Die Kirche ist keine Partei

Glaubensfragen sind wichtiger als Personal- und Reformdiskussionen

In der vergangenen Woche titelte eine Umfrage des Magazins „Stern“, dass 67 Prozent der Deutschen sich einen Afrikaner als Papst wünschen. Dazu erachten 95 Prozent die Zulassung von Verhütungsmitteln als die dringlichste Reform in der katholischen Kirche, gefolgt von der Anerkennung von Ehescheidungen, der Abschaffung des Zölibats und der Zulassung von Frauen zum Priesteramt. Neben solchen populären Reformwünschen beschäftigen sich die Medien seit dem angekündigten Rücktritt von Papst Benedikt XVI. mit verschiedenen Personalvorschlägen aus dem Kreis der Kardinäle. Die Analyse ihrer Zugehörigkeit zu einem bestimmten „Lager“, ihre Einstellung zum Vorgänger, ihre bisherigen Äußerungen oder gar „Fehltritte“ erinnern dabei eher an die Berichterstattung aus einem Parteien-Wahlkampf als über die zukünftige Wahl eines Papstes. Woher stammt dieser Blickwinkel?

Rücktritt gleich Scheitern?

Trotz aller Respektsbekundungen nehmen viele in weltlichen wie auch in kirchlichen Kreisen den Rücktritt von Papst Benedikt XVI. als ein Scheitern wahr. Mögen sie es in Zusammenhang mit politischen Rücktritten alla Schavan, Guttenberg oder Wulff bringen oder es als ein frühzeitiges „Davonstehlen“ aus dem eigentlichen lebenslangen Amt deuten. Die heutige Gesellschaft kennt das Ausscheiden aus einem öffentlichen Amt nur bei Abwahl, groben Fehlern oder politischem Führungswechsel. Dass aber jemand aus freien Stücken, ohne Druck von innen oder außen ein hohes Amt freiwillig – und zwar um des Amtes und der Sache wegen – aufgibt, wirkt für viele unverständlich. Es wäre so, als wenn ein Klaus Wowereit als regierender Bürgermeister von Berlin schon vor Jahren das Amt des Aufsichtsratsvorsitzenden der Betreibergesellschaft der Berliner Airports zur Verfügung gestellt hätte, mit dem Verweis darauf, nicht der richtige dafür zu sein. Ein derartiges Verantwortungsbewusstsein, das ein hohes Maß an Selbsteinschätzung und Demut beinhaltet, ist selten geworden und kennt die Gegenwart in Zeiten von Bankenkrise und dennoch gezahlten Boni an Manager nicht. Aus diesem Unverständnis heraus entstehen in punkto Papstberichterstattung sowohl Spekulationen über angebliche Machtspiele in der Kurie als auch Personal- und Reformvorschläge der unterschiedlichsten Couleur.

Reformen ohne Glauben?

Einer weiteren Begründung für den derzeitigen medialen Blickwinkel kommt man bei einer Einordnung der Umfrage-Forderungen aus dem „Stern“ in die drei theologischen Qualifikationen auf die Spur. Jene führte Papst Johannes Paul II. mit dem Apostolischen Schreiben „Ad tuendam fidem“ 1998 ein. Sie bezeichnen die Qualifikation katholischer Lehren genauer und klären die Art der Zustimmung durch die Gläubigen. In der ersten Ebene befinden sich die Lehren göttlichen und katholischen Glaubens, die die Kirche formell als von Gott geoffenbart vorlegt. Zu jenen Aussagen müssen die Gläubigen unabdingbar zustimmen, um katholische Christen zu sein. In der zweiten Ebene sind jene Lehren zu finden, die notwendig mit dem Glaubensgut endgültig verbunden sind. Dazu wird von den Gläubigen auch eine feste und endgültige Zustimmung erwartet. Zur dritten Kategorie gehören alle Lehren des Glaubens und der Sitte, die sonst von der Kirche verkündet werden. Zu diesen Aussagen wird ein religiöser Gehorsam des Verstandes und des Willens gefordert, wobei der Verstand nicht zur Annahme von Dingen gezwungen werden kann, die ihn nicht einsichtig sind.

In der zitierten Umfrage lassen sich alle Forderungen und Wünsche zur Veränderung der Lehre in die dritte (z.B. Verhütungsmittel) oder zweite Ebene (z.B. Frauenpriestertum) der theologischen Qualifikationen einordnen. Keine davon betrifft aber die erste Ebene der geoffenbarten Lehren und Glaubensinhalte. Das wirft die Frage auf, wie viele der Befragten überhaupt der katholischen Kirche angehören oder den existentiellen Glaubenswahrheiten des Christentums zustimmen (z. B. Jesus ist auferstanden, ist wahrer Gott und wahrer Mensch) würden.

Kirche oder Partei?

Die Befragten sehen die katholische Kirche wohl eher als eine Partei, deren Programm nach demokratischer Manier einem Mehrheitsentscheid unterliegt. Dabei fehlt ihnen aber der Blick auf die erste Ebene, nämlich dass das Christentum eine Offenbarungsreligion ist, die sogar mit der Menschwerdung Gottes eine Sonderrolle in den Weltreligionen einnimmt. Dass den Befragten jene Dimension fehlt, zeigt auch die Tatsache, dass ein Großteil der Reformwünsche bereits in den evangelischen Kirchen in Deutschland Praxis sind (z. B. Pastorenamt für Frauen, kein Zölibat, Anerkennung von Ehescheidungen), dennoch aber ein Zustrom zu dieser christlichen Konfession ausbleibt. Im Gegenteil: Erst vor zwei Wochen stellte der hannoversche evangelische Landesbischof Ralf Meister auf einem ökumenischen Zukunftskongress fest, dass bis zum Jahr 2030 die Zahl seiner Kirchenmitglieder um ein Drittel sinken werde. Es erscheint also nahe liegend, dass eine Umsetzung der Forderungen in der katholischen Kirche nicht automatisch vollere Gotteshäuser nach sich ziehen würde.

Es kann somit in der anstehenden Papstwahl der katholischen Kirche nicht um die personell beste Besetzung zur Erfüllung populärer Wünsche und Forderungen gehen, sondern um die Besinnung auf den geoffenbarten Kern des christlichen Glaubens. Ihn gilt es zukünftig in den Herzen der Gläubigen neu zu stärken und in der Welt von heute begeisternd und lebendig vorzustellen. Die Kirche ist damit auch keine Partei, die um die Ausbreitung eines selbst gewählten Programms kämpft. Sie existiert nicht für sich, sondern soll „Zeichen und Werkzeug für die innigste Vereinigung mit Gott und wie für die Einheit der ganzen Menschheit“ (Zweites Vatikanisches Konzil, Lumen Gentium 1). Sie möchte der Ausbreitung der christlichen Offenbarung dienen und sucht dafür nun den geeigneten Papst, der sich auch zuallererst dieser Aufgabe widmen sollte. Wie nötig dies ist, zeigt die zitierte Umfrage.

Sebastian Pilz

kath.de-Redaktion

7 thoughts on “Die Kirche ist keine Partei

  1. Ihr Beitrag gefällt mir sehr. Endlich eine eigene fundierte Meinung, die nicht am “Reformstau” hängen bleibt. Herzlichen Dank und viel Erfolg – und Freude mit Ihrer Familie
    Mit besten Grüßen
    Roman Angulanza

  2. Jeder Papst vertritt Vatikanstadt als Staatsoberhaupt und personifiziert den Heiligen Stuhl, was weltweite diplomatische Vertretungen und auch den Mitglieder- oder Beobachterstatus in internationalen Organisationen bedingt und ermöglicht. Als solcher tritt er auch auf und wird dementsprechend öffentlich vielseitig perspektivisch wahrgenommen bei unterschiedlichen Interessensvorgaben oder auch theistischen wie nicht-theistischen Weltanschauungen und religiösen Systemen.

    Dies war und ist auch bei Papst Benedikt XVI. bis zu seinem Ausscheiden aus dem Amt der Fall.
    Somit ist es auch grundsätzlich Sache des Heiligen Stuhls, sich in einem medialen Zeitalter öffentlich unmissverständlich und akzentuiert einzubringen, auch notwendig Grenzen zu positionieren, sowie apostolische Kircheninterna, die nur die Mitglieder betreffen, deutlich dort zu belassen und öffentlich einzustellen wo sie hingehören.

    Muss sich denn ein Nichtmitglied der Konfession mit apostolischen Glaubensstrukturen und -gegebenheiten befassen?
    Wenn aus Umfragen nicht klar ersichtlich wird, wie sich hier das Ergebnis nach Mitgliedschaft erschliesst, bleibt dies letztendlich sehr vage und nichtssagend.

    Kann nicht ebenso geltend gemacht werden, dass dem ausscheidenden Papst sehr viel Respekt, Hochachtung, Verständnis und Mitgefühl für seine Entscheidung zum Amtsrücktritt medial kommuniziert wird und dies in sehr angemessener Weise mit Äußerungen darüber verbunden wird, was sich im Verwaltungsapparat des Vatikan wie in der apostolischen Kirchen verbessern müsste?

  3. Vielen Dank für diese klaren und erklärenden Gedanken.
    Das religiöse Unwissen der Bevölkerung zeigt sich bei Umfragen, die nur
    Vorurteile, Fehler und scheinbare Widersprüche bemängeln.
    Aufgabe ist die religiöse Sprachlosigkeit zu überwinden und für die gemeinsame Suche nach Erklärung und Sinn der Glaubensaussagen für das moderne Leben eines jeden einzelnen Menschen zu begeistern.
    Die Kath. Kirche muß ihre gesellschaftliche Relevanz behaupten; da sie mit ihren Aussagen aneckt, soll sie als Sondergruppe an den prvaten Rand der Gesellschaft gedrängt werden.
    Diesem Ansinnen müssen die gläubigen Gemeinden verständiger Menschen selbstbewußt widerstehen. Die Gläubigen vertreten keine parteiischen Sonderinteressen, sondern die Lebensgrundlagen für unsere modernes Leben!

  4. Nein, das ist zu billig! Und als “Argument” entbehrt es jeder Stichhaltigkeit: Dieser Verweis auf die evangelische Kirche, deren Bänke auch nicht voller sind, obwohl sie das Frauenpriestertum und keinen Pflicht-Zölibat haben. Wieso soll das ein Argument sein, dass es sich nicht lohne, diese Veränderungen in der katholischen Kirche einzuführen? Seit wann ist die evangelische Kirche die Referenzgröße für die katholische Kirche? Werden diese Reformen etwa gefordert, damit die Kirchen wieder voller werden – oder gibt es möglicherweise ein anderes (wesentliches!) Kriterium für Reformanliegen? Wie wäre es mit der Glaubwürdigkeit in der gelebten Verkündigung der christlichen Botschaft?
    Die Referenzgröße für Reformanliegen von Katholiken und Katholikinnen kann nur das Evangelium sein! Die Frohe Botschaft in der heutigen Zeit glaubwürdig zu leben – darum muss es gehen. Im Evangelium lesen wir, dass Jesus mit Ehebrecherinnen, Zöllnern und Kranken Mahl gehalten und Gemeinschaft gehabt hat – entgegen der einstigen gesellschaftlichen Gepflogenheit, genau diese Menschen auszuschließen. Wie kann sich die kath. Kirche da auf Jesus berufen, wenn sie Menschen z.B. wegen ihrer gelebten Homosexualität von der Mahlgemeinschaft ausschließt? Oder Menschen, die in zweiter Ehe verheiratet sind, am Mahl mit Jesus nicht teilhaben dürfen? Wen hat Jesus denn von seiner Gemeinschaft ausgeschlossen? Was nimmt sich die kath. Kirche da heraus, Jesu Botschaft von der Zuwendung Gottes derart den eigenen Regeln anzupassen? Frauen werden (allein wegen ihres Geschlechts!) anders behandelt – als ob Gott sie als Wesen zweiter Klasse geschaffen hätte! Nein, das ist eindeutig diskriminierend! Und das hat nichts mit der Botschaft Jesu zu tun, die genau darauf zielte, Diskriminierung und Ausschluss als der göttlichen Liebe entgegenwirkend zu entlarven.
    Ja, es ist beschämend zu einer Kirche zu gehören, die sich nicht dafür schämt, Menschen öffentlich zu diskriminieren und sogar noch behauptet, dass das im Sinne Jesu sei! Das sage ich als Katholikin.

    Zudem kann ich nirgends eine Beweisführung sehen, dass den “Stern”-Befragten die Dimension der Offenbarungsreligion fehle, weil ihre Reformwünsche nicht die “erste Ebene” der Lehren der kath. Kirche betreffen. Das könnte doch genau dafür sprechen, dass sie sich mit den Lehren der “ersten Ebene” absolut identifizieren und hier keinerlei Änderungsbedarf sehen. Die neue Sinus-Studie zeigt ja genau dies: dass katholische, gläubige Menschen (die Mitglieder der kath. Kirche sind!), erhebliche Mühe mit der Institution Kirche haben, weil diese derart rückwärtsgewandt und lebensfern auftritt.

    Ich habe den Eindruck, dass in diesem Kommentar Menschen pauschal in eine Ecke gestellt werden (ihnen fehle eine Dimension), indem ein Zusammenhang behauptet (aber nicht belegt) wird und dass berechtigte, sinnvolle Reformanliegen undifferenziert und auf billige Weise (“volle Kirche” versus “Glaubwürdigkeit”) thematisiert werden. – Warum eigentlich solche Ängste vor Reformen, die ohnehin nur die “zweite und dritte Ebene” der Lehren betreffen?

    • Ich stimme Ihnen und Ihren Ausführungen zu den Reformanliegen zu und fände es erfreulich wenn der Autor des Artikels diesen etwas abgewinnen könnte!

  5. Ich kann die Autorin zu ihrer mutigen Stellungnahme nur beglückwünschen. Herr Pilz verkennt die tatsächliche Lage der Kirche heute. Resignation macht sich weitherum breit. Statt Freude herrscht in unserer Kirche Enttäuschung über die sich immer deutlicher abzeichnende Rückwärtsbewegung. Wir wollen keine Kirche mit barocken, verkrusteten Strukturen, sondern eine Kirche, welche sich den Problemen und Bedürfnissen unserer Zeit echt stellt und längst fällige Reformen umsetzt. Wir wollen uns als Laien einbringen und Verwantwortung übernehmen ohne allerdings befürchten zu müssen, für unsere kritischen Meinungsäusserungen diszipliniert oder gar diskriminiert zu werden.
    Die Autorin definiert in ihrer Stellungnahme die Kernfrage, die sich uns stellt, ausgezeichnet. “Die Frohe Botschaft in der heutigen Zeit glaubwürdig zu leben. Darum muss es gehen.” Repression und Drohung sind keine Biblischen Botschaften. Zu wünschen wäre, dass sich die Kirche barmherzigeer zeigt, so wie es Jesus Christus immer und immer wieder vorgelebt hat. Und die Kirche sollte auch den Mut haben, offen zu Fehlern zu stehen und sich neuen Erkenntnissen von Lehre und Forschung aus sämtlichen Lebensbereichen zu öffnen.

    • In der Frohen Botschaft geht es um Umkehr und Buße (vgl. z. B. , Mt 18,3; Lk 24,47)
      Kehren wir also um zu Gott und seinen Geboten und büßen – durch Gebet, Fasten und gute Werke. (Und ich weiß, dass das zuallererst für mich selbst gilt.)
      Dann wird sich auch die sichtbare Kirche immer mehr Christus angleichen.
      Kyrie eleison!

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