Eine Chance für Lateinamerika (08.03.2013)

Trauer um den Comandante

Derzeit ist die Trauer um den vor einigen Tagen gestorbenen Präsidenten in Caracas überall zu spüren. Frauen und Kinder versammeln sich auf den Straßen der venezolanischen Hauptstadt um ihren Schmerz über den Tod von Hugo Chávez zu teilen und zahlreiche Anhänger des charismatischen Staatsoberhauptes bekunden ein letztes Mal ihre Treue zu seiner “Bolivarischen Revolution”. Dabei handelt es sich vor allem um Menschen aus den unteren Gesellschaftsschichten, denn sie waren es, die von der Politik des ehemaligen Oberstleutnants profitiert hatten. Der volksnahe Revolutionär, der sich selbst stets in der Nachfolge des lateinamerikanischen Befreiers Simón Bolívar gesehen hatte, stand den einfachen Menschen in Venezuela besonders nahe. Ihnen wird er in Erinnerung bleiben, als ein Politiker, der ihre Probleme verstanden hat. Seinen Gegnern aber vor allen Dingen als geschickter Populist und skrupelloser Beuger der Demokratie, der die Gesetze zu seinem Nutzen umformulierte. So ist es nicht verwunderlich, dass der Personenkult um Chávez seinen Höhepunkt jenseits der offiziellen Trauerfeierlichkeiten  erreicht, zu der zehntausende Bürger und die Staatschefs nahezu aller Länder des Kontinents erschienen sind. Der Leichnam des Comandante soll einbalsamiert und in einem Revolutionsmuseum ausgestellt werden. Damit werden Chávez die gleichen Ehren zuteil, wie Lenin oder Mao Tse Dong.

Ein Nachfolger steht schon fest

Indes steht ein Nachfolger für den populären Präsidenten schon fest. Sein Wunschkandidat Nicolás Maduro muss nur noch durch eine demokratische Wahl bestätigt werden. An deren positivem Ausgang wird jedoch kein Zweifel sein, da dem Vizepräsidenten die Beliebtheitswerte seines toten Vorgängers Auftrieb geben. Ob sich der als etwas spröde geltende Maduro über die nächsten Jahre hinaus im Amt halten kann, bleibt abzuwarten. Der Mann aus einfachen Verhältnissen müsste eine wesentlich größere Popularität entwickeln, als er sie jetzt hat. Eines jedoch ist sicher: Er wird eine politische Kehrtwende einleiten müssen. Die Maßnahmen, die Hugo Chávez zu einem der beliebtesten Politiker Amerikas gemacht haben, sind auf lange Sicht nicht mehr finanzierbar.

Kurzsichtige Politik für die Armen

Zwar ist Venezuela eines der weltweit größten Exportländer für Erdöl, dessen Erlös seit der Enteignung der vorigen Besitzer der Staatskasse zufließt. Doch hat der Comandante dieses Geld dazu benutzt um der Unter- und Mittelschicht seines Landes unter die Arme zu greifen. Lebensmittelsubventionen und Sozialprogramme waren und sind in Venezuela notwendig.  Zu lange waren die Armen und Eingeborenen nicht am Reichtum der lateinamerikanischen Republik beteiligt gewesen. Doch Chávez hat es nicht vermocht, die Misere seiner Landsleute durch den Aufbau einer stabilen Wirtschaft zu vermindern. Das hätte ihn wesentlich mehr Geld gekostet, als diese kurzsichtige Politik zum Wohle der Armen. Stattdessen unterstützte der Revolutionsführer, wie Chávez sich selbst verstand, andere sozialistische Regierungen auf dem Kontinent. Bolivien und Ecuador profitieren beispielsweise von den Finanzspritzen Venezuelas. Eine Unterstützung, die ihm die Anerkennung als Comandante Lateinamerikas einbrachte. In der Tat waren die insgesamt 15 Jahre der Regierung Chávez das Vorbild für Boliviens Evo Morales und Rafael Correa in Eucador. Hugo Chávez wollte die Sozialisten Lateinamerikas in ihrer Opposition gegen den stets beschworenen Imperialismus der USA und für eine möglichst große Eigenständigkeit einen. Der designierte Präsident von Venezuela wird sich fragen müssen, ob er diese Politik weiterführen kann. Die steigende Inflation und die Probleme der Wirtschaft seines Landes sprechen eher dagegen als dafür.

Die Zukunft des Sozialismus in Lateinamerika

Dem lateinamerikanischen Sozialismus fehlt nach dem Tod des vom Volk geliebten Chávez seine Gallionsfigur. Wer den Posten des Comandante einnehmen wird ist noch offen, doch mit den Staatschefs von Bolivien und Ecuador sind die aussichtsreichen Personen schon benannt. Die Finanzierung durch Venezuela ist jedoch nach dem Krebstod des venezolanischen Präsidenten keine Selbstverständlichkeit mehr. Somit bietet sich aufgrund der ökonomischen Notwendigkeit und trotz der ideologischen Differenzen die Chance der Öffnung der sozialistischen Länder zu ihren Nachbarstaaten. Das ambitionierte Brasilien, aber auch die Staaten des Cono Sur könnten in die Rolle eines Führungslandes hineinwachsen. Dies wäre eine große Chance für den gesamten Kontinent, denn wirtschaftlicher Erfolg und eine Anhebung des Lebensstandards ist im Großen und Ganzen nur für ganz Lateinamerika gemeinsam möglich. Durch gegenseitige Hilfe könnten sie sich dem immer noch großen Einfluss der USA entziehen.

Chance für einen aufstrebenden Kontinent

Doch dies ist nicht die einzige Möglichkeit für die Zeit nach Chávez. Auch eine selbstbewusste Hinwendung Lateinamerikas zu den Vereinigten Staaten wäre denkbar. Venezuela beispielsweise kooperiert bei der Ölförderung rege mit den USA und liefert den Großteil seines Schwarzen Goldes in die Staaten. Bestimmend dürfte hierbei wohl die Frage sein, ob eine eigenständige Wirtschaftspolitik in Süd- und Mittelamerika nur mit den USA oder auch ohne sie möglich sein wird. Die Karten stehen für Lateinamerika sehr gut, da die Nachbarn in Nordamerika nicht mehr die einzigen starken Partner in der Welt sind. China ist als Option hier ebenso vorstellbar, wie Europa. Das natürlich nicht erst seit dem Tod des Comandante. Doch sein Ableben hat eine Lücke geschaffen, die die alten Strukturen infrage stellt und die Prozesse beschleunigen kann. Vielleicht tragen die Menschen in Caracas auch deshalb ihre Treueschwüre zur Politik ihres geliebten Hugo Chávez mit solcher Intensität zur Schau, weil Angst vor einer unsicheren Zukunft haben. Der Tod von Chávez könnte aber auch eine große Chance für den aufstrebenden Kontinent sein.

Roland Müller
kath.de-Redaktion

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