Warum tut sich die Politik so schwer mit der Religion? (28.12.2012)

In der Nachrichtenlandschaft des vergangenen Jahres spielten Religionsthemen eine beachtliche Rolle: Das Privileg der Kirchen, ein eigenes Arbeitsrecht zu pflegen, gerät immer wieder in den Fokus. Unlängst stellte das Bundesarbeitsgericht fest, dass auch kirchlichen Angestellten ein eingeschränktes Streikrecht zusteht. Der islamische Religionsunterricht an Schulen ist in Nordrheinwestfalen – wenn auch  ohne Lehrplan, Lehrbuch und ausgebildete Lehrer – bereits eingeführt, in anderen Bundesländern wird noch ausprobiert und bundesweit wird er mit Aufmerksamkeit bedacht. Auch das Dokument der deutschen Bischöfe, dass kein lohn- und einkommenssteuerpflichtiges Kirchenmitglied sich ungestraft der Kirchensteuerpflicht entziehen kann, wurde beachtet. Im Zentrum der öffentlichen Diskussion aber stand die Beschneidung, ausgelöst durch ein Urteil des Kölner Landesgerichts. Beschneidung, so das Gericht, sei Körperverletzung und widerspreche dem Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit des Kindes, die höher zu bewerten sei als die Freiheit der Eltern, über Religionszugehörigkeit und Erziehung zu entscheiden.

Gerichte werden religionspolitisch aktiv

Es fällt geradezu auf, dass es vor allem Gerichtsurteile sind, die immer wieder öffentliche Diskussionen in Religionsangelegenheiten auslösen. Vor allem durch die Rechtsprechung kommen Spannungen zwischen dem Gesetz und dem allgemeinen Wertebewußtsein in das öffentliche Bewußtsein. Die Tatsache, dass Gerichtsurteile öffentliche Diskussionen in Religionsfragen auslösen, scheint ein Indiz dafür zu sein, dass die bestehenden Rechtsordnungen, insofern sie die Religion betreffen, mit den gesellschaftlichen Wertvorstellungen im Konflikt stehen.

Offensichtich wird versucht, vor allem durch Gerichtsentscheide Religionspolitik zu machen. Dies geschieht deshalb, weil es der Politik schwierig bis unmöglich erscheint, religionspolitischeEntscheidungen zu treffen. Man zieht es vor, die Gerichte auf der Basis der bestehenden Gesetze zu einer Klärung aktueller Konflikte zu bewegen. Die Gerichte spielen dann die Bälle wieder an die Politik zurück. So war es beim Bundesverfassungsgericht hinsichtlich des Sonntagsschutzes und der Kleiderordnung an Schulen.

Das religionspolitische Dilemma moderner Gesellschaften

Gerichte sollen Religionspolitik machen und die Politik tut sich schwer, religionspolitische Themen anzupacken. Die moderne Gesellschaft scheint hier in einem Dilemma zu stecken. Was ist der Grund? Religion erscheint in einem Miteinander unterschiedlicher Religionen und Kulturen als Konfliktherd. Deshalb hält man es für geraten, Religionsangelegenheiten so weit wie möglich aus der Öffentlichkeit zu verbannen. Religion soll Privatsache sein. Da der Staat sich religiös neutral verhalten muß, so eine Leseart der staatlichen Neutralitätspflicht, hat der öffentliche Raum von religiösen Symbolen und Inhalten möglichst frei zu bleiben. Religion hat in Kirchen, Tempeln und Moscheen stattzufinden.

Diese Sichtweise ist aber unter mehrfacher Hinsicht falsch. Zum einen mutiert der Staat auf diese Weise zum Verordner von religionsfreien Zonen  und verstößt damit zumindest ansatzweise gegen das Grundrecht der Religionsfreiheit. Auch kann kein Staat seine eigene Geschichte und Kultur getrennt von der Mitgestaltung durch religiös orientierte Bürger und Politiker betrachten.  Zum anderen werden auf diese Weise notwendige öffentliche Diskussionen unterdrückt und verzögert, die ein wichtiger Lernschritt für ein friedliches Miteinander unterschiedlicher Religionen wären.

Der Mehrheitswille steht der Beschneidung läuft dem Mehrheitswillen entgegen
Deutlich wird diese Notwendigkeit beispielsweise an dem Beschneidungsgesetz, das der Bundestag am 12. Dezember mit großer Mehrheit verabschiedet hat. Laut einer Studie, die von einer Interessenvertretung sexueller Mißbrauchsopfer bei Infratest dimap in Auftrag gegeben wurde, sind 70% der Bevölkerung gegen das Gesetz, das die Beschneidung wie bisher in Deutschland ermöglicht. (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/studie-mehrheit-der-deutschen-gegen-beschneidungsgesetz-a-874473.html) Daran wird deutlich, dass Religionspolitik in Deutschland vor allem eine Angelegenheit der politischen Eliten und der Gerichte ist. Es gelingt der Politik offensichtlich nicht, religionspolitische Grundsätze der Bevölkerungsmehrheit zu erklären. Die allgemeine Orientierungslosigkeit in Sachen Religionspolitik ist groß.

Religiöse Debatten gehören in die Öffentlihckeit

Eine solche Situation ist prekär. Mit ihr können sich weder die Kirchen, noch die Vertretungen der Juden und Muslime und anderer Religionen, noch der Staat zufrieden geben. Religionspolitik darf nicht nur eine Sache der Eliten sein. Damit aber Politiker religionspolitische Entscheidungen treffen können, braucht es mehr öffentliche Diskussionen bei religionspolitischen Themen. Die Manier, religiöse Themen so weit wie möglich aus der Öffentlichkeit zu verdrängen oder sie als unzeitgemäß zu deklarieren hilft nicht, religionspolitische Probleme zu lösen. Sie verschärft vielmehr die Konflikte, weil sie in die Hinterhöfe und dunklen Ecken verbannt werden. Damit ist niemand gedient: Weder dem Staat, noch den Kirchen und Religionsgemeinschaften – und am wenigsten dem öffentlichen Frieden.

Den Kirchen wird es langfristig nicht gelingen, ihre Privilegien wie eigenes Arbeitsrecht und Kirchensteuerfinanzierung durch Dekrete und Gerichtsurteile zu schützen. Hier ist die Teilnahme an öffentlichen Diskursen gefragt. Die politischen Entscheidungen von morgen aber werden in den öffentlichen Diskussionen heute vorgeprägt. Es muß den Christen klar sein, dass sie heute im Stande sein müssen, ihren nichtchristlichen Zeitgenossen zu erklären, warum es beispielsweise gut sein soll, den Sonntag arbeitsfrei zu halten oder warum und was sie durch die komfortable Kirchensteuer mehr für die Gesellschaft leisten können als ohne. Muslime brauchen Möglichkeiten, ihre Religion in einem freiheitlich-demokratischen Staat zu verorten. Dazu brauchen sie die Kritik und Bestätigung in öffentlichen Debatten.

Das Miteinander von unterschiedlichen Religionen erfordert zunehmend religionspolitische Meinungsbildungsprozesse und Entscheidungen: Beim Sonn- und Feiertagsschutz, bei Konflikten zwischen religiös besetzten Verhaltensmustern und Menschenrechten, bei der Präsenz der Religion in der Öffentlichkeit, bei der Rechtstellung der Religionsgemeinschaften. Diese Prozesse werden nicht dadurch gelöst werden können, dass man allen ein bißchen Recht gibt. Es wird zu entscheiden sein, ob der Sonntag der Christen oder der Samstag der Juden oder der Freitag der Muslime mehr staatlichen Schutz bekommt oder ob Feiertage der willkürlichen Gestaltung überlassen werden. Für solche Entscheidungen braucht es Grundsätze. Diese werden sich nur dann friedlich entwickeln können, wenn Religion, religiöse Themen und Gebräuche nicht aus der Öffentlichkeit verbannt, sondern viel stärker auf die öffentlichen Foren geholt und dort sachlich diskutiert werden. Nur so können Religionsgemeinschaften ausloten, wie und wodurch sie zu einem friedlichen Miteinander der Menschen beitragen können. Ein solches wird sich nicht entfalten können, wenn versucht wird, Religion aus der Öffentlichkeit zu entfernen – so mühsam und schwierig die damit verbundenen Entscheidungen auch sein mögen.

Theo Hipp

kath.de-Redaktion

Weihnachtsgefühle (21.12.2012)

Wie feiern die Deutschen Weihnachten: Anders als früher. Da  verließ man das Haus nur zum Gottesdienst und war ansonsten in der Familie zusammen. Der Heiligabend war daher für diejenigen schwer, die keinen Anschluss hatten. Früher gab es auch die Adventszeit. Sie war wie die Fastenzeit strenger gehalten. Man verzichtete auf Süßigkeiten.   

Vom Martinimarkt zum Weihnachtsmarkt

Nachdem Nürnberg über viele Jahre Menschen mit seinem Christkindlmarkt angezogen hat, fahren die Busse heute nicht mehr in die Frankenmetropole, sondern die Menschen finden auch in Mittelstädten einen Weihnachtsmarkt. Unter der Hand sind die Herbstmärkte, die mit den Festen des hl. Martin am 11. November oder der hl. Katharina am 25. November in Zusammenhang stehen, durch sog. Weihnachtsmärkte abgelöst.  Wo früher die Bauern ihre Ernteüberschüsse verkauften, macht man heute kleine Weihnachtseinkäufe. Vorher ist die Martinsgans schon zum Weihnachtsbraten geworden. Sie wurde früher den Knechten und Mägden zum Abschied geschenkt, wenn diese bei einem anderen Bauern den Dienst aufnahmen. Die Gans konnte auch als Pachtzins dienen. Überhaupt war die Zeit von Martin bis zum 2. Februar dadurch geprägt, dass in den Stuben ein Licht aufgestellt wurde, so dass die Frauen das Spinnrad in Schwung halten konnten.

Der frühere Zeitrhythmus der Weihnachtszeit

Der Martinstag wie der 2. Februar haben deshalb für die Zählung eine Bedeutung, weil sie jeweils 40 Tage vor bzw. nach Weihnachten liegen. An Martin beginnt die Spinnzeit, an Lichtmess endetsie. Weihnachten ist also jahreszeitlich in einen größeren Zeitrahmen eingebettet, der deshalb eine hohe symbolische Bedeutung hat, weil im 4. Jahrhundert, als das Fest in Rom entstand, es auf den Tag der Wintersonnenwende fiel. Kaiser Aurelian hatte 274, um noch einmal eine Einigung des Reiches durch die Verehrung einer alles über­ragenden Gottheit zu erreichen, den 25. Dezember zum Fest des Unbesiegbaren Sonnengottes, sol invictus eingeführt. Da die aufgehende Sonne Symbol für Christus ist, konnten die Christen das Fest, nachdem sie unter Kaiser Konstantin im Edikt von Mailand 313  Religionsfreiheit erhalten hatten, umwidmen. Die älteste Nachricht von einem solchen Fest in Rom stammt aus dem Jahr 336. Für die Festsetzung des Tages der Geburt Jesu auf das Datum der Wintersonnenwende wurde der Satz des Täufers im Johannesevangelium herangezogen: „Er muss zunehmen, ich muss abnehmen“. Ab der Wintersonnenwende nimmt die Sonne zu. Johannes d. Täufer ist nach dem Evangelisten Lukas sechs Monate vor Jesus geboren, also am Tag der Sommersonnenwende, wenn die Tage abnehmen. Licht im Dunkeln, diese Symbolik gilt trotz elektrischer Beleuchtung für die Menschen heute genauso wie zur Zeit, als das Weihnachtsfest seinen Platz fand. Wo findet man aber Weinachten?

Etwas berühren

Wenn etwas wichtig für uns ist, muss es berührt werden. Wir geben uns die Hand, umarmen uns. Ein Besuch wird bedeutsamer, wenn uns etwas zu Trinken oder zu Essen angeboten wird. Genau das unterscheidet die Weihnachtsmärkte von den Kaufhäusern. Wir gehen dorthin, um etwas zu schmecken. Wenn es dann noch duftet, gebackene Mandeln oder ein Glühwein tun es schon, dann scheint uns Weihnachten näher zu kommen. Deshalb kann der Besuch des Weihnachtsmarktes immer mehr die Teilnahme am Gottesdienst ersetzen. In Frankreich war und ist es sogar noch so, dass man den Mitternachtsgottesdienst besuchte und danach der karge Advent mit einem großen Essen beendet wurde. Aber sind nicht die Hirten und dann die Drei Weisen zur Krippe gekommen, weil da das Entscheidende stattfindet.

Die Weihnachtskultur neu formen

Zum Weihnachtsfest in den nördlichen Breiten gehört die Überwindung der Dunkelheit. Deshalb findensich die Lichterketten an Balkonen und in Fenstern. So wird, entsprechende der christlichen Ursymbolik vom Abstieg Gottes bis in die Vorhölle, das Dunkel gerade dann besiegt, wenn die Sonne am tiefsten steht. Dann wird der Messias geboren.

Und – das gilt für die ganze Welt: Weihnachten muss man schmecken. Aus diesen Elementen haben frühere Generationen die Advents- und Weihnachtszeit geformt. Mit der Umwidmung der Herbstmärkte in Weihnachtsmärkte ist dann der Advent gleich zur Weihnachtszeit geworden und das Fest endet nicht am 6. Januar oder 2. Februar, sondern bereits am Zweiten Feiertag. Wäre es nicht sinnvoll, das Kind wieder in den Mittelpunkt zu stellen. In einem Land, in dem sich die Frauen nur schwer für ein Kind entscheiden können, weil sie ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt wahren wollen, könnte sich doch die ganze Gesellschaft wieder den Kinder zuwenden. Das wird im Moment, auch von den Kirchengemeinden, an die Kindergärten delegiert. Der Kinder wegen würde man dann Weihnachten nicht mit dem Stephanstag abbrechen, denn zumindest bleiben Joseph und Maria noch einige Tage in Bethlehem, weil ja noch die Weisen aus dem Morgenland kommen mussten. Deshalb könnten die Erwachsenen gerade in dieser Zeit nicht nur mit den Kindern spielen, sondern auch die Geschichten erzählen, die die jungen Menschen brauchen, um Schritte ins Leben zu wagen. Wenn die Frauen ein deutlicheres Interesse der Kirchengemeinden wie der Gesellschaft für Kinder erleben könnten, dann bräuchten sie ihren Kinderwunsch nicht mehr den Anforderungen des Arbeitsmarktes zu opfern.

Eckhard Bieger S.J.

kath.de-Redaktion

Beschneidung von Neugeborenen ist weiter zulässig (14.12.2012)

Mit großer Mehrheit hat der Deutsche Bundestag am vergangenen Mittwoch einen Gesetzesentwurf verabschiedet, der die religiöse Beschneidung von Jungen auch in Zukunft in bestimmten Grenzen erlaubt, bereits zwei Tage später stimmte der Bundesrat dem Gesetz zu.

Die religiöse Beschneidung hatte in den vergangenen Monaten für intensive Diskussionen gesorgt. Die Befürworter sehen in ihr ein selbstverständliches Element der Religionsausübung, die Gegner indes einen Verstoß gegen das Kindeswohl. Die Rechtssicherheit ist nunmehr wieder hergestellt, nachdem im Mai dieses Jahres das Kölner Landgericht den Eingriff aus religiösen Gründen als Körperverletzung gewertet hatte. Dem Recht auf körperliche Unversehrtheit räumten die Richter seinerzeit Vorrang ein vor dem Recht auf Religionsfreiheit und damit verbunden dem Elternrecht, über die religiöse Erziehung ihrer Kinder zu bestimmen. Bei Juden und Muslimen löste das Urteil Proteste und ein hohes Maß an Verunsicherung aus.

Polemik und Schwarz-Weiß-Denken waren nicht hilfreich

Das verabschiedete Gesetz mag Grauzonen beinhalten und die Gegner der religiösen Beschneidung nicht überzeugen. Aber ohnehin war die Debatte in den vergangenen Monaten viel zu sehr von einem polemischen Schwarz-Weiß-Denken dominiert. Befürworter wie Gegner wägten sich gleichermaßen im Recht und im alleinigen Besitz der Wahrheit. Die teils sehr emotional geführten Diskussionen zeigten, wie sehr Stereotypen in den Köpfen der Menschen verankert sein können. Denn wer einerseits die Beschneidung für ein überholtes Ritual hält, ist pauschal weder Antisemit noch ein Gegner des Islam. Und wer auf der anderen Seite die Beschneidung als einen wichtigen Akt der Religion verteidigt, missbraucht deswegen keineswegs seine Kinder.

Vor allem jüdische Eltern lassen ihre Söhne oftmals von einem sogenannten Mohel beschneiden. In der Regel wird im Judentum ein Kind männlichen Geschlechts am achten Tag seines Lebens beschnitten. Mohalim besitzen zwar eine spezielle Ausbildung, sie müssen jedoch keine Mediziner sein und haben daher nur eingeschränkte Möglichkeiten der Anästhesie und Schmerzlinderung. Das Gesetz erlaubt nunmehr den Einsatz religiöser Beschneider, solange das Kind nicht älter als sechs Monate ist.

Der Stellenwert des Glaubens in einer säkularen Gesellschaft

Das Recht von Eltern, ihre Kinder aus religiösen Gründen zu beschneiden, sollte die Basis sein, auf die sich die Gesellschaft einigen kann und muss. Grundsätzlich ist das neue Gesetz daher zu begrüßen. Denn mehr noch als für Muslime zählt die Beschneidung von Jungen nach jüdischer Tradition zum unverzichtbaren Kern ihrer Religion: Das Judentum versteht die Beschneidung als Eintritt eines männlichen Nachkommen in den unauflöslichen Bund mit Gott, den er mit dem Volk Israel geschlossen hat. Die Richter des Kölner Landgerichts hatten die Beschneidung seinerzeit als eine überholte Tradition abgetan und einen Schlussstrich unter eine jahrtausendealte religiöse Praxis ziehen wollen. Religiöses Leben wäre nach Auffassung der Mehrheit der Juden wenige Jahrzehnte nach dem Holocaust in Deutschland nur noch eingeschränkt möglich gewesen.

Es ist nachvollziehbar, dass vor allem die jüdischen Gemeinden, aber auch die beiden großen christlichen Kirchen das Urteil seinerzeit als Angriff auf jüdisches Leben und die Religionsfreiheit verstanden. Zu sehr mischten sich darüber hinaus auch antisemitische und muslimfeindliche Äußerungen in die Debatte. Doch innehalten sollte man in diesem Kontext nicht nur mit Blick auf die erschreckende Geschichtsvergessenheit. Bedacht werden sollte auch die Frage, welches Maß an religiöser Toleranz in einer modernen Demokratie notwendig und sinnvoll ist. Die mit Vehemenz geführte Diskussion hat grundsätzliche Fragen zur Verortung des Religiösen und seiner Ausdrucksformen in einer säkularen Gesellschaft aufgeworfen: Wie viel Religion kann, will und muss eine eher religionsferne Gesellschaft tolerieren? Wo enden Offenheit und Toleranz einer Mehrheit für eine Minderheit? Wo stoßen religiöse Gepflogenheiten zu Recht oder zu Unrecht an ihre Grenzen?

Fragen dieser Art lassen sich nicht pauschal beantworten

Während die Genitalverstümmelung von Mädchen (sie ist mit der Beschneidung von Jungen nicht gleichzusetzen) weiter ein Verbrechen bleibt und Scharia-Gerichte im deutschen Rechtssystem definitiv keinen Platz haben, wird bei Fragen wie dem Schächten von Tieren schon intensiver diskutiert und um Lösungen gerungen. Dieses Anhören und Abwägen unterschiedlicher Argumente ist wichtig und erforderlich. Die Gesellschaft wird zunehmend heterogener und bisher vielleicht selbstverständliche Kontexte verändern sich. Aber auch innerhalb ethnischer und religiöser Gemeinschaften selber finden Veränderungsprozesse statt.

Selbst wenn mit dem neuen Beschneidungsgesetz eine „Rückkehr zur Normalität“ formuliert ist, so hat sich doch auch diese Normalität bereits verändert. Debatten über althergebrachte religiöse Traditionen und den Kern des Glaubens sind in den vergangenen Monaten in Gang gekommen. Bedenken gegen die Beschneidungspraxis wurden durchaus auch von jüdischen und muslimischen Eltern formuliert, diese Fragen können zukünftig nicht mehr ignoriert werden. Und das ist durchaus zu begrüßen, denn Reformen der religiösen Praxis müssen von innen her kommen. Wie weit diese Reformen dann tatsächlich gehen, entscheiden die Religionsgemeinschaften selber. Eine Belehrung von deutschen Gerichten benötigt keine Glaubensgemeinschaft, wohl aber dialogbereite Gesprächspartner in den eigenen Reihen wie auch von außen. Die wechselseitigen Beziehungen zwischen Religion und säkularer Gesellschaft sind manchmal wesentlich größer als angenommen.

Andrea Kronisch

kath.de-Redaktion