Was erwartet den neuen Papst? (01.03.2013)

Eine Frage bleibt nach dem Abschied Papst Benedikts vom Amt: Wozu genau braucht es diese starke Hand an der Spitze der römischen Kurie, deren Notwendigkeit Papst Benedikt erkannte, die er aber bei sich selbst nicht mehr fand? Oder mit den Worten des Gründers der Gemeinschaft Sant‘ Egidio, Andrea Riccardi, gesprochen: Der Papst muss einen härteren Widerstand vorgefunden haben als wir vermuten können. Welcher Widerstand ist gemeint?

Die römische Kurie: Traurigkeit und brennende Herzen – und ein paar Fragen

Hört man die herzrührenden Worte von Kardinalstaatssekretär Bertone bei der Messe am Aschermittwoch im Petersdom („Wir wären nicht ehrlich, Eure Heiligkeit, wenn wir Ihnen verschweigen würden, dass unsere Herzen heute Abend von Trauer verschleiert sind. Mit unserer Bewunderung und unserer Liebe wollen wir Ihnen dafür danken…“) oder das Liebesbekenntnis, das Kardinal Sodano dem Papst bei seiner Verabschiedung vom Kardinalskollegium entgegenbrachte („Mit tiefer Liebe haben wir versucht, Sie auf Ihrem Weg zu begleiten und die Erfahrung der Jünger von Emmaus wieder zu erleben, die sagten, nachdem sie mit Jesus ein gutes Stück des Weges gegangen waren: ,Brannte uns nicht das Herz in der Brust, als er unterwegs mit uns redete und uns den Sinn der Schrift erschloss?‘ Auch unser Herz brannte.“), so muss man sich fragen: Wo mag denn der Widerstand stecken, wo der Bedarf an physischer und psychischer Stärke bei der Führung solcher Mitarbeiter, deren Bewunderung und Liebe zu ihrem Chef auszudrücken die Sprache an ihre Grenzen gerät?

Wie konnte es aber beim Walten solcher Liebe und Bewunderung zu Vatileaks kommen, wo ein einfacher Kammerdiener – sofern man der offiziellen Version Glauben schenken mag – Dokumente an die Öffentlichkeit schleuste, um deutlich zu machen, dass der Papst hintergangen werde? Mit diesen Fragen lässt die römische Kurie die Welt und die Kirche allein. Was aber sollen denkende Menschen mit solchen Widersprüchen anfangen? Sie einfach übersehen? In stillem Mitfühlen mit der Kirche, ihren Stärken und Defekten, darauf hoffen und beten, dass irgendwann alles gut wird? Auch dies muss es geben – allein aber es genügt nicht.

Die Kurie und der Papst

Die Bedeutung des Rücktrittes vom Amt des Papstes muß auch im Kontext der Äußerungen von Papst und Kardinälen gesucht werden. Auf der einen Seite stehen die Worte mit herzschmelzender Wirkung der Kardinäle Bertone und Sodano, die nicht auch nur im geringsten einen Anklang daran enthalten, dass Fehler geschehen sein könnten, geschweige denn eingestanden würden. Nichts außer Herzbrennen und Traurigkeit.  In diesem Punkt hat beispielsweise Erzbischof  Robert Zollitsch für die deutschen Bischöfe eine andere Position bezogen. Er ließ sich locken vom Beispiel Papst Benedikts, der ausdrücklich um Vergebung bat für die Fehler, die er in der Führung des Amtes begangen hat. Zollitsch bat auch Papst Benedikt um Vergebung für alles, was seitens der deutschen Bischöfe nicht so lief, wie es hätte laufen sollen. Die Kurie aber bleibt fehlerlos. Und das ist ihr Problem. Nicht nur ihres, es ist das Problem der Kirche.

Der Papst und die Kurie

Auf der anderen Seite stehen die Worte des Papstes, der zwar der Kurie für ihre Mitarbeit dankt, der aber auch von dunklen Wolken spricht und der den Kardinälen die Worte von Romano Guardini mit auf den Weg gibt: „Die Kirche ist keine erfundene Institution, die am Tisch erschaffen wurde, sondern eine lebendige Realität. Sie lebt entlang dem Lauf der Zeit auf die Zukunft gerichtet, wie jedes Lebewesen, und verändert sich. Und doch bleibt sie immer dieselbe, ihr Herz ist Christus.“ Und der Papst fährt fort, dass er eben dies wieder erfahren habe bei seiner letzten Audienz. Man hätte jetzt erwarten können, dass er sagt, er habe dies bei der Zusammenarbeit mit den Kardinälen erfahren. Dies aber sagte der Papst nicht. Kirche erfährt Papst Benedikt bei der Begegnung mit den Menschen auf dem Petersplatz.

Fehlbarer Papst – unfehlbare Kurie?

Der Papst, der unter bestimmten Umständen Unfehlbarkeit beanspruchen könnte, er entschuldigt sich für die Fehler seiner Amtsführung und führt die schwindenden Kräfte als Rücktrittsgrund an. Er spricht von den Wolken am Himmel während seines Pontifikates. Die  Sprecher der Kurie dagegen, sie lassen keinen Verdacht über Kratzer im vatikanischen Lack aufkommen, sie huldigen dem Papst und sind ob seines Weggangs traurig. Anklänge an Fehler: Fehlanzeige.

Deutet man das faktisch vorliegende Kommunikationsverhalten, so ist nicht mehr der Papst unfehlbar, sondern die römische Kurie. Lag hier der Widerstand, den Papst Benedikt an der Kurie vorgefunden hat?

Wenn die Kirche vor allem Zeichen und Werkzeug sein will und weniger eine Institution der Macht, dann sollte auch die Kurie eine Arbeitsweise an den Tag zu legen bemüht sein, die von den Menschen als das begriffen werden kann, was die Kirche sein will: Lebendige Realität, die, wie jedes Lebewesen, sich verändert  und doch immer dieselbe bleibt, deren Herz Christus ist, so Papst Benedikt zu den Kardinälen im Anklang an Romano Guardini.

Dazu gehört, dass Fehler eingesehen, bekannt, Konsequenzen gezogen und Schuld vergeben wird. Da die römische Kurie sich aber offensichtlich der Unfehlbarkeit bemächtigt hat, wird es eine Hauptaufgabe des neuen Papstes sein, der Kurie zu vermitteln, dass sie dies nicht ist und auch nicht den Anschein erwecken braucht, es zu sein.

Theo Hipp

kath.de – Redaktion

2 thoughts on “Was erwartet den neuen Papst? (01.03.2013)

  1. Der Bund Gottes mit der Schöpfung:
    Jesus,der Christus spricht: ” ich bin gekommen zu richten
    ( wieder richtig zu machen …?) -die Sehenden blind, die Blinden sehend.. (Joh 9,39).

    Das der Evolution unterworfene Geschöpf ist ausgestattet mit der Gabe der Achtsamkeit und Anpasssungsfähigkeit…
    Wie ER will…

    • “…wieder richtig zu machen …?”
      Das Jesus-Wort in diesem Sinne zu verstehen wäre ein Missverständnis, das auch nur im Deutschen so verstanden werden kann. In der Vulgata, der lateinischen Bibel, heißt es: “…”dixit ei Iesus in IUDICIUM ego in hunc mundum veni…”. Und “iudicium” heißt nun einmal “Gerichtverhandlung, Prozess”, eben “Gericht”.

      Luther hat aus den älteren Urtexten (genauer als die Bibelübersetzung oben “zu richten”) übersetzt:
      “Und Jesus sprach: Ich bin zum Gericht in diese Welt gekommen, damit, die nicht sehen, sehend werden, und die sehen, blind werden.”

      Eine Auslegung im Sinne von “richtig zu machen” ist damit ausgeschlossen.

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