Die „Pille danach“, die Fragen und die Bischöfe (03.02.2013)

Meisner bezieht Position

Zweierlei ist bemerkenswert:  Dass Kardinal Meisner eine korrigierte und differenzierte Position zur Abgabe der „Pille danach“ im Fall einer Vergewaltigung bezieht. Diese Korrektur erfolgte, nachdem deutlich wurde, dass die Tatsachen, von denen die kirchliche Position ausging, nicht mehr zutreffen.

Ebenso aufhorchen läßt,  dass er dies im bischöflichen Alleingang tut. Hier tut sich die Frage auf, warum die anderen Bischöfe in dieser Frage, die längst die breite Öffentlichkeit beschäftigt, bisher nicht öffentlich Stellung beziehen.

Die  Erklärung Kardinal Meisners, nachzulesen auf dem Webportal der Diözese Köln ist eindeutig:

1. Er hält für vertretbar, dass ein Präparat verabreicht wird, das die Verschmelzung von Eizelle und Spermium, also die Befruchtung, verhindert.

2. Er hält nicht für vertretbar, dass ein Präparat verwendet wird, das die Einnistung der befruchteten Eizelle in die Gebärmutter verhindert.

3. Ärzte in katholischen Einrichtungen sollen sich „rückhaltlos“ der Not vergewaltigter Frauen annehmen. Dabei sollen sie auch über Behandlungsmethoden und ihre Zugänglichkeit aufklären, die nach katholischem Verständnis nicht vertretbar sind. Die katholische Position aber soll, ohne jeden Druck, mit Argumenten erläutert werden.  Der Prozess der Meinungsbildung, der in dieser Erklärung der Kölner Erzbischofs mündet, läßt Prinzipien erkennen, die wegweisend sein können, um Verständnis und Erkenntnisfortschritt zwischen Menschen zu erzeugen. Umgangssprachlich wird dies „Dialog“ genannt.

Die Fakten sehen

Die „Pille danach“, wie sie in Deutschland vom Gesetz zugelassen ist, so das Expertenurteil,  wirkt in erster Linie nicht abtreibend, sondern verhindert die Befruchtung, d.h. es entsteht keine Zellverbindung der männlichen und weiblichen Samenzellen. Dieser Tatsache stellt sich der Kardinal. Auch stellt er sich der Tatsache, dass vergewaltigte Frauen nicht in erster Linie eine moralische Indoktrination, sondern konkrete Hilfe brauchen. Damit wendet er ein klassisches ethisches Prinzip an: Bevor eine Handlung oder Sache ethisch beurteilt werden kann, muss sie ihren Umständen nach erfaßt und verstanden sein. Ein Sachurteil hat dem Werturteil voraus zu gehen.

Die eigenen Werte und Prinzipien erklären und anwenden

Meisner bringt zum Ausdruck, dass für ihn Präparate, die zum Absterben der befruchteten Eizelle führen, abzulehnen sind. Er bleibt damit bei der katholischen Position, dass eine Abtreibung auch im Falle einer Vergewaltigung keine empfehlenswerte Lösung ist. Wohl darf eine Befruchtung unter den Umständen der sexuellen Gewalteinwirkung verhindert werden. Katholische Ethik aber kann keine Zwangsethik sein, die an der Verantwortung der Betroffenen vorbei geht. Diese Verantwortung  kommt ins Spiel, wenn die betroffene Frau von der behandelnden Ärztin oder dem Arzt auch über Möglichkeiten aufgeklärt werden soll, die nicht der katholischen Position entsprechen, wohl die Argumente hört, die die katholische Position erklären.

In der ersten Person sprechen

Bemerkenswert ist die Formulierung des Kardinals: „dann ist dies aus meiner Sicht vertretbar“. Er spricht in der ersten Person. Dadurch wir deutlich, dass es auch andere Positionen gibt und geben darf, aber auch, dass man herausgefordert ist, sich mit einer formulierten Position argumentativ auseinander zu setzen.

Wo sagen die anderen Bischöfe?

Es mutet eigenartig an – so man nicht auf interne Kenntnisse um die Gruppendynamik unter den deutschen Bischöfen zurückgreifen kann – dass sich die anderen Bischöfe bislang nicht zu der Position Meisners geäußert haben. Warum werden keine Bedenken oder keine Zustimmungen geäußert? Die Äußerungen Meisners sind nicht so getätigt, dass sie dies nicht zuließen. Wo steckt das Mißtrauen, die Hemmung, der Vorbehalt?

Es wäre ein echter Gewinn für Glaubwürdigkeit der Kirche, wenn die Bischöfe in dieser Frage einen offenen und an den menschlichen und wissenschaftlichen Fakten orientierten Dialog führen könnten. Die Fragen, die nach wie vor offen sind, liegen auf der Hand. Um nur einige zu nennen: In welchen (Not)Fällen darf die Empfängnis künstlich verhindert werden? Stimmt die katholische Position, wenn man sie mit anderen, katholischen Prinzipien in Beziehung setzt, wie beispielsweise dem Recht auf Notwehr? Kann man diese äußerste Großherzigkeit von einer Frau einfordern, ein Kind auszutragen, das in einer Vergewaltigung gezeugt wurde? Wo wird solche Großherzigkeit noch eingefordert?

Diese Fragen fordern nicht fertige Antworten, aber gründliche Auseinandersetzungen ein. Wenn ein solcher Dialog unter den Bischöfen derart möglich wäre, dass die Öffentlichkeit daran teilhaben könnte, dann wäre dies ein Indiz dafür, dass das christliche Glaubenszeugnis die Auseinandersetzung mit den Zeitgenossen nicht scheuen braucht. Es wäre ein bischöflicher Hirtendienst an den Christen, die sich Fragen stellen und beim Suchen der Antworten allzu oft mit rigoristischen oder gleichgültigen Positionen vorlieb nehmen müssen, die wenig Sorgfalt im Blick auf die menschliche Wirklichkeit erkennen lassen.

Theo Hipp
kath.de-Redaktion

3 thoughts on “Die „Pille danach“, die Fragen und die Bischöfe (03.02.2013)

  1. Ein Mann ging von Jerusalem nach Jericho und fiel unter die Räuber. Es könnte auch eine Frau gewesen sein. ein Priester ging vorbei ohne zu helfen, ein Levit ebenfalls. Waren sie sich zu fein, zu feige, zu hilflos, zu hartherzig, zu unbarmherzig.
    Ein Samariter, einer aus dem Prekariat, half. Vor Ort und danach.
    Er schaute in keine Gesetzbücher. Er studierte keine Dogmen. Er fragte nicht nach der reinen Lehre. Er tat, was getan werden musste. Er half einem geschundenen Menschen. Ohne Wenn und Aber und ohne Presseerklärung.
    So ähnlich erzählt Jesus das Gleichnis. Was hat Jesus noch mit einer Kirche zu tun, die sich so gebärdet, wie Teile unserer, auch meiner katholischen Kirche. “Was Ihr dem Geringsten getan habt, dass habt ihr mir getan”. Das gilt auch und vor allem für vergewaltigte Frauen. Eine Kirche der Nächstenliebe darf ihnen nicht zumuten, ein durch Gewalt gezeugtes Kind zu gebären und zu erziehen. Das ist einfach unmenschlich.

  2. Die Entscheidungen von Menschen sind oft ganz verschieden und wenn diese aufgrund ihres Gewissens geschehen, kann es auch dazu kommen, dass eine Frau trotz Vergewaltigung ein Kind austrägt und erst im Laufe der nachfolgenden Schwangerschaft, glücklicher Geburt ein Kind erzieht, das sie glücklich werden lässt. Was ich als Seelsorger erlebt habe, dass dieses aus einer solchen Verbindung hervorgegangenes Kind ihr liebstes Kind wurde und beim Tode der Mutter in der Nähe dieses Kindes auch begraben werden wollte, weil durch diese Hingabe eine so starke Bindung entstand, dass daraus Segen für beide – Mutter und Kind sich ergab. – Bei der Beerdigung der Mutter wurde mir dies eröffnet.
    Anders gesagt: Hier kommen wir mit menschlichen wie auch kirchlichen Prinzipien nicht weiter, hier gilt wirklich nur der Gewissensspruch eines Menschen.

  3. Zur Abgabe (bzw. Verschreibung) der „Pille danach“ im Fall einer Vergewaltigung durch Ärzte an kath. Kliniken hat Kardinal Meisner dahingehend differenziert, dass er sagt, a) die Abgabe frühabtreibender Präparate sei ethisch nicht vertretbar, und b) die Abgabe nur empfängnisverhindernder Präparate ist im Fall einer Vergewaltigung ethisch vertretbar.
    Insofern stimme ich Ihnen zu, dass der Kardinal eine differenzierte Position bezogen hat.

    Er hat aber NICHT die Position, die die Kirche bisher in dieser Frage hatte, korrigiert! Im Gegenteil hat er die Position der Kirche zur Abgabe (bzw. Verschreibung) der „Pille danach“ im Fall einer Vergewaltigung” absolut bestätigt und bekräftigt:

    “Wenn ein Präparat, dessen Wirkprinzip die Nidationshemmung ist, mit der Absicht eingesetzt wird, die Einnistung der bereits befruchteten Eizelle zu verhindern, ist das nach wie vor nicht vertretbar, weil damit der befruchteten Eizelle, der der Schutz der Menschenwürde zukommt, die Lebensgrundlage aktiv entzogen wird.” (Kard. Meisner in der Erklärung vom 31.01.2013)

    Etwas ausführlicher dazu hier:
    http://frischer-wind.blogspot.de/2013/02/medien-verstehen-scheinbar-aussagen.html

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