Was ist die Europäische Union? (25.01.2013)

David Cameron offenbart ein europäisches Glaubwürdigkeitsproblem

Die Eingangsfrage ließe sich einfach mit einem Verweis auf die Liste der derzeitigen Mitgliedstaaten der Europäischen Union beantworten. Diese große Gemeinschaft entspricht aber nicht der öffentlichen Wahrnehmung. Momentan verstehen viele Menschen die Europäische Union eher als eine Schicksalsgemeinschaft, wie die EU auch von Guido Westerwelle in Reaktion auf die Aussagen David Camerons definiert wird. Das ist aber keineswegs eine positive Darstellung: Die Öffentlichkeit fragt sich, warum die Griechen um jeden Preis nicht aus der EU herausfallen dürfen, die Deutschen einen Großteil der Zeche für die Schulden anderen zahlen dürfen und nun die Briten bald vielleicht die EU verlassen. Die Rede des britischen Premierministers David Cameron in dieser Woche verleiht dieser Verwirrung weiter Auftrieb und regt die Diskussion über die Glaubwürdigkeit und das Wesen Europas an.

Wahlkampf und das geschichtliche Vorbild des Commonwealth

David Cameron will 2015 wiedergewählt werden und braucht Stimmen aus allen politischen Lagern, damit er sein Ziel erreicht. Deshalb darf und muss seine Rede zunächst als innenpolitisches Achtungszeichen verstanden werden. Darüber hinaus strebt Cameron in seinem Land, wie er beteuert, eine wirkliche Auseinandersetzung mit dem Thema Europa an. Dazu müsste er aber, bevor er neue EU-Verträge voller Flexibilität und Wettbewerbsfähigkeit fordert, seinem Volk die Unterschiede zwischen der Europäischen Union und dem Commonwealth erläutern. Das blieb er in der vergangenen Woche schuldig. Vielmehr könnte der Eindruck entstehen, dass die von ihm geforderten Reformen die EU zu einer Art „Commonwealth in Europa“ umgestalten. Denn im Commonwealth vereinen sich die unabhängigen Staaten unter dem Symbol der britischen Krone. Die Staats- und Regierungschefs der Mitgliedsländer treffen sich aller zwei Jahre und sprechen über wirtschaftliche und politische Fragen. Sie stehen in informellem Austausch und verhängen im Ausnahmefall auch Sanktionen. Der Zusammenbund der Staaten legt aber Wert auf ein Höchstmaß an Unabhängigkeit der einzelnen Mitglieder. Ähnlich scheint David Cameron die neue EU vor Augen zu haben. Mit Blick auf den Commonwealth wird aber auch klar, dass Großbritannien die Führungsrolle beansprucht und eine geschichtliche Ausgangsgröße darstellt, schließlich sind viele der Mitgliedsländer des Commonwealth ehemalige Kolonien der einst großen Seestreitkraft. Dieses Modell lässt sich aber nicht auf die EU übertragen, da sich hier einstige Großmächte gegenüberstehen und eine derartige Führungsrolle Großbritannien nicht akzeptieren würden.

Großbritanniens Sehnsucht nach Aufmerksamkeit

Aus gruppendynamischer Sicht kann die Rede David Camerons auch als ein Schrei nach Aufmerksamkeit verstanden werden. Dieser Schrei sollte nicht nur innenpolitisch den Wähler wecken, sondern der europäischen Staatengemeinschaft die Bedeutung Großbritanniens zeigen. Der Inselstaat im Westen Europas fühlte sich womöglich angesichts einer Nobelpreisverleihung an die EU, sowie den verstärkten Bemühungen Deutschlands und Frankreichs zur Rettung Griechenlands mittels verschiedener Rettungsschirme und Konjunkturprogramme in den Hintergrund gedrängt. Betrachtet man die Aufmerksamkeit, die Cameron derzeit beim Weltwirtschaftsforum in Davos bekommt, kann sein verbaler Paukenschlag durchaus als eine Sehnsucht nach Aufmerksamkeit verstanden werden

Die berechtigte Kritik Camerons und die EU als Friedensstifter

Dennoch darf die Kritik Camerons an der EU nicht untätig verhallen. Die EU steht angesichts ihrer wachsenden Größe und der Wirtschafts- und Finanzkrise in der Gefahr, eine alles regulierende Mega-Institution zu werden. Riesige Haftungssummen und Auflagen an die maroden Länder verstärken diese Wahrnehmung. Da ist die Betonung der staatlichen Selbstverantwortung auch ein Gebot der Stunde, schließlich soll und kann die EU nicht ein reine Überwachungsbehörde werden. Verantwortung und Vertrauen müssen die Verantwortlichen in der Politik wieder neu leiten, um das Glaubwürdigkeitsproblem der EU zu lösen.

Hilfreich ist dabei gewiss das Große und Schöne herauszustellen, was die EU alles geleistet hat. Eines der größten Errungenschaften ist der lang andauernde Frieden in Europa, der zwischen einstigen Großmächten und Feinden geschlossen wurde. Wo einst eine Mauer die Länder in West- und Ostblock teilte, sind nun heute Grenzüberritte ohne Kontrollen möglich. Erst in dieser Woche feierten Deutsche und Franzosen das Bestehen ihrer 50jährigen Freundschaft. Möge die EU auch weiterhin ein konstanter Friedensstifter sein, in der Wettbewerbsfähigkeit und eigenstaatliche Verantwortung genauso gelten wie Solidarität und Gemeinschaftssinn.

Sebastian Pilz

kath.de – Redaktion

 

Mehr Mut zur Aufarbeitung erforderlich (18.01.2013)

Kriminologe gegen Kleriker, Freigeist gegen Korpsgeist – das ist der Stoff, aus dem Schlagzeilen entstehen. Sie sind plakativ, treffen aber keineswegs den Kern des Problems. Das weltweit einmalige Forschungsprojekt zur Aufklärung der Missbrauchsfälle, das seit vergangenem Donnerstag wieder in den Medien präsent ist, musste letztlich scheitern, weil beide Seiten, die Deutsche Bischofskonferenz und das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN), nicht wirklich wussten, was sie taten, als sie sich gegenseitig zu Vertragspartnern erklärten. Das Tragische daran war, dass beiden Seiten um die beiderseitige Abhängigkeit wussten, um in der Öffentlichkeit größtmögliche Aufmerksamkeit für das wichtige Vorhaben zu erzielen. Zu Recht stellt sich daher die Frage, ob es eine kluge Entscheidung war, den Fokus auf diese mediale Wirkung zu richten. Die Kirche meinte, einen Forscher vom Schlage Christian Pfeiffers zu benötigen, um den Skeptikern des Aufarbeitungsprozesses den rückhaltlosen Willen zur Aufarbeitung zu demonstrieren. Und der ehrgeizige und der medialen Öffentlichkeit stets zugewandte Pfeiffer benötigte die katholische Kirche, um den Zuschlag für das prestigeträchtige und weltweit einzigartige Forschungsprojekt zu erhalten. Zu viele und für die Durchführung sowie den Erfolg der Studie erforderliche Details indes – wie die in den Bistümern nicht einheitlich praktizierte Archivierung von Personalakten sowie datenschutz- und arbeitsrechtliche Aspekte – waren im Vorfeld viel zu wenig bedacht worden.

Der Druck auf beiden Seiten ist immens

Mit dem Scheitern der Studie wird der Druck auf die Deutsche Bischofskonferenz erheblich größer, nachdem Christian Pfeiffer  in seiner Kritik an der katholischen Kirche nunmehr nachlegt. Er sieht keinen Grund, dem Drängen nach Unterlassung des Zensurvorwurfs nachzugeben: “Da ich das belegen kann, sehe ich keinen Grund, es zu unterlassen”, sagte Pfeiffer in einem Interview der jüngsten Ausgabe der Wochenzeitung “Die Zeit”. Absehbar war diese Reaktion schon, denn wer der Gegenseite Vorwürfe unterbreitet, der muss natürlich irgendwann auch Stichhaltiges liefern, wenn nicht das eigene Ansehen leiden soll.

Und während sich die Deutsche Bischofskonferenz nun um neue Partner für das Projekt sowie um Schadensbegrenzung bemüht und weiterhin eine rückhaltlose Aufarbeitung propagiert, steht eines schon jetzt fest: Diese Studie muss ein Erfolg werden, will die Kirche nicht auch noch den letzten Funken Vertrauen in der Bevölkerung bei der Aufarbeitung der Missbrauchsfälle verlieren. Ein ähnlich medienpräsentes Forscherteam wie das des KFN wird indes schwer zu finden sein. Aber auch die künftigen Forscher stehen unter Druck. Erscheint die neue Studie vielleicht irgendwann nur deshalb, weil sie „weichgespülte“ Ergebnisse präsentiert? Wohl kaum ein Forscher wird  sich diesem Generalverdacht aussetzen wollen.

Die Opfer dürfen nicht vergessen werden

Und die Opfer von sexualisierter Gewalt?  Sie müssen nun erleben, dass vor allem Andere, nicht aber sie selber als Betroffene,  um die Deutungshoheit ringen, warum die Studie in der ursprünglichen Form gescheitert ist. Zahlreiche Opfer hatten in der Vergangenheit viel Mut bewiesen und sich für eben diese Studie nach Jahren des Schweigens der Aufarbeitung ihrer Fälle gestellt. Doch die hoffnungsvollen Erwartungen wurden bitter enttäuscht.

Wer an Seele und Körper verletzt wird, ohne sich wehren zu können, dem bleiben ein Leben lang Narben. Insofern wird es für die Opfer von Missbrauch und Gewalt nie den Punkt geben, an dem sie einen definitiv versöhnenden Schlussstrich ziehen können. Auch die offizielle Aufarbeitung von Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche wird an diesem Punkt scheitern, selbst wenn nun schnell eine Fortsetzung der Studie mit einem neuen Partner beschlossen wird.

Und dennoch muss den Opfern und der Öffentlichkeit in aller Klarheit vermittelt werden, dass es einem ernst ist mit dem Ziel, solche Taten – soweit es menschenmöglich ist – in Zukunft zu verhindern. Natürlich erfordert der Datenschutz einen sorgfältigen Umgang mit dem Informationsfluss zwischen Kirche und Wissenschaft. Aber gegenseitiges Misstrauen schadet dabei sowohl dem Ansinnen als auch der eigenen Glaubwürdigkeit. Und genau diese ist eines der wichtigsten Güter der Kirche. Wo Kirche an Glaubwürdigkeit verliert, verliert sie auch  an Bedeutung in der Gesellschaft – die Folgen sind fatal.

Und sollte die Kirche immer noch nach einem Rezept suchen, wie mit diesem schwierigen Thema den Opfern und der Öffentlichkeit gegenüber umzugehen ist, so könnte sie auf ihrem eigenem Fundament fündig werden: Sie muss sich, ebenso wie derzeit alle im Fokus der Medien stehenden Personen und Institutionen,  der Wahrheit verpflichtet fühlen, die bekanntlich frei macht (Joh 8,32). Denn wer wahrhaftig ist, öffnet sein Herz für bestehende Not – und allein diese Not der Opfer muss im Mittelpunkt der Aufarbeitung stehen, keineswegs aber eine „mediale weiße Weste“. Die Wahrhaftigkeit ist eine der Haupttugenden des Christentums, sie überwindet alle Hürden – und sie wird geschätzt und anerkannt.

Andrea Kronisch
kath.de – Redaktion

Missbrauchsstudie der Bischofskonferenz (11.01.2013)

Wie man aus vielen kleinen Fehlern einen Skandal inszeniert

Es geht um die Durchsicht aller Personalakten von Priestern, männlichen Ordensmitgliedern und Diakonen. Mit großer Medienresonanz wurde seitens der Bischofskonferenz ein Forschungsprojekt gecancelt. Dem Auftragnehmer, Professor Christian Pfeiffer vom Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen e.V. (KFN) wird mangelnde Vertrauenswürdigkeit öffentlich attestiert. Dieser weiß sich zu wehren und unterstellt der Bischofskonferenz Zensurabsichten. Welches Bild sollen sich die Öffentlichkeit, die Mitglieder der Kirche wie auch diejenigen machen, deren Personalakten zur Verfügung gestellt wurden? Im Folgenden wird vor allem die Einschätzung des Kriminologen der Ruhr-Universität Bochum, Professor Dr. Thomas Feltes, wiedergegeben.

Das Untersuchungskonzept ist nicht durchführbar

Es sollten nicht nur alle Personalakten durchgesehen werden, sondern im Anschluss daran Opfer wie Täter befragt werden. Daraus ergeben sich drei Probleme:

  1. Personalakten sind, wie Akten generell, nicht die Wirklichkeit. Sie beinhalten das, was man in ihnen abgeheftet hat. So können z.B. falsche Anschuldigungen Eingang gefunden haben. Vor allem aber lässt sich der Aussagegehalt nicht mehr überprüfen.
  2. Wenn aus den Akten Personen erkenntlich werden, die mit Missbrauch in Zusammenhang gebracht werden können, sollen diese befragt werden, um aus den Interviews Täterprofile zu gewinnen. Da die Täter jedoch nicht zu einem Interview gezwungen werden können, ist das Unterfangen unrealistisch. Denn der potentielle Täter müsste mit einer Strafverfolgung rechnen, trotz Datenschutz.
  3. Forschungsethisch kaum zu rechtfertigen ist die Absicht, Opfer nach so langer Zeit zu befragen. Es kann sie in eine Krise stürzen, wenn sie mit ihren Verletzungen neu konfrontiert werden. Zudem gibt es gerade bei den Opfern auch ein Recht auf Vergessen, also nicht wieder an etwas erinnert zu werden, was man mit Mühe verdrängt hat. Aus der Opferforschung weiß man, welche negativen Folgen solche Befragungen auslösen können. Das KFN hat sich damit offensichtlich nicht auseinandergesetzt. Nur diejenigen, die sich bei einer Beratungsstelle gemeldet haben, dürfen überhaupt angefragt werden, ob sie zu einem Interview zur Verfügung stehen.

Bei diesen Problemen ist zu fragen, warum sich die Auftraggeber nicht näher mit der Machbarkeit einer solchen Untersuchung beschäftigt haben. Wenn man nicht nur Akten durchforstet, sondern Täter wie Opfer für die Aufklärung gewinnen will, dann geht es immer um eine Beziehungsaufnahme. Man muss die Betroffenen gewinnen. Aber neben den massiven, von Professor Feltes benannten drei Problemen muss man doch abschätzen können, wie der Anruf eines Institutes bei einem Täter wirkt, der erfährt, dass das Institut vorher die eigene Personalakte durchforstet hat und der Interviewer möglicherweise die Inhalte kennt. Da denkt der Betroffene doch eher in Richtung Staatsanwaltschaft als an eine Chance, eigenes Fehlverhalten aufzuarbeiten. Oder er wird wieder mit einer Denunziation konfrontiert, die bereits Jahre zurückliegt. Es zeigt sich hier wieder das eigentliche Problem: Die Personalverantwortlichen wie die Bischöfe scheinen sich immer noch nicht in das komplexe Geflecht eingearbeitet zu haben, das zu sexuellen Übergriffen führt. Es fehlt bei denen, die den Auftrag verhandelt haben, einfach die Kenntnis des Problemfeldes und die Abschätzung, was mit welchen sozialwissenschaftlichen Methoden überhaupt erkannt werden kann. Wer sich nicht richtig kundig gemacht hat, kann dann auch der Öffentlichkeit seine Position wenig überzeugend erklären. Das erleben wir gerade wieder.

Prof. Pfeiffer und das mangelnde Vertrauen

Der Auftragnehmer ist kein Neuling und mit anderen Forschungsprojekten und angeblich spektakulären Ergebnissen gerne in die Öffentlichkeit getreten. So hat er u.a. behauptet,
in Dortmund sei die Kriminalitätsrate unter Jugendlichen deshalb höher als in München, weil der Fernsehkonsum in Dortmund höher sei. Es ist aber längst bekannt, dass Fernsehen nicht Ursache, sondern Folge von sozialer Benachteiligung ist, sodass die Eltern den Jugendlichen weniger Freizeitaktivitäten finanzieren können und sich insgesamt auch weniger um ihre Kinder kümmern. Man nennt das in den Sozialwissenschaften die abhängige Variable.
Ein andermal hat er die Krippenerziehung in der ehemaligen DDR als Ursache für mehr (Gewalt-)Delikte von Jugendlichen in Gruppen ausgemacht. Er vertrat u.a. in Talkshows die Auffassung, dass Kinder in der ehem. DDR im Kindergarten zusammen und in der Reihe auf das Töpfchen gesetzt wurden  und damit eine kindliche Ich-Schwächung einhergehen müsse, die sich später in gesteigerten Gruppendynamiken auswirkt und mithin die festgestellten Gruppendelikte erklären würden.

Ähnlich konnte die Bischofskonferenz damit rechnen, dass Prof. Pfeiffer irgendein Ergebnis der Untersuchungen herausgreift, das den Zusammenhang der Faktoren nicht annähernd wiedergeben würde, um damit eine große Medienresonanz zu erzielen. Offensichtlich ist das jetzt erkannt worden. Dass Prof. Pfeiffer sich die Veröffentlichung vorbehalten wollte, hat er nicht nur ausdrücklich erklärt, er muss nach Aussage eines Mitglieds des Beirates gesagt haben, „das entscheide der Markt“, was aus der Studie herausgestellt werden solle.

Zu den Vorwürfen von Prof. Pfeiffer

Neben dem Vorwurf der Zensur unterstellt Pfeiffer auch, es seien angeblich Akten vernichtet worden. Dabei hätte Pfeiffer bei gründlicher Vorbereitung seiner Studie erkennen können und müssen, dass das Kirchenrecht die Vernichtung bestimmter Akten nach 10 Jahren vorschreibt, er also gar nicht, wie geplant, bis 1945 zurückgehen konnte. Jetzt so zu tun, als hätte die Kirche diese Vernichtung neu erfunden, entbehrt der Grundlage. Zugleich stellt er den Münchner Generalvikar als Verhinderer der Studie hin, obwohl die Erzdiözese eine Rechtsanwaltskanzlei mit genau der Durchsicht der Personaldaten beauftragt hatte. Eine Rechtsanwältin der Kanzlei erklärte, bei ihrem Bericht damals habe es nichts gegeben, was auch nur ansatzweise einer Zensur nahe gekommen sei.

Zwischenstand: Die Bischofskonferenz hat eine Untersuchung in Auftrag gegeben, die methodisch nicht realisierbar ist und sogar gegen ethische Standards in der Forschung verstößt.

Sie hat weiter einen Professor mit seinem Institut beauftragt, der durch undifferenzierte Darstellung von Forschungsergebnissen bereits bekannt war.
Es bleibt noch die Frage:

Wie macht man daraus ein Medienereignis?

Warum muss die Bischofskonferenz öffentlich erklären, sie betraue ein Institut nicht weiter mit einem Auftrag? So etwas kommt vor und muss vom Auftraggeber nicht erklärt werden. Ohne diesen Medienaufwand hätte sich auch ein anderes Institut gefunden, das zuverlässige Ergebnisse beigesteuert hätte.

Dass einem Forscher jedoch öffentlich das Misstrauen ausgesprochen werden muss, ist einmalig. Es scheint der offensiven Medienstrategie der Bischofskonferenz zu entsprechen. Dass der öffentlich Angegriffene zu Gegenmitteln greift, war zu erwarten. Ihn dann mit einer Prozessdrohung zu einer Unterlassungserklärung zu zwingen, ist die sicherste Methode, das Thema bis zum Ende des Prozesses in den Medien zu halten. Hätten die Beteiligten in der Bibel nachgelesen, wären sie auf die Empfehlung Jesu gestoßen, sich besser auf dem Weg zum Richter zu verständigen. Der Richter ist in diesem Fall nicht das Gericht, sondern die Öffentlichkeit.

Es gibt bereits ergebnisreiche Studien

Der Clou der Medienstrategie besteht aber noch darin, dass am 7.12. eine Studie des Duisburger Psychiatrieprofessors Leygraf vorgestellt worden war. Dieser hat, methodisch sehr viel ergiebiger, 78 Gutachten über Priester ausgewertet, denen sexueller Missbrauch vorgeworfen wurde. Mit erstaunten Augen liest man in einem Interview, das die Deutsche Welle gemacht hat:
„… ich habe in den letzten Jahren selbst schon viele Gutachten über Priester angefertigt. Ich möchte die Übergriffe nicht verharmlosen. Doch im Vergleich zu dem, was man sonst im Bereich von sexuellen Missbrauchshandlungen z. B. an Kindern findet, waren es vergleichsweise geringfügige Delikte. Wenn diese Delikte strafrechtlich relevant waren, dann waren es sogenannte Fälle des einfachen sexuellen Missbrauchs. Schwerer sexueller Missbrauch an Kindern, also Handlungen, die mit dem Einführen des Genitals in den Körper des anderen einhergingen, lagen nicht vor.“

Es lohnt sich, dieses Interview nachzulesen.

Die Studie ist nur wenigen bekannt gemacht worden. Es gibt neben Leygraf noch andere Fachleute, die sich, anders als Prof. Pfeiffer, seit Jahren mit der Thematik beschäftigen und das schwierige Geflecht, das zu Missbrauch führt, durchsichtiger gemacht haben.

Was sind die Schlussfolgerungen?

  1. Die katholische Kirche als großes Personalunternehmen muss sich selbst die Kompetenz für den Umgang mit Missbrauch aneignen. Sie muss sich mit der Fachwelt vernetzen.
  2. Anstatt eine Person medienwirksam in den Vordergrund zu schieben, die sozusagen den großen Bericht über die Thematik liefert, sollten in einem Symposion die Fachleute zusammengeführt werden. Nicht die Pressekonferenz, sondern das Symposion ist die Vermittlungsform, einen so komplexen Sachverhalt darzustellen und vor allem für die Prävention die Konsequenzen zu ziehen. Das Bundeskriminalamt hat dies mit der Aufarbeitung seiner Nazi-Vergangenheit vorgemacht.

Und die Inszenierungen von Skandalen

Nachdem man schon bei der Missbrauchsdebatte den Skandalmotor immer wieder zum Laufen gebracht hat, wird man mit weiteren Inszenierungen wie der jetzt noch Laufenden rechnen können. Noch eine Weile wird es in den Medien Aufregung geben, denn irgendwann hat die katholische Kirche sich so positioniert, wie es dem SPD-Bundeskanzlerkandidaten gelungen ist. Nicht die Honorare, aber das Missbrauchsthema wird ihr für die nächsten 10 Jahre anhaften und auf andere Aussagen gibt niemand mehr etwas.

Eckhard Bieger S.J.

kath.de-Redaktion