Vati-Leaks, quo vadis? (20.07.2012)

Ein Zwischenstand

Vati-Leaks nannte Vatikansprecher P. Federico Lombardi das öffentliche Erscheinen vertraulicher Dokumente aus dem Vatikan. Als Alleinschuldiger sitzt seit fast zwei Monaten der Butler des Papstes, Paolo Gabriele, in vatikanischer Untersuchungshaft. Am 22. Mai schöpfte Prälat Georg Gänswein Verdacht, am 23. Mai wurde die Wohnung Gabrieles im Vatikan durchsucht – und die Ermittler wurden fündig. Kopien vertraulicher Papiere vom päpstlichen Schreibtisch fanden sich dort. Unter anderem auch jene, die etwa eine Woche zuvor von dem italienischen Journalisten Gianluigi Nuzzi in wüster Eile zu einem Buch zusammensortiert und mit dem Titel „Seine Heiligkeit – Die geheimen Brief aus dem Schreibtisch Papst Benedikts XVI.“ veröffentlicht wurden.

Seither schaut die Welt neugierig auf den Vatikan: Wer hat sich dieses Menschen bedient, der von allen Seiten als gutmütig, fromm und loyal, mit vielfältigen Kontakten innerhalb und außerhalb des Vatikans beschrieben wird? Wurde er gar schon mit der Absicht in die Position des persönlichen Kammerdieners des Papstes gebracht, um sich seiner Gutgläubigkeit zu bedienen und an Informationen aus dem päpstlichen Appartement zu gelangen? Gabriele schien sich keiner Schuld bewußt gewesen zu sein. Auch als er am Tag vor seiner Verhaftung von Prälat Gänswein zur Rede gestellt wurde, brachte er die Beweismittel nicht in Sicherheit und ließ sich „in flagranti“ entdecken. Wer vermittelte ihm diese Sicherheit? Wer brachte ihn dazu, blind und ergeben auch Schriftstücke zu kopieren, deren Sprache er nicht verstand und deren Inhalt er nicht lesen konnte?

Nuzzi hat seine eigene Quelle überführt

Es war das Enthüllungsbuch Gianluigi Nuzzis, das Prälat Gänswein auf die Spur brachte. Es fand sich in dem Buch neben vielen anderen Dokumenten auch ein Auszug aus der Bilanz der „Stiftung Joseph Ratzinger – Benedikt XVI“. Dieses Dokument kam nicht aus dem Staatssekretariat, wo das Leck bisher vermutet worden war. Es kam auf direktem Weg von der Stiftung ins päpstliche Appartement. Damit wurde der Kreis der Verdächtigen enger. Einer der ersten Effekte der Veröffentlichung des Enthüllungsbuches war somit die Überlieferung der eigenen Quelle, kryptisch „Maria“ genannt. Hatte sie ihren Zweck nun erfüllt?

Neid und Eifersucht – oder strategische Operationen?

Seither wartet die Öffentlichkeit vergeblich auf weitere Fakten. Die Drohung, veröffentlicht in der italienischen Zeitung „La Repubblica“, weitere Dokumente zu veröffentlichen, wenn bestimmte Personen nicht aus dem Umfeld des Papstes entfernt würden, offenbarte sich als Schaumblase. Dafür blühen die Spekulationen. Einerseits werden Verschwörungstheorien konstruiert. Von einer Rebellion gegen die Deutschen im Vatikan durch die zurückgedrängten Italiener ist die Rede und von Einflußnahme auf das zukünftige Konklave. Der wegen finanzieller Unregelmäßigkeiten unlängst abgesetzte sizilianische Bischof Francesco Micciche bringt in nebulösen Verdächtigungen die Freimaurerei ins Spiel, die sich in der Kirche Einfluß verschaffen wolle und nicht vor Drohungen zurückschrecke. Durch mehr Fakten gedeckt erscheint die Vermutung, dass die von Papst Benedikt XVI. geforderte Transparenz sowohl bei der Aufarbeitung  der klerikalen Pädophilie als auch bei den Geschäften der Vatikanbank nicht auf uneingeschränktes vatikanisches Wohlwollen stößt.  Wenn Kardinal Angelo Sodano bei einem Festgottesdienst auf dem Petersplatz die Vorwürfe der Pädophilie als „momentanes Geschwätz“ abtut, läßt dies nicht die gleiche Ernsthaftigkeit erkennen, mit der der Papst sich der Sache annahm. Es erscheint durchaus möglich, dass eingefleischten Vatikandiplomaten die Linie Benedikts nicht professionell erscheint. Immerhin hat er mehrfach deutlich gemacht, dass vatikanische Entscheidungen revidiert werden können oder revidiert werden müssen: Beim Umgang mit dem Gründer der Legionäre Christi, bei der Absetzung mancher Bischöfe, bei der Wiedereinführung des tridentischen Messordo.

Anderen Spekulanten erscheinen solche grundstürzenden Verdachtsmomente als zu bedrohlich für die Kirche. Vielmehr werden Neid, Mißgunst und Eifersucht um Ansehen und Einfluß beim Papst in seinem engsten Mitarbeiterkreis als die Ursache ausgemacht, dass man „Paoletto“, den Kammerdiener benutzt habe, Dokumente aus der päpstlichen Wohnung zu stehlen, um ungeliebte Kollegen anschwärzen zu können. Wie es wirklich war und ist, wird erst dann zu Tage kommen, wenn die Ermittlungsergebnisse öffentlich werden.

Der Papst als Krisenmanager

Noch bevor der Kammerdiener des Papstes überführt werden konnte, einen Monat vor der Festnahme des Kammerdieners, setzte der Papst im April eine eigene Kardinalskommission ein. Sie besteht aus den Kardinälen Julian Herranz, Jozef Tomko und Salvatore de Giorgi. Ihr Auftrag ist, parallel zu den vatikanischen Ermittlungsorganen im Auftrag des Papstes dem Vertrauensmißbrauch nachzuspüren. Alle drei Kardinäle sind bereits über 80 Jahre alt und  nehmen damit nicht mehr an der nächsten Papstwahl teil. Sie sind von jeder Befangenheit im Blick auf das zukünftige Konklave befreit. Eine solche Kommission hat keine Dienstordnung und keine Vorgesetzten, sie ist nur dem päpstlichen Auftrag verpflichtet. Wollte der Papst sicher gehen für den Fall, dass auch die vatikanische Polizei involviert wäre? Außerdem, ein Kardinalstriumvirat, bestehend aus Männern dreier unterschiedlicher Nationalitäten, zwei davon ehemalige Kurienkardinäle und ein emeritierter Diözesanbischof, werden schwerlich eine Clique bilden, vielmehr werden sie einander gegenseitig kontrollieren. Ein solches Kardinalsgremium hat aber auch die Autorität, jeden im Vatikan zum Verhör zu laden, auch die Kollegen. Was auf den ersten Blick als Pensionärsagententruppe erschien, erweist sich als ein vielfältig durchdachter Schachzug.

Dazu sprach der Papst seinem Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone vor dem Sommerurlaub sein Vertrauen aus. Hinter solchen Maßnahmen stecken Botschaften: Wer auch immer und was auch hinter Vati-Leaks stecken sollte, der Papst läßt sich davon nicht beirren. So wird die Welt weiter warten müssen, was die Kardinalskommission ermittelt hat und wer hinter Vati-Leaks steckt. Denn es ist kaum zu erwarten, dass Vati-Leaks im Stande ist, den römischen Sommer auszuhebeln und Sonderschichten in der Augusthitze anzustoßen.

Die „Schuldigen“

Solange bleibt Paolo Gabriele der einzige Verdächtige. Im streng juristischen Sinne mag dies stimmen, die Glaubwürdigkeit in die vatikanischen Ermittlungen indes wird dadurch nicht gestärkt. Denn niemand vermag so viel Glauben wider bessere Vernunft aufzubringen. Auch die Kardinalskommission nicht. Wozu auch führte sie sonst an die dreißig Vernehmungen durch? Dass Gabriele nicht auf eigene Faust gehandelt haben kann, erscheint allzu offensichtlich. Die Fragen nach dem „Wer“ und „Warum“ der Auftraggeber bleiben offen. Da mag die Schuld Gabrieles ob des mißbrauchten Vertrauens unbestritten groß sein, Alleinschuldiger ist er aber nicht. Werden die Hintergründe nicht aufgedeckt und geahndet, wird er als „Bauernopfer“ in die Kirchengeschichte eingehen.

Und die Folgen?

So wird man weiter gespannt warten, wie der Fall im Vatikan gelöst werden wird. Erst die Darstellung der ermittelten Fakten wird dem Spekulieren ein Ende setzen. Je eher dies geschieht, desto besser ist es. Aber bereits jetzt steht fest, dass die Integrität der Person des Papstes und seines persönlichen Krisenmanagements durch Vati-Leaks eher gewonnen haben. Die Kurie hingegen muß Einbußen hinnehmen an ihrem Ansehen und ihrer Leistungsfähigkeit. Ebenso haben die Journalisten, die in die Veröffentlichung der vertraulichen Dokumente involviert waren, das Ansehen ihres Berufes nicht geadelt. Ob dies ein Schaden ist für die Kirche?

Es gilt weiterhin: Die Wahrheit wird euch frei machen. (Joh 8,32) Und wenn es wahr sein sollte, dass auch an der vatikanischen Kurie Machtgerangel, Eifersucht und Neid auftreten, und wenn dies nun durch die postmoderne Art der Kommunikation, in der das Geflüstere auf den vatikanischen Gängen nichts mehr rettet, weil das Web auch Flüstertöne hört, besonders hervortritt, und wenn deutlich wird, dass ein Papst und andere auch in solchen Situationen einen kühlen Kopf bewahren, dann macht auch diese Wahrheit frei und hilft, ein idealisiertes Bild der vatikanischen Kurie zugunsten eines realistischen zu korrigieren.

Theo Hipp
kath.de-Redaktion

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