Absolutheitsansprüche ziehen lassen (01.06.2012)

Joachim Gauck vermittelt als Deutscher und als Christ im israelisch-palästinensischen Konflikt

„Vergiss nicht, niemals. Und steh zu dem Land, das hier derer gedenkt, die nicht leben durften.“ Mit diesen Worten verewigte sich am Dienstag Deutschlands Bundespräsident Joachim Gauck im Gästebuch der Holocaust-Gedenkstätte Jad Vashem. Am Donnerstag endete seine Nahostreise, die ihn nach Israel und in die Palästinensergebiete geführt hat.

München 1972

Und damit mitten hinein in ein Spannungsverhältnis, das vor ziemlich genau 40 Jahren sein Menschenleben verachtendes und gewaltbereites Gesicht ausgerechnet in Deutschland auf schockierende Weise gezeigt hatte: Palästinensische Terroristen nehmen Israels Olympiamannschaft bei den Spielen in München als Geiseln, elf Sportler sterben. Den Sportlern von 1972 wollte Joachim Gauck auf seiner Reise unbedingt begegnen. „Das ist das erste Mal, dass ich einen Präsidenten getroffen habe und eine große Ehre, zumal wir so gute Beziehungen zu Deutschland haben“, erklärt der israelische Olympiateilnehmer Dan Alon nach der Begegnung mit dem Staatsoberhaupt. Er ergänzt: „Und es ist wichtig, diese guten Beziehungen zu erhalten.“ Am Abend darauf würdigte Shimon Peres seinen Gast als mutigen Mann und Freiheitskämpfer.

Zwischen die Fronten gestellt

So sehen ihn aber auch die Palästinenser. An seinem letzen Reisetag traf Joachim Gauck den palästinensischen Präsidenten Mahmud Abbas und sprach sich bei dieser Gelegenheit für einen eigenständigen palästinensischen Staat aus.

Ausgerechnet ein Deutscher ist es also, der hier einen Weg finden muss, zur gleichen Zeit an der Seite zweier widerstreitender Parteien zu stehen, obwohl – oder gerade weil – die Vergangenheit seines Landes die Beziehungen unweigerlich zeichnet, ihn als ersten Mann im Staate besonders in die Pflicht nimmt: „Mehr als sieben Jahrzehnte nach der von Deutschen am jüdischen Volk begangenen Verbrechen der Shoa, komme ich als Vertreter der Bundesrepublik Deutschland zu Ihnen. Ich spüre die Verantwortung, die damit einhergeht“, bekennt Gauck in Israel.

Das Zweite Vatikanum

„Wir sind der Wahrheit und dem jüdischen Volk unser Zeugnis schuldig.“ Dieser Satz aus dem Munde von Bischof Josef Stangl steht dem Würzburger Altbischof Paul-Werner-Scheele noch ganz genau vor Augen. Als junger Journalist hat er das Zweite Vatikanische Konzil vor Ort in Rom mit verfolgt, auf dem unter anderem das Verhältnis der katholischen Kirche zum Judentum, über Jahrhunderte von antijüdischen Animositäten geprägt, eine grundlegende Neuordnung erfahren hat. Diesen Oktober jährt sich das kirchliche Großereignis zum 50. Mal.

„Es gab zum Beispiel bei der Diskussion zum Verhältnis zu den Juden sehr starke Attacken aus arabischer Sicht, weil die aus ihrer Situation heraus nicht gerade Freunde des jüdischen Volkes sind“, erinnert sich Scheele an den Konzilsverlauf. „Und die hielten jede positive Äußerung für gefährlich. Das hat dann Leute auch wieder zögern lassen, weil man sagte, wenn wir jetzt trotzdem gegen diese arabischen Einwände positiv vorangehen, dann müssen die Christen in den arabischen Ländern darunter leiden.“

Abkehr vom Absolutheitsanspruch

Die Konzilsväter haben sich letzten Endes aber nicht von außen lenken oder bremsen lassen, wie die Erklärung des Konzils zu den nichtchristlichen Religionen, „Nostra Aetate“, belegt. Sie bekennt sich zum Judentum als von Gott gestifteter Religion, in der das Christentum wurzelt. Diese positive Würdigung legte den Grundstein für eine Vertiefung des katholisch-jüdischen Dialogs. Und das Konzilsdokument markierte auch die Abkehr der Kirche von ihrem Absolutheitsanspruch generell.

Denn so speziell das christliche Verhältnis zu der jüdischen Religion ist, geht „Nostra Aetate“ weiter und stellt die Berufung aller Menschen zu Gott heraus. Der Text betont, dass auch die anderen nichtchristlichen Gläubigen schon Elemente der Wahrheit haben und dem Volk Gottes zugeordnet sind. Besonders die Juden, ebenso die Muslime – und selbst auch die Ungläubigen.

Zur Verantwortung bestimmt

Was diese Grundhaltung – ein Meilenstein des Zweiten Vatikanischen Konzils – und die Linie des deutschen Bundespräsidenten auf seiner Nahostreise gemeinsam haben? In beiden Fällen bestehen im Vorfeld Beziehungen, die durch die Geschichte vorbelastet sind. Und daraus resultierend große Herausforderungen. Herausforderungen, die es nur zu meistern gelingt, wenn sich die Verantwortlichen nicht kopfscheu machen lassen von dem, was sich „außen“ abspielt (den Spekulationen darum etwa, inwieweit man Merkels Kurs von Israels Sicherheit als deutscher „Staatsraison“ mehr oder weniger teilt). Und eine Blickrichtung, die mit diesen Herausforderungen eine mindestens ebenso große Verantwortlichkeit erkennt, sich ihnen zum Wohle aller Beteiligten zu stellen.

Und was das Konzil auf interreligiösem Terrain geleistet hat, nämlich, den eigenen Absolutheitsanspruch zu relativieren, ihn aufzuweichen, gar aufzugeben, die eigene Selbstsicht zu überwinden, das wäre auch der erste Schritt auf dem Weg zu einer Perspektive im israelisch-palästinensischen Konflikt – wo ein Weg der Mitte zwischen den über Generationen hinweg verhärteten Fronten eigentlich nicht mehr möglich erscheint. Wie gefährlich es ist, die eigenen Ansichten, den politischen Willen eines Staates, eines Volkes absolut zu setzen, das kann Joachim Gauck gerade als Deutscher mahnend aufzeigen. Die Geschichte und sein Geschichtsbewusstsein verleihen ihm diese Autorität. Die Tatsache, dass der christliche Absolutheitsanspruch über Jahrhunderte hinweg ebenso zu blinder Judenverfolgung und rasender Grausamkeit geführt hat, wie die nationalsozialistische Ideologie, ruft den deutschen Pastor noch einmal mehr in eine besondere Verantwortung, der er sich gerne stellt – allen bestehenden Hindernissen zum Trotz.

Versöhnung mit Deutschland und Frieden mit Palästina

Joachim Gauck hat das auch mit dem Bundesverdienstkreuz zum Ausdruck gebracht, das er in Israel dem jüdischen Unternehmer Stef Wertheimer verliehen hat: „Ich freue mich, dass ich Ihnen einen hohen Orden unseres Landes überreichen darf. Hier in dieser Stadt, hier einem Menschen, der neben mir steht – und nach dem Willen anderer Deutscher gar nicht existieren sollte. Sie glauben gar nicht, wie wichtig mir diese Begegnung ist.“ Aus dem Dritten Reich nach Israel geflohen, ist Wertheimer als Werkzeughersteller zum Milliardär geworden – und unermüdlich im Einsatz für die Versöhnung mit Deutschland und den Frieden mit den Palästinensern. An Gauck gewandt sagt er: „Bitte helfen Sie uns weiter, diese Region geschäftig zu halten, junge Leute zu bilden, Industrie zu achten und in ihr erfolgreich zu sein. Dann können wir auch Frieden mit unseren Nachbarn erreichen. Sie werden beschäftigt sein und keine Zeit für Unfug haben, so wie wir keine Zeit für Unfug haben werden.“ Am Morgen zuvor hatte Gauck in der Nähe der palästinensischen Stadt Nablus eine Mädchenschule eröffnet, die mit deutschen Geldern finanziert wurde.

Das Existenzrecht aller Menschen

Wenn mit „Nostra Aetate“ in der Frage, was die unterschiedlichen Glaubensrichtungen verbindet und danach, was wir miteinander tun können, ein wichtiger Start gelungen ist, wünscht sich Joachim Gauck in Israel und Palästina wahrscheinlich genau das: Das Ziehen lassen von Absolutheitsansprüchen als Startpunkt für eine Neuordnung der Verhältnisse zum Wohle aller. Damit in Israel und Palästina künftig niemand mehr aufsteht und sagt: Du darfst nicht leben. Damit sowohl in Israel als auch in Palästina jeder Mensch ein Existenzrecht hat. Berufen zum Leben. Und berufen zu Gott. „Steh zu dem Land, das derer gedenkt, die nicht leben durften.“

Veronica Pohl, kath.de-Redaktion

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