Ökumene von unten (07.09.2012)

In Bochum ist aus der Nachbarschaft von Katholiken und Protestanten eine Initiative entstanden, an deren Spitze sich der Bundestagspräsident gestellt hat: Mehr Schritte zur Kirchengemeinschaft. Warum die nicht gegangen werden, zeigt die Reaktion beider Kirchenleitungen. Ihre Antwort: So einfach ist es nicht. Aber haben die Laien nicht Recht, dass es den Kirchenleitungen an Schwung fehlt? Es ist mehr möglich und es ist auch schon mehr erreicht.

Einigkeit in der Frage der Rechtfertigung

Die Initiative weist darauf hin, dass die Reformation eine Sache der Fürsten war. Die Konfessionsentscheidung des Landesherrn wurde den jeweiligen Untertanen aufgezwungen. Erst der Westfälische Friede nahm mehr als 100 Jahre später, nach dem verlustreichen Unentschieden zwischen Kaiser und Fürsten das Privileg der Fürsten zurück, über die Konfession ihrer Untertanen bestimmen zu können.

In seiner Antwort auf die Initiative stellt der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz die theologischen Differenzen in den Vordergrund. Sie seien für die Reformation bestimmend gewesen. Aber stimmt das noch, nachdem der Lutherische Weltbund und der Vatikan bereits 1999 ein Dokument unterzeichnet haben, in dem beide Kirchen die Lehrverurteilungen des 16.Jahunderts zurücknehmen und erklären, im Verständnis der Rechtfertigung keine Differenz  zu haben?

Fast 500 Jahre nach dem Thesenanschlag Luthers stellen beide Kirchen fest, dass sie bereits damals das gleiche Verständnis der Erlösung hatten, nämlich dass der Mensch nicht zu seiner Rettung beitragen kann als nur dies, das Gnadengeschenk Gottes auch anzunehmen. So hat es das Konzil von Trient formuliert und so steht es in der Confessio Augustana. Obwohl sich der zentrale Streitpunkt zwischen Reformatoren und römischer Zentrale als Missverständnis herausgestellt hat, gab es keinen Aufwind für die Ökumene. Insider sagen, mit der Unterschrift unter das Dokument sei der Prozess der Annäherung zum Stillstand gekommen. Wenn das die Realität ist, dann hilft Übereinstimmung in zentralen theologischen Fragen offensichtlich der Ökumene nicht weiter. Vielleicht hilft dann Psychologie weiter.

Was rechtfertigt die Kirchentrennung noch

Wenn das römische Lehramt bereits zu Lebzeiten Luthers seine zentrale These zwar anders formuliert, aber in der Sache gleich gesehen hat, warum war dann die Kirchenspaltung notwendig? Und was rechtfertigte einen Dreißigjährigen Krieg? War das vielleicht nur ein großes Missverständnis? Diese Frage ist nie gestellt worden, auch nicht auf den ökumenischen Kirchentagen. Weil auf die Unterzeichnung der gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigung kein gemeinsames Schuldbekenntnis folgte, bleibt die Hürde unüberwindlich. An diesen wunden Punkt rührt auch die Initiative der Bochumer Christen nicht. Die Aussöhnung zwischen Frankreich und Deutschland sowie die Initiative der katholischen Bischöfe Polens zur Aussöhnung mit Deutschland könnten den Kirchenleitungen ein Beispiel sein. Ein reflektierter psychologischer Blick kann noch ein Weiteres entdecken, wenn er nach dem Kirchenbewusstsein fragt.

Gehören Katholiken und Protestanten zu einer Kirche oder verstehen sie sich als zwei Kirchen?

Liest man das Papier der Initiative, dann sprechen die Unterzeichner aus dem Bewusstsein, dass Katholiken und Protestanten zusammen gehören. Sind sie aber tatsächlich Mitglieder der einen Kirche oder ist im 16. Jahrhundert eine neue Kirche entstanden? Das Bewusstsein der Deutschen Bischofskonferenz wie auch der EKD dürfte eher dahin tendieren, zu jeweils einer anderen Kirche zu gehören. Bei der katholischen Kirche wird der Unterschied sofort deutlich, wenn es um orthodoxe Kirchen geht. Diese werden problemlos als authentische Kirchen mit Bischöfen gesehen, die den gleichen theologisch bestimmbaren Rang wie katholische Bischöfe haben. Aber kann es tatsächlich zwei oder noch mehr Kirchen geben?

Die katholische Kirche formuliert seit dem II. Vatikanischen Konzil vorsichtig, dass die Kirche in der katholischen Kirche subsistiert, sich also mit allen notwendigen Merkmalen in ihr verwirklicht. Die Differenz zwischen Kirche und Konfession hat der neue Präfekt der Glaubenskongregation des Vatikans in einer Laudatio für den emeritierten bayerischen Landesbischof Friedrich so ausgedrückt: „‘Die Taufe begründet ein sakramentales Band der Einheit zwischen allen, die durch sie wiedergeboren sind.‘“ (Bischof Müller zitiert das Konzilsdokument über den Ökumenismus)

Er fährt fort: „Die Taufe ist das grundlegende Zeichen, das uns sakramental mit Christus eint und vor der Welt als die eine Kirche sichtbar macht. Wir sind als katholische und evangelische Christen also auch in dem schon vereint, was wir die sichtbare Kirche nennen. Es gibt daher – genau genommen – nicht mehrere Kirchen nebeneinander, sondern es handelt sich um Trennungen und Spaltungen innerhalb des einen Volkes und Hauses Gottes.“
(Zur Debatte. Themen der katholischen Akademie in Bayern, Heft 7, 2011, S.7)
Gerhard Ludwig Müller war damals noch Bischof von Regensburg und in der Bischofskonferenz Vorsitzender der Ökumene-Kommission. Dass hier Unklarheiten bestehen, vielleicht weniger im Theologischen als im gelebten Selbstverständnis der Kirchenleitungen zeigt u.a. das Wort katholisch:

Katholisch oder christlich

Seit der Reformation gelten diejenigen Christen als “katholisch”, die den Papst in Rom anerkennen. Weil die Protestanten die ursprüngliche Bedeutung des Wortes nicht mehr kennen, haben sie im Glaubensbekenntnis das “katholisch” durch “christlich” ersetzt, denn sie wollen ja gerade nicht päpstlich sein. Die Wesensbezeichnung “katholisch” ist aber nicht in Rom entstanden, sondern im Osten in der Auseinandersetzung mit der Gnosis, die nur “Wissenden” den Zugang zur Erlösung zubilligen wollte. Schon die späten Schriften des Neuen Testaments setzen sich mit der von der griechischen Philosophie inspirierten Vorstellung auseinander, die Erlösung als besondere Erkenntnis verstehen wollte. Dem stellte man die Aussage entgegen, dass nicht nur Intellektuelle, sondern auch die einfachen Leute, also die Putzfrau, genauso in den Himmel kommen wie die Hochgebildeten.

Es wäre also an der Zeit, dass die evangelischen Kirchen zu dem Text des Glaubensbekenntnisses zurückkehren, wie dieser von den ersten Konzilen formuliert worden ist.  Auch wenn in der Frage des Bischofs- und Priesteramtes noch Differenzen bestehen, das Verständnis, dass Protestanten zur gleichen, von Christus gestifteten Kirche gehören wie die Katholiken, ließe sich an vielen Punkten umsetzen

Weniger Kirchen und mehr gemeinsame Gremien

Dass die Kirchensteuer zahlenden Christen nicht darauf hingewiesen haben, dass die Kirchen beider Konfessionen meist ungenutzt sind und man eine Menge Geld sparen würde, wenn beide Konfessionen wie z.B. in Wetzlar oder Bautzen, dieselbe Kirche nutzten, sollte nachgetragen werden. Dann müssten die Kirchen auch tagsüber nicht zugeschlossen bleiben, sondern stünden für das persönliche Gebet wie auch für Gebetsgruppen, die z.B. das Stundengebet wieder beleben, offen.

Das Bewusstsein, dass Christus nur eine Kirche gewollt hat, könnte sich im Alltag so umsetzen, dass gemeinsame Probleme, vor allem der Glaubensschwund und die immer noch rückläufige Beteiligung der Getauften am Gottesdienst, auch gemeinsam angegangen werden.

Wenn katholische Pfarrgemeinderäte schon kaum Katholiken anderer Muttersprache in ihren Reihen aufnehmen, könnten sie doch evangelischen Mitchristen einen Platz geben. Gleiches gilt für die Presbyterien der evangelischen Kirche. Und warum sind in den Kommissionen der deutschen Bischofskonferenz wie der EKD nicht jeweils zwei Plätze mit Amtsträgern der anderen Konfession besetzt?

Eckhard Bieger S.J.
kath.de
-Redaktion

3 thoughts on “Ökumene von unten (07.09.2012)

  1. Vielen Dank für den hilfreichen Artikel!
    Hier meine zusätzlichen Vorschläge, um auf dem Weg der Einheit der Christen voranzuschreiten:
    1. Das offizielle Schuldbekenntnis in der Heiligen Messe neu zu formulieren, so dass es auch evangelische Christen mitbeten können. Auch kritische und mitdenkende Katholiken (wie z.B. meine 88-jährige Mutter) haben Probleme mit der Anrufung der „seligen Jungfrau Maria, aller Engel und Heiligen“, um Gottes Herz zu erweichen, damit er mir meine Sünden verzeiht.
    2. Die Anrufungen der Heiligen in katholischen Gottesdiensten und Andachten nicht mehr mit „Bitte für uns“ beantworten zu lassen, sondern z.B. mit „Dein Geist stärke uns“. Vielleicht können dann auch evangelische Christen mitbeten?
    3. Beim „Ave Maria“ den zweiten Teil so verändern, dass Maria nicht mehr als Fürbitterin, sondern als Helferin angesprochen wird – und nicht nur für die persönliche Todesstunde, als wäre dies das einzige und entscheidende Problem, das uns Christen bewegt.
    4. Entsprechend sind auch sonstige Gebete und Lieder, die für Maiandachten und andere Marienandachten Verwendung finden, neu zu formulieren.
    5. Bei Gebeten für die Verstorbenen ist Gott nicht vorrangig um Barmherzigkeit für sie anzurufen, sondern um seine Hilfe für eine evtl. notwendige Versöhnung zwischen Lebenden und Verstorbenen, um Stärkung und Orientierung auf dem Weg der Trauer.
    6. Im Glaubensbekenntnis wird „katholisch“ nicht nur von den evangelischen Christen falsch verstanden; auch die meisten Katholiken glauben, dass es sich dabei um die katholische Kirchenorganisation handelt. Könnten sich nicht beide Konfessionen auf einen Text einigen, der das griechische Wort auf Deutsch übersetzt??
    7. Vor der Einführung des neuen Messbuches und des neuen Gotteslob-Buches müssten solche Einigungen in der Gebets- und Glaubenssprache verwirklicht werden!
    8. Die evangelischen Christen müssten ihre verlorengegangene Beziehungskultur zu den Verstorbenen (und damit auch zu den Heiligen) wieder herstellen, denn „Gott ist kein Gott von Toten, sondern von Lebenden. Für ihn sind alle lebendig.“ – Für uns etwa nicht?
    Die Verstorbenen waren und bleiben personale Wesen, mit denen weiterhin eine „Beziehungskultur“ möglich und angemessen ist: Man kann sie direkt ansprechen und es gibt weiterhin ein seelisches Geben und Nehmen mit ihnen.
    Manfred Hanglberger (www.hanglberger-manfred.de)

  2. …die Konfessionen erliegen der Versuchung des Glaubens an die eigene Unsterblichkeit.
    Unsterblich ist nur SEINE Kirche: ” wo 2 oder 3 in meinem Namen…”,
    ” wer mich vor den Menschen bekennt…”
    So gilt das “memento mori” wesentlich und wiederum einer Theologie,welche den Gottsuchern “( moralische-) Lasten schnürt,die zu tragen sie selber nicht bereit ist…”
    KH.Kähny

  3. Die Beiträge sind sehr gut und heben sich von Beiträgen anderer Medien in Wort und Meinung ab.In einem Beitrag für das Wartburgradio 96.5 ein Regionalsender,habe ich einen Beitrag gemacht.
    WzW 17.1.2009
    Ein Hubschrauber soll Hilfe bringen, aber dazu muss ein Landeplatz eingerichtet werden.
    Die einzelnen Gruppen diskutieren miteinander und kommen zu keinem Ergebnis.
    Denn jeder hält seine Methode für die Richtige.
    Die einen möchten Fackeln aufstellen, die anderen Weiße Laken auslegen oder wieder andere meinen, winken würde ausreichen.

    Die großen Kirchen halten diese Woche, wie jedes Jahr, die Allianz-Gebetswoche für die Einheit im Glauben.
    Einen Gedanken möchte ich anregen „du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen“ so steht es in der Bibel. Gestritten wird immer um den Anfang des Satzes. Der zweite Teil ist der Wichtigere:“ will ich meine Kirche bauen.
    Dieser Satz ist, so lange es die Kirche gibt, ein Schlüsselsatz geblieben.
    Christus spricht ausdrücklich von „ meiner Kirche“, das heißt von der Kirche Christi und nicht von meiner persönlichen Kirche.
    Ich kann mir meine Kirche nicht nach meinem Geschmack und Willen zurechtzimmern.
    Es geht hier de Beteiligten nicht um Einsichten und Notwendigkeiten, sondern um Macht und Besitz. Die Streiter haben nur ihre persönliche Sicht von Kirche im Blickfeld.
    Kirche ist für diese Streithähne, meine Pfarrei, meine Gemeinde, mein Amt, mein Einfluss.

    An die Stelle von Mein kann ich kein anderes Wort setzen, schon gar nicht eine Gruppe oder ein Land. Wir Deutschen hatten es ja schon einmal versucht, mit dem Ergebnis, dass sich „deutsche Christen“ nannte.
    Der alte Fritz hat mit seinem Wort: Jeder soll nach seiner Fasson selig werden, eine Lawine losgetreten. Wir Deutschen sind, auch wenn viele das Gegenteil behaupten, obrigkeitsgläubig.
    Wir fragen nicht zu erst nach der Wahrheit, wenn ein Prophet kommt und seine Lehre gut verpackt anpreist.
    Alle denen es mit der Ökumene nicht schnell genug geht,
    alle christlichen Kirchen, ob Evangelisch, Katholisch oder Orthodox, sollten sich einmal mit dem Halbsatz , „auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen,“ ernsthaft beschäftigen
    ein Zweiter Satz aus dem Korintherbrief, sollten wir hier bei auch bedenken.
    Wir dagegen verkündigen Christus als den Gekreuzigten:
    1 Korinther 1,23
    Das Heißt, nicht den katholischen oder den protestantischen auch nicht den feministischen oder den von mir zurechtgemachten.

    Wenn alle daraus ihre Konsequenzen ziehen sind wir auf dem rechten Weg zur Einheit. Und nicht, wenn wir nur, ohne Ausnahme, unsere Besitztümer verteidigen und nie fragen ist meine Kirche, die Kirche Christi!
    Eine Behauptung ist noch lange nicht die Wahrheit.

    Gute Gedanken und eine gute Woche wünscht Ihnen hermann sudhoff
    von der St. Elisabeth-Gemeinde Eisenach

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