Vom Scheitern und vom Siegen (27.07.2012)

Auch die Europäische Union muss nach Fehlern suchen, nicht nur Griechenland

Viele griechische Bürger heben ihr Erspartes ab, die Märkte brechen ein und der Ifo-Geschäftsklimaindex ist zum dritten Mal in Folge gesunken. Die Lager der produzierenden und exportierenden Industrie sind voll und nach dem Aufschwung stellt sich nun ein Abschwung ein. Die Talfahrt der europäischen Wirtschaft hat Deutschland erreicht. Die Stimmung ist getrübt, wirtschaftlich wie auch politisch.

Vom verlorenen Sohn lernen

Derzeitig steht Griechenland, wie in der jüngeren Vergangenheit schon mehrfach, kurz vor der Pleite – eine Überschrift, die schon oft auf Titelseiten zu lesen war, aber niemals wahr wurde. Langsam aber scheint die so genannte Troika kein Vertrauen mehr in den Reformwillen des Landes zu haben. Eine Wahrnehmung, die auch dem unkundigen Laien nicht entgeht. Dabei kämpfen viele einfache Griechen um das wirtschaftliche Überleben, sind ganz am Boden und wissen keinen Ausweg mehr. Sie haben das Vertrauen in Europa verloren und bringen ihr Erspartes in Sicherheit. Auf der Geberseite und der Gläubigerseite schwindet also das Vertrauen in eine Rettung mehr und mehr. Längst spricht man, wie am vergangenen Sonntag Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler in der ARD, offen über das Scheitern und den Austritt Griechenlands aus der EU.

Bei der Lösung des Problems kann das Gleichnis vom verlorenen Sohn (Lk 15,11-32) helfen. In seiner tiefsten Niederlage, die der jüngere Sohn beim Schweinehüten erkennt, ist er zunächst ganz ehrlich zu sich selbst und später auch zu seinem Vater. Die Ehrlichkeit und der Mut, offen zu seinen Fehlern zu stehen, ermöglichen den Neuanfang und bilden die Grundlage für eine neue Beziehung.

Die Krise „Griechenland“ braucht genau das und zwar auf beiden Seiten: Ehrlichkeit bei der Fehleranalyse und Mut zur Veränderung müssen sowohl bei den Griechen selbst einsetzen, als auch in der Europäischen Union. Denn: Gerade die EU macht es sich schnell zu leicht, indem sie auf die Pleite-Griechen zeigt. Wie der Name „Eurokrise“ zu Recht sagt, handelt es sich um ein europäisches Problem. Auch andere europäische Länder befinden sich in der Krise. Lösungen dürfen daher nicht nur auf der Ebene der Fiskalunion stehenbleiben. Das wäre zu kurz, zu einfach und unehrlich. Viel weiter führt es, sich Gedanken um die Frage zu machen:

Warum gibt es in den EU-Verträgen keine Regelungen über den Austritt eines Mitglieds?

Solche Punkte finden sich in jedem einfachen Vertrag, ob im Sportverein oder beim Kauf eines Fernsehers. Nicht aber in den EU-Verträgen. Das wirft die Frage nach einem früheren Fortschrittsoptimismus auf, der nicht mit einem Scheitern rechnete. Dabei gehören doch Scheitern und Siegen unmittelbar zusammen, da in einem Wettkampf nicht alle Gewinner sein können. Das ist im Sport nicht anders als in der Wirtschaft. Die EU-Kommission und die verantwortlichen Staatschefs bleiben also den Bürgern der EU die Erklärung schuldig, wieso sie dachten, dass solch große Zahl von Staaten mit unterschiedlichster Wirtschaftskraft zu einer Währungsunion zusammenwachsen könnte. Diese Vision mag für die mitteleuropäischen Industrienationen funktionieren, nicht aber angesichts des wirtschaftlichen Gefälles zwischen Nord- und Süd- bzw. zwischen West- und Osteuropa. Was früher mit Kursschwankungen der einzelnen Landeswährungen ausgeglichen wurde, geht nun auf den gesamten Euroraum über. Damit scheitert aber beim Austritt Griechenlands auch der gesamte Euro. „Wohin ist der Fortschrittsoptimismus verflogen?“, frage ich, ohne eine Antwort zu haben.

EU: Einmalige Leistung und Aufeinanderprallen der Gegensätze

Auf einem Kontinent, der mehrfach versucht wurde durch Zwang, Gewalt und Terror (z.B. Römer, Napoleon, Hitler, Stalin) zu einer Einheit zusammenzuführen, entsteht eine friedliche Staateneinheit. Das ist die alles entscheidende und große Leistung der Europäischen Union. Aus einer anfänglichen Verteidigungsgemeinschaft und der wirtschaftlichen Unterstützung einzelner Staaten beim Aufbau der Wirtschaft nach dem Zweiten Weltkrieg ist eine neue Gemeinschaft einstiger Feinde zwischen Ost und West entstanden. Diese Leistung gilt es zu bewahren.

Im Wesen der Europäischen Union treffen mit der Währungsunion zwei Gegensätze aufeinander: Die Solidarität zum einen und der Wettbewerb zum anderen. Das Zusammenspiel von „Einer für alle, alle für einen“ (Solidarität) und „Der Beste gewinnt“ (Wettbewerb) kann aber nur in einem streng transparenten und gerechten System funktionieren. Ein gutes Beispiel sind die beginnenden Olympischen Spiele: Da sind beispielsweise die Regeln und Maße für den Weitsprung weltweit identisch und damit vergleichbar. Diese ermöglichen also einen fairen Wettkampf und machen die Spiele zugleich zu einem Symbol des friedlichen Zusammenlebens der ganzen Menschheitsfamilie. Das gilt für den Wirtschaftsraum der EU aber nicht, da die Kaufkraft in jedem Land variiert und damit auch die Preise für Waren.

Vom Blick für das „große Ganze“: Perspektiven für ein Europa der Zukunft

Diese Zeilen werfen mehr Fragen auf, als sie beantworten. Diese Fragen bewegen aber die europäischen Gesellschaften. Die Staats- und Regierungschefs sowie die Europäische Kommission wären gut beraten, sich nicht nur mit den Detailfragen der Europäischen Rettungsschirme, des Fiskalaktes oder ähnlichen Finanzmodellen zu beschäftigen, sondern eine Vision für das Europa der Zukunft zu entwickeln. Es braucht eine solche neue Vision, wie es einst eine gab, die ohne den Gedanken eines Notfallweges (Austritts) auskam. Nur so kann Vertrauen zurückgewonnen werden, bei den Bürgern und an den Börsen.

Sebastian Pilz, kath.de-Redaktion

Vati-Leaks, quo vadis? (20.07.2012)

Ein Zwischenstand

Vati-Leaks nannte Vatikansprecher P. Federico Lombardi das öffentliche Erscheinen vertraulicher Dokumente aus dem Vatikan. Als Alleinschuldiger sitzt seit fast zwei Monaten der Butler des Papstes, Paolo Gabriele, in vatikanischer Untersuchungshaft. Am 22. Mai schöpfte Prälat Georg Gänswein Verdacht, am 23. Mai wurde die Wohnung Gabrieles im Vatikan durchsucht – und die Ermittler wurden fündig. Kopien vertraulicher Papiere vom päpstlichen Schreibtisch fanden sich dort. Unter anderem auch jene, die etwa eine Woche zuvor von dem italienischen Journalisten Gianluigi Nuzzi in wüster Eile zu einem Buch zusammensortiert und mit dem Titel „Seine Heiligkeit – Die geheimen Brief aus dem Schreibtisch Papst Benedikts XVI.“ veröffentlicht wurden.

Seither schaut die Welt neugierig auf den Vatikan: Wer hat sich dieses Menschen bedient, der von allen Seiten als gutmütig, fromm und loyal, mit vielfältigen Kontakten innerhalb und außerhalb des Vatikans beschrieben wird? Wurde er gar schon mit der Absicht in die Position des persönlichen Kammerdieners des Papstes gebracht, um sich seiner Gutgläubigkeit zu bedienen und an Informationen aus dem päpstlichen Appartement zu gelangen? Gabriele schien sich keiner Schuld bewußt gewesen zu sein. Auch als er am Tag vor seiner Verhaftung von Prälat Gänswein zur Rede gestellt wurde, brachte er die Beweismittel nicht in Sicherheit und ließ sich „in flagranti“ entdecken. Wer vermittelte ihm diese Sicherheit? Wer brachte ihn dazu, blind und ergeben auch Schriftstücke zu kopieren, deren Sprache er nicht verstand und deren Inhalt er nicht lesen konnte?

Nuzzi hat seine eigene Quelle überführt

Es war das Enthüllungsbuch Gianluigi Nuzzis, das Prälat Gänswein auf die Spur brachte. Es fand sich in dem Buch neben vielen anderen Dokumenten auch ein Auszug aus der Bilanz der „Stiftung Joseph Ratzinger – Benedikt XVI“. Dieses Dokument kam nicht aus dem Staatssekretariat, wo das Leck bisher vermutet worden war. Es kam auf direktem Weg von der Stiftung ins päpstliche Appartement. Damit wurde der Kreis der Verdächtigen enger. Einer der ersten Effekte der Veröffentlichung des Enthüllungsbuches war somit die Überlieferung der eigenen Quelle, kryptisch „Maria“ genannt. Hatte sie ihren Zweck nun erfüllt?

Neid und Eifersucht – oder strategische Operationen?

Seither wartet die Öffentlichkeit vergeblich auf weitere Fakten. Die Drohung, veröffentlicht in der italienischen Zeitung „La Repubblica“, weitere Dokumente zu veröffentlichen, wenn bestimmte Personen nicht aus dem Umfeld des Papstes entfernt würden, offenbarte sich als Schaumblase. Dafür blühen die Spekulationen. Einerseits werden Verschwörungstheorien konstruiert. Von einer Rebellion gegen die Deutschen im Vatikan durch die zurückgedrängten Italiener ist die Rede und von Einflußnahme auf das zukünftige Konklave. Der wegen finanzieller Unregelmäßigkeiten unlängst abgesetzte sizilianische Bischof Francesco Micciche bringt in nebulösen Verdächtigungen die Freimaurerei ins Spiel, die sich in der Kirche Einfluß verschaffen wolle und nicht vor Drohungen zurückschrecke. Durch mehr Fakten gedeckt erscheint die Vermutung, dass die von Papst Benedikt XVI. geforderte Transparenz sowohl bei der Aufarbeitung  der klerikalen Pädophilie als auch bei den Geschäften der Vatikanbank nicht auf uneingeschränktes vatikanisches Wohlwollen stößt.  Wenn Kardinal Angelo Sodano bei einem Festgottesdienst auf dem Petersplatz die Vorwürfe der Pädophilie als „momentanes Geschwätz“ abtut, läßt dies nicht die gleiche Ernsthaftigkeit erkennen, mit der der Papst sich der Sache annahm. Es erscheint durchaus möglich, dass eingefleischten Vatikandiplomaten die Linie Benedikts nicht professionell erscheint. Immerhin hat er mehrfach deutlich gemacht, dass vatikanische Entscheidungen revidiert werden können oder revidiert werden müssen: Beim Umgang mit dem Gründer der Legionäre Christi, bei der Absetzung mancher Bischöfe, bei der Wiedereinführung des tridentischen Messordo.

Anderen Spekulanten erscheinen solche grundstürzenden Verdachtsmomente als zu bedrohlich für die Kirche. Vielmehr werden Neid, Mißgunst und Eifersucht um Ansehen und Einfluß beim Papst in seinem engsten Mitarbeiterkreis als die Ursache ausgemacht, dass man „Paoletto“, den Kammerdiener benutzt habe, Dokumente aus der päpstlichen Wohnung zu stehlen, um ungeliebte Kollegen anschwärzen zu können. Wie es wirklich war und ist, wird erst dann zu Tage kommen, wenn die Ermittlungsergebnisse öffentlich werden.

Der Papst als Krisenmanager

Noch bevor der Kammerdiener des Papstes überführt werden konnte, einen Monat vor der Festnahme des Kammerdieners, setzte der Papst im April eine eigene Kardinalskommission ein. Sie besteht aus den Kardinälen Julian Herranz, Jozef Tomko und Salvatore de Giorgi. Ihr Auftrag ist, parallel zu den vatikanischen Ermittlungsorganen im Auftrag des Papstes dem Vertrauensmißbrauch nachzuspüren. Alle drei Kardinäle sind bereits über 80 Jahre alt und  nehmen damit nicht mehr an der nächsten Papstwahl teil. Sie sind von jeder Befangenheit im Blick auf das zukünftige Konklave befreit. Eine solche Kommission hat keine Dienstordnung und keine Vorgesetzten, sie ist nur dem päpstlichen Auftrag verpflichtet. Wollte der Papst sicher gehen für den Fall, dass auch die vatikanische Polizei involviert wäre? Außerdem, ein Kardinalstriumvirat, bestehend aus Männern dreier unterschiedlicher Nationalitäten, zwei davon ehemalige Kurienkardinäle und ein emeritierter Diözesanbischof, werden schwerlich eine Clique bilden, vielmehr werden sie einander gegenseitig kontrollieren. Ein solches Kardinalsgremium hat aber auch die Autorität, jeden im Vatikan zum Verhör zu laden, auch die Kollegen. Was auf den ersten Blick als Pensionärsagententruppe erschien, erweist sich als ein vielfältig durchdachter Schachzug.

Dazu sprach der Papst seinem Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone vor dem Sommerurlaub sein Vertrauen aus. Hinter solchen Maßnahmen stecken Botschaften: Wer auch immer und was auch hinter Vati-Leaks stecken sollte, der Papst läßt sich davon nicht beirren. So wird die Welt weiter warten müssen, was die Kardinalskommission ermittelt hat und wer hinter Vati-Leaks steckt. Denn es ist kaum zu erwarten, dass Vati-Leaks im Stande ist, den römischen Sommer auszuhebeln und Sonderschichten in der Augusthitze anzustoßen.

Die „Schuldigen“

Solange bleibt Paolo Gabriele der einzige Verdächtige. Im streng juristischen Sinne mag dies stimmen, die Glaubwürdigkeit in die vatikanischen Ermittlungen indes wird dadurch nicht gestärkt. Denn niemand vermag so viel Glauben wider bessere Vernunft aufzubringen. Auch die Kardinalskommission nicht. Wozu auch führte sie sonst an die dreißig Vernehmungen durch? Dass Gabriele nicht auf eigene Faust gehandelt haben kann, erscheint allzu offensichtlich. Die Fragen nach dem „Wer“ und „Warum“ der Auftraggeber bleiben offen. Da mag die Schuld Gabrieles ob des mißbrauchten Vertrauens unbestritten groß sein, Alleinschuldiger ist er aber nicht. Werden die Hintergründe nicht aufgedeckt und geahndet, wird er als „Bauernopfer“ in die Kirchengeschichte eingehen.

Und die Folgen?

So wird man weiter gespannt warten, wie der Fall im Vatikan gelöst werden wird. Erst die Darstellung der ermittelten Fakten wird dem Spekulieren ein Ende setzen. Je eher dies geschieht, desto besser ist es. Aber bereits jetzt steht fest, dass die Integrität der Person des Papstes und seines persönlichen Krisenmanagements durch Vati-Leaks eher gewonnen haben. Die Kurie hingegen muß Einbußen hinnehmen an ihrem Ansehen und ihrer Leistungsfähigkeit. Ebenso haben die Journalisten, die in die Veröffentlichung der vertraulichen Dokumente involviert waren, das Ansehen ihres Berufes nicht geadelt. Ob dies ein Schaden ist für die Kirche?

Es gilt weiterhin: Die Wahrheit wird euch frei machen. (Joh 8,32) Und wenn es wahr sein sollte, dass auch an der vatikanischen Kurie Machtgerangel, Eifersucht und Neid auftreten, und wenn dies nun durch die postmoderne Art der Kommunikation, in der das Geflüstere auf den vatikanischen Gängen nichts mehr rettet, weil das Web auch Flüstertöne hört, besonders hervortritt, und wenn deutlich wird, dass ein Papst und andere auch in solchen Situationen einen kühlen Kopf bewahren, dann macht auch diese Wahrheit frei und hilft, ein idealisiertes Bild der vatikanischen Kurie zugunsten eines realistischen zu korrigieren.

Theo Hipp
kath.de-Redaktion

Gute Satire – was sie prägt und was sie darf (13.07.2012)

Pressefreiheit ist ein hohes Gut, Demokratie lebt von freier Meinungsäußerung und sie erfordert eine Presse, die sich auch vor Mächtigen nicht scheut. Doch hat die Presse deshalb auch das Recht, Menschen würdelos herabzusetzen – und sei es unter dem Deckmantel der Satire? Was zeichnet gelungene Satire eigentlich aus? „Lesen bildet“ sagt eine altbekannte Redewendung. Sind also alle Mittel recht, um Menschen zum Lesen (und bei guter Satire auch zum Lachen) zu bringen?

Keineswegs, aber Boulevardzeitungen loten gerne aus, wo die Grenze zwischen Übertreibung (die gute Satire durchaus ausmacht) und Beleidigung verläuft. In diesen Tagen trägt Deutschlands zweitgrößtes Satiremagazin wieder einmal zu dieser Grenzziehung bei. „Titanic“ platziert mit der Überschrift „Halleluja im Vatikan: Die undichte Stelle ist gefunden“ in seiner Juli-Ausgabe den Papst auf der Titel- und Rückseite: Seine Soutane ist vorne gelb, hinten braun besudelt. Einige wenige Zeitgenossen mögen diesen weit unter die Gürtellinie gehenden Fäkalhumor als lustig empfinden. Der Vatikan tut es nicht und  hat eine einstweilige Verfügung gegen das Satiremagazin erwirkt, die nun Anlass für weitere juristische Auseinandersetzungen bieten wird.

Gute Satire ist immer eine Gratwanderung

Nun ist besonders das Magazin „Titanic“ dafür bekannt und zugleich berüchtigt, mit seiner Satire an die Grenze des rechtlich Erlaubten zu gehen. Von 1979 bis 2001 wurden insgesamt 40 Gerichtsverfahren gegen die Verantwortlichen angestrengt und 28 Ausgaben verboten, Schadenersatzzahlungen und Gerichtskosten brachten das Heft teilweise an den Rand des Konkurses.

Fakt ist: Satire ist in Deutschland durch die Meinungs- und Pressefreiheit sowie die Kunstfreiheit im Grundgesetz geschützt. Diese allerdings konkurrieren mit dem allgemeinen Persönlichkeitsrecht, das sicherstellt, dass der Einzelne selbst darüber bestimmen darf, wie er sich in der Öffentlichkeit darstellt. Um durch die Kunst- und Pressefreiheit geschützt zu sein, muss Satire eine schöpferische Gestaltung aufweisen, das heißt, als fiktive oder karikaturhafte Darstellung erkennbar sein. Ist diese nicht gegeben, greift das Persönlichkeitsrecht.

Freiheit impliziert Verantwortung

Doch bedeutet Pressefreiheit, alles tun zu können, nur weil man die publizistische Macht dazu hat? Der aktuelle Fall zielt auf das journalistische (Selbst-)Verständnis. Dürfen Menschen beleidigt werden, nur weil sie in der Öffentlichkeit stehen? Und sind darüber hinaus die religiösen Gefühle gläubiger Menschen nur billiges Nachtreten wert?

Vor einigen Jahren haben die umstrittenen Mohammed-Karikaturen ganz ähnliche Fragen und eine Welle der Entrüstung ausgelöst. Weil damals die Medien in Dänemark auf ihrer Freiheit beharrten, haben tausende Kilometer entfernt als Reaktion darauf Unbeteiligte ihr Leben verloren. Ähnliches droht in diesem Fall nicht, doch auch für die Macher der „Titanic“ gilt, dass Freiheit stets und ganz wesentlich an Verantwortung gebunden ist.

Zu Recht bedient sich die Satire häufig der Übertreibung, kontrastiert Widersprüche und Wertvorstellungen in übertriebener Weise, verzerrt Sachverhalte, vergleicht sie spöttisch mit einem Idealzustand  und gibt ihren Gegenstand der Lächerlichkeit preis. Beim aktuellen Papst-Cover bleibt dem Betrachter indes das Lachen im Hals stecken. Diese fäkale Bildsprache ist nicht lustig – sie ist ein echtes Armutszeugnis für eine ganze Zunft von Berufshumoristen, die sich offenbar immer schwerer tut mit wirklich guten Ideen. In einem Land, in dem fast alles erlaubt ist, wird gute Satire tatsächlich immer seltener. Und ohnehin wurde in unserem Land der Humor nicht erfunden. Auch diese traurige Botschaft geht von dem Cover aus.

Was macht gelungene Satire aus, darf Satire Alles?

Bereits 1919 warf der Journalist und Schriftsteller Kurt Tucholsky die Frage auf, was Satire darf und beantwortete sie selber mit einem großzügigen Alles“. Das liegt auf der Hand, da ein Satiriker den Radius seines Schreibens und Darstellens immer möglichst weit ziehen wird. Allerdings bedeutet das keinen Blankoscheck. Im vorliegenden Fall ist die Gratwanderung, die jede gute Satire ausmacht, gründlich missglückt. Die Satire darf eben nicht Alles, sonst wird das Objekt ihres Angriffs zum Nichts. Das kann und darf nicht Ziel der gehobenen Unterhaltung sein. Wo bleibt die gesellschaftliche Aufgabe von Satire, die auf Missstände und Skandale aufmerksam macht? Bei den Verantwortlichen der „Titanic“ ist sie (wieder einmal) zum niveaulosen Ulk verkommen. Niemals war eine derartige Satire, die den Namen nicht verdient, überflüssiger als in diesen Tagen. Schade, denn so wird eine altehrwürdige und keineswegs selbstverständlich beherrschbare Kunstform ad absurdum geführt und letztlich versenkt.

Andrea Kronisch
kath.de – Redaktion