Die Causa Schavan: Steht die Politik oder die Wissenschaft im Mittelpunkt? (08.02.2013)

Ob Annette Schavan nach dem Entzug ihres Doktortitels von ihrem Amt als Bundesbildungsministerin zurücktreten muss, wird derzeit in den Medien intensiv diskutiert.  Vorsätzliche Täuschung hatte der Rat der Philosophischen Fakultät der Universität Düsseldorf am vergangenen Dienstag in Annette Schavans Dissertation erkannt und entzog der Ministerin ihren Titel. Das Universitätsgremium übernimmt mit dieser Entscheidung die Einschätzung des Erstgutachtens der Universität. Dieses Gutachten indes sollte eigentlich einer Darstellung der Fakten dienen, schloss aber am Ende das Urteil gleich an. Allein dieses Verfahren, in dem Ermittler und Richter ein und derselbe sind, hätte eine zweite unabhängige und externe Expertise zur Folge haben müssen. Doch die Vertreter der Universität Düsseldorf waren nicht bereit, sich dieser Mühe zu unterziehen – wissend, dass Schavan gegen die Entscheidung klagen wird.

Die Autonomie der Wissenschaft muss gewahrt bleiben

Die Universität hat somit ihre Verantwortung an die Justiz delegiert. Ohne Frage ist dieses Agieren ein äußerst fahrlässiger und fragwürdiger Umgang mit dem höchsten Gut der Wissenschaft, nämlich der Autonomie. Obwohl die Hochschulen sonst so entschieden um diesen Grundpfeiler kämpfen, wird die Causa Schavan nunmehr der Logik von Verwaltungsrechtlern unterworfen. Die Juristen hatten schon bisher völlig andere Parameter an die strittige Dissertation angelegt als Vertreter des Promotionsfaches, der Erziehungswissenschaft. Für Annette Schavan wird daher der Gang vor das Gericht zu einer heiklen Angelegenheit. Notwendig ist dieser Schritt trotzdem.

Der Ruf Schavans in der akademischen Welt indes ist beschädigt – ganz gleich, was am Ende der nunmehr anstehenden juristischen Auseinandersetzung steht, die die Bundesministerin übrigens gegen eine ihr von Amts wegen unterstellte Institution führt. Offen bleibt die Frage, ob es politische oder wissenschaftliche Motive sind, die letztlich in den Diskussionen und Entscheidungen der nächsten Zeit im Vordergrund stehen werden. Annette Schavan sieht auch ohne Doktortitel vorläufig keinen Anlass, von ihrem Amt als Ministerin zurückzutreten. Dabei kann sie sich derzeit noch auf Rückhalt aus den eigenen Reihen verlassen, auch wenn dieser  inzwischen nicht mehr ganz so vollmundig klingt wie noch vor einigen Wochen. Der anstehende Bundestagswahlkampf und die hohen moralischen Ansprüche, die Schavan selber seinerzeit in der Causa Guttenberg formuliert hatte, lassen vermuten, dass die CDU und CSU in den nächsten Tagen oder Wochen von ihr abrücken. Selbst ihre Chefin und enge Vertraute, Bundeskanzlerin Angela Merkel, ist letztlich auch in solch heiklen Personalfragen berechnend und letztlich Pragmatikerin.

Kein zweiter Fall Guttenberg und die Rolle der Medien

Es kommt nicht von ungefähr, dass sich die politische Konkurrenz und die Medien – anders als seinerzeit in der Causa Guttenberg – mit Rücktrittsforderungen und Häme bisher eher zurückhalten. Annette Schavan wird von vielen Seiten fachliche Kompetenz bescheinigt, sie gilt als integer. Arroganz und Selbstgefälligkeit im Stile Guttenbergs waren und sind ihr fremd. Auch sind die Plagiatsvorwürfe selber in keiner Weise vergleichbar. Hatte Guttenberg seitenlang dumm-dreist abgeschrieben, was ein eindeutiges Fehlverhalten darstellt, geht es in der Dissertation Schavans um die Zitierweise von Paraphrasierungen, die zwar diskussionswürdig ist, aber – zumindest in gewissem Umfang  – keineswegs einem offenkundigen Fehlverhalten gleichzustellen ist.

Die aktuelle Plagiatsaffäre zeigt trotz aller Zurückhaltung der Medien dennoch, auf welch dünnem Eis sich Politiker mittlerweile bewegen. Nahezu jeder – auch noch so kleine – Fehltritt eines Politikers (oder auch Kirchenvertreters) hat im Zeitalter der modernen Medien größtmögliches Erregungspotenzial. Vielleicht täte es grundsätzlich gut, hier die Tugend des Maßhaltens neu zu bedenken.

Prophetische Gaben sind nicht erforderlich, um zu prognostizieren, dass der Druck auf Annette Schavan, ihre Partei und Bundeskanzlerin Merkel in den nächsten Tagen und Wochen weiter steigt. Die vordergründige angestachelte Lust an der Sensation darf indes nicht den Blick darauf verstellen, dass hier nicht nur eine einzelne Person, sondern auch die Kriterien für die Wertschätzung von Forschung und Lehre und wissenschaftlichem Arbeiten auf dem Prüfstand stehen.

Andrea Kronisch
kath.de – Redaktion

3 thoughts on “Die Causa Schavan: Steht die Politik oder die Wissenschaft im Mittelpunkt? (08.02.2013)

  1. Mich stört, das es heisst die Ministerin hätte vorsätzlich
    getäuscht . Das glaube ich nie und nimmer.

    Freundliche Grüße

    Maria Förster

  2. Ich verstehe nicht, warum bisher nicht die Verabtwortung des damaligen Doktorvaters angesprochen wird. Aus eigner beruflicher Erfahrung weiß ich, wie
    wenig verantwortungsvoll die Betreung von Doktoranden damals teilweise wahr genommen wurde. Hauptsache: ich habe viele Publikationen auf meiner Liste!
    Dorothee Dunker.

  3. Sehr hübsch: Dieser Kommentar von Andrea Kronisch zum Fall der Plagiatorin Annette Schavan ist ein Plagiat. Geklaut wurde hauptsächlich aus einem Kommentar von Joachim Frank. Herzlichen Glückwunsch und vielen Dank für dieses gelungene Stück Realsatire. Weiter so!

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