Beleidigtes Italien: Von Deutschland nicht verstanden (10.08.2012)

Angela Merkel mit strengem Blick, die rechte Hand angehoben. Bildtitel: Quarto Reich. So titelte das italienische Blatt „Il giornale“ auf der ersten Seite nach der Pressekonferenz von EZB-Präsident Mario Draghi vor etwa einer Woche. In Italien war erwartet worden, dass der Landsmann an der Spitze der EZB ein Einsehen auch mit seinem Heimatland hat und sich mit dickem Geldbeutel an den italienischen Staatspapieren bedient. So wäre neue Liquidität in die italienische Staatskasse gelangt und die hohen Zinsen für die Staatsanleihen wären gesunken. Draghi hatte mit seiner Aussage, „mit allen Mitteln“ gegen die Eurokrise zu kämpfen, solche Erwartungen geweckt. In der Pressekonferenz hatte er sich aber nicht mit der gewünschten Eindeutigkeit zu dem Kauf von Staatspapieren der Krisenländer bekannt. Die Erwartungen in Italien wurden enttäuscht. Es kann doch wohl nicht anders sein, als dass er sich dem Spardiktat von Angela Merkel gebeugt hat.

Das rechtspopulistische Blatt „Il giornale“, dessen Herausgeber und Besitzer bis 1992 Silvio Berlusconi war und das seither seinem Bruder Paolo gehört, schreckte nicht davor zurück, den Fall mit dem billigsten und gefährlichsten aller Deutungsmuster zu erklären: Deutschland strebt  in der Eurozone nach Hegemonie und setzt diese nicht mit Waffengewalt, sondern mit der Währungspolitik durch. Es will dominant werden und den Kurs alleine bestimmen. Angela Merkel wird zur politischen Erbschaftsverwalterin Adolf Hitlers gemacht. Wie es damals versäumt wurde, Hitler auszubremsen, so werde es auch heute versäumt. Was nicht geschrieben steht, aber gemeint ist: Nur Berlusconi kann Italien retten. Er ließe sich nicht von Merkel so vorführen wie dies Mario Monti tut. Das Blatt arbeitet mit blankem Populismus auf das politische Comeback von Berlusconi hin.

Über derartige Töne könnte man sich empören: Italienurlaub absagen, Fiat oder Lancia verkaufen, deutsche Nudeln essen. Dann stünde man allerdings auf demselben Niveau wie Berlusconis Hauspostille. Jedoch: Mit billigen Mustern lassen sich keine hohen Ziele erreichen. Und Europa ist ein hohes Ziel. Erst in der Krise zeigt sich, was das Europäische Projekt verlangt, wenn es denn gelingen soll. Europa ist nicht nur eine Angelegenheit der Währungshüter und Wirtschaftspolitiker. Die Fundamente, auf denen Wirtschaftspolitik erst aufsetzen kann, ist einerseits Rechtssicherheit, andrerseits aber auch Vertrauen und Verläßlichkeit, Verständnis und Kenntnis der Kultur, gegenseitige Wertschätzung, trotz unterschiedlicher Wertesysteme. Diese prallen jetzt aufeinander.

Es ist für italienische Bürger schwer verständlich, dass eine europäische Zentralbank konsequent der Währungsstabilität verpflichtet bleibt und keinerlei Wirtschaftspolitik betreibt. Wo bleibt denn so die Anerkennung für die italienischen Sparbemühungen? Was hat Italien davon, wenn es jetzt harte Einschnitte am Gesundheitssystem in Kauf nimmt, dessen Leistungen im Vergleich mit dem deutschen ohnehin dürftig sind? Welche Glaubwürdigkeit haben denn öffentliche Institutionen, wenn die Regierungen seit dem Krieg über 60 Mal gewechselt und die sogenannten Volksvertreter und Beamten vor allem den eigenen Vorteil im Blick haben? Was ist überhaupt vom Staat zu erwarten? Diese Fragen bedrängen die italienische Volksseele. Sie können nur überwunden werden, wenn sie zuvor verstanden werden.

Ein Blick auf das Sparverhalten in Italien ist dafür aufschlußreich. Traditionell sparen die privaten Haushalte in Italien, trotz geringeren Einkommens, etwas mehr als in Deutschland. Während in Deutschland 10% des Einkommens bei der Bank bleiben, sind dies in Italien etwa 2% mehr. 80% der Italiener leben in – meist abbezahlten – eigenen vier Wänden, jedoch nur 50% der Deutschen. Der Schuldenberg der privaten Haushalte Italiens beträgt insgesamt 34% des  Bruttosozialproduktes, in Deutschland beträgt der Vergleichswert 63%, in Großbritannien über 100%. Blieben die Einkommen gänzlich aus, fielen innerhalb von drei Monate in Italien 32% unter die Armutsgrenzen, in Deutschland wären es hingegen 52%, so ein Arbeitspapier der italienischen Zentralbank.

Dieses Sparverhalten mag viele wirtschaftliche Gründe haben. Die gravierenden und dauerhaften Unterschiede im Sparverhalten lassen sich jedoch nur durch unterschiedliche Mentalitäten erklären. Das Vertrauen in öffentliche Einrichtungen und in den Staat ist in Italien viel geringer als in Deutschland. Man vertraut der Familie, der Verwandtschaft, den eigenen vier Wänden, dem Ersparten und – der Volkskirche mit ihren Heiligen wie Padre Pio und San Antonio, weniger den Bischöfen und dem Vatikan.

Ganz anders ist der deutsche Blick auf Italien. Wenn Italien nun spart, dann kommt es lediglich seinen versäumten Pflichten nach. An Deutschland könnte man sich ein Beispiel nehmen, wie ein einigermaßen guter Staat funktionieren sollte.

Diese Unterschiede der Mentalität müssen – und dürfen – durch ein geeintes Europa nicht eingeebnet werden. Aber diese werden sich in allen Bereichen der europäischen Politik bemerkbar machen: Kultur, Wirtschaft, Recht, Gesundheit, Soziales. Hier steckt ein immenses Aufgabenfeld. Die gegenwärtige Euro-Krise wird eigenartiger Weise kaum den überbordenden und kostspieligen Einrichtungen der europäischen Union angelastet, die sich vor allem durch die Produktion bürokratischer Spitzfindigkeiten hervortun. Wäre es nicht ihre Aufgabe, vor allem dafür zu sorgen, dass die Unterschiede in den Mentalitäten, Kulturen und Geschichten der EU-Länder stärker zueinander hin vermittelt und mehr Kenntnis voneinander und Verständnis füreinander erzeugt würde?

Man kann nur hoffen, dass Angela Merkel jetzt ihrem Grundsatz der Stabilität des Euro treu bleibt und dass es gleichzeitig gelingt, die Unterschiede der Nationen zu respektieren. Nur so wird Europa dazu hingeführt, ein solides Fundament für eine gemeinsame Zukunft auszubilden – oder aber an der selbst gestellten Aufgabe zu scheitern.

Theo Hipp, kath.de-Redaktion

One thought on “Beleidigtes Italien: Von Deutschland nicht verstanden (10.08.2012)

  1. Der obige Beitrag ist für einen normalen Bürger verständlich.
    Für einen christen auch noch – doch wo bleibt der christlich-abendländiche Geist.
    Ich wüsche mir das Eingreifen des Heiligen Geistes.
    mfg
    Johann Peter .

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