Missbrauchsstudie der Bischofskonferenz (11.01.2013)

Wie man aus vielen kleinen Fehlern einen Skandal inszeniert

Es geht um die Durchsicht aller Personalakten von Priestern, männlichen Ordensmitgliedern und Diakonen. Mit großer Medienresonanz wurde seitens der Bischofskonferenz ein Forschungsprojekt gecancelt. Dem Auftragnehmer, Professor Christian Pfeiffer vom Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen e.V. (KFN) wird mangelnde Vertrauenswürdigkeit öffentlich attestiert. Dieser weiß sich zu wehren und unterstellt der Bischofskonferenz Zensurabsichten. Welches Bild sollen sich die Öffentlichkeit, die Mitglieder der Kirche wie auch diejenigen machen, deren Personalakten zur Verfügung gestellt wurden? Im Folgenden wird vor allem die Einschätzung des Kriminologen der Ruhr-Universität Bochum, Professor Dr. Thomas Feltes, wiedergegeben.

Das Untersuchungskonzept ist nicht durchführbar

Es sollten nicht nur alle Personalakten durchgesehen werden, sondern im Anschluss daran Opfer wie Täter befragt werden. Daraus ergeben sich drei Probleme:

  1. Personalakten sind, wie Akten generell, nicht die Wirklichkeit. Sie beinhalten das, was man in ihnen abgeheftet hat. So können z.B. falsche Anschuldigungen Eingang gefunden haben. Vor allem aber lässt sich der Aussagegehalt nicht mehr überprüfen.
  2. Wenn aus den Akten Personen erkenntlich werden, die mit Missbrauch in Zusammenhang gebracht werden können, sollen diese befragt werden, um aus den Interviews Täterprofile zu gewinnen. Da die Täter jedoch nicht zu einem Interview gezwungen werden können, ist das Unterfangen unrealistisch. Denn der potentielle Täter müsste mit einer Strafverfolgung rechnen, trotz Datenschutz.
  3. Forschungsethisch kaum zu rechtfertigen ist die Absicht, Opfer nach so langer Zeit zu befragen. Es kann sie in eine Krise stürzen, wenn sie mit ihren Verletzungen neu konfrontiert werden. Zudem gibt es gerade bei den Opfern auch ein Recht auf Vergessen, also nicht wieder an etwas erinnert zu werden, was man mit Mühe verdrängt hat. Aus der Opferforschung weiß man, welche negativen Folgen solche Befragungen auslösen können. Das KFN hat sich damit offensichtlich nicht auseinandergesetzt. Nur diejenigen, die sich bei einer Beratungsstelle gemeldet haben, dürfen überhaupt angefragt werden, ob sie zu einem Interview zur Verfügung stehen.

Bei diesen Problemen ist zu fragen, warum sich die Auftraggeber nicht näher mit der Machbarkeit einer solchen Untersuchung beschäftigt haben. Wenn man nicht nur Akten durchforstet, sondern Täter wie Opfer für die Aufklärung gewinnen will, dann geht es immer um eine Beziehungsaufnahme. Man muss die Betroffenen gewinnen. Aber neben den massiven, von Professor Feltes benannten drei Problemen muss man doch abschätzen können, wie der Anruf eines Institutes bei einem Täter wirkt, der erfährt, dass das Institut vorher die eigene Personalakte durchforstet hat und der Interviewer möglicherweise die Inhalte kennt. Da denkt der Betroffene doch eher in Richtung Staatsanwaltschaft als an eine Chance, eigenes Fehlverhalten aufzuarbeiten. Oder er wird wieder mit einer Denunziation konfrontiert, die bereits Jahre zurückliegt. Es zeigt sich hier wieder das eigentliche Problem: Die Personalverantwortlichen wie die Bischöfe scheinen sich immer noch nicht in das komplexe Geflecht eingearbeitet zu haben, das zu sexuellen Übergriffen führt. Es fehlt bei denen, die den Auftrag verhandelt haben, einfach die Kenntnis des Problemfeldes und die Abschätzung, was mit welchen sozialwissenschaftlichen Methoden überhaupt erkannt werden kann. Wer sich nicht richtig kundig gemacht hat, kann dann auch der Öffentlichkeit seine Position wenig überzeugend erklären. Das erleben wir gerade wieder.

Prof. Pfeiffer und das mangelnde Vertrauen

Der Auftragnehmer ist kein Neuling und mit anderen Forschungsprojekten und angeblich spektakulären Ergebnissen gerne in die Öffentlichkeit getreten. So hat er u.a. behauptet,
in Dortmund sei die Kriminalitätsrate unter Jugendlichen deshalb höher als in München, weil der Fernsehkonsum in Dortmund höher sei. Es ist aber längst bekannt, dass Fernsehen nicht Ursache, sondern Folge von sozialer Benachteiligung ist, sodass die Eltern den Jugendlichen weniger Freizeitaktivitäten finanzieren können und sich insgesamt auch weniger um ihre Kinder kümmern. Man nennt das in den Sozialwissenschaften die abhängige Variable.
Ein andermal hat er die Krippenerziehung in der ehemaligen DDR als Ursache für mehr (Gewalt-)Delikte von Jugendlichen in Gruppen ausgemacht. Er vertrat u.a. in Talkshows die Auffassung, dass Kinder in der ehem. DDR im Kindergarten zusammen und in der Reihe auf das Töpfchen gesetzt wurden  und damit eine kindliche Ich-Schwächung einhergehen müsse, die sich später in gesteigerten Gruppendynamiken auswirkt und mithin die festgestellten Gruppendelikte erklären würden.

Ähnlich konnte die Bischofskonferenz damit rechnen, dass Prof. Pfeiffer irgendein Ergebnis der Untersuchungen herausgreift, das den Zusammenhang der Faktoren nicht annähernd wiedergeben würde, um damit eine große Medienresonanz zu erzielen. Offensichtlich ist das jetzt erkannt worden. Dass Prof. Pfeiffer sich die Veröffentlichung vorbehalten wollte, hat er nicht nur ausdrücklich erklärt, er muss nach Aussage eines Mitglieds des Beirates gesagt haben, „das entscheide der Markt“, was aus der Studie herausgestellt werden solle.

Zu den Vorwürfen von Prof. Pfeiffer

Neben dem Vorwurf der Zensur unterstellt Pfeiffer auch, es seien angeblich Akten vernichtet worden. Dabei hätte Pfeiffer bei gründlicher Vorbereitung seiner Studie erkennen können und müssen, dass das Kirchenrecht die Vernichtung bestimmter Akten nach 10 Jahren vorschreibt, er also gar nicht, wie geplant, bis 1945 zurückgehen konnte. Jetzt so zu tun, als hätte die Kirche diese Vernichtung neu erfunden, entbehrt der Grundlage. Zugleich stellt er den Münchner Generalvikar als Verhinderer der Studie hin, obwohl die Erzdiözese eine Rechtsanwaltskanzlei mit genau der Durchsicht der Personaldaten beauftragt hatte. Eine Rechtsanwältin der Kanzlei erklärte, bei ihrem Bericht damals habe es nichts gegeben, was auch nur ansatzweise einer Zensur nahe gekommen sei.

Zwischenstand: Die Bischofskonferenz hat eine Untersuchung in Auftrag gegeben, die methodisch nicht realisierbar ist und sogar gegen ethische Standards in der Forschung verstößt.

Sie hat weiter einen Professor mit seinem Institut beauftragt, der durch undifferenzierte Darstellung von Forschungsergebnissen bereits bekannt war.
Es bleibt noch die Frage:

Wie macht man daraus ein Medienereignis?

Warum muss die Bischofskonferenz öffentlich erklären, sie betraue ein Institut nicht weiter mit einem Auftrag? So etwas kommt vor und muss vom Auftraggeber nicht erklärt werden. Ohne diesen Medienaufwand hätte sich auch ein anderes Institut gefunden, das zuverlässige Ergebnisse beigesteuert hätte.

Dass einem Forscher jedoch öffentlich das Misstrauen ausgesprochen werden muss, ist einmalig. Es scheint der offensiven Medienstrategie der Bischofskonferenz zu entsprechen. Dass der öffentlich Angegriffene zu Gegenmitteln greift, war zu erwarten. Ihn dann mit einer Prozessdrohung zu einer Unterlassungserklärung zu zwingen, ist die sicherste Methode, das Thema bis zum Ende des Prozesses in den Medien zu halten. Hätten die Beteiligten in der Bibel nachgelesen, wären sie auf die Empfehlung Jesu gestoßen, sich besser auf dem Weg zum Richter zu verständigen. Der Richter ist in diesem Fall nicht das Gericht, sondern die Öffentlichkeit.

Es gibt bereits ergebnisreiche Studien

Der Clou der Medienstrategie besteht aber noch darin, dass am 7.12. eine Studie des Duisburger Psychiatrieprofessors Leygraf vorgestellt worden war. Dieser hat, methodisch sehr viel ergiebiger, 78 Gutachten über Priester ausgewertet, denen sexueller Missbrauch vorgeworfen wurde. Mit erstaunten Augen liest man in einem Interview, das die Deutsche Welle gemacht hat:
„… ich habe in den letzten Jahren selbst schon viele Gutachten über Priester angefertigt. Ich möchte die Übergriffe nicht verharmlosen. Doch im Vergleich zu dem, was man sonst im Bereich von sexuellen Missbrauchshandlungen z. B. an Kindern findet, waren es vergleichsweise geringfügige Delikte. Wenn diese Delikte strafrechtlich relevant waren, dann waren es sogenannte Fälle des einfachen sexuellen Missbrauchs. Schwerer sexueller Missbrauch an Kindern, also Handlungen, die mit dem Einführen des Genitals in den Körper des anderen einhergingen, lagen nicht vor.“

Es lohnt sich, dieses Interview nachzulesen.

Die Studie ist nur wenigen bekannt gemacht worden. Es gibt neben Leygraf noch andere Fachleute, die sich, anders als Prof. Pfeiffer, seit Jahren mit der Thematik beschäftigen und das schwierige Geflecht, das zu Missbrauch führt, durchsichtiger gemacht haben.

Was sind die Schlussfolgerungen?

  1. Die katholische Kirche als großes Personalunternehmen muss sich selbst die Kompetenz für den Umgang mit Missbrauch aneignen. Sie muss sich mit der Fachwelt vernetzen.
  2. Anstatt eine Person medienwirksam in den Vordergrund zu schieben, die sozusagen den großen Bericht über die Thematik liefert, sollten in einem Symposion die Fachleute zusammengeführt werden. Nicht die Pressekonferenz, sondern das Symposion ist die Vermittlungsform, einen so komplexen Sachverhalt darzustellen und vor allem für die Prävention die Konsequenzen zu ziehen. Das Bundeskriminalamt hat dies mit der Aufarbeitung seiner Nazi-Vergangenheit vorgemacht.

Und die Inszenierungen von Skandalen

Nachdem man schon bei der Missbrauchsdebatte den Skandalmotor immer wieder zum Laufen gebracht hat, wird man mit weiteren Inszenierungen wie der jetzt noch Laufenden rechnen können. Noch eine Weile wird es in den Medien Aufregung geben, denn irgendwann hat die katholische Kirche sich so positioniert, wie es dem SPD-Bundeskanzlerkandidaten gelungen ist. Nicht die Honorare, aber das Missbrauchsthema wird ihr für die nächsten 10 Jahre anhaften und auf andere Aussagen gibt niemand mehr etwas.

Eckhard Bieger S.J.

kath.de-Redaktion

18 thoughts on “Missbrauchsstudie der Bischofskonferenz (11.01.2013)

  1. Der Kommentar hat mir bedenkenswerte Sichterweiterungen gebracht. Den Bischöfen wünsche ich eine tiefe Bescheidenheit, bei so heiklen Themen eine Vielfalt von Sachkompetenz in Anspruch zu nehmen. Noch so gut Gemeintes kann ohne kluges Vorgehen erbärmlich .

  2. Beim Lesen des Beitrages wird mir vor allem deutlich: Die Römisch-Katholische Kirche leidet an einem signifikanten Glaubwürdigkeitsproblem. Wie sonst sollte ich mir erklären, dass Selbstverständlichkeiten öffentlich erklärt werden müssen. Und wie so oft, zeigt sich eine erschreckende Inkompetenz bei Selbst- und Fremdwahrnehmung: Römisch-Katholische Kirche wird eben nicht mehr als Hort von Kompetenz, Nachhaltigkeit und Einfühlungsvermögen wahrgenommen, sondern gilt eher als Hort der Geldwäsche, der hohlen Phrasen, der Vertuschung. Da mutet es schon grotesk an, dass gerade jüngst ein Bischof eben dieser Kirche, Politiker zur Wahrhaftigkeit aufruft. Sind Vatikan-, Missbrauchsskandal und biblische Mahnung denn schon vergessen? Auch lese ich von dem “Fall Pfeiffer”. Was bildet sich Kirche eigentlich ein, zu sein? In erster Linie doch, Körperschaft des öffentlichen Rechts! Das bedingt ein Treueverhältnis zum Staat und seiner Rechtsordnung und die beinhaltet, dass bei aller Kritik, berechtigt oder nicht, Rechtstreue! Das wird sicher auch das Gericht so werten, dem der Unterlassungsantrag zur Entscheidung vorliegen wird. Bei soviel Hofart und Stümperei bleibt nur zu hoffen, dass es der Römisch-Katholischen-Kirche dieses Mal gelingen wird, aus ihren Fehlern zu lernen. Denn auch dieses Verfahren, dass im krassen Widerspruch zum biblischen Gebot steht, wäre ohne die heilige Steuer unmöglich. Oh mein Gott!

  3. Die Parteivorstände der demokratisch und staatlich anerkannten Körperschaft des öffentlichen Rechts, die in Deutschland vorgibt, Kirche zu sein – und es vielleicht sogar sind, denn der Herr ist barmherzig und seine Wege sind wunderbar – sind jedoch viel weniger verständige Bischöfe als eben auch Politiker. Und deshalb verhalten sie sich auch so und ihnen geht jede wirklich Souveränität ab. Der nunmehr – politisch – gewahrte Schein von Souveränität, das Nein, bewegt sich deshalb schon wieder im falschen Fahrwasser. Wer sich aber auf die politische Vergesellschaftung einläßt und meint ihre Sprache sprechen zu müssen, der wird von diesen räudigen Hunden zerfetzt.

  4. @Stephan Schäfer:
    Die Kirche ist die Kirche. Theologisch, christologisch und apostolisch. Infernalische, womöglich gar machiavellische Forderungen wie “Staatstreue” stehen tatsächlich und unabdingbar im Widerspruch zur Wahrung von Recht – und wer gar ein “öffentliches Recht” postuliert, muß den konkreten Menschen abgrundtief hassen und verherrlicht dann wahlweise die Masse (Industrie- und Konsumgesellschaft), das Volk (Demokratie) oder den Schwarm (Esoterik). Die Kirche darf sich mit all dem nicht gemein machen – und sie kann es auch nicht.

    • Den “konkreten Menschen abgrundtief (zu) hassen”, ja, das klingt sehr nach römisch-katholischer Kirche, da gebe ich Ihnen recht. Insofern verstehe ich auch nicht, wie Sie glauben können, dieser Verein wäre christologisch? Ein Blick in die Bibel genügt, um hier eine Unterscheidung ziehen zu können: In Matt. 7,16 heißt es: “An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen.” – Allerdings! Wer aus der Liebe Gottes in Jesus Christus zu den Menschen lebt, dem ist das Wohl seiner Institution (und damit seiner eigenen Macht) nicht wichtiger, als das Wohl der Menschen. Waren die Herren Bischöfe und Kardinäle, der vermeintliche “Stellvertreter Gottes, der Statthalter Jesu Christi auf Erden” eingeschlossen, nicht “erschüttert, bestürzt, entsetzt und beschämt” als der Skandal aufflog?. Wie kam es dann zur “Aufarbeitung”? Ja gerade nicht aus dem innersten Zirkel. Ein als “Verräter” verschrieener Pater der Jesuiten brachte den Stein ins Rollen! Wieso wurde in einer christozentrisch verfassten Institution über Jahrhunderte (es wäre aberwitzig zu glauben, Missbrauch gäbe es auch in der Kirche erst seit 1945) vertuscht, verheimlicht und gelogen. Erinnern Sie sich noch an das Bistümer Regensburg, Eichstätt, München-Freising usw. usf. Gar mit dem weltlichen Gericht – so wie jetzt auch – drohte man den Betroffenen; ich schreibe bewusst nicht Opfern, denn das stempelt gleich wieder ab, mit Gericht und Unterlassungserklärung. Wo war da der Bekennermut in Jesus Christus? Und was kam raus: “Wir entschuldigen uns!” Pah, welche Hofart! Ein schuldig gewordener Mensch kann sich nicht entschuldigen, er kann nur um Verzeihung bitten. Ob er dann entschuldigt wird, liegt bei dem Geschädigten!

      Ein weiteres Beispiel: die heilige Steuer! Tritt jemand aus dem Kirchensteuerzahlverein Römisch-Katholische-Kirche aus, treffen ihn/sie der Exkommunikation gleiche Beugemaßnahmen. Dies sei auch der Wille Roms tönt es aus Freiburg. Und schon wieder gelogen! Schön, dass die Kongregation für die Bischöfe dieses Pamphlet gebilligt hat, nur ist sie gar nicht zuständig dafür, sondern die Kongregation für die Gesetzestexte. Damit ist der Wisch aus Freiburg für die Tonne und zwar nach kirchlichem Recht. Das wird aber dezent verschwiegen. Wenn Christus der “Weg, die Wahrheit und das Leben ist” und wir “an den Früchten erkennen, wer aus der Liebe Christi ist”, wie geht es dann zusammen, noch glauben zu können, die Römisch-Katholische-Kirche sei christozentrisch. Christus kam in einem Stall zur Welt, so die Schrift. Sein “Stellvertreter auf Erden” – von dem wir wissen “der Knecht ist nicht größer als sein Herr” (so die Schrift) lebt gleich dem Pontius Pilatus im Apostolischen Palast und trägt den Titel: “Seine Heiligkeit”. Es ist traurig, einfach nur traurig.

  5. Sehr geehrter Herr Bieger. Dieser Kommentar mit den Hintergrundinformationen war wirklich erhellend. Er hilft sehr, die Vorgänge zu verstehen und einzuordnen. Erstmals kann ich verstehen, warum die DBK die Notbremse zog und welche Fehler vorher schon passiert sind. Die am Ende medienpolitisch unkluge offensive Konfrontation mit einem Forschungspartner nach der Scheidung mit anschließender Schlammschlacht kommt nun als zweites Problem zu der eigentlich vordringlichen Problematik der Aufarbeitung der Missbrauchsgeschichte dazu.
    Was das bashing gegen eine Person betrifft, statt die dahinterstehende Problematik zu analysieren und zu erläutern, möchte ich allerdings kritisch an ihren vorletzten Kommentar erinnern, wo Sie den Boten (Glück und das ZdK) dafür gescholten haben, dass er kritische Botschaften innerhalb unserer Kirche zu sagen hat. Auch hier ist wohl die bessere Lösung, die komplexe innerkirchliche Situation dahinter ebenso klar zu analysieren wie Sie es in dem vorliegenden Kommentar in dieser Woche getan haben. Herzlichen Dank für Ihre Kommentare. Franz Böhmisch

  6. „Wenn diese Delikte strafrechtlich relevant waren, dann waren es sogenannte Fälle des einfachen sexuellen Missbrauchs. Schwerer sexueller Missbrauch an Kindern, also Handlungen, die mit dem Einführen des Genitals in den Körper des anderen einhergingen, lagen nicht vor.“ Das sagt Prof. Leygraf im Interview.
    In der veröffentlichten Kurzfassung der Studie von Prof. Leygraf hingegen wird berichtet von vaginaler/analer Penetration der betroffenen Person in 17% und analer Penetration des Geistlichen in 8% der Fälle.
    Nur eine der beiden Aussagen kann richtig sein: Die Studienaussage (nachzulesen unter http://www.dbk.de/fileadmin/redaktion/diverse_downloads/presse/2012-198b-Analyse-forensisch-psychiatrische-Gutachten-Praesentation-Prof-Leygraf.pdf) oder die Interviewaussage.

    • @Erika Kestner: Ich habe Interview und die Präsentation zu den Forschungsergebnissen gelesen und stimme Ihnen nicht zu: Beide Aussagen können stimmen, denn die von Ihnen angegebenen Anteile (17% bzw. 8%) beziehen sich auf die Art der vorgworfenen Handlungen und bezogen sich auch auf Jugendliche und Erwachsene, während die Aussage im Interview sich auf Handlungen an Kindern bezog.
      Insofern besteht hier kein Widerspruch!

    • Die zitierte Aussage von Leygraf bezieht sich m. E. nicht auf die Studie, sondern fasst Ergebnisse seiner schon länger andauernden Gutachtertätigkeit vor der Studie zusammen.

      • “Diesbezüglich liegen bereits ca. 75 forensisch-psychiatrische Gutachten vor, die vom Studienleiter bzw. den beiden Kooperationspartnern im Auftrag der Diözesen im Rahmen der entsprechenden Leitlinien (beginnend ab 2004) in Auftrag gegeben und erstattet wurden. Es ist davon auszugehen, dass in einer größeren Zahl an Fälle sich weitere Gutachten in den Personalakten befinden. Zum einen dürften nicht alleine die drei oben genannten Sachverständigen mit der Begutachtung beauftragt worden sein, zum anderen sind auch im Rahmen der jeweiligen Strafverfahren Begutachtungen erfolgt.”
        Das sagt Prof. Leygraf am 13.7.2011, als er die zu erstellende Studie beschrieb. Nachzulesen unter http://www.dbk.de/fileadmin/redaktion/diverse_downloads/presse/2011-104b-Statement-Leygraf-PK-Missbrauch.pdf.
        Das bedeutet, wenn ich es richtig verstehe: Prof. Leygraf und seine beiden Forscherkollegen habe die 75 Gutachten, die sie selbst erstattet haben, plus noch 3 weitere aus Bistümern/Orden analysiert. Insofern haben Sie Recht: Bis auf die 3 neueren/anderen Gutachten dürften die Aussagen von Prof. Leygraf bei Fertigstellung der Studie – wenn man von den 3 anderen Gutachten mal absieht – tatsächlich identisch mit dem sein, was er vor Beginn der Studie schon aus den eigenen Gutachten und denen seiner Forscherkollegen wusste.

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  8. Danke für den Hinweis. Ich habe noch einmal hingeschaut. Zunächst wird sexueller Missbrauch auch gegenüber Minderjährigen juristisch als sexuelle Gewalt definiert. Minderjährige/Jugendliche sind also genau wie Kinder in ihrer sexuellen Selbstbestimmung schützenswert, müssen also berücksichtigt werden.
    Wenn wir die 6 Täter (9,1%), die ausschließlich an Erwachsenen sexuelle Gewalt ausübten, rausrechnen, bleiben von den 15 Tätern immer noch 9 (15%) Täter übrig, die schweren sexuellen Missbrauch an Kindern und Jugendlichen begingen.
    Es bleibt dabei: Prof. Leygraf verharmlost im Interview die Schwere der Taten.

    • Die Interview-Aussage spricht eindeutig von der sexueller Gewalt gegenüber Kindern. Kinder waren laut der Präsentation in 34 Fällen betroffen. Ich sehe damit keinen Widerspruch zwischen der Interviewaussage und der Präsentation.

      • Wo finden Sie in der Präsentation die 34 Kinder, die Opfer wurden? Ich kann in der Präsentation gar keinen Blick auf die Opfer erkennen.
        Vorausgesetzt, jeder Täter hatte 4 Opfer, dann finde ich in der Präsentation:
        64 Kinder als Opfer + 3 (bei 3 Tätern, die in allen Altersstufen Opfer hatten)
        60 Kinder und Jugendliche als Opfer
        72 Jugendliche als Opfer
        Insgesamt sprechen wir von ca 199 Kindern und Jugendlichen, die Opfer wurden.
        Und alle 78 Täter hatten zusammen ca 312 Opfer.
        Ich denke, wir müssen abwarten, was die Studie über die Kurzfassung hinaus ergibt.

        • Es sind nicht 34 Kinder, sondern 34 Geistliche, die sich an Kindern vergangen haben.

          Ihre Opferzahlhochrechnung mit 312 ist zu hoch angesetzt, die Zahl wird im Dokument genannt: 265 (S. 11)
          “66 Geistliche, denen 576 sexuelle Übergriffe an 265
          Personen (75 % männlich, 25 % weiblich) vorgeworfen wurde.”
          Zu Ihrer Aussage: “Minderjährige/Jugendliche sind also genau wie Kinder in ihrer sexuellen Selbstbestimmung schützenswert, müssen also berücksichtigt werden.” Das bezweifelt niemand, aber Gesetzgeber unterscheidet also ebenfalls zwischen Kindern bis 14 und Jugendlichen zwischen 14-18 Jahren.

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  10. Die katholische Kirche hat schon immer ein besonderes Verhältnis zu Fragen des Datenschutzes gehabt, da die Kommunikation über “Personenbezogenes” zu den Kernaufgaben der Amtsträger gehört. Kirchenrechtliche Besonderheiten wie das Prinzip des “forum internum” (u.A. das “Beichtgeheimnis”) erschließen sich den Außenstehenden nicht ohne weitere Erläuterung, können also in der medialen Außendarstellung sehr leicht missverstanden werden. Ich kenne mich im Kirchenrecht nicht aus, kann aber etwas zum Thema Datenschutz beitragen.

    Das Löschen nicht mehr benötigter personenbezogener Daten gehört zu den Kernaufgaben des Datenschutzes, wo immer es um sensible Daten geht. Wird beispielsweise die Einhaltung des deutschen Patientendatenschutzgesetzes in Kliniken geprüft, so belegt das Thema “Nicht gesetzeskonform angelegtes Löschkonzept” regelmäßig einen Spitzenplatz in der Kritik der unabhängigen Prüfer.

    Ein Missverständnispotential liegt hier in der Frage, warum die Datenerhebung überhaupt benötigt wurde und wie sich diese Notwendigkeitsgründe während der Aufbewahrungsdauer verändern können, die Kriterien zur Löschung verändert werden müssen bzw. dürfen. So gibt es im Bereich des Klinikbetriebs auch Interessengruppen, die die Kriterien für ein Hinauszögern der Löschung aufweichen wollen, um jenseits des “behandelnden Arztes” einen weitergehenden Zugang zu eröffnen, zum Beispiel für wissenschaftliche Studien.

    In der aktuellen Datenmissbrauchsdebatte drängen sich mir Parallelen zu anderen aktuellen Datenschutzfragen auf. Die mit kriminologischen und kriminalistischen Aufgaben Betrauten sprechen sich seit Jahren regelmäßig für die sogenannte Vorratsdatenspeicherung von Telekommunikationsdaten aus. Diesem arbeitserleichternden Ansinnen hatte das Bundesverfassungsgericht jedoch eine Absage erteilt, da es sich hier um grundlose Nichtlöschung, d.h. um einem Generalverdacht gegen alle Menschen als potentielle Verbrecher handeln würde.
    Als zulässig wird eingestuft, aufgrund eines konkreten Anfangsverdachts gegen eine Personengruppe jede weitere Löschung der Daten dieser Gruppe auszusetzen.

    Das Verhältnis einzelner kirchlicher Einrichtungen zum Datenschutz muss hier gleichwohl auf den Prüfstand. Klärt das Verwaltungsrecht der Einrichtung überhaupt die Frage, zu welchem Zweck die angesprochenen Akten angelegt wurden ? Wann hat sich dieser Zweck erfüllt ? Wie wird das festgestellt und eine Löschung veranlasst ? Wer außerhalb dieser Einrichtung kann dies bezeugen ?
    Dies sind Fragen von einiger Brisanz.
    So wäre jegliche Löschung von potentiell beweiskräftigen Akten nach dem Zeitpunkt des Bekanntwerdens der Missbrauchsfälle anders zu bewerten als ein Löschen vor diesem Zeitpunkt. Auch hier hilft der Blick in die Datenschutzpraxis jenseits der Kirchenmauern: Teil eines korrekten Löschungskonzepts ist die fälschungssichere Dokumentation jeder Löschung, also die Beglaubigung des Zeitpunkts und Grunds der Löschung durch eine nicht weisungsgebundene Instanz. Nur damit, kann sich eine kirchliche Einrichtung vor dem Vorwurf schützen, die Akten länger als nach eigenem Recht erlaubt intern verfügbar zu halten, um sie später dem externen Zugriff durch “nachträgliche Löschung” zu entziehen. Reichen kircheninterne Kontrollmechanismen hierfür aus ?

    Unternehmen, die das deutsche Datenschutzrecht ernst nehmen, engagieren dazu unabhängige Datenschutzbeauftragte. Wie die katholische Kirche mit diesem Thema umgehen will, ist nun aus aktuellem Anlass medial aufzuarbeiten. Klar geworden ist bislang nur, dass die an der Missbrauchstudie Beteiligten in Sachen Datenschutz Partei sind und daher nicht geeignet erscheinen, den Umgang der Kirche mit personenbezogenen Daten und die Grenzziehung zwischen “forum internum” und “forum externum” in medial wirksamer Form zu beurteilen.

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