Beschneidung von Neugeborenen ist weiter zulässig (14.12.2012)

Mit großer Mehrheit hat der Deutsche Bundestag am vergangenen Mittwoch einen Gesetzesentwurf verabschiedet, der die religiöse Beschneidung von Jungen auch in Zukunft in bestimmten Grenzen erlaubt, bereits zwei Tage später stimmte der Bundesrat dem Gesetz zu.

Die religiöse Beschneidung hatte in den vergangenen Monaten für intensive Diskussionen gesorgt. Die Befürworter sehen in ihr ein selbstverständliches Element der Religionsausübung, die Gegner indes einen Verstoß gegen das Kindeswohl. Die Rechtssicherheit ist nunmehr wieder hergestellt, nachdem im Mai dieses Jahres das Kölner Landgericht den Eingriff aus religiösen Gründen als Körperverletzung gewertet hatte. Dem Recht auf körperliche Unversehrtheit räumten die Richter seinerzeit Vorrang ein vor dem Recht auf Religionsfreiheit und damit verbunden dem Elternrecht, über die religiöse Erziehung ihrer Kinder zu bestimmen. Bei Juden und Muslimen löste das Urteil Proteste und ein hohes Maß an Verunsicherung aus.

Polemik und Schwarz-Weiß-Denken waren nicht hilfreich

Das verabschiedete Gesetz mag Grauzonen beinhalten und die Gegner der religiösen Beschneidung nicht überzeugen. Aber ohnehin war die Debatte in den vergangenen Monaten viel zu sehr von einem polemischen Schwarz-Weiß-Denken dominiert. Befürworter wie Gegner wägten sich gleichermaßen im Recht und im alleinigen Besitz der Wahrheit. Die teils sehr emotional geführten Diskussionen zeigten, wie sehr Stereotypen in den Köpfen der Menschen verankert sein können. Denn wer einerseits die Beschneidung für ein überholtes Ritual hält, ist pauschal weder Antisemit noch ein Gegner des Islam. Und wer auf der anderen Seite die Beschneidung als einen wichtigen Akt der Religion verteidigt, missbraucht deswegen keineswegs seine Kinder.

Vor allem jüdische Eltern lassen ihre Söhne oftmals von einem sogenannten Mohel beschneiden. In der Regel wird im Judentum ein Kind männlichen Geschlechts am achten Tag seines Lebens beschnitten. Mohalim besitzen zwar eine spezielle Ausbildung, sie müssen jedoch keine Mediziner sein und haben daher nur eingeschränkte Möglichkeiten der Anästhesie und Schmerzlinderung. Das Gesetz erlaubt nunmehr den Einsatz religiöser Beschneider, solange das Kind nicht älter als sechs Monate ist.

Der Stellenwert des Glaubens in einer säkularen Gesellschaft

Das Recht von Eltern, ihre Kinder aus religiösen Gründen zu beschneiden, sollte die Basis sein, auf die sich die Gesellschaft einigen kann und muss. Grundsätzlich ist das neue Gesetz daher zu begrüßen. Denn mehr noch als für Muslime zählt die Beschneidung von Jungen nach jüdischer Tradition zum unverzichtbaren Kern ihrer Religion: Das Judentum versteht die Beschneidung als Eintritt eines männlichen Nachkommen in den unauflöslichen Bund mit Gott, den er mit dem Volk Israel geschlossen hat. Die Richter des Kölner Landgerichts hatten die Beschneidung seinerzeit als eine überholte Tradition abgetan und einen Schlussstrich unter eine jahrtausendealte religiöse Praxis ziehen wollen. Religiöses Leben wäre nach Auffassung der Mehrheit der Juden wenige Jahrzehnte nach dem Holocaust in Deutschland nur noch eingeschränkt möglich gewesen.

Es ist nachvollziehbar, dass vor allem die jüdischen Gemeinden, aber auch die beiden großen christlichen Kirchen das Urteil seinerzeit als Angriff auf jüdisches Leben und die Religionsfreiheit verstanden. Zu sehr mischten sich darüber hinaus auch antisemitische und muslimfeindliche Äußerungen in die Debatte. Doch innehalten sollte man in diesem Kontext nicht nur mit Blick auf die erschreckende Geschichtsvergessenheit. Bedacht werden sollte auch die Frage, welches Maß an religiöser Toleranz in einer modernen Demokratie notwendig und sinnvoll ist. Die mit Vehemenz geführte Diskussion hat grundsätzliche Fragen zur Verortung des Religiösen und seiner Ausdrucksformen in einer säkularen Gesellschaft aufgeworfen: Wie viel Religion kann, will und muss eine eher religionsferne Gesellschaft tolerieren? Wo enden Offenheit und Toleranz einer Mehrheit für eine Minderheit? Wo stoßen religiöse Gepflogenheiten zu Recht oder zu Unrecht an ihre Grenzen?

Fragen dieser Art lassen sich nicht pauschal beantworten

Während die Genitalverstümmelung von Mädchen (sie ist mit der Beschneidung von Jungen nicht gleichzusetzen) weiter ein Verbrechen bleibt und Scharia-Gerichte im deutschen Rechtssystem definitiv keinen Platz haben, wird bei Fragen wie dem Schächten von Tieren schon intensiver diskutiert und um Lösungen gerungen. Dieses Anhören und Abwägen unterschiedlicher Argumente ist wichtig und erforderlich. Die Gesellschaft wird zunehmend heterogener und bisher vielleicht selbstverständliche Kontexte verändern sich. Aber auch innerhalb ethnischer und religiöser Gemeinschaften selber finden Veränderungsprozesse statt.

Selbst wenn mit dem neuen Beschneidungsgesetz eine „Rückkehr zur Normalität“ formuliert ist, so hat sich doch auch diese Normalität bereits verändert. Debatten über althergebrachte religiöse Traditionen und den Kern des Glaubens sind in den vergangenen Monaten in Gang gekommen. Bedenken gegen die Beschneidungspraxis wurden durchaus auch von jüdischen und muslimischen Eltern formuliert, diese Fragen können zukünftig nicht mehr ignoriert werden. Und das ist durchaus zu begrüßen, denn Reformen der religiösen Praxis müssen von innen her kommen. Wie weit diese Reformen dann tatsächlich gehen, entscheiden die Religionsgemeinschaften selber. Eine Belehrung von deutschen Gerichten benötigt keine Glaubensgemeinschaft, wohl aber dialogbereite Gesprächspartner in den eigenen Reihen wie auch von außen. Die wechselseitigen Beziehungen zwischen Religion und säkularer Gesellschaft sind manchmal wesentlich größer als angenommen.

Andrea Kronisch

kath.de-Redaktion

One thought on “Beschneidung von Neugeborenen ist weiter zulässig (14.12.2012)

  1. Natürlich ist es gut, dass die Situation nunmehr geklärt ist, dennoch stellt sich wirklich die Frage, ob eine Beschneidung heute wirklich noch passend ist. Das Neue Testament gibt hier gute Überlegungsansätze. Theologe Michael M. P. Wittmann, Riegel

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