USA-Wahl: Tektonische Verschiebungen (09.11.2012)

Europa sollte aus dem Wahlergebnis für sich etwas lernen

Hätten in den USA nur die Bürger weißer Hautfarbe gewählt, wäre Mitt Romney mit 10% Vorsprung gewählt worden. Der Blick sollte nicht nur auf den wiedergewählten Präsidenten gerichtet werden. Dessen Aufgaben werden bereits aufgelistet. Aber ehe die Europäer besserwisserisch über den Atlantik schauen, sollten sie überlegen, was die Wahlen Europa lehren könnten. Die Wahlanalyse der New York Times weist auf tektonische Verschiebungen hin. Entschieden haben die Hispanics, die Schwarzen und die Frauen die Wahl. Die Geringverdiener haben Obama gewählt, die Reichen Romney. Es ist vorauszusehen, dass Europa ähnliche Entwicklungen bevorstehen.

In einem Land, in dem der Abstand zwischen Reich und Arm sich in den letzten Jahren immer mehr vergrößert hat, wurde nicht derjenige gewählt, dem die Mehrheit die größere wirtschaftliche Kompetenz zutraute, sondern derjenige, der die Geringverdiener und die Nicht-Weißen mobilisieren konnte. Das ist ein Effekt, den die Demokratie bewirken kann, dass die herrschende Elite nicht durch Revolte oder Revolution, sondern dadurch entmachtet wird, dass die weniger Privilegierten nicht zu Hause bleiben, sondern zur Wahl gehen. 55% der Frauen, 71% der Hispanics, meist illegale Einwanderer aus Mexiko oder anderen lateinamerikanischen Ländern, 73% der Asiaten und 93 % der Schwarzen, ehemalige Sklaven, wählten Obama.

Fundamentalopposition und Missachtung der Illegalen

Die Republikaner haben selbst die Gründe ihrer Wahlniederlage benannt. Gegen die Einwanderer aus Lateinamerika und die Legalisierung der Illegalen lässt sich eine Wahl in den USA nicht mehr gewinnen. Romney hatte sich strikt gegen eine Integration der illegalen Einwanderer ausgesprochen. Auch die Fundamentalopposition gegen den Präsidenten bringt nicht die Stimmen, die eine Wahl entscheiden. Beides spricht für den demokratischen Prozess, der jedem eine Stimme gibt, wenn er denn zur Wahl geht. Die unterprivilegierten Schichten haben für den Sozialstaat votiert. Ein Grund für die Niederlage der Republikaner kann auch in dem Umfrageergebnis liegen, dass die Mehrheit der Amerikaner die wirtschaftlichen Schwierigkeiten nicht dem amtierenden Präsidenten, sondern seinem republikanischen Vorgänger G.W. Bush zuschrieben.

Auf was sollten wir uns einstellen?

Während das Stimmenverhältnis bei den weißen Wählern bei 59:41% zugunsten Romneys liegt, stimmten die großen Gruppen der Zuwanderer aus Lateinamerika und Asien zu über 70% für Obama, die Schwarzen zu über 90%. Wenn man hinzurechnet, dass die Besserverdienenden auch Romney wählten, wird deutlich, dass es nicht die Unterschiede in den wirtschaftspolitischen Zielsetzungen sind, die die Wahl entschieden haben. Es sind auch nicht konfessionelle Prägungen, sondern das Empfinden der Einwanderer, ob sie willkommen sind. Die USA sind von einem von Weißen dominierten Land zu einer multiethnischen Gesellschaft geworden. Was sich in der Globalisierung der Wirtschaftsentwicklungen seit dem Ende des Kommunismus, den Fortschritten in vielen lateinamerikanischen Ländern, vor allem in Brasilien, und in dem langsamen Erwachen Afrikas zeigt, bildet sich bereits in den Wahlen des größtem Einwanderungslandes ab. Auch Europa ist nicht mehr einfach ein Kontinent mit einer weißen Bevölkerung. Die Globalisierung und die Offenheit der Grenzen machen Europa leichter erreichbar. Wie die USA wirkt Europa wegen seiner Ökonomie und des relativen Friedens anziehend für Menschen, die in ihrer Heimat um das nackte Überleben kämpfen müssen. Im Unterschied zu den USA kommt ein großer Teil der Einwanderer aus muslimischen Ländern. Europas Weiße müssen wie die Weißen in den USA damit rechnen, dass die Zuwanderer nicht mehr auf dem Status von Immigranten und Wirtschaftsflüchtlingen verharren, sondern politisch entscheidungsfähig werden.

Integrationsanstrengungen der Kirche in den USA und in Deutschland

Für die katholische Kirche in den USA stellen die Einwanderer, ob legal oder illegal, aus Lateinamerika eine Herausforderung dar. Sie sind Katholiken, die aber eine andere katholische Kultur mitbringen. Da in den USA die Integration Neuzugezogener durch die Kirchengemeinden geleistet wird, lernen viele amerikanischen Seelsorger inzwischen Spanisch. Je mehr sich die katholische Kirche den Einwanderergruppen öffnet, desto mehr Priesternachwuchs gewinnt sie unter den asiatischen und lateinamerikanischen Bevölkerungsgruppen. Dass sich in Deutschland der Priesternachwuchs weitgehend aus deutschen Familien rekrutiert, zeigt, dass die Katholiken italienischer, spanischer, kroatischer Herkunft sich in Deutschland noch nicht von den Gemeinden aufgenommen fühlen. Das liegt wohl vor allem daran, dass die Pfarrgemeinderäte weithin eine Domäne der Deutschen geblieben sind. Zudem werden die Katholiken „anderer Muttersprache“ seelsorglich noch von Priestern ihrer Heimatländer betreut. Auch gibt es wohl kaum deutsche Priester, die aus seelsorglichen Gründen Spanisch oder Kroatisch gelernt hätten. Mehr Kontakte zu katholischen Gemeinden in Kalifornien, Texas u.a. Staaten entlang der mexikanischen Grenze sowie in Florida könnten für deutsche Pfarrgemeinderäte lohnend sein.

Eckhard Bieger S.J.
kath.de-Redaktion

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