Ein Jahr explizit – Eine Aufbruchserfahrung (25.05.2012)

Geburtstagsfeiern von Einjährigen haben ganz herausragende Vorteile gegenüber großen Jubiläen: Es gibt noch nicht viel zu loben. Die vorherrschenden Geisteshaltungen sind die Hoffnung auf das, was werden könnte und die Freude über das, was schon ist. Sowohl Lobhudeleien wie Tadel versickern im Irgendwo. Dafür gibt es auf jeden Fall viel zu schauen und noch mehr zu lernen.

Vor einem Jahr, am 24. Mai 2011, ging das katholische Portal „explizit.net“ online. Diesem Startschuß war ein halbes Jahr des Überlegens und Planens vorangegangen. Einig waren sich die Initiatoren, der Verlag Aschendorff/Münster  und kath.de in einem Punkt schnell: Es besteht Bedarf. Es braucht ein inhaltlich ausgewogenes Portal, das die interaktiven Möglichkeiten des Internets nutzt. Doch nicht nur. Die Beschaffung von Informationen und deren Hintergründe ist ein Geschäft mit hohem Aufwand an Zeit und Kenntnis. Web-Journalisten brauchen eine Berufsperspektive. Doch woher kommt das Geld? Webjournalismus kann sich nicht von äußerem Druck frei halten und eine hohe Professionalität bewahren, wenn er dauerhaft auf Zuwendungen angewiesen ist, die anderswo erwirtschaftet und im Internet verheizt werden. Geschaffen werden wollte ein Portal, das aus freier Wahl katholisch ist, nicht um sich die Zuwendungen der geldgebenden Institutionen zu sichern. Dabei sollte es professionell betrieben werden, wie in der Pastoralinstruktion „communio et progressio“ beschrieben ist:

„Jede Kommunikation muß unter dem obersten Gesetz der Aufrichtigkeit, Zuverlässigkeit und Wahrheit stehen. Reine Absicht und guter Wille allein genügen nicht, um eine Kommunikation schon als positiv zu bewerten. Sie muß darüber hinaus die Dinge sachlich richtig darstellen, d. h. ein zutreffendes Bild des Zusammenhangs vermitteln und in sich glaubwürdig sein. Nicht allein das Thema oder die vertretene Meinung bestimmen den sittlichen Wert einer Kommunikation, sondern auch der Geist, aus dem heraus sie geschieht, die Art und Weise, mit der sie anspricht und Einfluß zu nehmen sucht, ihre Begleitumstände und schließlich das Publikum, an das sie sich wendet.“ CP 17

Nicht das Thema und sein Wahrheitsanspruch allein machen katholischen Journalismus aus, auch die Nähe zum Menschen. Wie geht also ein katholisches Portal mit menschlichen Themen um, mit Zweifeln an Glaube und Kirche? Mit dem Gefühl der Menschen, unverstanden zu sein und überhört zu werden? Mit den Sünden der Kirchenmitglieder, der amtlichen wie der allgemeinen? Erhellend auch hier der Blick in „communio et progressio“, wo Papst Pius XII. zitiert wird. Er sagte über das menschliche Leben: “Sicherlich könnte man das Leben nicht verstehen, wenigstens nicht in den großen, schweren Konflikten, wollte man die Augen verschließen vor der Schuld, die diese Konflikte oft verursacht (…). Nun, kann ein solcher Stoff nicht doch als Vorlage für den Idealen Film dienen? Die größten Dichter und Schriftsteller aller Zeiten und aller Völker haben sich mit diesem schwierigen und heiklen Problem befaßt und werden es auch in der Zukunft tun (…). Wenn der Konflikt mit dem Bösen und auch dessen zeitweiliger Sieg, im Zusammenhang mit dem ganzen Filmstoff, zu einem tieferen Verständnis des Lebens, zu seiner richtigen Führung, zur Kontrolle des Verhaltens, zur Klärung und Festigung des Urteils und der Handlungsweise der Menschen dient, dann kann ein derartiger Stoff gewählt werden, und es ist zulässig, ihn mit der Gesamthandlung des Films zu verflechten. Man hat dabei denselben Prinzipien zu folgen (…) wie bei jedem Werk der Literatur.“

Diese Kombination „unabhängiges Finanzierungsmodell“, ein weiter katholischer Geist und hohe journalistische Professionalität konnte nirgends kopiert werden. Was man schaffen wollte, gab es noch nicht. Die privaten Informationsangebote katholischer Etikette im Internet lassen zu wünschen übrig oder bedienen ausschließlich ideologische Nischen. Kreuz.net, katholisch dem Anspruch nach, entzieht sich der deutschen Rechtsprechung. Ein Webserver, zuerst in den USA und mehrfach verlegt, ermöglicht es, dass die Betreiber anonym bleiben können und in vulgärem und diffamierendem Stil das religiös angehauchte rechts-außen-Spektrum bedienen. So geht katholisch nicht. Wer etwas zu sagen hat, kann mit seinem Namen dafür einstehen. Ein Blick auf Stil und Inhalt des Portals erklärt schnell, weshalb man sich nicht mit Namen zur Sache bekennt.

Weitere kirchliche Webauftritte offenbaren enge Vorstellungen, wie kirchliche Kommunikation zu funktionieren habe: entweder autoritär oder eben anti-autoritär. Die von „communio et progressio“ geforderte Achtsamkeit sowohl auf das Thema als auch auf den Geist und die Freiheit zur Präsentation menschlicher Perspektiven, die mit katholischen Positionen abgeglichen werden müssen, sucht man vergeblich. Es dominieren Hofberichterstattung und eine krankhafte Neigung, Meinungsgegner schnell zu exkommunizieren.

Mit diesen Ideen ausgestattet, wurde das Kind ins Leben geschickt – mit allen ungelenken Schritten und Überraschungen, die einem echten Aufbruch eben eigen sind. Gegen den Strom. Die Meinung, Information im Internet müssen kostenfrei sein, ist Bestandteil des Internetcredo. Es zeigt sich als scharfer Gegenwind gegen die Abonnenten, die explizit.net auf eine finanzielle Basis stellen sollen. Die Abonnenten kommen, aber zögerlich. Dafür kommen andere, die ihr „Schnupperabo“ durch Manipulation verlängern wollen. Vom selben Rechner melden sie sich mit unterschiedlichen Mailadressen an, um so jeweils noch weitere Wochen Freiabo herauszuschinden. Sind es Studenten, die etwas recherchieren? Ihnen sei es gegönnt. Sind es Redakteure von kreuz.net oder anderen kathopolizistischen Initiativen, die explizit.net die Abogebühr nicht gönnen?

Wer hätte gedacht, dass auch explizit.net durch innerkirchliche Themen die höchsten Zugriffszahlen generiert, wie beispielsweise durch die Auseinandersetzungen mit den Piusbrüdern oder die päpstlich angeordnete Änderung der Wandlungsworte? Es erscheint schwer, die Aufmerksamkeit auf jene Themen zu lenken, die für die abendländische Kirche wirklich wichtig erscheinen: Wie geschieht die Glaubensweitergabe, dass sie an den lebenswichtigen Themen der Menschen anknüpft? Und: Wie gelingt das friedliche Miteinander von Religionen und Kulturen? explizit.net wollte sich weniger in innerkirchlichen Querelen verlieren, als die Relevanz von Glaube und Kirche in die Gesellschaft hinein zu vermitteln. Hier stehen noch Lernschritte an.

Auch in Punkto Informationsangebot muß explizit.net noch lernen. Dass auch Christen konsequent nur solche Informationen schätzen, die ihre Lebensqualität spürbar verbessern, ist ein weiteres Lehrstück aus dem ersten Jahr. Nur was die Gesundheit, das Wohlbefinden, den Kontostand, den Urlaub usw. verbessert, wird wirklich geschätzt. Darüber hinaus besteht lediglich an den ideologischen Rändern die Bereitschaft, für Informationen etwas tiefer und breiter in die Tasche zu greifen.

Nach dem ersten Jahr sind weder Freude, noch Ideen, noch die Reserven, noch die Lernbereitschaft aufgebraucht.  Gestärkt aber ist die Einsicht und der Wille, noch „expliziter“ um Freunde und Abonnenten zu werben, noch „expliziter“ katholisch, menschlich und unabhängig zugleich sein zu wollen – und auch zu können.

Theo Hipp
kath.de-Redaktion

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