aus konservativen, sondern auch aus gemäßigten Kreisen zeigt, wie tief der Riss innerhalb der evangelischen Kirche ist. Doch selbst wenn in der EKD noch heftig über das neue Familienbild gestritten und das Papier tatsächlich als Diskussionspapier verstanden wird: Der Schaden ist bereits da und er ist schon jetzt immens.

Beliebigkeit ersetzt nicht das Bekenntnis

In einer zunehmend pluralistischen Gesellschaft wäre es ein gutes und wichtiges Signal, wenn die Vertreter aller christlichen Kirchen in gesellschaftsrelevanten Grundsatzfragen eine gemeinsame Position vertreten könnten. Keineswegs geht es dabei darum, die Augen vor der Realität gesellschaftlicher Veränderungen zu verschließen oder gar Frontgräben zur Gesellschaft hin zu schaffen. Ein solches Ansinnen würde den Grundsätzen christlichen Selbstverständnisses grob widersprechen. Wichtig wäre es vielmehr, klare und verbindliche Positionen in einen Diskurs einzubringen, der schnell in Beliebigkeit und gesellschaftlichen Konformismus ausarten kann. Darum sollte die EKD die Diskussion um das Papier – auch aus ökumenischer Perspektive heraus – unbedingt weiterführen und Inhalte des Dokumentes theologisch präzisieren. Ob sich die EKD mit ihrer jüngsten Publikation auf den Weg einer radikalen Verweltlichung begeben hat, sei dahingestellt, sie sollte aber den Eindruck aus der Welt schaffen, dass letztlich Beliebigkeit das Bekenntnis ersetzt.

Andrea Kronisch
kath.de – Redaktion

Papst Franziskus – Hoffnungsträger und Seelsorger (21.06.2013)

Bilanz der ersten 100 Tage

100 Tage sind seit der Wahl von Papst Franziskus vergangen. Journalisten und Kirchenvertreter ziehen „Bilanz“ – und vor allem Emotionen bestimmen den Ton. Gebetsmühlenartig werden dafür Anekdoten aus seiner Zeit als Erzbischof von Buenos Aires und Beobachtungen über seine Haltung zu Ökumene, Kurienreformen und dem Wirken von Benedikt XVI. als Bewertungskriterien ins Feld geführt. Drei Monate sind aber zu kurz, um den Kurs und die Wirkung eines Pontifikats zusammenfassen zu können. Die Medien zeichnen daher ein emotionales Bild vom 266. Nachfolger des heiligen Petrus. Inhaltlich wird Franziskus dabei an den deutschen Erwartungen gemessen, dass er mit Reformen die innerdeutschen Konflikthemen wie Frauenbeteiligung, Ökumene und Zölibat bearbeiten möge. Ein Blick auf die lateinamerikanische Kirche zeigt, wie unwahrscheinlich das ist.

Franziskus denkt die Veränderung von den lateinamerikanischen Ortskirchen her

Die lateinamerikanischen Länder haben sich in den letzten Jahrzehnten rasant verändert und sind wirtschaftlich aufgestiegen. Vom starken Wirtschaftswachstum haben in fast allen Ländern des Kontinents vor allem die Eliten profitiert. Die Schere zwischen Arm und Reich, zwischen Luxus und Armut, ist dramatisch. Wiederholt hat sich Franziskus mit den Armen Lateinamerikas solidarisiert und schreckte bei seinem Einsatz für katholische Werte auch nicht vor dem offenen Konflikt mit der linksliberalen argentinischen Regierung zurück. Der argentinische Jesuit ist aus der durch wirtschaftliche Ungleichheit geprägten Großstadtpastoral Lateinamerikas neu in die Kurie hineingekommen und musste sich zunächst orientieren. Er hat nicht, wie Benedikt XVI., im Herzen der römischen Kurie wichtige Posten eingenommen und lehrte auch nie als Theologieprofessor an der Universität. Papst Franziskus hat nie promoviert. Nicht die Verbindung von Vernunft und Glaube, sondern die Option für die Armen zeichnen ihn aus. Das stellt er bei seinen öffentlichen Auftritten, wie beispielsweise der Fußwaschung in einem Jugendgefängnis am Gründonnerstag, unter Beweis. Sein Profil ist das eines Seelsorgers, der zu den Armen in die Welt hinausgeht.
Er spricht oft von sich selbst als Bischof von Rom, was eine stärkere Betonung des Bischofskollegiums anzeigt. Die Kurienreform erarbeitet er nicht selbst. Stattdessen suchte er aus dem Kardinalskollegium acht Repräsentanten aller Teile der Weltkirche aus und legte die Ausarbeitung der Reform auch in ihre Hände. Der Name des heiligen Franziskus von Assisi ist Programm, wenn der Pontifex seine Kirche auffordert, in die Welt hinaus zu gehen, sich für die Armen einzusetzen und diesen Einsatz nicht von Rom aus vorgeben lässt. Für die Ortskirchen Lateinamerikas, die stark durch Ordensleute und ausländische Bischöfe geprägt wurden, ist dieser neue Ton aus Rom eine Ermutigung zu mehr Eigenständigkeit.

Ästhetik der Bescheidenheit

Bisher hat Franziskus vor allem mit Zeichen Aufmerksamkeit erregt. Seine schlichten Schuhe, sein altes Bischofskreuz aus Metall, sein Leben in der Gemeinschaft des vatikanischen Gästehauses oder seine Kritik an Karrieresucht in der Kirche dürfen hier genannt werden. Die Ansprache des Lateinamerikaners im Vorkonklave, in welcher der damalige Kardinal Jorge Luis Bergoglio die Selbstbezogenheit und Egozentrik der Kirche scharf kritisierte und Reformen einforderte, befeuerte seitdem die Erwartungen an sein Pontifikat. Der „Bischof der Armen“ ist beinahe über Nacht zum Hoffnungsträger aller Reformbegeisterten avanciert. Unvergessen ist seine erste Ansprache nach seiner Wahl, in der er um das Gebet für „den Bischof von Rom“ bat. Wie steht es aber neben diesem emotionalen Bild des neuen Papstes mit den erwartetenReformen?

Die Reformprojekte stammen (noch) aus der Feder Benedikt XVI.

Wenn man von dem Symbolischen absieht, stieß der Argentinier bislang keine eigenen Reformen an. Papst Benedikt XVI. hatte vor seinem Rücktritt einen Geheimbericht über die Situation in der Kurie anfertigen lassen und die aktuelle Kurienreform initiiert. Für die ungelöste Frage des Verhältnisses der katholischen Kirche zur Piusbrüderschaft beauftragte er Kardinal Müller als neuen Chef der Glaubenskongregation. Für das „Institut für die religiösen Werke“ (oft„Vatikanbank“ genannt), das durch mangelnde Transparenz und Geldwäschevorwürfe in die öffentliche Kritik geraten war, ernannte er in einer seiner letzten Amtshandlungen den deutschen Juristen Franz von Freyberg zum neuen Leiter. Der Malteser reformiert seitdem das kirchliche Kreditinstitut. Und beinahe alle wichtigen Positionen in der Kurie belässt der aktuelle Papst bisher mit den gleichen Personen besetzt, die Benedikt XVI. auswählte. Bei den Fragen nach Ökumene, Kurienreform, Finanzen und Glaubenskrise führt Franziskus also die vor ihm begonnenen Projekte weiter. Wie stark die Arbeit des emeritierten Papstes noch immer nachwirkt, zeigt die bald erscheinende Enzyklika. Die erste Enzyklika des neuen Papstes, die sich mit dem Glauben beschäftigen wird, stammt zum größten Teil aus der Feder seines Vorgängers. Eigene, strukturelle Initiativen des neuen Papstes, sind nach 100 Tagen noch nicht zu erkennen.

Was dürfen wir von Franziskus überhaupt erwarten?

Die Berichte zum 100. Amtstag von Papst Franziskus vermitteln ein emotionales Bild des Argentiniers und blickten auf die von Benedikt XVI. angestoßenen Reformen. Anders als der Kontinental-Europäer Josef Ratzinger hat Papst Franziskus den lateinamerikanischen Blick auf die Weltkirche verinnerlicht.
Aus diesem Perspektivwechsel wird den Ortskirchen mehr Gewicht zufallen, ihre jeweiligen Herausforderungen selbst anzugehen. Die Ökumene und der Religionsdialog haben im katholischen Lateinamerika einen anderen Stellenwert. Die Pfingstkirchen polarisieren dort sehr stark und suchen keine ökumenische Annährung. Auch die Rolle der Frauen in der Kirche ist eine andere als in den Ortskirchen Europas. Franziskus hat diese Unterschiedlichkeit und Pluralität innerhalb der Weltkirche verinnerlicht. Realistisch darf man daher missionarische und pastorale Impulse erwarten, welche die Kompetenz, Probleme und Aufgaben anzugehen, weniger der Kurie in Rom und mehr den Bischöfen vor Ort zuspricht. Die deutschen Reformwünsche sollten sich daher weniger auf den Papst und mehr auf die pastorale Situation der deutschen Bistümer richten.

Dario Hülsmann
kath.de-Redaktion

Nicht nur für die US-Geheimdienste sind wir gläsern (14.06.2013)

Die sensiblen Daten über uns liegen bei wenigen Firmen

Was passiert, wenn jeder Bürger so durchsichtig wird, dass man ihm die Restaurantempfehlungen, die Buchtitel, die Reiseziele einspielt, die genau auf ihn passen? Google und Facebook wissen das alles bereits, auch welche Seiten jemand über die Google-Suche angeklickt hat. Facebook wertet die Adjektive der Posts aus, um Prognosen für Börsenkurse machen zu können. Natürlich wird dieses ganze Wissen verkauft. Da viele sich mit Fotos und Texten auf Homepages oder Communities darstellen, brauchen Unternehmen nur die Software zu entwickeln, die aus diesen Daten Profile formen. Das kann auf die Dauer nicht ohne Folgen für die demokratische Grundordnung bleiben, denn diese setzt das entscheidungsfähige Individuum voraus, das sich selbst eine Meinung bildet.

Die gespeicherten Daten wissen mehr über uns als wir selbst

Wenn die großen Internetfirmen die Daten, die wir als Spuren unseres Surfens, unserer Telefonate, der emotionalen Äußerungen, zu denen Facebook uns verlockt, verknüpfen, dann wissen sie sehr viel über uns. Dieses Wissen behalten sie aber für sich selbst. Denn würden diese Profile den einzelnen zugänglich, würden die meisten etwas über sich erfahren, was ihnen selbst nicht bewusst ist. Aber weder Google, Yahoo, Apple noch Facebook werden diese Daten preisgeben, denn es sind die unbewussten Wünsche und Sehnsüchte, die uns Dinge kaufen lassen, die wir gar nicht brauchen. Oder müssen wir Urlaub in der Karibik machen, nur weil dort die Sandstrände so paradiesisch fotografiert sind? Auch dort gibt es menschliche Not, zerbrechende Partnerschaften, Feindschaft zwischen Geschwistern. Aber wir fahren dorthin, weil wir da das Paradies vermuten. Dabei liegt es, folgt man den spirituellen Schulen, vor unserer Haustür. Aber wir werden bereits gesteuert.

Google lenkt die Interessen seiner Nutzer – Scientology ist bereits machbar

Der Erfolg von Google lag einmal darin, dass es diejenigen Seiten zu einem Stichwort auflistete, die von anderen häufig angeklickt wurden. Das entspricht aber nicht mehr dem heutigen Werbekonzept von Google. Kennt Google die Interessen seiner Nutzer, dann kann es die Werbung einspielen, die zu dem Profil des Surfers passt. Die werbenden Firmen erreichen noch direkter die Zielgruppen, die zu ihrem Produkt, ihrem Angebot passen. Damit baut aber Google einen virtuellen Käfig um jeden einzelnen. Das kann man sich an den eingeblendeten Restauranttipps verdeutlichen. Wer z.B. nie ein griechisches Restaurant angeklickt hat, wird selbst in Griechenland auch zu McDonalds oder einem italienischen Lokal geführt. Und wie will jemand in Köln über Google eine typische Kölschkneipe finden, wenn er andernorts nur thailändisch Essen geht? Wer sich nie für Philosophie interessiert, bekommt selbst bei philosophischen Begriffen, die er eingibt, keine URL mehr unter den ersten 10 präsentiert, die auf einen philosophischen Inhalt verlinken. Motorradfahrern werden andere Banner eingeblendet als Bergsteigern. Dabei arbeitet Google ohne äußeren Zwang, aber wirksamer, weil der Surfer die Lenkung gar nicht wahrnimmt. Was Scientology mit seinen Kursen nicht erreicht hat, gelingt Google spielend. Wir alle machen mit. Das wird jetzt nur für die Konsumgüter- und Tourismus-Industrie umgesetzt. Aber wer hindert ein Regime daran, das, was für das Marketing entwickelt wurde, für politische Ziele einzusetzen. Die Reaktionen des türkischen Ministerpräsidenten auf die Demonstrationen zeigen zumindest, dass Google ihn noch nicht von der Überlegenheit seiner Verfahren überzeugen konnte. Er reagiert noch wie ein Dorfschullehrer, nicht wie ein Profi im Polit-Marketing.

Wir Nutzer nehmen hin, dass  möglichst viele unserer Daten gespeichert werden. Es geht dabei nicht nur um die Telefonverbindungen, die aufgerufenen Internetseiten, die Bewegungen, die Handyprovider aufzeichnen, indem sie jeden Wechsel in ein anderes Funkfeld registrieren.

Google verwaltet den Großteil der Wissensbestände

Google hat das Ziel, jedwedes Wissen über seine Suchalgorithmen zugänglich zu machen. Da das Unternehmen genug verdient, kann es alle Bücher einscannen. Die Straßen der Städte und Ortschaften sind bereits aufgezeichnet. Auch alle Kunstschätze, Gemälde, Skulpturen, jedes Schloss und jede Kirche sind bereits gespeichert. Hinzu kommen die Personenporträts. Wenn Google die Zentralbibliothek der Welt geworden ist, dieses Ziel ist bald erreicht, dann liegt nicht nur das jeweilige Persönlichkeitsprofil aller seiner Nutzer auf einem Server des Unternehmens, sondern auch alles, was die Nutzer von Google wissen können. Auch Facebook erreicht bald eine solche Übermacht, dass nicht nur die Individuen, sondern die Institutionen verschwinden.

Facebook tritt an die Stelle von Vereinen und Kirchengemeinden

Die Altersgruppen über fünfzig tragen im Moment noch das Leben der Verbände und das, was von den Kirchengemeinden übrig geblieben ist. Wenn die letzten Vertreter dieser Generation abgetreten sein werden, organisieren sich Gemeinschaften und Gemeinden über Communities. Das ist unausweichlich, denn das Smartphone wird die Kommunikationsplattform des einzelnen. Auf dem kleinen Bildschirm laufen Mails, Posts wie auch der Nachrichtenfluss, den spiegel-online u.a. beschicken. Verbände wie Kirchen sollten überlegen, wem sie ihre Zukunft anvertrauen. Nach den oben dargelegten Sachverhalten führt das Nicht-Handeln, also der Verzicht auf eine Strategie für das digitale Zeitalter, in die eigene Selbst-Amputation. Einfach auf Facebook zu vertrauen, ist „zu einfach“. Es gibt noch weitere Bedrohungen, vor allem für die lokale Kultur

Das freie Buch wird von Amazon verwaltet.

Amazon u.a. roden die Buchhandlungslandschaft und minimieren die Zeitungsvielfalt.
Innerhalb der Buchbranche ist man sich einig, dass ein Großteil des Buchhandels verschwinden wird. Es sind nicht allein die Großen, sondern auch viele angestammte Buchhandlungen werden mit der Verbreitung des E-Books aufgeben müssen.

Da die Regionalzeitungen bereits abends das kostenfrei ins Netz stellen, was der Leser gegen eine ziemlich hohe Monatsgebühr erst morgens im Briefkasten vorfindet, schaffen sich diese Zeitungen selbst ab. Je mehr das Internet zur primären Nachrichtenquelle wird, desto mehr klicken die Leser tagesschau.de oder spiegel.de an. Es bleibt dann allenfalls der lokale Nachrichtenteil, für den sich die Leser interessieren.

Die Folgen für alle lokalen Bildungs- und Kultureinrichtungen, angefangen vom Kindergarten über die Theater, Museen und Konzertveranstaltungen werden erheblich sein, wenn die eingeübten Kommunikationsmuster, die sowohl von Institutionen wie von ihren Zielgruppen beherrscht werden, sich immer mehr auflösen. Es wird Zeit, dass die Institutionen sich mit der Gestaltung ihrer Kommunikationswege beschäftigen

Der Umfang, in dem amerikanische Geheimdienste auf Daten der großen Internetkonzerne zugreifen, sollte endlich zu einer Handlungsbereitschaft führen, das Internet aktiv zu gestalten. Das müsste auch im Überlebensinteresse der Kirchen, der Parteien, der Verbände sein, die ihre Kommunikation immer mehr über die Server wie über die Tools amerikanischer Firmen abwickeln. Europa muss sich selbst eine Internetwelt bauen.

Nur so kann es durchsetzen, dass Daten nicht über Jahrzehnte auf Servern amerikanischer Firmen liegen, sondern gelöscht werden.

Und kann Europa wollen, dass die nachwachsenden Generationen nur noch im Schema von Facebook und Google kommunizieren und damit auch denken können, Google und Facebook sind aus der amerikanischen Kultur hervorgegangen. Europa bewahrt seine Identität aber nur, wenn es aus seiner Kultur heraus das neue Medium gestaltet. Im Moment sieht es nicht so aus, dass das Internet zu einem kulturellen Aufschwung führt, der auf die Erfindung beweglicher Lettern durch Gutenberg folgte. Wir produzieren Datenberge, aber die sind nur relevant für Konsumforscher und Geheimdienstler.

Eckhard Bieger S.J.
kath.de-Redaktion