Gute Satire – was sie prägt und was sie darf (13.07.2012)

Pressefreiheit ist ein hohes Gut, Demokratie lebt von freier Meinungsäußerung und sie erfordert eine Presse, die sich auch vor Mächtigen nicht scheut. Doch hat die Presse deshalb auch das Recht, Menschen würdelos herabzusetzen – und sei es unter dem Deckmantel der Satire? Was zeichnet gelungene Satire eigentlich aus? „Lesen bildet“ sagt eine altbekannte Redewendung. Sind also alle Mittel recht, um Menschen zum Lesen (und bei guter Satire auch zum Lachen) zu bringen?

Keineswegs, aber Boulevardzeitungen loten gerne aus, wo die Grenze zwischen Übertreibung (die gute Satire durchaus ausmacht) und Beleidigung verläuft. In diesen Tagen trägt Deutschlands zweitgrößtes Satiremagazin wieder einmal zu dieser Grenzziehung bei. „Titanic“ platziert mit der Überschrift „Halleluja im Vatikan: Die undichte Stelle ist gefunden“ in seiner Juli-Ausgabe den Papst auf der Titel- und Rückseite: Seine Soutane ist vorne gelb, hinten braun besudelt. Einige wenige Zeitgenossen mögen diesen weit unter die Gürtellinie gehenden Fäkalhumor als lustig empfinden. Der Vatikan tut es nicht und  hat eine einstweilige Verfügung gegen das Satiremagazin erwirkt, die nun Anlass für weitere juristische Auseinandersetzungen bieten wird.

Gute Satire ist immer eine Gratwanderung

Nun ist besonders das Magazin „Titanic“ dafür bekannt und zugleich berüchtigt, mit seiner Satire an die Grenze des rechtlich Erlaubten zu gehen. Von 1979 bis 2001 wurden insgesamt 40 Gerichtsverfahren gegen die Verantwortlichen angestrengt und 28 Ausgaben verboten, Schadenersatzzahlungen und Gerichtskosten brachten das Heft teilweise an den Rand des Konkurses.

Fakt ist: Satire ist in Deutschland durch die Meinungs- und Pressefreiheit sowie die Kunstfreiheit im Grundgesetz geschützt. Diese allerdings konkurrieren mit dem allgemeinen Persönlichkeitsrecht, das sicherstellt, dass der Einzelne selbst darüber bestimmen darf, wie er sich in der Öffentlichkeit darstellt. Um durch die Kunst- und Pressefreiheit geschützt zu sein, muss Satire eine schöpferische Gestaltung aufweisen, das heißt, als fiktive oder karikaturhafte Darstellung erkennbar sein. Ist diese nicht gegeben, greift das Persönlichkeitsrecht.

Freiheit impliziert Verantwortung

Doch bedeutet Pressefreiheit, alles tun zu können, nur weil man die publizistische Macht dazu hat? Der aktuelle Fall zielt auf das journalistische (Selbst-)Verständnis. Dürfen Menschen beleidigt werden, nur weil sie in der Öffentlichkeit stehen? Und sind darüber hinaus die religiösen Gefühle gläubiger Menschen nur billiges Nachtreten wert?

Vor einigen Jahren haben die umstrittenen Mohammed-Karikaturen ganz ähnliche Fragen und eine Welle der Entrüstung ausgelöst. Weil damals die Medien in Dänemark auf ihrer Freiheit beharrten, haben tausende Kilometer entfernt als Reaktion darauf Unbeteiligte ihr Leben verloren. Ähnliches droht in diesem Fall nicht, doch auch für die Macher der „Titanic“ gilt, dass Freiheit stets und ganz wesentlich an Verantwortung gebunden ist.

Zu Recht bedient sich die Satire häufig der Übertreibung, kontrastiert Widersprüche und Wertvorstellungen in übertriebener Weise, verzerrt Sachverhalte, vergleicht sie spöttisch mit einem Idealzustand  und gibt ihren Gegenstand der Lächerlichkeit preis. Beim aktuellen Papst-Cover bleibt dem Betrachter indes das Lachen im Hals stecken. Diese fäkale Bildsprache ist nicht lustig – sie ist ein echtes Armutszeugnis für eine ganze Zunft von Berufshumoristen, die sich offenbar immer schwerer tut mit wirklich guten Ideen. In einem Land, in dem fast alles erlaubt ist, wird gute Satire tatsächlich immer seltener. Und ohnehin wurde in unserem Land der Humor nicht erfunden. Auch diese traurige Botschaft geht von dem Cover aus.

Was macht gelungene Satire aus, darf Satire Alles?

Bereits 1919 warf der Journalist und Schriftsteller Kurt Tucholsky die Frage auf, was Satire darf und beantwortete sie selber mit einem großzügigen Alles“. Das liegt auf der Hand, da ein Satiriker den Radius seines Schreibens und Darstellens immer möglichst weit ziehen wird. Allerdings bedeutet das keinen Blankoscheck. Im vorliegenden Fall ist die Gratwanderung, die jede gute Satire ausmacht, gründlich missglückt. Die Satire darf eben nicht Alles, sonst wird das Objekt ihres Angriffs zum Nichts. Das kann und darf nicht Ziel der gehobenen Unterhaltung sein. Wo bleibt die gesellschaftliche Aufgabe von Satire, die auf Missstände und Skandale aufmerksam macht? Bei den Verantwortlichen der „Titanic“ ist sie (wieder einmal) zum niveaulosen Ulk verkommen. Niemals war eine derartige Satire, die den Namen nicht verdient, überflüssiger als in diesen Tagen. Schade, denn so wird eine altehrwürdige und keineswegs selbstverständlich beherrschbare Kunstform ad absurdum geführt und letztlich versenkt.

Andrea Kronisch
kath.de – Redaktion

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