Mehr Mut zur Aufarbeitung erforderlich (18.01.2013)

Kriminologe gegen Kleriker, Freigeist gegen Korpsgeist – das ist der Stoff, aus dem Schlagzeilen entstehen. Sie sind plakativ, treffen aber keineswegs den Kern des Problems. Das weltweit einmalige Forschungsprojekt zur Aufklärung der Missbrauchsfälle, das seit vergangenem Donnerstag wieder in den Medien präsent ist, musste letztlich scheitern, weil beide Seiten, die Deutsche Bischofskonferenz und das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN), nicht wirklich wussten, was sie taten, als sie sich gegenseitig zu Vertragspartnern erklärten. Das Tragische daran war, dass beiden Seiten um die beiderseitige Abhängigkeit wussten, um in der Öffentlichkeit größtmögliche Aufmerksamkeit für das wichtige Vorhaben zu erzielen. Zu Recht stellt sich daher die Frage, ob es eine kluge Entscheidung war, den Fokus auf diese mediale Wirkung zu richten. Die Kirche meinte, einen Forscher vom Schlage Christian Pfeiffers zu benötigen, um den Skeptikern des Aufarbeitungsprozesses den rückhaltlosen Willen zur Aufarbeitung zu demonstrieren. Und der ehrgeizige und der medialen Öffentlichkeit stets zugewandte Pfeiffer benötigte die katholische Kirche, um den Zuschlag für das prestigeträchtige und weltweit einzigartige Forschungsprojekt zu erhalten. Zu viele und für die Durchführung sowie den Erfolg der Studie erforderliche Details indes – wie die in den Bistümern nicht einheitlich praktizierte Archivierung von Personalakten sowie datenschutz- und arbeitsrechtliche Aspekte – waren im Vorfeld viel zu wenig bedacht worden.

Der Druck auf beiden Seiten ist immens

Mit dem Scheitern der Studie wird der Druck auf die Deutsche Bischofskonferenz erheblich größer, nachdem Christian Pfeiffer  in seiner Kritik an der katholischen Kirche nunmehr nachlegt. Er sieht keinen Grund, dem Drängen nach Unterlassung des Zensurvorwurfs nachzugeben: “Da ich das belegen kann, sehe ich keinen Grund, es zu unterlassen”, sagte Pfeiffer in einem Interview der jüngsten Ausgabe der Wochenzeitung “Die Zeit”. Absehbar war diese Reaktion schon, denn wer der Gegenseite Vorwürfe unterbreitet, der muss natürlich irgendwann auch Stichhaltiges liefern, wenn nicht das eigene Ansehen leiden soll.

Und während sich die Deutsche Bischofskonferenz nun um neue Partner für das Projekt sowie um Schadensbegrenzung bemüht und weiterhin eine rückhaltlose Aufarbeitung propagiert, steht eines schon jetzt fest: Diese Studie muss ein Erfolg werden, will die Kirche nicht auch noch den letzten Funken Vertrauen in der Bevölkerung bei der Aufarbeitung der Missbrauchsfälle verlieren. Ein ähnlich medienpräsentes Forscherteam wie das des KFN wird indes schwer zu finden sein. Aber auch die künftigen Forscher stehen unter Druck. Erscheint die neue Studie vielleicht irgendwann nur deshalb, weil sie „weichgespülte“ Ergebnisse präsentiert? Wohl kaum ein Forscher wird  sich diesem Generalverdacht aussetzen wollen.

Die Opfer dürfen nicht vergessen werden

Und die Opfer von sexualisierter Gewalt?  Sie müssen nun erleben, dass vor allem Andere, nicht aber sie selber als Betroffene,  um die Deutungshoheit ringen, warum die Studie in der ursprünglichen Form gescheitert ist. Zahlreiche Opfer hatten in der Vergangenheit viel Mut bewiesen und sich für eben diese Studie nach Jahren des Schweigens der Aufarbeitung ihrer Fälle gestellt. Doch die hoffnungsvollen Erwartungen wurden bitter enttäuscht.

Wer an Seele und Körper verletzt wird, ohne sich wehren zu können, dem bleiben ein Leben lang Narben. Insofern wird es für die Opfer von Missbrauch und Gewalt nie den Punkt geben, an dem sie einen definitiv versöhnenden Schlussstrich ziehen können. Auch die offizielle Aufarbeitung von Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche wird an diesem Punkt scheitern, selbst wenn nun schnell eine Fortsetzung der Studie mit einem neuen Partner beschlossen wird.

Und dennoch muss den Opfern und der Öffentlichkeit in aller Klarheit vermittelt werden, dass es einem ernst ist mit dem Ziel, solche Taten – soweit es menschenmöglich ist – in Zukunft zu verhindern. Natürlich erfordert der Datenschutz einen sorgfältigen Umgang mit dem Informationsfluss zwischen Kirche und Wissenschaft. Aber gegenseitiges Misstrauen schadet dabei sowohl dem Ansinnen als auch der eigenen Glaubwürdigkeit. Und genau diese ist eines der wichtigsten Güter der Kirche. Wo Kirche an Glaubwürdigkeit verliert, verliert sie auch  an Bedeutung in der Gesellschaft – die Folgen sind fatal.

Und sollte die Kirche immer noch nach einem Rezept suchen, wie mit diesem schwierigen Thema den Opfern und der Öffentlichkeit gegenüber umzugehen ist, so könnte sie auf ihrem eigenem Fundament fündig werden: Sie muss sich, ebenso wie derzeit alle im Fokus der Medien stehenden Personen und Institutionen,  der Wahrheit verpflichtet fühlen, die bekanntlich frei macht (Joh 8,32). Denn wer wahrhaftig ist, öffnet sein Herz für bestehende Not – und allein diese Not der Opfer muss im Mittelpunkt der Aufarbeitung stehen, keineswegs aber eine „mediale weiße Weste“. Die Wahrhaftigkeit ist eine der Haupttugenden des Christentums, sie überwindet alle Hürden – und sie wird geschätzt und anerkannt.

Andrea Kronisch
kath.de – Redaktion

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