Ausgeschlossen – um des Heiles willen? (22.06.2012)

Die Freiburger Denkschrift zum Umgang mit den Wiederverheiratet-Geschiedenen

Die Situation um die Wiederverheiratet-Geschiedenen in der katholischen Kirche kann nicht zur Ruhe kommen. Nicht nur, weil jüngst etwa 200 Freiburger Priester und Diakone eine Denkschrift unterschrieben haben, in der sie öffentlich kundtun, dass sie die gegenwärtige kirchenrechtliche Regelung nicht für vereinbar halten mit dem Grundauftrag der Kirche, für das Heil der Seelen zu sorgen. Auch deshalb, weil die gegenwärtige kirchliche Praxis in mehrfacher Hinsicht Fragen aufwirft. Auf diese Fragen wird von Papst und Bischöfen, die als Rechtsträger für diese kirchenrechtlichen Regelungen stehen, seitens der betroffenen Gläubigen auf Antworten gewartet. Es genügt nicht, einfach nur zu sagen, die Kirche habe die Unauflöslichkeit der Ehe zu schützen und müsse deshalb so verfahren. Es sind nicht zuletzt die Ostkirchen, die sich ebenso der Unauflöslichkeit der Ehe verpflichtet wissen und trotzdem andere Regelungen kennen. Schließlich ist es Jesus Christus selbst, der die Unauflöslichkeit der Ehe eindeutig einforderte und trotzdem einen anderen Umgang mit denen zeigte, die im Umgang mit den Gesetzen gescheitert sind.

Wiederverheiratet-Geschiedenen ist nach dem Kirchenrecht der Empfang der Sakramente nicht gestattet, sofern nicht die erste Ehe für null und nichtig erklärt wurde. Trotzdem sollen sie sich als Mitglieder der Kirche begreifen, die zu allen Veranstaltungen der Kirche eingeladen sind – nur eben nicht zum Empfang der Sakramente. Wie soll man dies vermitteln in einer Gesellschaft, die auf der Suche nach starken Zeichen und Emotionen ist? Wie kommt die Zugehörigkeit zum Ausdruck, wenn so starke Signale der Abweisung gesetzt werden? Die Seelsorger bringen mit ihrer Denkschrift zum Ausdruck, dass sie sich von Papst und Bischöfen in dieser Frage allein gelassen fühlen. Denn die Frage des Seelsorgers lautet: Wie erkläre ich dem Betroffenen, dass eine kirchenrechtliche Bestimmung dem Heil seiner Seele dient?

Der Hinweis auf das Kirchenrecht in der Erklärung der Freiburger Seelsorger erweist sich aber als ein Schritt in die Sackgasse. Die Seelsorger bekennen, oft gegen das Kirchenrecht zu verstoßen durch die Zulassung Wiederverheirateter-Geschiedener zu den Sakramenten. Durch das Bekenntnis des Rechtsbruches bringen sie den Bischof in Handlungszwang. Er muß gegen einen öffentlich bekannten Rechtsbruch vorgehen oder er wird selbst rechtsbrüchig. Erzbischof Zollitsch hat die bestmögliche Lösung gewählt: Er hat mit den Initiatoren der Erklärung gesprochen und danach verlauten lassen: Wir werden gemeinsam nach einer Lösung suchen, die dem Evangelium und dem Kirchenrecht entspricht. Die von den Medien aufgebrachte Begrifflichkeit der Rebellion und der Revolution wurde von Bischof wie Initiatoren zu Recht gemeinsam verurteilt. Der angenommene Rechtsbruch – den ohnehin nur ein kirchliches Gericht letztendlich feststellen könnte – vermeidet aber zusätzlich, dass das eigentliche Thema mit seinen damit verbundenen Fragen in den Blick kommt. Weshalb sollte man auf ein Vergehen blicken, das schon bekannt und abgeurteilt ist?

Ob es sich tatsächlich um einen Rechtsbruch handelt, steht nicht selbstredend fest. Das Kirchenrecht stellt fest, dass gemäß can. 916 nur der Betroffene selbst letztendlich feststellen kann, ob er des Sakramentenempfangs würdig ist. Mit welchen Mitteln wollte der Sakramentenspender auch verbindlich-urteilend feststellen, dass es sich bei demjenigen, der um das Sakrament bitte, um einen Sünder handelt? Woher weiß er, dass er nicht vor dem Empfang des Sakramentes einen echten Willensakt der Umkehr gesetzt hat, im konkreten Fall: Wie Bruder und Schwester zu leben? Bleibt er etwa nicht an das Gebot Jesu gebunden: „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet“?(Mt 7,1)

Um den gegenwärtigen Umgang mit den Wiederverheiratet-Geschiedenen aber versammeln sich weitere Fragen, die einer Antwort harren.

Zwar will das Kirchenrecht mit dem Ausschluß der Wiederverheiratet-Geschiedenen die Unauflöslichkeit der Ehe schützen und so Ordnung schaffen. Es schafft jedoch auch Kuriositäten. Denn es gibt unter den Menschen nicht nur die Puritaner, die glauben, durch kirchenjuristisches Wohlverhalten sich einen Rechtsanspruch auf Gottes Gnade erwirken zu können. Es gibt auch die Schnäppchenjäger, die bei vorteilhafter Abwägung der Rechtsfolgen auf die Idee kommen könnten, dass ein Gattenmord mit Blick auf die Rechtsfolgen kirchenrechtlich der vorteilhaftere Weg wäre. Während eine zweite Ehe von der Kirche mit lebenslanger Sakramentenabstinenz geahndet wird, ist der Gattenmord eine überschaubare Sache. Nach der Bußzeit ist eine vollkommene Wiederversöhnung möglich. Glaubwürdigkeit gewinnt die Kirche aufgrund dieser Rechtslage nicht. Gäbe es das staatliche Recht nicht, müßten Ehepartner im Konfliktfall um ihr Leben fürchten.

Eine weitere Frage im Umgang mit den Wiederverheiratet-Geschiedenen ist theologischer Art. Die Kirche verbietet ihnen die Teilnahme an den Sakramenten und sagt ihnen gleichzeitig, sie seien trotzdem Mitglieder der Kirche. Sie legt den Betroffenen eine – wie das Kirchenrecht sagt – „heilsame Beugestrafe auf“, und tut dies in dem vollen Bewußtsein, dass dies eine lebenslängliche Angelegenheit sein kann. Sie sagt damit implizit: Kirchenmitgliedschaft ist auch ohne Empfang der Eucharistie, der Versöhnung und der Krankensalbung möglich. Damit gibt sie aber, im Blick auf die Betroffenen, einen wesentlichen Aspekt der katholischen Theologie auf, die Vermittlung des Heils durch die Sakramente. Ist Kirche im Blick auf eine beachtliche Anzahl Betroffener auch ohne Sakramentenempfang möglich?

Und es bleibt, neben vielen theologischen Detailfragen, eine weitere, große Glaubwürdigkeitsfrage kultureller Art offen. Wenn beispielsweise ein Vater seinem Sohn sagt: Ich bin mit deiner Lebensführung nicht einverstanden. Trotzdem bist du mein Sohn und ich mag dich, du bist immer bei mir eingeladen. Aber ich möchte, dass du an deinem Problem arbeitest. Und deshalb: Komme mir sonntags nie zum Essen und an den eigentlichen Familienfeiern kannst du auch nicht teilnehmen. Wir der Sohn seinem Vater Glaubwürdigkeit und Plausibilität bescheinigen? In den meisten Fällen wohl nicht.

Es steht außer Frage, die Unauflöslichkeit der Ehe ist nicht verhandelbar. Aber vernünftige Fragen der Menschen sind auch nicht überhörbar, wenn die amtliche Kirche in den Augen ihrer Gläubigen nicht noch mehr an Vertrauen verlieren will. Es ist weder Bosheit, noch Revolutionsgeist, wenn Seelsorger den Bischöfen und dem Papst signalisieren: Wir haben keine Worte mehr, die gegenwärtige Regelung den Betroffenen zu erklären. In dieser Lesart sollte die Freiburger Denkschrift verstanden werden. Gerade der Blick auf die Ostkirchen könnte hier Orientierung bringen. Dort wird unterschieden zwischen „Akribie“ und „Ökonomie“. Die Akribie meinte die genaue rechtlich Festlegung, welche Werte geschützt sein müssen. Die „Ökonomie“ nimmt die konkreten, individuellen Möglichkeiten in den Blick und prüft, inwieweit unter diesen Umständen vom Gesetz abgewichen werden muß, um den Zweck des Gesetzes zu erreichen.

Die gegenwärtige kirchenrechtliche Regelung ist sicherlich nicht die einzige Möglichkeit, die Unauflöslichkeit der Ehe zu schützen – im Gegenteil. Die Unauflöslichkeit der Ehe kann nur geschützt werden, wenn sie vermittelbar ist. Die Kirche macht es sich zu leicht, wenn sie glaubt, einen Wert nur auf dem Papier und in der spekulativen Theorie schützen zu können. Werte lassen sich nicht auf dem Papier festschreiben, sie müssen sich im täglichen Leben bewähren. Genau diesem Anspruch aber wird sie nicht gerecht, wenn sie sich der Anfragen derer verweigert, die mit echtem Interesse und gutem Willen ihr Leben nach dem Evangelium ausrichten wollen. Es tut Not, ohne ideologische Brille und ohne kirchenrechtlichen Schnellschüsse auf das Problem und die damit verbundenen Frage zu blicken. Dies wäre ein Dienst an der Glaubwürdigkeit der Kirche.

Theo Hipp
kath.de-Redaktion

10 thoughts on “Ausgeschlossen – um des Heiles willen? (22.06.2012)

  1. Diese Initiative kann ma, ja muss man einfach unterstützen, nicht nur weil es hier um ein lange anstehendes Problem geht, dem in Kirchenrecht im Sinne Jesu überhaupt nicht Rechnung getragen wurde. Man wird einfach den Eindruck nicht los, dass in der Leitung der Kath. Kirche, vor allem im Vatikan, aber auch bei nicht wenigen Bischöfen in Dtl. ein statisches Verständnis von Rechtsnormen vorherrscht, (ein für allemal festgeschrieben) entgegen der Botschaft Jesu von der barmherzigen Liebe Gottes, wie er sie in Beispielgeschichten, aber auch in der Praxis verkündet hat. Auch betonte er ganz unmissverständlich: der Mensch ist nicht für die Gesetze da, vielmehr die Gesetze für den Menschen. Und wo diese ihm nicht weiterhelfen, bedürfen sie einfach zumindest der Hinterfragung … Dies gilt und betrifft noch manche andere Entwicklungen in unserer Kirche, die der “Reform” bedürfen, auch das ökumenische Miteinander der Christen, bes. in Deutschland der kath. und evang. Christen. Inzwischen wächst die Krise unserer Kirche zu einer Glaubwürdigkeitskrise aus. Und dies veranlasst nicht wenige dieser Kirche den Rücken zu kehren. Anspruch und Wirklichkeit klaffen immer mehr auseinander. Nur wenige Bischöfe haben den Mut, dies offen anzusprechen, nicht zu letzt weil sie fürchten, von Rom gemaßregelt, wenn nicht ihres Amtes enthoben zu werden. Wo ist und bleibt da ein Papst, der als sogen. Heiliger Vater eigentlich das zu vertreten hat, was im Sinne Gottes ist – wenn ich das richtig verstehe. Unser Papst schreibt so viel über Liebe – und dabei kommt soviel Unbarmherzigkeit zutage: im Festzurren von Normen, die Suspendierung des australischen Bischofs, das kühle, abweisende Verhalten gegenüber den evang. Mitchristen bei seinem Deutschlandbesuch (bestimmte Themen der Trennung sind nicht “verhandelbar” – würde Gott so handeln?, der will dass alle eins seien) …, die Zurückweisung der Frauen bzgl. bestimmte Diense, z.B. Diakonat, in der Kirche. Will das Jesus, will das Gott? Ich brauche nicht noch zu verweisen auf die unseligen “Geschichten”, die in den letzten Wochen im Vatikan “ans Tageslicht” gekommen sind. Mir (kath. Diakon) macht das sehr zu schaffen. Und manchmal frage ich mich: bin ich noch auf dem richtigen “Dampfer”?
    Walter Schäffler, Bad Waldsee

  2. Es heißt ein Bischof ist ein pontifex = Brückenbauer.
    Wo sind heute diese Brückenbauer oder sitzen Sie alle in Festungen und bewachen die Burg? Aus Hirten sind Oberhirten geworden und passen auf, dass die Hirten die Burg mit bewachen. Inzwischen ist die Burg leer geworden.
    Arme Kirche!

    • Es heißt: ein Bischof ist ein pontifex = Brückenbauer.
      Wo sind heute diese Brückenbauer oder sitzen Sie alle in Festungen und bewachen die Burg? Aus Hirten sind Oberhirten geworden und passen auf, dass die Hirten die Burg mit bewachen. Inzwischen ist die Burg leer geworden.
      Arme Kirche!

  3. Nach wie vor aktuell und hilfreich: Bischof Franz Kamphaus im “Sonntag” (Kirchenzeitung Bistum Limburg) bereits im Oktober 1994( Nr. 43). Wurde in meiner Gemeinde am Schriftenstand auffällig oft mitgenommen!

  4. Es ist keine Frage, dass es sich um eine brennende Not handelt um deren Lösung wir ringen müssen. Manches an dem Kommentar von Herrn Hipp stört mich aber. Ich möchte nur einen Punkt herausgreifen. Er beruft sich wie viele andere in dieser Frage auch auf Jesus und seine Aufforderung niemanden zu richten. Jesus sagt der Ehebrecherin aber auch: “Geh und sündige von nun an nicht mehr.” Wenn wir mit Jesus argumentieren, sollten wir es nicht selektiv tun. Das Problem ist zweifellos sehr komplex. Viele Fragen spricht Herr Hipp nicht an: die Notwendigkeit einer besseren Ehevorbereitung und Sakramentenkatechese zum Beispiel oder die Frage nach einer wirksameren Begleitung der Eheleute und Familien in den Gemeinden oder die Frage nach einer vertieften Sicht über die “Gültigkeit” einer Ehe, die oft ohne einen gelebten gläubigen Boden geschlossen werden. Lösungen werden sich hier nur finden lassen, wenn alle ihre Umkehr suchen und den Glauben erneuern. Die “Vermittelbarkeit”, die Herr Hipp von der Kirche einfordert, ist deshalb nicht so einfach, weil der Glaube nicht umsonst zu haben ist, sperrig bleibt, wenn er uns mit unbequemen Wahrheiten konfrontiert.

  5. Sehr geehrter Herr Hipp,

    Ja gute Idee mit dem Mord am Ex…

    Hier könnte der Gläubige wirkliche Verzeihung durch echte Reue erfahren. Was ist aber mit dem EhebrecherIn? Echte Reue würde ihn zur Umkehr führen. Wenn es wirklich ein Mensch ist der mit echtem Interesse und gutem Willen sein Leben nach dem Evangelium ausrichten hätte wollen, wäre er so weit gegangen sich auf eine neue Beziehung einzulassen? Ich sehe das nicht so einfach: Der Wiederverheiratete lebt in schwerer Sünde.

    Um des Heiles Willen? Ihre Frage berührt die Wahrheit des Sakramentes. Welche ist es? Ihre, meine? Ist die Wahrheit subjektiv?

    Damit wir uns nicht falsch verstehen: Von ganzem Herzen umarme ich dich der du wieder geheiratet hast! Ich, Jesus und die ganze Kirche lieben Dich!

  6. […]…Denn die Frage des Seelsorgers lautet: Wie erkläre ich dem Betroffenen, dass eine kirchenrechtliche Bestimmung dem Heil seiner Seele dient?….[…]

    Na in erster Linie in dem “Ich” als Seelsorger, mich erst mal mit den Basics des Katholischen Glaubens vertraut mache, bevor ich auf die heilsbedürftigen Seelen losgelassen werde. Sobald “ich als Seelsorger” nämlich verstanden habe, dass man als Christ das Seelenheil in erster Linie durch Hingabe an Gott und den Nächsten erlangt, dann ist die Problematik der Vermittlung dieses Wissens an den “Heilsbedürftigen” nur noch rein rhetorischer Natur. Dieses Problem taucht mit seiner Wucht derzeit deswegen auf, weil der Klerus -mit einem besorgtem Blick auf die Kirchensteuereinnahmen- seit Jahrzehnten ein völlig weichgespültes Bild der Kirche vermittelt hat und durch eine weitgehend stümperhafte Katechese die Gläubigen zu einem Haufen von Wellnesskatholiken transformiert hat. Die tatsächlich davon überzeugt sind, mit einem Dauerauftrag an die “Caritas” und “Brot für die Welt”, sich das Himmelreich erkaufen zu können.
    Des Weiteren ist es doch offensichtlich, dass diese Problematik derzeit auch deswegen so hohe Wellen schlägt, weil interessierte Kreise die Gunst der Stunde -“Wir sind Papst“- für die Vollendung der Reformation nutzen und den “Einfluss” der Rest-Kirche in der Politik und Gesellschaft endgültig brechen wollen. Es ist eine unheilige Allianz aus Neu-Atheisten und Kryptoprotestanten am Werk, die einzig der gemeinsame Feind, die Kirche, verbindet. Spätestens wenn im deutschsprachigen Raum in 20-30 Jahren das Licht in der letzten Kirche ausgegangen ist, wird sich der Furor-Teutonicus auch unserer protestantischen Geschwister annehmen, um die Grundsätze der Ethik und Moral neu definieren zu können.

  7. Hallo Jan on,
    Wer so handfestes zu sagen hat, dessen Namen wüßte man natürlich gerne, damit man weiter und tiefer nachfragen kann. Es ist doch immer interessant, dass, je wuchtiger die Botschaft, desto geringer die Bereitschaft, mit seinem Namen dazu zu stehen. Damit disqualifiziert sich der Beitrag. Behauptungen aufzustellen, die weder begründet noch bezeugt sind, wer das mag, findet genügend andere Foren. Dort kann man sich breit machen. Es wäre doch hier die Chance gewesen, ein Lehrstück zu bieten, wie die “stümperhafte Katechese” überwunden werden kann. Hic Rhodos, hic salta!

  8. Es geht der kirchenamtlichen Festlegung vom „Zugang zu Christus“ am Ende ausschliesslich um den sexuellen Akt. Da scheint die Auffassung durch, die schon immer „Religionsregeln“ der einen oder anderen „Kirche“ (auch der Tempelpriesterinnen im alten Griechenland) wesentlich definierten, dass der „sexuelle Akt an sich“ entweder etwas Heiliges oder etwas Verwerfliches, Sündhaftes hat. Heilig ist er zumeist, wenn Männer ihn vollziehen; verwerflich oder schmutzig, wenn Frauen ihn herbeiorganisieren (der arme Mann!).Es wird dabei vergessen, dass diese Regeln von patriarchalischen Strukturen aus festgelegt wurden. In der Kulturgeschichte war die Tempelprostitution (nicht nur aus heutiger Sicht) das Geschäft von Huren und Priestern, die mit religions-philosophischem Brimborium den „Göttern“ und ihren Lieblingen auf Erden Umgang erlaubte (Spiegel 12/2010).
    Umgekehrt hat, seit Eva Adam den Apfel reicht, die römisch-katholische Kirche (als selbsternannte Nachfolgerin der älteren Brüder im Glauben) das Lustprinzip, die Erotik, die Sexualität – alles zugleich in dem einen Wesen „FRAU“ gebündelt – stets als Hinderungsgrund im Streben zu Gott dargestellt. Noch Ostern 2012 (!!!) spricht Benedikt vom “ganzen Herzen”, dass der Priester in seinem zölibatären Gepräge Gott zuwendet. Demnach ist dann Partnerschaften, Eheleuten und sexuellen Akten eigen, nur mit halbem Herzen gottgefällig zu sein. Welch eine absurde, zudem unzutreffende Version dessen, was der Schöpfer seinen Geschöpfen mitgegeben hat.
    Wenn dann in einer solchen Konstellation auch noch Wiederverheiratete jenes Zeichen begehren, dass der angeblich priesterlichen Vollmacht unterliegt (Brot und Wein als Leib und Blut Christi), fragt man sich schon ernsthaft, ob aus dieser Paranoia der Berufenheit nicht doch die Sublimierung des eigenen sexuellen Defizits bis hin zu „Aufklärungen“ von Internatsschülern und Priesteramtskandidaten ebenso wie der Umgang von Priestern mit Frauen (also Missbrauch) beinahe sich wie ein roter Faden sich durch die ganze gequälte Selbstrechtfertigung hin zur Selbstgerechtigkeit zieht.
    Da kommt es einem nicht mehr seltsam vor, dass es in der Kirchengeschichte auch die Anspielung gibt, Christus habe es mit Maria Magdalena getrieben, und wenn dies nicht stimmt, sei diese dennoch eine Hure gewesen (dafür gibt es keinen Beweis); zumindest aber etwas viel wichtigeres passiert: es wird die schönste Erfindung der Schöpfung, die so zarte-starke wie gefährdet-blühende Pflanze der gegenseitigen liebenden Hingabe im Grunde zertreten, abgewertet, ins Reich der (nun mal nicht zu vermeidenden) tierhaften Triebe verbannt, entwürdigt, entheiligt. Im Klosterinternat habe ich erleben müssen, wie die Mönche der Versuchung unterlagen, sich diese im Grunde so herzensbildende und wärmende Nähe einer liebenden Partnerschaft auf billigste, weil scheinbar intellektuell, physisch wie psychisch überlegene Weise bei unschuldigen Klosterknaben „abzuholen“.
    Die Folgen für die Kinder hat niemand bedacht; dass sie möglicherweise auch liebesunfähig werden, Unsicherheit und Desorientierung in der Begegnung mit dem anderen Geschlecht ein Leben lang zu erleiden sind, das hat die Klosterbrüder nicht interessiert (aus ihrer Situation heraus auch gar nicht interessieren können).

    Menschen, die „völlig zu Unrecht verlassen“ worden sind, gibt es in einer partnerschaftlichen Beziehung nicht. Warum? Weil die Wahrheit niemals „allein“ ist, erst zu zweit nähert man sich ihr. Nebenbei spricht die Wahrheit in der Vielfalt der jeweiligen persönlichen Wahrheiten für den wirklichen Glaubenssinn der Gemeinde, die – in Treue zu Christus – hoffen und glauben darf, dass der Hl. Geist ihr beisteht. Auf die gescheiterte Partnerschaft bezogen: das bedeutet, so sehr jemand auch subjektiv das Gefühl hat, „völlig zu Unrecht“ verlassen worden zu sein, so hat er oder sie immer (und das ist unausweichlich) an der Trennung mitgewirkt. Dabei geht es nicht um Schuld und Verbrechen, sondern um die große Chance, den anderen in der Beziehung zu verpassen, ihn in seiner persönlichen Identität unfreiwillig aufgerieben, zerstört zu haben; sich selbst so weit zurückgenommen zu haben, dass man an der Selbstbeschränktheit und Selbstverleugnung erkrankt, usw. Es empfiehlt sich, an dieser Stelle auf die Lektüre von Paul Watzlawick („Anleitung zum Unglücklichsein“) hinzuweisen, in der die innerpsychischen Strukturen einer fehlgeleiteten und fehlentwickelten Kommunikation mit sich selbst und anderen sehr gut beschrieben wird.
    Damit wird weder die verlassene Person noch der „Täter“, der „schwere Schuld auf sich geladen hat“, entlastet; sie sind beide durch innere Brüche und oft nur zeitlich versetzte Schmerzen zutiefst verletzt. Das Streben, aus diesen Ver-letzungen (die man möglicherweise erst einmal einem anderen zufügt, bevor man erkennt, dass man sich selbst zerstört/ hat) herauszukommen, endet nur allzuoft mit unsinnigen bis völlig übertriebenen Schuldzuweisungen an den andern.
    Wie sollen Priester/ Pfarrer/ Hirten in der Lage sein, solche Zusammenhänge zu verstehen, zu erfassen, zu bewerten und gar noch zu heilen (pastoral gemeint)?
    „In Hinblick auf die Erziehung der Kinder“ (FamCon, Nr. 84) bestehe dann manchmal die “subjektive Gewissensüberzeugung, dass die frühere, unheilbar zerstörte Ehe niemals gültig war“. Das ist ein Satz wie mit der Axt auf den Richtblock geschlagen: was soll denn eine Ehe an „Gültigkeit“ gehabt haben, wenn in ihr das Eigentliche und Wesentliche der Partnerschaft, die liebende Beziehung zweier Menschen, gar nicht zur „Geltung“ kommen konnte? Gül-tigkeiten haben Sinn, wenn sie „Güter“ und Folgen des Zusammenlebens regeln und auf diese Weise verhindern, dass der eine oder andere existentiell an dem Scheitern der Partnerschaft zerbricht.
    Ich habe in der Erwachsenenarbeit viele Jahre immer wieder feststellen müssen, dass die zweitgrößte Katastrophe nach dem Scheitern einer so wesentlich angelegten Beziehung das harte „Niederkommen“ auf den Boden der rechtlichen Regelungen eintritt; dann, wenn das Scheitern seine die Folgen regelnde Form findet und die ganze Härte des „Gesetzes“ das Gefühl hinterläßt, am Boden zerstört zu sein.

    Da würde ich mir den Ort und Platz der Kirche wünschen. Dass sie tröstet, wo Verzweiflung herrscht; das sie liebt, wo Leere sich wie ein Abgrund auftut; dass sie in die Arme (stellvertretend für Christus) nimmt, wo Bitterkeit, Trauer und auch Reue wächst; dass sie betet, wo die Worte der Erklärung und Entschuldung versagen; dass sie Gottes Gnade und Barmherzigkeit überbringt, wo man mit sich selbst völlig „zu“ und verhärtet oft ein Ende des eigenen Lebens herbeisehnt.
    Nie mehr als da ist Christus.
    Wenn das unsere Oberhirten nicht mehr verstehen, sollen sie ihr Amt abgeben.

    Ein gewisser Pater Nüßlein/ Kapuziner aus dem Kloster Clemenswerth, hat in der Leserbriefrubrik des Magazins VATICAN auf das Problem der Geschiedenen und Wieder-verheirateten hingewiesen mit den (aus dem Gedächtnis wiedergegebenen) Zeilen: „man kann sich ja noch überlegen, ob man die Wiederverheirateten-Geschiedenen viel-leicht in der Sonntagsmesse an den Altar kommen läßt, wo sie dann ihr sündiges Leben bekennen könnten. Dann kann man noch einmal darüber nachdenken, ob man ihnen die Kommunion gibt. Für viele geht auch das nicht, weil aus neuen Verbindungen Kinder entstanden sind. Dann müssen sie das eben aushalten mit der verweigerten Kommunion, es ist dann ihr ganz persönliches lebenslanges Martyrium.

    Einen langen Augenblick überlegte ich, ob ich – nachdem ich 2003 in die Kirche zurückgekehrt war – wieder austreten soll.

    Dann dachte ich, es gibt viel zu tun – intra muros.

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