Durfte Deutschland verlieren? (29.06.2012)

Worum alles in einem Spiel geht

Die Fans sind maßlos enttäuscht. Die Mannschaft findet in der Kabine keine Worte, Tränen flossen schon nach den ersten beiden italienischen Toren. Deutschland schien auf der sicheren Straße zum Titel, einige Spielzüge der Italiener haben den Wagen in den Straßengraben schlingern lassen. Was spielte alles mit?

Planung gegen Unberechenbarkeit

Die Deutschen hatten bisher jedes Spiel gewonnen, sie waren Gruppensieger, während Italien sich mühsamer in die Endrunde vorkämpfen musste und gegen England 120 Minuten kein Tor zustande brachte. Die Spielweise der Deutschen schien der richtige Weg. Die 25.000 Schlachtenbummler, die 500.000 Menschen vor dem Brandenburger Tor und die vielen anderen, die schauten, wollten den sicher geglaubten Sieg sehen. Deutschland schien doch auf dem richtigen Weg. Es war ausgemachte Sache, dass Deutschland nicht verlieren durfte. Aber war im Mai nicht bei dem Endspiel der Championsleague Bayern München als Favorit in das Spiel gegen Chelsea gegangen und dann doch nicht bis zum Sieg gelangt? Sieben Spieler der Münchner Mannschaft waren  am Donnerstag auch in Warschau dabei. Irgendetwas muss es sein, das den Deutschen den Sieg verwehrt. Ist es eine höhere Macht, die die Hand über die Gegner der Deutschen hält?

Das Können und der Zufall

Die Deutschen hätten mit etwas mehr „Glück“ in der ersten Phase des Spiels den Ball über die Torlinie bringen können. Einmal, als der Tormann überwunden war, gab es noch das Knie eines Italieners, das den Ball nicht über die Torlinie gelangen ließ. Sicher war es das Können des italienischen Torwarts, das viele Torchancen der Deutschen zunichte machte. Aber man könnte, nachdem Bayern München den Europacup nicht nach München holen konnte, schon an eine höhere Macht denken, die der einen von zwei gleichwertigen Mannschaften den Sieg zuspielt und die andere sich festrennen lässt. Das gibt es nicht nur im Fußball.

Die bessere Taktik, Merkel und Monti

Während in Warschau gespielt wurde, kämpfte Mario Monti in Brüssel für günstige Zinsen. Der Trick war einfach. Mit Spanien verweigerte Italien dem Investitionsprogramm seine Zustimmung, bis Deutschland nachgab. Es ist wie im Fußball. Die Deutschen, wahrscheinlich mehr die Zuschauer als der Trainer und seine Mannschaft, trauen den Italienern nicht viel zu. Man glaubt, sie im Griff zu haben. Dann produzieren sie drei, vier Spielzüge und der Ball ist für die Deutschen unerreichbar im Tor. Da Länderspiel und Fußballturniere stark auf die Stimmung der Länder einwirken, kann man in Italien mit einem Stimmungshoch rechnen. Die Deutschen könnten sich fragen, ob sie bei den Ländern, die in Schwierigkeiten sind, mit Begabungen rechnen sollten, die anders aus der Krise heraus führen, als dies für Deutsche vorstellbar ist. Man könnte sich auch ausmalen, was die Reaktionen in Europa wären, wenn Deutschland tatsächlich aus dem Turnier als Sieger hervorgegangen wäre. Dann ständen wir als unverwundbar dar. Aber es kann ja sein, dass wir in vier oder acht Jahren auf Italien und Spanien angewiesen sind, weil diese ihre Krise gemeistert haben und wir in eine geraten sind.

Das Unwiderrufliche und der Neuanfang: Wie wirken Niederlagen

Anders als bei Schulden kann man ein Tor, das der Gegner geschossen hat, nicht wieder gutmachen. Es gibt keine Appellationsinstanz, die verfügen könnte, dass der Ball zurückgeholt wird. Tore spiegeln das Unerbittliche im Leben. Aber anders als Schulden werden die Tore nicht ins nächste Spiel mitgenommen. Jedes neue Spiel, wie auch das nächste Turnier, beginnen bei Null. Vielleicht hat Fußball gerade deshalb etwas Religiöses. In der Religion kann man auch nichts rückgängig machen, alles bleibt für die Ewigkeit, aber dafür eröffnet sich dem Menschen immer ein Neuanfang. Selbst schwere Verbrechen können vergeben werden. Gott vergibt ohne Nachwirkungen, und so sind auch die Zuschauer beim nächsten Spiel. Gewinnt die Mannschaft, sind alle früheren Niederlagen vergessen.

Das ist bei den Banken-und Staatschulden Italiens anders. Die kann Merkel nicht nachlassen. Diese stehen in den irdischen Büchern. Da gilt das Gesetz des Neuanfangs nicht so einfach wie im Fußball. Der Fußball spiegelt viel von unserem Leben und ist deshalb so bewegend. Aber geht es nicht letztlich nur um Tore?

Die Ekstase und die Torlinie

Jeder weiß, dass es beim Fußball um den Ball geht. Aber anders als beim Volleyball muss dieser nicht so lange wie möglich in der Luft gehalten werden. Der Ball muss im Fußballspiel über die Torlinie gebracht werden. Das erklärt die Freudenausbrüche, wenn ein Tor erzielt wurde.

Der Vergleich zum Tennis macht das etwas deutlicher. Im Tennis verliert derjenige, der den Ball nicht ins Feld des Gegners bringt. Gleichzeitig muss der Ball in den Grenzen des Spielfeldes gehalten werden. Im Fußball geht es um die Überwindung dieser Grenze. Wenn wir eine Grenze überwinden, spüren wir ein Glücksgefühl. Im Alltag ist es eine erledigte Arbeit, eine gute Verhandlung, ein Vertragsabschluss. Aber es bleibt nach diesen Ergebnissen wie im Tennis. Der Vertag bindet die Spieler an das Spielfeld und wer etwas erledigt hat, braucht andere, die das Arbeitsergebnis nutzen – z.B. heißt das für den Autor, dass diese Zeilen gelesen werden.

Anders im Fußball: Wenn der Ball die Torlinie passiert hat, ist er in eine andere Welt geschossen. Das Netz hinter dem Tor lässt die Erfahrung der Grenzüberwindung nicht so deutlich werden, dass der Ball nicht mehr im Spiel ist.

Nun könnte man sagen, dass nach den Regeln ein Ball an dem Gegner verloren geht, wenn eine Mannschaft ihn nicht im Spielfeld hält. Die Seitenlinien sind aber eigentlich Wände. Man kann das an den Spielfeldern der Mayas sehen. Die sind durch Wände begrenzt. Der Fußball spiegelt auch in dieser Hinsicht unser Leben. Wenn wir einfach nur eine Grenze überschreiten, z.B. indem wir zu viel essen oder trinken, jemanden im Konkurrenzkampf aus dem Spiel stoßen, dann bleiben wir in unserer kleinen Welt. Diese hat im Alltag kein Tor, durch das wir in eine andere Welt gelangen. Auf jeden Fall ist auch im Leben die Öffnung, durch die wir „hinausgelangen können“, nur klein. Manchmal finden wir im Gottesdienst oder im Gebet die Öffnung. Oder wenn wir einen Berggipfel erklommen haben. Der Fußball ist also mehr, als dass die eigene Mannschaft Tore schießt. Das Glück, das die Spieler nach einem Tor spüren, zeigt, worum es geht: Die Grenzen überwinden!

Hätte Deutschland planmäßig gewonnen, wäre das keine wirkliche Überwindung der Grenze gewesen, denn es wäre ja nur eingetreten, was jeder erwartet hat. Da waren die Tore der Italiener etwas anderes.

Deutschland durfte verlieren, weil es nur so den eigentlichen Reiz des Tores erleben konnte. Italien überraschte und hat uns gezeigt, wie man Grenzen überwindet. Regierung und Parlament sollten das Spiel noch einmal ansehen, um zu lernen, wie anderen Tore gelingen. Alle könnten wir lernen, dass Deutschland nicht Europa ist.

Eckhard Bieger S.J., kath.de-Redaktion

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