Die Bischöfe können nicht, was die Laien können (12.10.2012)

An Selbstkritik scheint es bei der aktuellen römischen Bischofssynode über die Neuevangelisierung der bereits christianisierten Länder nicht zu fehlen. Die „gut gefüllten Bäuche“ seien kein Glaubwürdigkeitskriterium der Solidarität mit den Armen, meinte der  philippinische Erzbischof Socrates Villegas. Kurienerzbischof Rino Fisichella, der Präsident des Päpstlichen Rates für die Neuevangelisierung mahnte weniger Bürokratie in der Kirche an. Kardinal Schönborn plädiert für weniger Angst im Umgang mit Kirchenkritikern und kirchenfeindlichen Äußerungen. Luis Antonio Tagle, der  Erzbischof von Manila, sieht in der fehlenden Demut den Grund für den Hang zu übersteigerter Selbstbeschäftigung in der Kirche.

Insgesamt scheinen die Synodalen bislang bei der Suche nach neuer Glaubwürdigkeit der Kirche und ihrer Botschaft vor allem den Tugendpfad beschreiten zu wollen. Demut, Einfachheit, Bescheidenheit, Mut, Großherzigkeit. Das wird der richtige Weg sein. Allein, das war immer richtig, ist immer wahr und wird immer stimmen. Das spezifisch Herausfordernde – und Unbequeme – scheint damit noch nicht angesprochen zu sein. Die Kirche nach dem Aufdecken der Pädophilie-Fälle ist nicht mehr die gleiche wie davor. Zwar gilt dies nicht für die theologische Qualität der Kirche, wohl aber für ihre kulturelle – und ist damit relevant für ihre Glaubwürdigkeit. Die Bischöfe samt Vatikan zeigen sich im Allgemeinen eifrig bemüht, anstehende pädophile Vergehen von Klerikern gründlich zu ahnden und Konsequenzen zu ziehen. Ebenso werden vorbeugende Maßnahmen getroffen. Eine Frage scheint jedoch nicht so recht ins Blickfeld rücken zu wollen: Wie konnte es sein, dass die kirchliche Struktur so sehr geschützt werden wollte und sollte, dass dabei das Wohl der Betroffenen nicht mehr beachtet wurde? Wie konnte sich die Kirche als Institution so sehr in den Vordergrund rücken und dabei das „um der Menschen willen“ entwischen? Treibt die Kirche hier nicht banalen Strukturerhalt, der mit den Mitteln moderner Soziologie so leicht zu entlarven ist?

Der Verdacht besteht und kann nicht einfach vom Tisch gewischt werden. Es sind vor allem die Bischöfe, die als Repräsentanten der kirchlichen Institution ihre Ämter bekleiden. Und sie stehen, besonders seit den zu Tage getretenen Pädophilie-Fällen unter dem Verdacht, vor allem um die kirchliche Struktur bemüht zu sein. Die kirchliche Struktur zu schützen ist schließlich aber auch ihre Aufgabe.

Für den Verkündigungsdienst der Bischöfe ergibt sich daraus allerdings ein struktureller Nachteil. Die Bischöfe – in abgemilderter Form alle Hauptamtlichen in der Kirche – stehen in der kirchlichen Struktur. Sie haben dadurch auch die Aufgabe, die kirchliche Struktur zu schützen. Für die Glaubwürdigkeit der Verkündigung kann dies aber von Nachteil sein. Immer schwebt im inzwischen institutionenkritischen Europa die Frage mit: Geht es ihnen nicht zuerst um sich selbst und den Erhalt ihrer Macht und ihres Einflusses?

Damit tritt, was bereits das II. Vatikanische Konzil eingeläutet hat, die Funktion und Aufgabe der Laien, der nicht kirchlich-strukturell gebundenen Gläubigen, viel stärker in der Vordergrund. Ihnen kommt angesichts der aktuellen kirchlichen Situation eine Aufgabe zu, die die Bischöfe nicht mehr – und wenn sie sich noch so mühten – nicht erfüllen können: Die Sache der Kirche strukturunabhängig zu bezeugen.

Zu sehr ist die Kirche in den Verdacht geraten, mehr um ihre Institutionen als um ihre Botschaft bemüht zu sein. Und dieser Verdacht lasstet auf allen Hauptamtlichen, in erster Linie aber auf den Bischöfen.

Damit wächst den Laien eine eigene und unersetzliche Aufgabe zu, die nicht nur in der organisatorischen Mithilfe oder in ihrer größeren Mitarbeit in die Leitung besteht, sondern im ureigenen Dienst der Kirche, in der Verkündigung. Nur sie können durch ihr Glaubenszeugnis und ihre aktive Rolle in der Verkündigung bezeugen, dass die Botschaft wirklich um der Menschen willen – und nicht um des Strukturerhaltes willen verkündet wird.

Diese strukturelle Selbstbeschränkung anzuerkennen wird ein entscheidender Beitrag der Bischöfe für die Glaubwürdigkeit der Kirche sein. Bischöfliche Verkündigung allein ohne aktive Bestätigung durch das kreative und aktive Glaubenszeugnis der Gläubigen und die Artikulation der ureigenen Glaubenserfahrung der Laien, wird die Aufgabe der Neuevangelisierung nicht stemmen können.

Theo Hipp
kath.de-Redaktion

6 thoughts on “Die Bischöfe können nicht, was die Laien können (12.10.2012)

  1. Ja, auch ich bin überzeugt, dass die „hauptamtlichen“ Verkündiger der Kirche als quasi Kirchen-Beamte von außen als „Berufschristen“ betrachtet werden.
    Da denken viele Leute, die müssen ja so reden, die werden ja dafür bezahlt: „Wes Brot ich ess, des Lied ich sind!“ Ist der Inhalt der Verkündigung Überzeugung oder Gehorsam?
    Dass beides zusammenfallen kann ist möglich – muss es aber nicht, und wird deshalb oft angezweifelt.
    Das schädigt die Glaubwürdigkeit der Kirche ungeheuer – und das schon seit sehr langer Zeit.
    Glaubwürdigkeit der Verkündigung bräuchte wenigstens in einigen wichtigen Bereichen Freiheit und Unabhängigkeit von finanziellen Zwängen durch die Kirchenstruktur: durch die Laien!
    Aber dafür bräuchte es mehr Glauben und weniger Unglauben und mehr Dialogfähigkeit und weniger Dialogverweigerung – bei der Kirchenleitung: Glauben an das Wirken des Geistes Gottes bei den einfachen Gläubigen und einen lebendigen Glaubensdialog mit ihnen.
    Und die Kirchenleitung müsste ihre Hausaufgaben machen: So wie sie in der „Katholischen Soziallehre“ eine zeitgemäße, anerkannte, ja imponierende Glaubensbotschaft für die soziologische Dimension der Wirklichkeit entwickelt hat und diese regelmäßig weiterentwickelt, so müsste sie auch für die naturwissenschaftlich und für die psychologisch erforschbaren Dimensionen der Wirklichkeit eine zeitgemäße Glaubenslehre formulieren und diese ständig weiterentwickeln. Denn ein inkarnatorisch verstandener Glaube braucht den ständigen Dialog mit der Welt und ihren verschiedenen Wirklichkeitsaspekten. Nur so gibt es ein zeitgemäßes Glaubensverständnis, nur so gibt es ein zeitgemäßes Verständnis vom Wirken Gottes in der Welt, nur so kann eine zeitgemäße Gebetssprache entwickelt werden. Denn die Gotteskrise oder Glaubenskrise ist nach meiner Überzeugung darin begründet, dass die Kirche in den Bereichen Naturwissenschaftliches Weltbild und Psychodynamik des Menschen seit Jahrhunderten kein zeitgemäßes Verständnis vom Wirken Gottes formuliert hat. Die Enzykliken dafür fehlen. Meine Hoffnung ist, dass dieses Defizit bald beseitigt wird.
    Manfred Hanglberger (www.hanglberger-manfred.de)

    • Zudem: wenn ich mir die Vita deutscher Bischöfe ansehe, weist ein nicht unerheblicher Teil eine kirchliche Ämterlaufbahn auf, diverse Lehrtätigkeiten, Einstieg in Tätigkeiten der kirchlichen Verwaltung, dann im gehobenen Dienst mit verhältnismäßig kurzer praktischer Tätigkeit als Priester bzw. Kaplan vorab meist in (sehr) jungen Jahren. Das dürfte auf menschlicher Ebene prägend sein und pastoraler empathischer Nähe/Umgang nicht unbedingt förderlich. Dann ist auch jeder Bischöf in das Dienstrecht eingestellt, er kann seine Pflichtbesuche absolvieren und rechtens dann abgeben, weiterleiten, abwiegeln – da sitzt er am längeren Hebel. Auch finanziell hat er im Gegensatz zum durchschnittlichen Laien einen priviligierten Status.
      Zwar schliesse ich mich dem latenten Appell des Kommentators Herrn Hipp an, den christlichen Laien wertschätzend zu begegnen und die im Laienapostolat innewohnenden Ressourcen begegnend aufzugreifen, doch bleibe ich was die Praxis angeht sehr skeptisch. Dabei möchte ich noch auf die oft sehr schwierigen Spannungen unter katholischen Laien unter den sog. Romtreuen und sog. Liberalen (ich übernehme da nur die geläufigen Bezeichnungen aus diesen Lagern..) verweisen. Das macht die Sache nicht leichter.

  2. Kommentar:Die Bischöfe können nicht…/12.10.12

    Jedes Volk hat die Kirche,die es verddient…

    …unser Papst hat ja recht:
    unsere wirklich reiche deutsche Kirche- das sind wir ja alle – delegiert das Evangelium an die Caritas…
    und verpulvert Abermillionen in den Erhalt und die Verwaltung von immer weniger genutztem “Eigentum”…

    “Und eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr…”

    -wenn der Papst/die Bischöfe “Rom” mit Auschwitz/Guantanamo/der Leiharbeiterbude/dem letzten versifften Kinder-Altenheim,etc. vertauscht haben,
    -wenn SEINE Kirche “still” wird,das Evangelium ohne Tröten/Events/Talkshows verkündet ,
    -wenn die Bischöfe ebenso wie alle an den Christus Glaubenden jeden Morgen und jeden Abend fragen: “Quo vadis Domine ?”,
    – dann …dann …dann …!!!
    KH.Kähny

  3. Verstehe ich das richtig: Vor allem die Bischöfe haben die Aufgabe, die kirchliche Struktur zu schützen. Und daher müssen es die Laien sein, die durch ihr Glaubenszeugnis und ihre aktive Rolle in der Verkündigung bezeugen, dass die Botschaft wirklich um der Menschen willen – und nicht um des Strukturerhaltes willen verkündet wird?
    Bedeutet das nicht, dass den Bischöfen die Aufrechterhaltung der Kirchenstruktur anvertraut ist – und den Laien die Verkündigung/Bezeugung des Evangeliums? Damit wäre ja die Kirchenleitung von der Aufgabe entbunden, auch IN ihrer Struktur das Evangelium glaubwürdig zu verkünden. Und die Laien müssten – was ja längst geschieht – ein Evangelium bezeugen, das permanent von der Kirchenstruktur und den Amtsinhabern konterkariert wird. Das kann nicht gut gehen, fürchte ich. Nötig wäre eine tiefere Verankerung von Laien UND Kirchenleitungen im Evangelium – und dann ein Umbau der bestehenden Kirchenstruktur hin zu einer Kirche, die bei den Menschen glaubwürdig ist, weil sie – wie Jesus – den Menschendienst zu ihrer Sache gemacht hat. Diese Botschaft würde verstanden werden bei denen, die unter die kirchlichen und andere Räuber gefallen sind. Events sind da nicht hilfreich – angesagt ist Umkehr.

  4. Es wäre gut, wenn die Bischöfe ihr Amt nur für eine begrenzte Zeit ausüben und dann wieder als Pfarrer in einer Pfarrgemeinde ihren Dienst ausüben.
    Dann würden sich die Strukturen nicht verfestigen und die Kirche näher an den Menschen und unter den Menschen zum Leben kommen. Aber wer fängt damit an? Allein die Verpflichtung auf die Tugend des unveränderlichen und statischen Gehorsam verhindert eine dynamische Entwicklung.

  5. Der bekannte Bibelfachmann Prof. Herbert Haag hat – in seinen Büchern nachlesbar – nachgewiesen, dass Jesus nie eine “Kirche” gründen wollte und dass es – davon abgesehen – nicht ein einziges “Amt” in der römischen Verwaltung gibt, das sich auf Jesus zurückführen läßt. Sicher wäre es sehr sinnvoll, das endlich zu beachten und sich von den so traditionsreichen Irrwegen zu trennen, weil diese nicht zu Gott führen. Und darauf käme es doch wohl an!

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