Vertrauen – die Währung, die Zahlungsfähigkeit garantiert (06.07.2012)

Es geht seit Monaten um das Geld, das Geld, das die einen haben und das die anderen brauchen. Der Zinssatz zeigt an, wie viel Vertrauen der Geldgebende in den setzt, dem er Geld leiht. Mangelndes Vertrauen “kostet”, man kann es an der Höhe des Zinssatzes ablesen. Allerdings ist das Verhältnis nicht einseitig. Denn derjenige, der Geld hat, braucht andere, die mit seinem Geld etwas anfangen. Er muss Vertrauen schenken. Die Zinsen der meisten Staatsanleihen sind steil nach oben gegangen. Im Vatikan gibt es einen erheblichen Vertrauensverlust, der deutsche Verfassungsschutz hat erheblich an Vertrauen verloren und die Missbrauchsfälle kosten die Katholische Kirche in Deutschland immer noch einen erheblichen Preis. Vertrauen ist ein teures Gut.

Vorgänge im Vatikan

In nächster Zeit sollen die Untersuchungsergebnisse veröffentlich werden, wer die  Schriftstücke, die auf dem Schreibtisch des Papstes lagen, für was verwendet hat. Namentlich bekannt ist nur der Kammerdiener des Papstes, der jedoch nicht für ein eigenes Archiv, sondern für andere gearbeitet hat. Es ist auch schwer auszumachen, um was es eigentlich geht. Sicher gibt es Kräfte im Vatikan, die mit Personalentscheidungen des Papstes nicht einverstanden sind. Zum einen fühlt sich der Diplomatische Dienst im Vatikan nicht mehr angemessen auf der höchsten Führungsebene vertreten. Denn weder der Papst noch sein Premierminister, der Kardinalstaatssekretär, haben ihre Karriere im diplomatischen Dienst des Vatikans gemacht. Pius XII., Johannes XXIII. wie Paul VI. waren in Nuntiaturen bzw. im Staatssekretariat tätig. Unter dem polnischen Papst wurde das Staatssekretariat von einem Diplomaten geleitet. Der jetzige Leiter, Tarcisio Bertone, war zweiter Mann der Glaubenskongregation und entstammt dem Salesianerorden. Er ist nicht das einzige Mitglied dieses Ordens, das im Vatikan Dienst tut. Das erklärt die Rebellion gegen den jetzigen Ministerpräsidenten des Papstes. Weiter kämpfen die Legionäre Christi gegen das Opus Dei und möglicherweise gegen den Papst, denn dieser hat die Machenschaften des mexikanischen Gründers dieser Gemeinschaft aufgedeckt. Er hat den Nachfolger von Marcial Maciel abgesetzt und einen Visitator installiert. Die Legionäre verfügen über Einfluss wie über Geld. Wenn sie Benedikt XVI. das entschiedene Durchgreifen übel nehmen, könnten sie den Kammerdiener des Papstes für ihre Zwecke “gekauft” haben.

Dass Kräfte in der Kirche Zugriff auf den Schreibtisch des Papstes gesucht und erlangt haben, hat den “Zinssatz” für gegenseitiges Vertrauen im Vatikan in die Höhe schnellen lassen. Wer ein wichtiges Dokument auf seinem Tisch hat, wir automatisch daran denken, ob es ihm entwendet oder von jemandem kopiert wird. Ähnlich hat der erst jetzt aufgedeckte Missbrauch das Vertrauenskapital der Katholischen Kirche in Deutschland zusammenschmelzen lassen.

Missbrauch und die Verantwortung einer Institution

Die meisten Missbrauchsfälle ereignen sich im familiären Umfeld. Die weitaus größere Zahl der Opfer sind Mädchen. Dass die Katholische Kirche durch Fälle, die oft schon Jahrzehnte zurücklagen, so viel Gegenwind bekam, liegt an dem Umgang mit den Fällen. Die Institution hatte keine Verfahren entwickelt, auf solche Vorfälle zu reagieren und hat darüber hinaus die Täter weiter eingesetzt. Es haben nicht nur einzelne versagt, sondern die Institution. Das ist umso schwerwiegender als die Institution hohe moralische Ansprüche nicht nur an ihre Mitglieder stellt. Der Vertrauensverlust, den die katholische Kirche auch durch die zögerliche Aufarbeitung, hinnehmen muss, läßt sich mit den sogenannten „Pannen“ des Verfassungsschutzes vergleichen.

Ist der Verfassungsschutz auf dem rechten Auge blind?

Die Morde, die eine kleine Gruppe von Neonazis über Jahre verüben konnte, wurden durch Versagen der Ermittlungsbehörden ermöglicht: Fehlende Intensität, die Spuren zu verfolgen, die Rivalität zwischen Polizei und Verfassungsschutz, diese wurde noch durch die Nachricht übertroffen, dass Akten zu den Morden vernichtet wurden. Die Bürger wie auch die Abgeordneten verlieren immer mehr das Vertrauen in die Bereitschaft der Behörde, politisch motivierte Straftaten zu verfolgen. Sie fragen sich auch, ob die Rechte Szene mit gleicher Intensität beobachtet wird wie die Linke. Die Folgen des Vertrauensverlustes: Dem Verfassungsschutz traut man nicht mehr zu, dass er seine Aufgaben wirklich erfüllt. Das Misstrauen bleibt, ob es Kräfte in seinen Reihen gibt, die die Hand über die Neonazigruppe hielten.

Reale Zinsen für reales Geld

Der Zins bemisst sich umgekehrt proportional zu dem Zutrauen, dass der Schuldner seine Raten bezahlen wird. Die Zinsen zeigen, dass Geld nicht ein objektiver Wert ist, sondern eben auch als symbolischer Wert  jeden Tag, ja sogar stündlich neu bestimmt werden muss, z.B. durch den Wechselkurs mit anderen Währungen. Ebenso bewegt sich der Börsenkurs von Aktiengesellschaften an 5 Tagen der Woche.

Das Symbol des Higgs-Teilchens

Die Physik liefert uns mit den letzten Meldungen zur Identifizierung des sog. Higgs-Teilchens eine Vorstellung, wie Vertrauen wirkt. Man kann es ja mit Geldaufwand nicht herstellen. Ähnlich schwierig ist es, das physikalische Phänomen experimentell zu fassen. Wie das Vertrauen zum Thema einer Gesellschaftstheorie gemacht werden kann, so kann man dieses Teilchen in der Theorie berechnen. Es wird so erklärt, dass es nicht durch weitere Teilung der Elementarteilchen gefunden wird, sondern es gibt den Elementarteilchen Masse. So ähnlich wirkt Vertrauen, es gibt dem Geld erst seinen Wert, der Institution Kirche Vertrauen. Das Higgs-Teilchen scheint immer da zu sein, es wird Gott-Teilchen genannt, als würde Gott über dieses Teilchen direkt in den Kosmos eingreifen.

Wie das Higgs-Teilchen immer da sein muss, so auch das Vertrauen, damit der Austausch, die Kooperation, Vereinbarungen für Zukünftiges überhaupt zustande kommen.

Was ist aber, wenn das Vertrauen verloren wurde? Die Menschen können es nicht einfach wiederherstellen. Sie können sich nur auf die Basis besinnen, dass das Leben weiter geht und man für den nächsten Tag schon wieder Vertrauen braucht. Das Vertrauen kommt sozusagen aus dem Fortgang der Geschichte wieder zurück. Es ist mit der Erschaffung des Menschen in sein Zusammenleben eingestiftet.

Konsequenzen

Erstaunlich ist, wie leichtsinnig wir Vertrauen verspielen, obwohl wir spüren, dass unser Zusammenleben ohne dieses „Teilchen“ nicht möglich ist. Wenn es aber eine Quelle des Vertrauens gibt, die man immer wieder freilegen kann, dann folgt daraus, dass wir Vertrauen neu in den Kreislauf einbringen müssen, z.B. das Vertrauen, dass die Griechen oder die Italiener es doch schaffen. Die Kirche in Deutschland hat das Vertrauen verloren, dass Gott Menschen zum Glauben führt. Der Papst versucht die Vertrauenskrise unter den Mitarbeitern des Vatikans dadurch zu überwinden, dass er Vertrauen ausspricht, seinen engsten Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen gegenüber und diese Woche mit einem persönlichen Brief seinem Ministerpräsident Tarcisio Bertone.

Eines ist sicher: Wir Menschen können nicht das nötige Vertrauen wiederherstellen. Es muss eine andere Quelle geben, aus der sich Vertrauen wieder bilden kann.

Eckhard Bieger
kath.de-Redaktion

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